Allgemeines Gleichgewicht

Wirtschaftliches Gleichgewicht zum Zwecke nachhaltiger gesellschaftlicher Wohlfahrt

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Begriffsklärung und Zusammenhänge
  3. Ein zukunftsfähiges Globalisierungsparadigma
  4. Abwegiger historischer Rückbezug
  5. Voraussetzungen für ein dynamisches Gleichgewicht

1. Überblick

Unter den gegenwärtig herrschenden neoliberalen Verhältnissen offener Märkte sind systembedingt alle Maßnahmen zum Scheitern verurteilt, mit denen versucht wird, ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht zum Wohle von Gesellschaft und Umwelt herzustellen. Das gilt sowohl für Länder, die einen Überschuss ihrer Handels- und Dienstleistungsbilanz verzeichnen, als auch für Defizit-Länder. Beide Ungleichgewichte bedingen einander und sind ein notorisches Symptom des neoliberalen Systems. In Überschuss-Ländern entsteht das Ungleichgewicht durch einseitig exportorientierte Wirtschaftspolitiken, während die Defizit-Länder dem Exportdruck bei offenen Märkten schutzlos ausgeliefert sind, sodass ihr Importvolumen das ihrer Exporte zwangsläufig übersteigt. In beiden Ländergruppen bewirkt die Schieflage eine Schwächung der binnenwirtschaftlichen Kreisläufe und führt schließlich zu Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltbelastungen.

Kurz gesagt, bezogen auf die Leistungsbilanz bedeutet das, die neoliberale Zeche wird in Überschuss- wie in Defizitländern von den abhängig Beschäftigten und der Umwelt bezahlt.

Exportorientiert bedeutet, dass die Wirtschaft eines Landes von unternehmerischen Akteuren beherrscht wird, deren Expansions- und Gewinnstreben sehr einseitig auf weltweite Exportmärkte gerichtet ist. Ihre Strategie setzt voraus, dass die Märkte in den importierenden Ländern ungeregelt (offen) sind und dass die unternehmerischen Transaktionen auch im Inland keiner Regelung unterliegen, die auf ein Gleichgewicht der Leistungsbilanz und somit auf ein volkswirtschaftliches Gleichgewicht zielt.

Ursache der Ungleichgewichte sind die »Zwänge«, die im Verdrängungswettbewerb auf offenen globalen Märkten entstehen. Um sich auf ihren Märkten behaupten zu können, müssen Unternehmen laufend ihre Kosten senken, was sie vorrangig tun, indem sie ihre Produktionen geographisch konzentrieren, um sie maximal rationalisieren und automatisieren zu können. Im Prozess der produktiven Konzentration wird zugleich die wirtschaftliche Macht und das wirtschaftliche Kapital in immer weniger Händen konzentriert, die der Wirtschaftspolitik ihre Forderungen diktieren können und so die Exportorientierung verfestigen. Zudem verursacht die produktive Konzentration eine wirtschaftliche Verödung der peripheren Landstriche und, mangels Regulierung und zum Zwecke unternehmerischer Kostensenkungen, auch einen Niedergang der sozialen und ökologischen Standards. Deutschland ist hierfür das herausragende Beispiel.

Unter neoliberalen Verhältnissen bedingt die erfolgreiche Exportorientierung einiger Länder also zwangsläufig die Importabhängigkeit anderer Länder. Weltweit gilt, dass den Überschüssen der exportorientierten Länder in der Summe aus Handels- und Dienstleistungsbilanzen (als größtem Posten der Leistungsbilanz) Defizite in den Bilanzen der importabhängigen Länder in genau gleicher Größe gegenüberstehen. Die Summe aus Überschüssen und Defiziten dieser Bilanzen ergibt weltweit immer null.

2. Begriffsklärung und Zusammenhänge

Zahlungsbilanz01Die Abbildung zeigt die Zusammenhänge der außenwirtschaftlichen Bilanzen. In der Zahlungsbilanz werden die Teilbilanzen zusammengefasst; die wichtigsten sind die Leistungsbilanz, und darin wiederum die Handels- und Dienstleistungsbilanz, sowie die Kapitalbilanz. Die Summe aller Teilbilanzen der Zahlungsbilanz ist immer null, weil jedem Zahlungseingang ein Zahlungsausgang in gleicher Höhe gegenübersteht. Insbesondere die großen Posten, also die Leistungsbilanz auf der einen und die Kapitalbilanz auf der anderen Seite, sind gegenläufig. Wenn man der Einfachheit halber die Posten II, IV und V der Abbildung ausklammert, heißt das: einem positiven Zahlungssaldo aus Exporten und Importen von Gütern und Dienstleistungen, also einem Überschuss, der in der Leistungsbilanz erfasst und auf der Aktivseite verbucht wird, steht immer ein in etwa gleich hoher negativer Saldo der Exporte und Importe von Kapital gegenüber, also ein Defizit, das auf der Passivseite verbucht wird. Umgekehrt gilt selbstverständlich, dass einem negativen Saldo der Leistungsbilanz, also einem Zahlungsdefizit im Handel, immer ein positiver Saldo der Kapitalbilanz, also ein Überschuss der Zahlungseingänge bei den Kapitaltransfers gegenübersteht.

Handels- und Dienstleistungsbilanz

Diese beiden Bilanzen sind, als größte Posten der Leistungsbilanz, für das außenwirtschaftliche Gleichgewicht entscheidend. In der Handelsbilanz werden die Exporte und Importe von Sachgütern erfasst, in der Dienstleistungsbilanz entsprechend die Exporte und Importe von Dienstleistungen. Ein Export von Dienstleistungen erfolgt zum Beispiel, wenn ein Ausländer touristische Leistungen im Inland in Anspruch nimmt, weil dann die Leistung wie eine exportierte Ware dem Ausländer zugute kommt, während der Geldwert für die Leistung ins Inland fließt, umgekehrt wird eine Dienstleistung importiert, wenn beispielsweise ein Inländer touristische Leistungen im Ausland in Anspruch nimmt, weil dann die Leistung wie eine importierte Ware dem Inländer zugute kommt, während der Geldwert für die Leistung ins Ausland fließt.

Unter außenwirtschaftlichem Gleichgewicht wird der regelmäßige mittelfristige wertmäßige Ausgleich von Exporten und Importen in der Summe aus Handels- und Dienstleistungsbilanz verstanden, der unverzichtbar ist, um dauerhafte Schieflagen und Abhängigkeiten im Außenhandel zu vermeiden. Ein Gleichgewicht kann auch bei einem Überschuss im Güterhandel und einem Defizit im Dienstleistungshandel gegeben sein, und umgekehrt, solange die Summen aus allen Exporten und Importen ausgewogen sind.

Kapitalbilanz

In der Kapitalbilanz werden die Kapitalbewegungen mit dem Ausland erfasst. Dabei wirken sich Kapitalexporte (Überweisungen ins Ausland) negativ auf die Bilanz aus und Kapitalimporte (Überweisungen aus dem Ausland) positiv. Um Missverständnisse auszuschließen: ein Defizit in der Kapitalbilanz bedeutet nicht etwa, dass ein Land Zahlungsverpflichtungen im Ausland nachkommen muss, sondern dass es in der Lage ist, überschüssiges Kapital aus einem Überschuss seiner Leistungsbilanz ins Ausland zu exportieren, um es dort gewinnbringend zu investieren. Umgekehrt bedeutet ein Überschuss in der Kapitalbilanz, dass ein Land aufgrund einer defizitären Leistungsbilanz auf Importe von Fremdkapital angewiesen ist, sich also verschuldet, um seinen internen und externen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Riskante weltweite Ungleichgewichte

Überschüsse in der Leistungsbilanz führen vor allem deshalb zu Defiziten in der Kapitalbilanz, weil exportorientierte Länder für ihre Zahlungseingänge keinen Bedarf an inländischen Investitionen haben. Deshalb investieren sie das Kapital im Ausland (exportieren es) und verstärken dadurch die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte. Die Verschuldung des importabhängigen Auslands summiert sich dann aus den Verbindlichkeiten der Güter-, Dienstleistungs- und Kapitalimporte. Ein Ausgleich der Ungleichgewichte wäre nur langfristig durch höhere Exporte der importabhängigen Länder oder geringere Importe der exportorientierten Länder möglich, gefolgt von entsprechenden Kapitaltransfers. Die Zunahme der außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte im neoliberalen System verhindert jedoch den Ausgleich, was idealtypisch an den hohen deutschen Forderungen gegenüber dem Ausland abzulesen ist.

So entsteht eine sich laufend verstärkende gegenseitige Abhängigkeit zwischen Schuldner- und Gläubigerländern. Die Schuldnerländer sind auf laufende Kapitalimporte angewiesen, um ihre Güter- und Dienstleistungsimporte und ihre inländischen Verbindlichkeiten, überwiegend soziale Leistungen, bezahlen zu können, und die Gläubigerländer sind ihrerseits quasi gezwungen, dieses Kapital laufend in die Schuldnerländer zu exportieren, damit die ihre Importe bezahlen können.

Auf den Punkt gebracht heißt das, die Gläubigerländer müssen ihre eigenen Exporte über den Umweg des Kapitalexports selbst finanzieren, wenn sie das System mit seinen teuflischen Abhängigkeiten – und damit ihre eigene Wirtschaft – nicht zum Absturz bringen wollen.

Die Aussichten der Gläubigerländer, ihre Forderungen gegenüber den Schuldnerländern jemals durchsetzen zu können, sind mehr als gering. Vor allem, weil es für die Forderungen keinerlei verpfändbare Sicherheiten gegen ein Ausfallrisiko gibt, auf die die Gläubiger ersatzweise zugreifen könnten. Um dieses Dilemma zu umgehen oder auszublenden, hat sich auf globaler Ebene im großen Stil eine Vorgehensweise herausgebildet, die jeweils nur der vorläufigen Aufrechterhaltung des neoliberalen Systems dient, aber natürlich keine Garantie für seinen Fortbestand darstellt. Nämlich hier zunächst die in der Weltwirtschaft vorherrschende Methode der USA, ihre übermäßigen Importe wie auch ihre innerstaatlichen Investitionen und Verpflichtungen mit der Ausgabe von dubiosen Staatsanleihen zu finanzieren, wozu sie wegen ihrer wirtschaftlichen Macht und Innovationsfähigkeit und des US-Dollars als weltweite Leitwährung und Anker der Weltwirtschaft immer noch in der Lage sind – allerdings entgegen jeglicher wirtschaftlicher Vernunft der Gläubigerländer, wie festzuhalten ist.

Bis heute (2018) ist die Verschuldung der USA bei ihren Handelspartnern auf 21 Billionen US-Dollar angewachsen, das ist mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes, und der Schuldenberg wird täglich größer. Die größten Gläubiger sind China und Japan mit Forderungen von jeweils rund 1,2 Billionen US-Dollar, während Deutschland US-Staatsanleihen im Wert von »nur« 90 Milliarden US-Dollar hält. Die USA lassen sich also einen Teil ihres maßlosen Lebensstils vom Ausland finanzieren. Sie leben schlichtweg auf Pump und können sich dadurch ein jährliches Defizit ihrer Leistungsbilanz von rund 500 Milliarden Dollar leisten (für das US-Präsident Trump in seiner Ahnungslosigkeit jetzt die Handelspartner verantwortlich macht).

Unter Trump hat sich die Ausgabe von Staatsanleihen gegenüber seinen Vorgängern nochmals beschleunigt, weil er Löcher im US-Haushalt stopfen muss, die durch Steuererleichterungen entstanden sind, mit denen er versucht, die US-Wirtschaft anzukurbeln – was erfahrungsgemäß aber dauerhaft nicht gelingt. Sollte es zu Verkäufen der Anleihen durch die großen Gläubiger kommen und die Nachfrage entsprechend nachlassen, wären die USA gezwungen, die Zinssätze für die Anleihen zu erhöhen, um sich weiter im gewohnten Umfang verschulden zu können. Die Zinszahlungen würden jedoch zugleich das doppelte Defizit der USA in Haushalt und Außenhandel erhöhen und den Lebensstandard des Landes empfindlich einschränken, was verdeutlicht, welch machtvolles Instrument die Gläubiger der USA in ihren Händen halten. Dieses Instrument würden sie jedoch nur im äußersten Notfall einsetzen, weil sie sich mit ihrem unmittelbar sinkenden Exportvolumen selbst schaden würden.

Indem exportorientierte und importabhängige Länder das System durch ihre vermeintliche gegenseitige Blockade und Handlungsunfähigkeit immer wieder aufs Neue stabilisieren, schwinden die Chancen dahin, den notwendigen Übergang in ein zukunftsfähiges globales Wirtschaftssystem noch rechtzeitig einzuleiten, bevor es zu einer weltweiten Krise kommt.

Riskante Ungleichgewichte in der Eurozone

Target-2-Salden2018Die Eurozone bedient sich seit der Finanzmarktkrise 2008 einer eigenen Methode, um die auseinander strebenden Leistungsbilanzen zwischen den nördlichen und südlichen Euroländern auszugleichen. Insbesondere durch die hohen Defizite der Länder des Südens gegenüber Deutschland waren diese nicht mehr in der Lage, ihre Importe zu finanzieren und ihre Schulden zu tilgen. Deshalb wurde der Großteil der Kapitallücke geschlossen, indem die nördlichen Zentralbanken den südlichen nicht abgesicherte Überziehungskredite innerhalb des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB) mittels außergewöhnlicher Geldschöpfung (quasi mittels der Notenpresse) gewährten, sogenannte Target-Kredite. Die Abbildung zeigt die bis Mai 2018 aufgelaufenen Salden. Deutschland nähert sich, als größtes Gläubigerland, Forderungen in Höhe von fast einer Billiarde Euro. Ab 2010 wurden den Defizitländern weitere Kredite aus den EU-Rettungspaketen gewährt, die ebenfalls nicht abgesichert waren und wiederum von den Überschussländern finanziert wurden.

Die Abhängigkeiten in der Eurozone zwischen den Ländern mit einem Überschuss in der Leistungsbilanz und denen mit einem Defizit sind genauso unauflöslich wie die Abhängigkeiten im weltweiten Dollarraum. Zwar sind den europäischen Profiteuren die Ungerechtigkeiten des neoliberalen Systems bewusst, aber weil sie gleichwohl ihre der Wirtschaftspolitik abgetrotzten Privilegien selbst angesichts der gefährlichen sozialen und ökologischen Verheerungen nicht aufgeben wollen, werden die Regierungen der Euro-Gläubigerländer früher oder später einwilligen (müssen), den Schuldnerländern die Schulden schrittweise zu erlassen.

Anzumerken ist, dass die durch außergewöhnliche Geldschöpfung ermöglichten Kapitaltransfers die schlimmsten Auswirkungen des neoliberalen Verdrängungswettbewerbs in den Defizitländern abgemildert haben. So wurde und wird in der Eurozone ein Minimum an Gerechtigkeit hergestellt, allerdings ohne die Überschuss- wie die Defizitländer angesichts des Konzentrationsprozesses von Macht und Kapital in die Lage zu versetzen, ihre binnenwirtschaftlichen Strukturen auf Vollbeschäftigung, Gleichverteilung und Umweltschutz auszurichten, sie also zu dezentralisieren und den Menschen vor Ort die Verantwortung für ihre wirtschaftlichen Transaktionen zu übertragen, was im Ergebnis heißt, die Wirtschaft zu demokratisieren. Länder, die sich zukunftsfähig entwickeln wollten, bietet sich nur eine Möglichkeit an: der Ausstieg aus der Eurozone!

Siehe ergänzend auch die Artikel Die sogenannte Euro-Rettung und Eurokrise oder EU-Krise.

Gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht

Das außenwirtschaftliche Gleichgewicht ist eine der Voraussetzungen für ein gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht. In einer Marktwirtschaft ist das gegeben, wenn die Spar- und die Investitionspläne der Wirtschaftssubjekte in ihrer Größenordnung übereinstimmen und ebenso das geplante Angebot und die geplante Nachfrage aller Wirtschaftssubjekte übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Wenn alle Marktteilnehmer – Haushalte, Arbeitskräfte und Unternehmen – ihre individuellen Nutzen- und Gewinnziele maximal verwirklichen können und wenn sie dabei zugleich – durch wirtschaftspolitische Steuerung gelenkt – die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen und einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt leisten (siehe dazu den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt).

Im weitesten Sinne zählen zum gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht auch die Kriterien, die zum Beispiel im deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) von 1967 genannt sind. Dort heißt es: »Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.«

Unter angemessenem Wirtschaftswachstum wurden im deutschen StWG im Hinblick auf eine möglichst gleichmäßige Auslastung der Produktionskapazität die Anreize verstanden, die für Investitionen in Weiterentwicklung und Fortschritt sorgen. Wobei Weiterentwicklung und Fortschritt 1967 noch vorrangig in den Dienst des Mengenwachstums gestellt wurden.

3. Ein zukunftsfähiges Globalisierungsparadigma

Unter einem zukunftsfähigen Globalisierungsparadigma müssen die Anreize zum Wachstum qualitativen Kriterien genügen, das heißt, Wirtschaftswachstum muss sozial nutzbringend und ökologisch verträglich sein.

Oder anders ausgedrückt: (1) Wirtschaftswachstum muss soziale Erträge erzeugen, die sich manifestieren in allgemeiner Teilnahme am Wirtschaftsleben und allgemeiner Teilhabe am Wirtschaftsergebnis, also in Vollbeschäftigung und begrenzter leistungsbezogener Spreizung der Einkommen, und (2) Wirtschaftswachstum darf keine oder möglichst geringfügige Umweltkosten (Beschädigungen der Umwelt) verursachen; Beseitigungen bestehender Beschädigungen können beschönigend als Umwelterträge bezeichnet werden.

Die kollektive Nutzen- und Gewinnmaximierung, die den Marktteilnehmern im idealen Gleichgewichtszustand zuteil wird, hat auf der Angebotsseite eine optimale Auslastung der Produktionskapazität zur Folge, auf der Nachfrageseite eine optimale Befriedigung der Bedürfnisse, auf dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung, sowie unter Einbeziehung des Außenhandels eine betriebs- und zugleich volkswirtschaftlich optimale und auf Nachhaltigkeit bedachte Zuweisung (Allokation) aller Produktionsfaktoren (siehe dazu auch den Artikel Produktionsfaktoren)

4. Abwegiger historischer Rückbezug

GleichgewichtJPG01Die Vorstellungen, wie ein gesamtwirtschaftliches (volkswirtschaftliches oder makroökonomisches) Gleichgewicht herzustellen sei, stehen bis heute unter dem Einfluss des schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723 bis 1790) und seiner Metapher von der »unsichtbaren Hand«, die dem Marktsystem die Fähigkeit zuschreibt, es könne sich ohne staatliche Eingriffe allein durch die von Eigennutz getriebenen Aktivitäten der Marktteilnehmer langfristig ins Gleichgewicht bringen. Diese Metapher wird neuerdings so interpretiert, als erübrige sich speziell unter der von Eigennutz diktierten weltumspannenden »Marktliberalisierung« jedwede wirtschaftspolitische Regelung und Steuerung. Die neoliberale Praxis führt uns jedoch unübersehbar vor Augen, dass die unsichtbare Hand allein nicht in der Lage ist, zum Beispiel Kostenverlagerungen auf die Allgemeinheit (siehe dazu den Artikel Wirtschaftliche Externalitäten) und monopolistische Strukturen zu verhindern, öffentliche Güter im erforderlichen Maße bereitzustellen sowie insbesondere nachhaltige Ressourcennutzung und hohe Beschäftigungsstände samt leistungsgerechter Gleichverteilung von Vermögen und Einkommen in der Gesellschaft sicherzustellen.

4. Voraussetzungen für ein dynamisches Gleichgewicht

Ob eine Marktwirtschaft grundsätzlich und auch nach äußeren (exogenen) Einflüssen wie etwa einer »schöpferischen« Störung durch neue Technologien oder einer »zersetzenden« Störung durch beispielsweise mangelnde Rohstoffe immer wieder ins Gleichgewicht strebt, hängt davon ab, ob sie sich auf eine gleichgewichtsorientierte Wirtschaftsordnung gründet.

Im einzelnen wird ein dynamisches Gleichgewicht durch Maßnahmen erzielt,

  • die Anbieter- und Nachfragerpolypole erzeugen und damit monopolistische Strukturen verhindern,
  • die flächendeckend für vielfältige, möglichst subsidiäre wirtschaftliche Strukturen sorgen und damit die Arbeitsnachfrage der Unternehmen mit dem Arbeitsangebot der Erwerbsbevölkerung zur Deckung bringen,
  • die eine progressive Besteuerung von Einkommen und Vermögen erlauben, um im Sinne des Wohlfahrtsoptimums eine leistungsgerechte Gleichverteilung sicherzustellen,
  • die einer technologischen Entwicklung gerecht werden, die den Anstieg sozial und ökologisch orientierter Produktivität bewirkt,
  • die die Lohn- und Kaufkraftentwicklung an die Produktivitätsentwicklung binden und damit die Wirtschaftskreisläufe in Gang halten,
  • die einen Preisbildungsmechanismus garantieren, der die sozialen und ökologischen Kosten der unternehmerischen Produktionen in die Preise einbezieht (internalisiert),
  • die einen Wettbewerbsmechanismus aufrechterhalten, der dem sozialen und ökologischen Fortschritt verpflichtet ist,
  • die im Rahmen der Geldpolitik für angemessene Preisstabilität sorgen,
  • die das Marktgeschehen für alle Teilnehmer transparent machen, und
  • die mittels bilateraler Handelsvereinbarungen über Wechselkurse, Zölle und Handelsmengen ausgewogene Handels- und Dienstleistungsbilanzen im Außenhandel und konstruktiven Außenwettbewerb sicherstellen.

Diese Ziele setzen vor allem eine wirtschaftspolitisch gesteuerte Dezentralisierung (besser: Subsidiarisierung) der zur Konzentration neigenden wirtschaftlichen Strukturen voraus, die allen Wirtschaftssubjekten jederzeit die Chance einräumt, am Wirtschaftsgeschehen als Produzenten (Unternehmer oder Arbeitnehmer) und Konsumenten teilzunehmen und teilzuhaben, also ihre Fähigkeiten einzubringen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Weil diese Voraussetzung unter dem Regime der neoliberalen Globalisierung nicht erfüllt ist, sind die Volkswirtschaften gegenwärtig nicht in der Lage, den idealen Gleichgewichtszustand auch nur annähernd zu erreichen – und auch das deutsche Stabilitäts- und Wachstumsgesetz kann unter diesen Bedingungen keinen wirkungsvollen Beitrag leisten.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Globalisierung, Wirtschaftliche Preisbildung, Wirtschaftliche Subsidiarität, Vollbeschäftigung and Markt und Marktwirtschaft.

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: General Equilibrium.

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