Allgemeines Gleichgewicht

Wirtschaftliches Gleichgewicht zum Zwecke nachhaltiger gesellschaftlicher Wohlfahrt

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  • Überblick
  • Begriffsklärung
  • Abwegiger historischer Rückbezug
  • Voraussetzungen für ein dynamisches Gleichgewicht

1. Überblick

Unter den gegenwärtig herrschenden neoliberalen Verhältnissen sind systembedingt alle Maßnahmen zum Scheitern verurteilt, mit denen versucht wird, ein wirtschaftliches Gleichgewicht zum Wohle von Gesellschaft und Umwelt herzustellen. Die Schieflage der deutschen Leistungsbilanz, die aus einer typisch neoliberalen, einseitig exportorientierten Wirtschaftspolitik herrührt und schrumpfende Binnenkreisläufe samt Arbeitslosigkeit und Armut zur Folge hat, ist das herausragende Symptom des neoliberalen Systems.

2. Begriffsklärung

Im engeren Sinne ist ein allgemeines volkswirtschaftliches Gleichgewicht in einer Marktwirtschaft gegeben, wenn die Spar- und die Investitionspläne sowie das geplante Angebot und die geplante Nachfrage aller Wirtschaftssubjekte übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Wenn alle Marktteilnehmer – Haushalte, Arbeitskräfte und Unternehmen – ihre individuellen Nutzen- und Gewinnziele maximal verwirklichen können und wenn sie dabei zugleich – durch wirtschaftspolitische Steuerung gelenkt – die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen und einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt leisten (siehe dazu den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt).

Im weitesten Sinne zählen zum gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht auch die Kriterien, die zum Beispiel im deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) genannt sind. Dort heißt es: »Die Maßnahmen sind so zu treffen, dass sie im Rahmen der marktwirtschaftlichen Ordnung gleichzeitig zur Stabilität des Preisniveaus, zu einem hohen Beschäftigungsstand und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht bei stetigem und angemessenem Wirtschaftswachstum beitragen.«

Unter außenwirtschaftlichem Gleichgewicht wird der mittelfristige Ausgleich der Leistungsbilanz (Handels- plus Dienstleistungsbilanz) verstanden, der unverzichtbar ist, um dauerhafte Schieflagen und Abhängigkeiten im Außenhandel zu vermeiden. Unter angemessenem Wirtschaftswachstum werden auf der Grundlage einer möglichst gleichmäßigen Auslastung der Produktionskapazität die Anreize verstanden, die für Investitionen in Weiterentwicklung und Fortschritt sorgen.

Unter einem zukunftsfähigen Globalisierungsparadigma müssen die Anreize zum Wachstum qualitativen Kriterien genügen, das heißt, Wirtschaftswachstum muss sozial nutzbringend und ökologisch verträglich sein.

Oder anders ausgedrückt: (1) Wirtschaftswachstum muss soziale Erträge erzeugen, die sich manifestieren in allgemeiner Teilnahme am Wirtschaftsleben und allgemeiner Teilhabe am Wirtschaftsergebnis, also in Vollbeschäftigung und begrenzter leistungsbezogener Spreizung der Einkommen, und (2) Wirtschaftswachstum darf keine Umweltkosten (Beschädigungen der Umwelt) verursachen; Beseitigungen bestehender Beschädigungen können beschönigend als Umwelterträge bezeichnet werden.

Die kollektive Nutzen- und Gewinnmaximierung, die den Marktteilnehmern im idealen Gleichgewichtszustand zuteil wird, hat auf der Angebotsseite eine optimale Auslastung der Produktionskapazität zur Folge, auf der Nachfrageseite eine optimale Befriedigung der Bedürfnisse, auf dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung, sowie unter Einbeziehung des Außenhandels eine betriebs- und zugleich volkswirtschaftlich optimale und auf Nachhaltigkeit bedachte Zuweisung (Allokation) aller Produktionsfaktoren (siehe dazu auch den Artikel Produktionsfaktoren)

3. Abwegiger historischer Rückbezug

GleichgewichtJPG01Die Vorstellungen, wie ein volkswirtschaftliches (makroökonomisches) Gleichgewicht herzustellen sei, stehen bis heute unter dem Einfluss des schottischen Moralphilosophen Adam Smith (1723 bis 1790) und seiner Metapher von der »unsichtbaren Hand«, die dem Marktsystem die Fähigkeit zuschreibt, es könne sich ohne staatliche Eingriffe allein durch die von Eigennutz getriebenen Aktivitäten der Marktteilnehmer langfristig ins Gleichgewicht bringen. Diese Metapher wird neuerdings so interpretiert, als erübrige sich speziell unter der von Eigennutz diktierten weltumspannenden »Marktliberalisierung« jedwede wirtschaftspolitische Regelung und Steuerung. Die neoliberale Praxis führt uns jedoch unübersehbar vor Augen, dass die unsichtbare Hand allein nicht in der Lage ist zum Beispiel Kostenverlagerungen auf die Allgemeinheit (siehe dazu den Artikel Wirtschaftliche Externalitäten) und monopolistische Strukturen zu verhindern, öffentliche Güter im erforderlichen Maße bereitzustellen sowie insbesondere nachhaltige Ressourcennutzung und hohe Beschäftigungsstände samt leistungsgerechter Gleichverteilung von Vermögen und Einkommen in der Gesellschaft sicherzustellen.

4. Voraussetzungen für ein dynamisches Gleichgewicht

Ob eine Marktwirtschaft grundsätzlich und auch nach äußeren (exogenen) Einflüssen wie etwa einer »schöpferischen« Störung durch neue Technologien oder einer »zersetzenden« Störung durch beispielsweise mangelnde Rohstoffe immer wieder ins Gleichgewicht strebt, hängt davon ab, ob sie sich auf eine gleichgewichtsorientierte Wirtschaftsordnung gründet.

Im einzelnen wird ein dynamisches Gleichgewicht durch Maßnahmen erzielt,

  • die Anbieter- und Nachfragerpolypole erzeugen und damit monopolistische Strukturen verhindern,
  • die flächendeckend für vielfältige, möglichst subsidiäre wirtschaftliche Strukturen sorgen und damit die Arbeitsnachfrage der Unternehmen mit dem Arbeitsangebot der Erwerbsbevölkerung zur Deckung bringen,
  • die eine progressive Besteuerung von Einkommen und Vermögen erlauben, um im Sinne des Wohlfahrtsoptimums eine leistungsgerechte Gleichverteilung sicherzustellen,
  • die einer technologischen Entwicklung gerecht werden, die den Anstieg sozial und ökologisch orientierter Produktivität bewirkt,
  • die die Lohn- und Kaufkraftentwicklung an die Produktivitätsentwicklung binden und damit die Wirtschaftskreisläufe in Gang halten,
  • die einen Preisbildungsmechanismus garantieren, der die sozialen und ökologischen Kosten der unternehmerischen Produktionen in die Preise einbezieht (internalisiert),
  • die einen Wettbewerbsmechanismus aufrechterhalten, der dem sozialen und ökologischen Fortschritt verpflichtet ist,
  • die im Rahmen der Geldpolitik für angemessene Preisstabilität sorgen,
  • die das Marktgeschehen für alle Teilnehmer transparent machen, und
  • die mittels bilateraler Handelsvereinbarungen über Wechselkurse, Zölle und Handelsmengen ausgewogene Leistungsbilanzen im Außenhandel und konstruktiven Außenwettbewerb sicherstellen.

Diese Ziele setzen vor allem eine wirtschaftspolitisch gesteuerte Dezentralisierung (besser: Subsidiarisierung) der zur Konzentration neigenden wirtschaftlichen Strukturen voraus, die allen Wirtschaftssubjekten jederzeit die Chance einräumt, am Wirtschaftsgeschehen als Produzenten (Unternehmer oder Arbeitnehmer) und Konsumenten teilzunehmen und teilzuhaben, also ihre Fähigkeiten einzubringen und ihre Bedürfnisse zu befriedigen.

Weil diese Voraussetzung unter dem Regime der neoliberalen Globalisierung nicht erfüllt ist, sind die Volkswirtschaften gegenwärtig nicht in der Lage, den idealen Gleichgewichtszustand auch nur annähernd zu erreichen – und auch das deutsche Stabilitäts- und Wachstumsgesetz kann unter diesen Bedingungen keinen wirkungsvollen Beitrag leisten.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Globalisierung, Wirtschaftliche Preisbildung und Wirtschaftliche Subsidiarität.

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