Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen

Der Aufbau subsidiärer Binnenstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

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Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die derzeitige Option für subsidiäre Wirtschaftsstrukturen
  3. Erste Schritte außenwirtschaftlicher Anpassung
  4. Erste Schritte binnenwirtschaftlicher Subsidiarisierung
  5. Weitere Schritte außenwirtschaftlicher Anpassung
  6. Weitere Schritte binnenwirtschaftlicher Subsidiarisierung
  7. Die Vorteile für Unternehmer und Beschäftigte
  8. Abschließende Bemerkungen

1. Überblick

EinführungSubsidiarität01Die Gestaltung subsidiärer Wirtschaftsstrukturen ist der Weg hin zu einer nachhaltig zukunftsfähigen Wirtschaftsordnung und zu nachhaltiger gesellschaftlicher Wohlfahrt. Die wirtschaftliche Subsidiarität und der Prozess der Subsidiarisierung der Strukturen sind als qualifizierte Dezentralisierung zu verstehen. Der Schlüssel und die Voraussetzung, um die Binnenwirtschaft frei von Übergriffen anderer Wirtschaftsräume subsidiär umgestalten und dauerhaft betreiben zu können, ist die Regelung der Außenwirtschaft.

Der Begriff Wirtschaftsraum steht hier übrigens als Synonym für Nationalstaat, weil derzeit nur die Nationalstaaten bezüglich ihrer materiellen und intellektuellen wirtschaftlichen Ressourcen weitgehend homogen sind, und weil es homogene supranationale Wirtschaftsräume derzeit nicht gibt, die Eurozone eingeschlossen (siehe Heterogener EU-Binnenmarkt).

Im (zukünftigen) Idealfall, unter einer post-neoliberalen Wirtschaftsordnung, wird die Regelung der Außenwirtschaft in bilateralen Handelsverträgen vereinbart. In diesen Verträgen ist der Mechanismus für preisneutralisierende Wechselkurse festzuschreiben und gegenseitige Autonomie bei der Bestimmung von Zöllen und Handelskontingenten zuzugestehen, so dass Außenhandel und Außenwettbewerb auf der Grundlage relativer Preisvorteile sowie absoluter Qualitätsvorteile erfolgen und so, statt unmittelbare Verdrängungen zu provozieren, gegenseitige Wohlstandsgewinne ermöglichen.

Der vorliegende Artikel befasst sich mit dem dringend gebotenen Einstieg in die Übergangsphase, die von der gegenwärtigen neoliberalen zu einer post-neoliberalen, zukunftsfähigen, auf nachhaltige Wohlfahrt gerichteten Wirtschaftsordnung überleitet.

2. Die derzeitige Option für subsidiäre Wirtschaftsstrukturen

EinführungSubsidiarität04Da das Warten auf bilaterale Verständigungen oder gar einen globalen Konsens unter dem neoliberalen Wirtschaftsdogma müßig ist, steht Wirtschaftsräumen derzeit nur die Option offen, den Weg hin zu einer nachhaltig zukunftsfähigen binnenwirtschaftlichen Ordnung und nachhaltiger gesellschaftlicher Wohlfahrt kraft ihrer wirtschaftspolitischen Souveränität autonom und unilateral zu beschreiten. Es bedarf der Pionierarbeit mindestens eines Wirtschaftsraums, um auch zugleich den entscheidenden Anstoß für das notwendige weltweite Umdenken zu geben. Ein Pionier, der kompromisslos vorgeht, wird erfolgreich sein, das Eis brechen, und andere Länder dazu bewegen, sich ihm bilateral anzuschließen.

Der derzeit nur unilateral zu beschreitende Weg hin zu subsidiären Binnenstrukturen, und die dafür notwendige Anpassung der außenwirtschaftlichen Schnittstellen, ist zugleich der erste und entscheidende Schritt zur Überwindung der neoliberalen Wirtschaftsordnung.

3. Erste Schritte außenwirtschaftlicher Anpassung

Außenwirtschaftliche Anpassung heißt, die natürlichen Unterschiede zwischen Wirtschaftsräumen bei der Ausstattung mit wirtschaftsbezogenen Ressourcen, die unterschiedliche Produktivitäten und Preise bedingen, preislich auszugleichen, so dass Wirtschaftsräume gegenseitig profitablen Handel betreiben können. Um die Widerstände interner und externer Akteure, einschließlich der Welthandelsorganisation (siehe Welthandelsorganisation (WTO)), gering zu halten und schnelle Erfolge vorzuweisen, empfiehlt sich für einen Pionier ein vorsichtiges Vorgehen in kleinen Schritten. Konkret heißt das, es sollte anfangs nicht mehr als eine Branche gegenüber einem Handelspartner gleichzeitig angepasst und zudem Branchen ausgewählt werden, die den globalen Verdrängungswettbewerb so weit überstanden haben, dass sie innerhalb kurzer Zeit wieder zu ihrer alten Stärke zurückfinden können, auch weil es auf dem Arbeitsmarkt noch ein Potential an Fachkräften gibt.

Anpassung heißt im ersten Schritt, die Importpreise ausgewählter Produkte einer Branche mittels Zöllen auf das Inlandsniveau anzuheben, um so weitere Verdrängungen inländischer Anbieter auszuschließen, zugleich aber eine angemessene Angebotsvielfalt aus Importen und inländischen Produkten sicherzustellen. Der Wettbewerb wird dadurch von einem reinen Preiswettbewerb in Dollar oder Euro in einen Wettbewerb um Produktqualitäten verwandelt, zunächst allerdings nur auf dem eigenen Binnenmarkt. Im nächsten Schritt kann der Pionier seine der Verdrängung ausgesetzten teureren Produkte für den Export subventionieren und dem Handelspartner damit Anreize bieten, sie zu importieren. Auf diese Weise entsteht zwischen den Partnern ein ausgewogener Intra-Branchenhandel, von dem beide Seiten profitieren.

Volkswirtschaftliche Verluste entstehen nicht, weil sich beim Pionier Zölle und Subventionen kompensieren und der Handelspartner seine Produktvielfalt erhöht. Umgekehrt gilt dasselbe für den Handelspartner, wenn er ebenfalls Zölle und Subventionen für gefährdete Produkte einführt. Allerdings geraten dann auf beiden Seiten Anbieter in einen Wettbewerb mit Importen, die zuvor, im Wettbewerb mit absoluten Preisen, monopolistisch agieren konnten. Aber das ist ja der Zweck der Anpassungen: den Preiswettbewerb auf ein den Fortschritt förderndes Maß zu begrenzen und den Qualitätswettbewerb in den Vordergrund zu rücken. Im Anschluss an die ersten Anpassungen können beide Partner den Wettbewerb in der Branche mittels Importzöllen oder Exportsubventionen so steuern, dass ihre Anbieter im Wettbewerb dauerhaft motiviert und gezwungen sind, ihre Produktivität und ihre Produktqualität zu erhöhen, ohne endgültige Verdrängungen befürchten zu müssen. Wenn beide Partner so vorgehen, ist die Handelsbeziehung bereits nach kurzer Zeit auf gegenseitige Vorteile aufgebaut, wenn auch zunächst nur in einer Branche.

Grundsätzlich sollten geplante unilaterale Anpassungen betroffenen Handelspartnern frühzeitig mitgeteilt und erläutert werden, um ihnen Gelegenheit zu geben, ihrerseits Anpassungen zu planen. Die Erläuterung der Maßnahmen sollte darauf zielen, Handelspartner für den endgültig angestrebten Außenwettbewerb um relative Preisvorteile auf der Grundlage wohlkalkulierter, die Preise neutralisierender Wechselkurse zu gewinnen und womöglich sogar in Verhandlungen über einen Handelsvertrag einzusteigen. Das beste Argument dabei ist die Aussicht auf gegenseitige Handels- und Wohlstandsgewinne.

Die ersten Schritte der Übergangsphase sind sowohl innerhalb der Eurozone als auch im globalen Handel auf Dollar-Basis möglich. Bestehende Wechselkurse zwischen nationalen Währungen und Dollar bzw. Euro können vernachlässigt werden. Zudem kann die Verrechnung des Handels (Handelsbilanzen) weiterhin in der bevorzugten Währung erfolgen. Die preislichen Anpassungen werden anfangs allein durch Zölle und Subventionen in der Verrechnungswährung erzielt, oder anders ausgedrückt: Das anzustrebende Wechselkurssystem, in dem die Wechselkurse aus bilateralen Handelskörben so berechnet werden, dass sie die Preise der Handelsprodukte im Schnitt neutralisieren, wird anfangs mittels Importzöllen und Export-Subventionen, wo es notwendig ist, simuliert.

4. Erste Schritte binnenwirtschaftlicher Subsidiarisierung

Außenwirtschaftlich angepasste Branchen können umgehend in dezentrale, oder ganauer gesagt: subsidiäre Strukturen überführt werden. Mit der Subsidiarisierung wird bezweckt, Unternehmen und Betriebsstätten in geringstmöglicher Größe und größtmöglicher Zahl flächendeckend über einen Wirtschaftsraum zu verteilen, um möglichst viele Menschen vor Ort in eigener Verantwortung in die Wirtschaftsprozesse einzubinden und sie am Wirtschaftsergebnis teilhaben zu lassen, um schließlich Vollbeschäftigung und nachhaltige Wohlfahrt herzustellen. Ökonomischer ausgedrückt könnte man sagen: um soziale Erträge zu erzielen und möglichst geringe ökologische Kosten zu verursachen.

Die Subsidiarisierung erfordert eine progressive Besteuerung von Betriebsgrößen, um der natürlichen Neigung der wirtschaftlichen Akteure entgegenzuwirken, immer mehr Kapital und Macht an sich zu ziehen. Für jede Branche wird dazu der produktionstechnisch kleinstmögliche Betrieb als fiktiver Referenzbetrieb definiert, der mit den geringsten Steuern belastet wird. Die Steuerlast wächst also mit der Größe eines Betriebs und zwingt die Eigner, sobald die Rentabilität nicht mehr tragbar ist, zu Aufspaltung und Veräußerung eines Betriebsteils. So entwickelt die Subsidiarisierung ihre eigene Dynamik, und jungen Menschen werden laufend Chancen geboten, sich auf verhältnismäßig sicherem Terrain als Unternehmer zu bewähren.

BesteuerungUnternehmenPPT02Wie gesagt, entscheidet die Produktionstechnik darüber, welche minimale Größe der Referenzbetrieb einer Branche haben muss. Die genaue Definition von Referenzbetrieben, die Grundlage für die Steuerprogression ist, erfolgt auf Basis der Produktionstechnik durch vier weitere Kriterien: (1) den maximal erlaubten Gebrauch von Grundstücksfläche, Rohstoffen und Energie, (2) die maximal erlaubte Menge schädlicher Emissionen und Abfälle, (3) die maximal erlaubte Anzahl Mitarbeiter, und (4) die maximal erlaubte Wochenarbeitszeit. Die strukturbildende Besteuerung von Unternehmen wird im einzelnen in dem Artikel Besteuerung von Unternehmen behandelt.

SubsidiaritätSchum08Infolge der progressiven Besteuerung entsteht eine produktionstechnisch bedingte subsidiäre Struktur (oder Hierarchie). Das heißt, arbeitsintensive Branchen sind auf den unteren Ebenen flächendeckend vertreten, kapitalintensive auf den mittleren und oberen Ebenen an zentralen Standorten. Gleichzeitig erzeugt die subsidiäre Struktur auf jeder Ebene einen horizontalen Wettbewerb zwischen Betrieben mit ähnlicher Arbeits- und Kapitalintensität, der auf den unteren Ebenen naturgemäß lokal begrenzt ist. Während die progressive Besteuerung dafür sorgt, dass über alle Ebenen hinweg ein vertikaler Wettbewerb stattfindet, auch zwischen arbeits- und kapitalintensiven Branchen.

Zur Subsidiarität allgemein und zur dynamischen Subsidiarisierung wirtschaftlicher Binnenstrukturen als Voraussetzung für gesellschaftliche Wohlfahrt empfehle ich die Artikel: Wirtschaftliche Subsidiarität, Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung und Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.

5. Weitere Schritte außenwirtschaftlicher Anpassung

Wenn sich zwei Wirtschaftsräume einig sind, ihren gesamten Außenhandel anzupassen, können sie das uneingeschränkt und jederzeit auch unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung in die Wege leiten. Es gilt zunächst, die relativen Preise für alle gehandelten und besonders für alle potentiell zu handelnden Produkte zu ermitteln. Die potentiell zu handelnden sind wichtig, weil deren Produktionen in vielen Fällen durch den neoliberalen Verdrängungswettbewerb schon so geschwächt sind, dass sie international nicht mehr wettbewerbsfähig sind, oder sie sind sogar schon vollständig verdrängt worden. Umso notwendiger also, sie schon frühzeitig in die Planung einzubeziehen und schnellstens wieder aufzubauen.

WorkshopAußenhandelPPT16Bei der Berechnung der relativen Preise ergibt sich automatisch auch ein fiktiver Wechselkurs, der unter einer post-neoliberalen Ordnung als tatsächlicher Wechselkurs eingeführt werden kann. Die Berechnung ist sehr einfach: Jeder der beiden Wirtschaftsräume erstellt eine Liste seiner Handelsprodukte mit den Preisen in Inlandswährung, unabhängig davon in welcher (Leit-) Währung, wie etwa Dollar oder Euro, der Handel abgerechnet wird. Für Produkte, die nur in einer der beiden Listen auftauchen (nur in einer Richtung tatsächlich oder potentiell gehandelt werden), sollte in die Liste des Handelspartners ein gleichwertiges Produkt mit Preis, notfalls mit einem Schätzpreis, als Platzhalter eingetragen werden, damit beide Listen dieselbe Anzahl Produkte enthalten und ein realistischer Durchschnittspreis berechnet wird. Denn die beiden Durchschnittspreise der Listen (Summe aller Produktpreise geteilt durch Anzahl Produkte) ergeben den fiktiven Wechselkurs zwischen den Wirtschaftsräumen, und sie dienen jedem Wirtschaftsraum dazu, seine relativen Produktpreise zu berechnen, indem der absolute Preis eines jeden Produkts durch den Durchschnittspreis aller Produkte geteilt wird.

HandelRelativePreisePNG01Der Vergleich (die Komparation) der relativen Produktpreise zwischen den Wirtschaftsräumen zeigt auf, welche Produkte relativ preisgünstiger als beim Handelspartner sind und somit zu einem Exportkandidaten werden. Weil im Vergleich die Wettbewerbsvorteile erkennbar werden, spricht man auch von relativen komparativen Vorteilen. Wenn Produkte, die einen relativen Preisvorteil aufweisen, exportiert werden, erzielt das importierende Land bei Anwendung des berechneten Wechselkurses, also unter post-neoliberalen Bedingungen, einen Handelsgewinn, weil der absolute Preis des eigenen Produkts höher ist als der absolute Preis des importierten Produkts nach der Währungsumrechnung. Unter diesen anzustrebenden Bedingungen erzielen auch völlig unterschiedlich produktive Wirtschaftsräume im Handel auf Basis relativer Preise quasi automatisch gegenseitig Handelsgewinne, ohne dass Verdrängungen stattfinden, vorausgesetzt, die Wirtschaftsräume nutzen Importzölle und Kontingente zur zusätzlichen Feinabstimmung. Die Abbildung zeigt einen dementsprechenden Handel zwischen Deutschland und Griechenland.

Wie oben dargestellt, muss die Anpassung unter den derzeitigen neoliberalen Bedingungen allein durch Importzölle und Exportsubventionen erfolgen, weil die Wechselkurse dem freien Spiel der Finanzmärkte ausgesetzt sind und nicht festgelegt werden können. Was oben im ersten Schritt für einzelne Branchen und Produkte beschrieben ist, kann jetzt systematisch für alle am Handel beteiligten Branchen und Produkte anhand des Vergleichs der relativen Preise umgesetzt werden. Dazu einigen sich die Wirtschaftsräume auf eine Auswahl an Import- und Exportkandidaten und die zur Preisneutralisierung erforderlichen Importzölle und Exportsubventionen. So sind die Weichen für den Übergang zu einer post-neoliberalen Ordnung unwiderruflich gestellt, und andere können dem Beispiel risikolos folgen.

Die Simulation preisneutralisierender Wechselkurse durch Zölle und Subventionen kann uneingeschränkt auch innerhalb der Eurozone angewendet werden. Wenn Euroländer später den fiktiven Wechselkurs praktisch einführen wollen, müssen sie die Eurozone verlassen und eigene Währungen einführen. Der fiktive Wechselkurs ist auf jeden Fall ein nützlicher Indikator, weil er Euroländern genau anzeigt, wie groß die Unterschiede bei Preisen und entsprechend bei Produktivitäten zwischen ihnen und anderen Euroländern sind. Und er beweist, dass die Eurozone ein sehr inhomogener Wirtschaftsraum ist und der Handel auf dem sogenannten europäischen Binnenmarkt die einen immer stärker und reicher und die anderen gleichzeitig immer schwächer und ärmer macht. Wobei die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen in allen Euroländern im Gleichtakt mit der Zentralisierung der Wirtschaftsstrukturen zunimmt. Deutschland und Griechenland sind dafür in vieler Hinsicht die extremsten Beispiele.

Der Handel mit relativen komparativen Preisvorteilen wirkt sich positiv auf die gesamte Binnenwirtschaft und die außenwirtschaftlichen Beziehungen aus:

  1. Volks- und betriebswirtschaftliche Handelsgewinne können gegenseitig und unabhängig vom Produktivitätsniveau der Handelspartner erzielt werden,
  2. der Produktivitäts- und Qualitätswettbewerb der Unternehmen kann sich an sozialen und ökologischen Kriterien orientieren,
  3. Außen- und Binnenwettbewerb können konstruktiv aufeinander abgestimmt werden, um inländische Produktionen zu fördern,
  4. regionale Entwicklungen können eigenständig und im Einklang mit Gesellschaft und Umwelt erfolgen und zugleich relative komparative Wettbewerbsvorteile generieren,
  5. das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht, und speziell das von Produktivität und Löhnen, kann wirtschaftspolitisch autonom geregelt werden,
  6. die inländische Angebotsvielfalt und die Handelsgewinne können im multi-bilateralen Handel optimiert werden,
  7. die internationale Zusammenarbeit, die Entwicklungshilfe und der Handel mit geistigem Eigentum können unabhängig von den Zwängen des materiellen Außenhandels gestaltet werden.

Zum Verständnis der Grundlagen zukunftsfähigen Außenhandels als Voraussetzung für subsidiäre Binnenstrukturen empfehle ich die Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

6. Weitere Schritte binnenwirtschaftlicher Subsidiarisierung

Subsidiarität07Wirtschaftsräume, die ihren gesamten Außenhandel preisneutralisierend angepasst haben, können anschließend die Subsidiarisierung ihrer Binnenstrukturen vollenden. Die Entflechtung und Dezentralisierung der unternehmerischen Landschaft ist komplex und aufwendig und erfordert Entschiedenheit und Geduld, auch weil die Widerstände von Seiten der Akteure zentralisierter Produktionen zu überwinden sind. Im Mittelpunkt der Argumente, die von diesen Akteuren vorgebracht werden, stehen die Skalen- und Größenvorteile, mit denen sie ihre Kosten reduzieren und ihre Produktivitäten erhöhen (siehe dazu den Artikel Skalenerträge und Produktivität).

Zum Beispiel entstehen Skalenerträge, wenn an möglichst zentralem Ort möglichst viele Einheiten eines Produkts produziert werden, weil dann die zunehmende Erfahrung kostenmindernd wirkt und die Gemeinkosten pro Einheit sinken. Diese Erträge entstehen jedoch nur betriebswirtschaftlich, während die volkswirtschaftlichen Kosten infolge von Arbeitslosigkeit, hohem Transportaufkommen und flächendeckender De-Industrialisierung ansteigen. Ökonomisch ausgedrückt, fließen die Erträge den privaten Unternehmen zu, während ein Großteil der Kosten externalisiert wird, also von Arbeitskräften und der Allgemeinheit zu tragen ist. Kurz gesagt, erzeugen Skalen- und Größenvorteile nur dann eine betriebs- und volkswirtschaftlich positive Wirkung, und tragen nur dann zur gesellschaftlichen Wohlfahrt bei, wenn sie im Rahmen subsidiärer Wirtschaftsstrukturen realisiert werden.

Allgemein ist festzuhalten, dass es nur wenige Produktionen und Dienstleistungen gibt, die in einem Land von der Größe Deutschlands zwingend an einer zentralen Stelle angesiedelt sein müssen. Zu den wenigen zählen allen voran Forschungs- und Entwicklungsprojekte, die hohen Kapitalaufwand und hochspezialisierte Arbeitskräfte erfordern. Und übrigens: Die Erforschung und Entwicklung von Technologien, die für den dezentralen Einsatz geeignet sind, ist eine wichtige begleitende Aufgabe für die Subsidiarisierung der Wirtschaftsstrukturen.

7. Die Vorteile für Unternehmer und Beschäftigte

Für Unternehmer und Beschäftigte ergeben sich aus dem Zusammenspiel von geregeltem Außenhandel und geregelter Binnenstruktur einzigartige individuelle Vorteile.

Hier zunächst die Vorteile für Unternehmer:

  1. Sie können durch Preisdumping externer Anbieter nicht mehr ungerechtfertigt verdrängt werden,
  2. gleichwohl stehen sie mit externen und internen Anbietern in einem konstruktiven Wettbewerb um Produktivität, Preise und Qualität,
  3. sie bekommen die Chance, ihre Marktanteile durch Exporte auszuweiten,
  4. sie können an einem vom materiellen Handel unabhängigen Handel mit geistigem Eigentum teilnehmen, weil es international keine Anreize mehr gibt, zum Beispiel fremde Patente zwecks Preisdumping zu verletzen,
  5. und Existenzgründer können neue Geschäfte ohne die Gefahr der sofortigen Verdrängung aufbauen oder Betriebsteile übernehmen, die im Zuge der progressiven Besteuerung veräußert werden.

Hier die Vorteile für Beschäftigte:

  1. Sie können auf ein großes und vielfältiges Angebot an Arbeitsplätzen zurückgreifen, auch in Ortsnähe,
  2. ihre Löhne, ihre sonstige Vergütungen sowie ihre Wochenarbeitszeiten werden regelmäßig dem Fortschritt der wirtschaftlichen Produktivität angepasst,
  3. wegen der regelmäßigen Lohnanpassungen steigt ihre Kaufkraft mit dem allgemeinen Fortschritt der Produktivität,
  4. ihnen steht ein großes, vielfältiges und qualitativ hochwertiges Angebot an regionalen, nationalen und importierten Produkten zur Verfügung,
  5. und sie können darauf vertrauen, dass Gewerkschaften und Unternehmensvertreter sich bei ihren jährlichen Verhandlungen über Löhne und Arbeitszeiten auf Augenhöhe gegenüberstehen.

Schließlich ist die Frage berechtigt, ob durch die außenwirtschaftlichen Anpassungen und den Aufbau subsidiärer Binnenstrukturen irgendwelche Nachteile entstehen. Nein, echte Nachteile entstehen nicht, nur scheinbare: Unternehmer können nicht mehr beliebig viel produktives Kapital und wirtschaftliche Macht ansammeln, und Konsumenten müssen auf das Angebot importierter Billigprodukte verzichten.

8. Abschließende Bemerkungen

AufbauSubsidiaritätDie von der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin weltweit verursachten Fehlentwicklungen wie De-Industrialisierung, Arbeitslosigkeit, Ungleichverteilung und Umweltzerstörung sind kein unabwendbares Schicksal. Länder die auf die Weisheit supranationaler Gremien und Institutionen setzen, werden ihrem Schicksal allerdings nicht entrinnen. Zwar ist die Lage geschichtlich ohne Beispiel, weil es niemals derart weltumspannende Verflechtungen und Abhängigkeiten gegeben hat, aber das ist kein Grund für Hoffnungslosigkeit und Untätigkeit. Der Impuls für Veränderung wird direkt-demokratisch von Bürgern kommen müssen, die sich genügend Unabhängigkeit bewahrt haben, und von noch nicht angepassten, systemkritischen Parteien. Von den Gestaltern, Profiteuren und Apologeten des Neoliberalismus kann jedenfalls nicht erwartet werden, ihre fast absolute wirtschaftliche Freiheit, ihre wirtschaftliche Macht und ihre Verfügungsgewalt über wirtschaftliche Ressourcen ohne Not aufzugeben.

Der vorliegende Artikel zeigt den Weg auf, der unter den herrschenden Bedingungen des neoliberalen Dogmas praktisch beschritten werden kann. Wie oben abgebildet, entsteht aus der Kombination außenwirtschaftlicher Schnittstellen und einem soliden binnenwirtschaftlichen Fundament eine einheitliche Wirtschaftsordnung, die über nationale Grenzen hinaus ihre Wirkung entfaltet. Damit ist das etablierte Gerede von der Alternativlosigkeit neoliberalen Wirtschaftens widerlegt. Auch das Schüren von Angst vor den angeblichen Gefahren nationaler Alleingänge erweist sich als Teil der ständigen neoliberalen Indoktrination.
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