Dezentralisierung: Fragen und Antworten

Warum wir die lokalen und regionalen Wirtschaftskreisläufe neu aufbauen und stärken müssen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Vorbemerkung
  3. Zwanzig Fragen und Antworten

1. Überblick

NeoliberalerTeufelskreisPNGUnter der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin hat sich das Expansionsstreben von Industrie und Finanzwirtschaft verselbständigt. Im Verdrängungswettbewerb auf offenen globalen Märkten geraten die sozialen und die ökologischen Verpflichtungen der Akteure in den Hintergrund. Ersatzweise wird die Illusion von einem nie endenden Wirtschaftswachstum verbreitet, das der Welt Wohlstand und Wohlfahrt bescheren soll. Die Folgen des doktrinären Irrweges sind ernüchternd: Was als Täuschung und Selbsttäuschung begann, endet in Zerstörung und Selbstzerstörung. Nicht nur einzelne globale Akteure bleiben auf der Strecke, auch ganze Landstriche werden wirtschaftlich verwüstet, sprich: de-industrialisiert. Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltzerstörung breiten sich aus. Da ist es unsere Pflicht, die politischen Weichen auf Umkehr zu stellen: Was zentralisiert wurde, muss wieder dezentralisiert werden, was verwüstet wurde, muss neu aufgebaut und gestärkt werden!

2. Vorbemerkung

Das nachfolgende Interview hat der verantwortliche Redakteur der Zeitschrift ÖkologiePolitik, Günther Hartmann, mit mir im September 2008 geführt. Es wurde anschließend in der Ausgabe Nr. 140 vom November 2008 in leicht gekürzter Form veröffentlicht.

3. Zwanzig Fragen und Antworten

ÖkologiePolitik: Brauchen wir mehr Wirtschaftswachstum?

Gerd Zeitler: Prinzipiell betrachtet gibt es für andauerndes Wirtschaftswachstum keine Notwendigkeit. Das Sozialprodukt kann stagnieren, sobald die Grundbedürfnisse in einer Gesellschaft befriedigt sind. Die Menschheit hat in ihrer Geschichte über lange Zeiträume in einem statischen Zustand gelebt. Wachstum ist immer problematisch, weil es neben positiven meist auch unerwünschte negative externe Effekte erzeugt, gleichgültig, ob die Wirtschaft durch zunehmende Bevölkerung oder durch höheren Pro-Kopf-Verbrauch wächst. Die Vermeidung negativer externer Effekte ist die größte Herausforderung, vor der die Menschheit heute steht, man denke nur an Klimawandel, Artensterben und Hungersnöte. Nochmals zum Prinzipiellen: Während das Bevölkerungswachstum, wenn überhaupt, politisch motiviert ist, resultiert das Pro-Kopf-Wachstum aus dem menschlichen Streben nach einem besseren und bequemeren Leben. Beispielsweise, wenn eine höhere Stufe der Mobilität angestrebt und die Pferdekutsche durch das Automobil ersetzt wird.

ÖP: Könnten Sie das bitte näher erläutern?

GZ: Ja, am Beispiel Automobil lassen sich sehr gut die ambivalenten Wirkungen technischer Innovationen zeigen: Zum einen erzeugt das Auto quantitatives Wachstum, weil sein höherer Herstellungsaufwand direkt in seinen Preis und damit ins Sozialprodukt eingeht, zum anderen erzeugt es qualitatives Wachstum, weil sein höherer Mobilitätsnutzen – durch den Markt quantifiziert – ebenfalls in Preis und Sozialprodukt eingeht. Zugleich wird es aber das Sozialprodukt qualitativ mindern, weil bei seiner Herstellung und Nutzung mehr Naturressourcen verbraucht werden und mehr Abfall und Emissionen anfallen als bei der Pferdekutsche. Seine Gesamtbilanz kann deshalb negativ sein – und ist es beim Stand der heutigen Technik durchwegs –, wenn der negative Wert seines Naturverbrauchs den positiven seines Mobilitätsnutzens übersteigt. Der negative Wert muss übrigens alle Folgekosten enthalten, und die können astronomisch hoch sein, wenn irreversible Schäden am Naturkapital verursacht werden. Im heutigen Wirtschaftssystem wird versäumt, die Negativposten bei der Preisbildung zu berücksichtigen und sie als quantifizierte Größen ins Sozialprodukt einzubringen. Dadurch bilden sich trügerisch niedrige Preise und es entsteht insgesamt ein trügerisches Bild des Zustands von Gesellschaft und Umwelt, und es fehlt die Entscheidungsgrundlage, um den Naturverbrauch wirtschaftspolitisch in zukunftsfähige Bahnen zu lenken.

ÖP: Was ist also ein sinnvolles Wirtschaftswachstum?

GZ: Das beste Wirtschaftswachstum ist offenkundig jenes, das höhere Produktivitäten und nützlichere Produkte hervorbringt und das zugleich sinkende ökologische und soziale Kosten bewirkt, das heißt: weniger Naturverbrauch, aber auch geringeren Aufwand für soziale Fehlentwicklungen wie Arbeitslosigkeit und Armut. Im Idealfall sollte Wirtschaftswachstum sogar steigende ökologische und soziale Erträge generieren, die den Zustand der natürlichen Umwelt und die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft verbessern.

ÖP: Die Wirklichkeit sieht ja aber meist etwas anders aus.

GZ: Ja, das neoliberale Wirtschaftssystem leidet diesbezüglich an einem Geburtsfehler: Mit dem Ende des Nachkriegswachstums hat sich der Expansionsdrang der Industrie verselbständigt und das Wachstum hat sich zu einem Fetisch entwickelt, es ist ökonomisch gesehen pervertiert. Heute ist das Ergebnis dieser Entwicklung allgegenwärtig: »liberalisierte« Märkte und die Dominanz einer grenzenlosen Exportproduktion zulasten binnenwirtschaftlicher Kreisläufe. Je mehr Exportmärkte nun ihre Sättigungsgrenze erreichen, desto mehr verschärft sich der globale Wettbewerb und setzt die Akteure unter steigenden Kostendruck. Um dem standzuhalten und ihre Expansionsziele abzusichern, aber auch um eine Überwindung der sozialen und ökologischen Folgen des Expansionsdrangs zu suggerieren, verlangen sie regelmäßig nach sogenannten Wachstumsimpulsen. Damit sind im neoliberalen Kontext vor allem Absenkungen von Unternehmenssteuern und Arbeitskosten, insbesondere von Löhnen gemeint. Jede Runde derartiger »Wachstumsimpulse« erzeugt unmittelbar neue Armut und Umweltbeschädigungen, ohne die Tendenz zu sinkender Beschäftigung aufzuhalten. So hat das System mit seiner Wachstumsdoktrin bereits in den siebziger Jahren die Grenze der Regenerativität unserer natürlichen Ressourcen überschritten. Seither beschleunigen sich die Substanzverluste am Naturkapital. Seit den neunziger Jahren leben wir überdies mit dem Phänomen einer ständigen Massenarbeitslosigkeit.

ÖP: Wie steht es um unsere sozialen Ressourcen?

GZ: Die sind in ihrer Regenerativität, wenn man das so ausdrücken will, genauso stark betroffen wie die natürlichen Ressourcen. Allerdings mit dem Unterschied, dass die langfristigen Folgekosten der armutsbedingten Ausgrenzung noch bereitwilliger unter den Teppich gekehrt werden als die ökologischen Kosten. Wegen dieses blinden Flecks tun sich die Akteure so leicht, ihr Expansionsstreben zur nationalen Schicksalsfrage zu stilisieren und das immer wieder aufs neue prophezeite Wirtschaftswachstum als todsicheres soziales Heilmittel zu verkaufen.

ÖP: Das ist ja heute weit verbreitete Grundüberzeugung.

GZ: Ja, die eben beschriebene Irreführung ist dafür verantwortlich, dass sich die Auffassung verbreitet hat, vor allem quantitatives Wachstum sei eine Voraussetzung, um soziale und ökologische Verheerungen zu vermeiden bzw. rückgängig zu machen und Wohlstand und Wohlfahrt herbeizuführen. Im Aufschwung, wenn bei höheren Wachstumsraten vorübergehend neue Arbeitsplätze entstehen, scheint sich die Auffassung vollends zu bestätigen. Eine genaue Bilanzierung unter Einbeziehung der Negativposten ins Sozialprodukt würde jedoch zeigen, dass sich der soziale und ökologische Niedergang auch dann fortsetzt.

ÖP: Arbeitgeber fordern immer wieder längere Wochen- und auch Lebensarbeitszeiten.

GZ: Auch diese Forderung geht auf den unsinnigen Kostendruck zurück, dem sich unsere Industrie im globalen Wettbewerb aussetzt. Die Mehrarbeit, die gefordert wird, ist dabei nichts anderes als ein indirekter Versuch, Neueinstellungen zu vermeiden und die Arbeitskosten zu senken – beides mit dem Ziel, die Exportproduktion wettbewerbsfähiger und gegenüber der für Binnenmärkte bestimmten Produktion noch dominanter zu machen. Die ökonomische Widersinnigkeit des Systems offenbart sich hier besonders deutlich: Es werden laufend steigende unternehmerische und volkswirtschaftliche Produktivitäten ausgewiesen, die aber nicht wirklich erzielt werden, weil die sozialen und ökologischen Kosten auf beiden Ebenen ausgeklammert bleiben. Gleichzeitig werden aber längere Arbeitszeiten gefordert, obwohl bei steigender Produktivität eigentlich die Arbeitszeiten verkürzt und/oder die Löhne erhöht werden müssten, um auf den Märkten das Gleichgewicht von Produktivität und Kaufkraft zu bewahren und die Wirtschaftskreisläufe in Gang zu halten. Jedesmal wenn im neoliberalen System Mehrarbeit durchgesetzt wird, mindert sie zwar den systembedingten Kostendruck, wirkt aber verheerend, weil sie die Ungleichverteilung von Arbeit und Einkommen verschlimmert und die versteckten sozialen Kosten weiter in die Höhe treibt. Die steigende neoliberale Produktivität ist also in Wirklichkeit eine auf Kosten von Gesellschaft und Umwelt erzielte Scheinproduktivität.

ÖP: Länger gearbeitet werden muss dann also vor allem in exportorientierten Branchen?

GZ: Im ersten Schritt: ja. Die rein binnenwirtschaftlich orientierten Branchen müssen jedoch zeitversetzt nachziehen, weil der globale Kostendruck über die Billigimporte früher oder später die ganze Wirtschaft erfasst. Die Statistik zeigt, dass der Trend zu kürzeren Wochenarbeitszeiten in global exponierten Branchen bereits im Jahre 2005 gebrochen wurde. Zum Beispiel wurde die Wochenarbeitszeit einiger Service-Abteilungen der Deutschen Telekom im Jahre 2007 mittels Ausgliederung wieder von 34 auf 38 Stunden erhöht. Durch solche Maßnahmen werden vorübergehend Arbeitsplätze gesichert, die ansonsten im globalen Wettbewerb sofort verdrängt würden. Da kostenbedingt die Arbeitsverdichtung ebenfalls erhöht wird, zahlen die betroffenen Personen einen hohen Preis für ihre unbestimmte Weiterbeschäftigung. Auf der anderen Seite nimmt die Unterbeschäftigung zu, nicht nur wegen der partiellen Arbeitsverdichtung, sondern auch wegen der ungebrochenen Tendenz zu territorialer Spezialisierung und industrieller Konzentration, die vom globalen Kostendruck diktiert wird und eine flächendeckende De-Industrialisierung, also eine wirtschaftliche Verödung und ein schrumpfendes Spektrum an nachgefragten beruflichen Qualifikationen nach sich zieht. Das Arbeitsvolumen wird somit infolge Arbeitszeitverlängerung und industrieller Konzentration immer ungleichmäßiger und ungerechter unter der Erwerbsbevölkerung verteilt.

ÖP: Gibt es ein sinnvolles Maß für die Festlegung von Arbeitszeiten?

GZ: Die Frage, wie viel wir arbeiten sollten, muss sich an unserem Anspruch an den produktionstechnischen Fortschritt, insbesondere an dessen sozialer und ökologischer Qualität orientieren. Die Arbeitszeiten ergeben sich dann, unter dem erforderlichen Gesichtspunkt wirtschaftlichen Gleichgewichts, automatisch aus dem jeweiligen Produktivitätsniveau. Bei steigender Produktivität müssen die Arbeitszeiten verkürzt und/oder die Löhne erhöht werden, um die Wirtschaft im Gleichgewicht zu halten. Die dazu notwendige Freiheit, über unsere Wirtschaftsordnung unabhängig zu entscheiden, können wir nur gewinnen, indem wir uns dem globalen Verdrängungswettbewerb verweigern und unsere Binnenstrukturen und Außenbeziehungen autonom und souverän gestalten. Das ist die absolut unbedingte Voraussetzung, um die Arbeitsnachfrage und das Arbeitsangebot zur Deckung zu bringen – also Vollbeschäftigung herzustellen – und um die Arbeitszeiten bei steigender Produktivität sinnvoll verkürzen bzw. die Löhne erhöhen zu können.

ÖP: Ist denn unser Rentensystem unter dem Kostendruck überhaupt noch finanzierbar? Der demografische Wandel wird ja als Argument für Rentenkürzungen und die Notwendigkeit höherer Wachstumsraten gebraucht.

GZ: Unter neoliberalen Verhältnissen wird sich ein befriedigendes Rentensystem niemals verwirklichen lassen. Dazu trägt auch die Indoktrination bei, mit der das gesetzliche Umlageverfahren wegen zu geringen Wirtschaftswachstums und globalen Kostendrucks als gefährdet hingestellt und das politische Klima geschaffen wird, die arbeitgeberseitigen Beiträge abzubauen und die Arbeitnehmerbeiträge als billiges Geld in die private Versicherungswirtschaft und die Finanzmärkte zu leiten – siehe Riester-Rente. Alles deutet darauf hin, dass sich das politische Hickhack um die Rente und die Zunahme der Altersarmut fortsetzen werden. Deshalb gilt auch und besonders für die sichere Grundversorgung im Alter: Wir brauchen eine zukunftsfähige Wirtschaftsordnung, die Vollbeschäftigung möglich macht. Dann kann auch niemand mehr unsere steigende Lebenserwartung als bedrohlich hinstellen – Stichwort: Überalterung der Gesellschaft –, denn die Rentenfinanzierung lässt sich bei Vollbeschäftigung einfach über ein flexibles Renteneintrittsalter steuern: Bei steigender Produktivität kann das durchschnittliche Renteneintrittsalter gesenkt und/oder die Renten erhöht werden. Dabei kann jedem Beschäftigten die Freiheit eingeräumt werden, seine Rentenhöhe in Abhängigkeit von seinem Renteneintrittsalter innerhalb einer vorgegebenen Bandbreite nach Belieben selbst zu bestimmen.

ÖP: Offiziell sinkt die Arbeitslosigkeit ja (auf 2008 bezogen!) und Vollbeschäftigung wird als Ziel genannt. Da wird aber wohl viel schöngerechnet?!

GZ: Ja, so ist es. Als politischen Wegweiser brauchen wir deshalb dringend eine ehrliche Arbeitsmarktstatistik, die das ganze Ausmaß der Unterbeschäftigung erfasst, und ergänzend eine nach Einkommenshöhe differenzierte Armuts-Reichtums-Statistik. Die erforderlichen Daten, die übrigens vorhanden sind, aber offiziell sehr restriktiv ausgewertet werden, können den notwendigen Druck erzeugen, um endlich, in Anlehnung an skandinavische Erfahrungen, einen nach oben offenen progressiven Einkommenssteuertarif einzuführen sowie die gesetzlichen Sozial-, Renten-, Kranken- und Pflegeversicherungen zur Pflicht für alle Bürger und alle Einkommensarten zu machen, und zwar ohne obere Bemessungsgrenze, so dass alle Bürger einen einheitlichen Prozentsatz aus ihrem gesamten Einkommen in die Versicherungen einzahlen, Stichwort: Bürgerversicherung. Grundvoraussetzung ist darüber hinaus, die bereits erwähnte autonom und souverän zu gestaltende binnen- und außenwirtschaftliche Ordnung.

ÖP: Wie sieht denn ein zukunftsfähiges Wirtschaftssystem aus? Wie und wohin soll sich unser Wirtschaftssystem entwickeln?

GZ: Diese Frage schließt die Entwicklung unseres politischen Systems ein, vor allem die Frage, wie viel Demokratie wir brauchen. Der demokratische Fortschritt wird allerdings durch die Vorstellung erschwert, die Verhältnisse seien im globalisierten Umfeld für den Normalbürger so undurchschaubar geworden, dass Entscheidungen am besten von Experten zu treffen seien. Aber wirtschaftspolitische Gremien, meist aus Lobbyisten, Politikern und Ökonomen zusammengesetzt und mit Verteilungsfragen befasst, erliegen erfahrungsgemäß immer wieder der Versuchung, eigennützig und gegen öffentliche Interessen zu entscheiden. Nur so kann es wirtschaftlichen Akteuren gelingen, sich demokratischer Regelung zu entziehen und in einer abgehobenen transnationalen Sphäre einzurichten. Und nur so können sie ohne Widerspruch behaupten, ihre Machenschaften seien Teil eines historisch zwangsläufigen Globalisierungsprozesses.

ÖP: Sind demokratische Entscheidungen besser als Expertenentscheidungen?

GZ: Demokratische Entscheidungen, so aufwendig sie auch sein mögen, sind jeder vermeintlich effizienten Expertenentscheidung überlegen. Allein deshalb, weil sie den gesellschaftlichen Lernprozess fördern und Entscheidungen revidiert werden können, sobald sie als überholt oder falsch erkannt sind. Deshalb brauchen wir demokratisch gestaltete dezentrale, oder genauer gesagt: subsidiäre Strukturen – wie sie übrigens schon in den Maastrichter Verträgen vereinbart sind, leider bislang ohne Einfluss auf die praktische Politik der EU. Statt territorialer Spezialisierung und Konzentration kann dann ein flächendeckend vielfältiges Wirtschaftsleben mit intakten Kreisläufen entstehen. Negative soziale und ökologische Effekte können vor Ort bekämpft werden, statt sie auf die Allgemeinheit und andere Volkswirtschaften abzuwälzen. Und all das ist schließlich auch Voraussetzung für geregelten internationalen Austausch.

ÖP: Die Entwicklung muss also zurückgedreht werden zu kleinen überschaubaren Einheiten?

GZ: Ja, jeder Wirtschaftsraum muss sein Wirtschaftsleben in eigener Verantwortung regeln. Nur auf dieser Grundlage sind souveräne und von Erpressungen freie außenwirtschaftliche Beziehungen denkbar. Es ist eine Illusion, zu meinen, in Zeiten der Globalisierung müsse Wirtschaftspolitik im Konsens auf globaler Ebene betrieben werden. Wir müssen uns zwar über die Normen internationalen Austausches verständigen, aber erste Voraussetzung für zukunftsfähige Globalisierung ist ein Fundament aus eigenständigen Wirtschaftsräumen mit funktionsfähigen Wirtschaftskreisläufen.

ÖP: Mit welchen Maßnahmen leitet man eine Umsetzung dieser Ziele ein?

GZ: Am Anfang jeder politischen Veränderung steht die demokratische Überzeugungsarbeit und Meinungsbildung. Dafür müssen die Zusammenhänge klar herausgestellt und richtig benannt werden. Die derzeitigen Fehlentwicklungen lassen sich wohl am einfachsten mit den Begriffen »Konzentration« und »De-Industrialisierung« beschreiben. Deshalb bietet sich für die politische Stoßrichtung das Schlagwort »Re-Industrialisierung« an. Mit diesem Begriff lässt sich darauf hinwirken, in einer ersten Runde all die Branchen, die im globalen Wettbewerb bereits verdrängt worden sind, subsidiär strukturiert neu aufzubauen und wettbewerbsfähig zu machen. Jedoch nicht für den neoliberalen Verdrängungswettbewerb, sondern im Sinne eines konstruktiven Wettbewerbs, der den Produktivitätsfortschritt fördert, zugleich aber die wünschenswerten produktiven Unterschiede in der Welt zulässt und – was vor der neoliberalen Globalisierung immer selbstverständlich war – diese Unterschiede über bilateral vereinbarte Wechselkurse und Zölle neutralisiert und den Handel zudem durch vereinbarte Kontingente begrenzt.

Aufgabe einer zweiten Runde muss es sein, all die Branchen, deren Produktionsstätten und Eigentumsverhältnisse unter dem globalen Kostendruck konzentriert worden sind, wieder zu dezentralisieren und subsidiär zu strukturieren. Für diese Runde ist ein weit schwierigeres Umdenken als für die erste erforderlich. Zwar geht es nicht darum, die Eigentumsverhältnisse unmittelbar zu verändern, aber wirtschaftliche Subsidiarisierung geht natürlich mit einer – wünschenswerten – Dezentralisierung wirtschaftlicher Macht einher. Und auf lange Sicht werden sich auch die Eigentumsverhältnisse der strukturellen Veränderung anpassen müssen. Für den Erfolg beider Runden ist übrigens entscheidend, dass sie unter einem Schutzschild von Importkontingenten und Zöllen durchgeführt werden.

ÖP: Wie dezentralisiert man die Wirtschaft?

GZ: Vorauszuschicken ist, dass die wirtschaftlichen Akteure in einer marktwirtschaftlichen Ordnung ganz natürlich dazu neigen, möglichst viel Kapital und Macht anzusammeln. Das Streben nach Expansion ist nicht verwerflich, aber es muss geregelt und auf eine förderliches Maß begrenzt werden. Die wichtigste Aufgabe der Wirtschaftspolitik besteht deshalb darin, die wirtschaftlichen Strukturen immer wieder angemessen zu dezentralisieren, um alle Bürger selbstbestimmt am Wirtschaftsleben teilnehmen und teilhaben zu lassen. Da Besteuerung die beste Methode der Steuerung ist, ergibt sich ein einfaches Prinzip: Betriebsstätten können nach Branchen unterteilt progressiv besteuert werden, beispielsweise bei zunehmendem Verbrauch an Ressourcen, zunehmender Menge an Abfall und Emissionen, zunehmender Mitarbeiterzahl und zunehmender Wochenarbeitszeit.

ÖP: Den Rest regelt dann der Markt von allein?

GZ: Ja, es bleibt der unternehmerischen Freiheit überlassen, bis zu welchem Punkt sich die Expansion unter der zunehmenden Steuerlast lohnt oder wann ein Teil eines Unternehmens besser veräußert wird, um den erzielten Ertrag zum Beispiel in qualitativen Fortschritt zu investieren, der keiner Besteuerung unterliegt.

ÖP: Welche Vorteile bringen subsidiäre Strukturen?

GZ: Neben dezentraler Vielfalt und Verantwortung, die Voraussetzung für hohe Beschäftigungsstände und sorgsamen Umgang mit den natürlichen Lebensgrundlagen sind, fördern sie den binnenwirtschaftlichen Wettbewerb einerseits »horizontal« innerhalb einzelner Ebenen, wobei die Reichweite auf den unteren Ebenen lokal und regional begrenzt ist und dadurch unterschiedliche nationale Produktivitätsniveaus automatisch gegeneinander abgegrenzt werden. Andererseits fördern sie den »vertikalen« Wettbewerb zwischen den verschiedenen Ebenen, speziell zwischen arbeits- und kapitalintensiven Produktionen, die bei subsidiärer Strukturierung innerhalb einer Branche koexistieren können. Alles in allem stehen dann Produktion und Produktivitätsfortschritt uneingeschränkt im Dienste der gesellschaftlichen Wohlfahrt.

ÖP: Wie stellt man den Außenhandel um?

GZ: Gedeihlicher Außenhandel ist nur zu erwarten, wenn Länder ihre spezifischen Vorteile entwickeln können. Diese Vorteile sind in ihren natürlichen Ressourcen, aber auch in ihren kulturellen Traditionen begründet. Durch die Ausprägung spezifischer Vorteile ergeben sich naturgemäß beträchtliche territoriale Unterschiede bei Produktivitäten und Produkten. Beides ist nicht nur unvermeidlich, sondern für die Vielfalt des Welthandels und den durch Außenhandel induzierten Fortschritt absolut wünschenswert und zukunftsweisend. Eine wirtschaftliche Globalisierung muss diese Vielfalt fördern und nutzen. Der dafür geeignete ökonomische Mechanismus ist übrigens seit zweihundert Jahren bekannt: Statt den Außenwettbewerb wie im neoliberalen System um absolute Preisvorteile in US-Dollar und Euro zu führen und dabei die natürliche Vielfalt mit ihren gewachsenen Kreisläufen durch Dumping und Verdrängungswettbewerb zu dezimieren, kann der Wettbewerb nutzbringend mit relativen Preisvorteilen ausgetragen werden. Dazu sind Handelsvereinbarungen erforderlich.

ÖP: Was für Handelsvereinbarungen wären das?

GZ: Vor allem muss vereinbart werden, regelmäßig Wechselkurse zu berechnen, die das durchschnittliche Preisgefälle, und damit indirekt auch das Produktivitätsgefälle, bezogen auf einen Warenkorb bilateral zu handelnder Produkte neutralisieren, so dass im Durchschnitt eine ständige Kaufkraftparität zwischen den Währungen besteht. Das heißt, der Preis eines durchschnittlich teuren Handelsprodukts in inländischer Währung ergibt bei Umrechnung mit dem Wechselkurs genau den Preis, den dasselbe Produkt im Ausland in ausländischer Währung hat. Noch einfacher gesagt, würden Reisende, wenn sie beim Grenzübertritt ausländische Devisen erwerben, für die durchschnittlich teuren Produkte umgerechnet dieselben Preise zahlen wie im Inland. Aber es geht ja hier nicht vorrangig um Tourismus, sondern um Außenhandel. Deshalb müssen sich Handelspartner darüber hinaus gegenseitig Autonomie bei der Bestimmung von Handelsmengen sowie Zöllen zur Feinabstimmung von Importpreisen zugestehen, damit sie importierte Produkte konstruktiv in ihren Binnenwettbewerb einbinden können.

Da der Binnenwettbewerb seiner Natur nach immer um absolute Preise geführt wird, müssen sich die wirtschaftlichen Akteure grundsätzlich zunächst im Binnenwettbewerb bewähren. Wenn sie darüber hinaus in ein bestimmtes Land exportieren wollen, müssen sie als wichtigste Voraussetzung ihre Produkte zu Preisen anbieten, die im Verhältnis zum Durchschnittspreis aller bilateralen Handelsprodukte niedriger sind als beim Handelspartner und Konkurrenten – jeweils auf der Basis von Wechselkursen, die das durchschnittliche Preisgefälle neutralisieren. Ihre Produkte müssen also einen »komparativen Preisvorteil« haben, wie das im ökonomischen Jargon heißt. Dieser Vorteil erwächst aus relativ höherer, nicht aus absolut höherer Produktivität. Ob die Produkte dann tatsächlich exportiert werden (können), hängt letztlich von den autonomen Entscheidungen des Handelspartners ab. Die absoluten Produktivitäten und Preise spielen unter diesen Bedingungen somit keine Rolle mehr, so dass auch völlig unterschiedlich entwickelte Länder miteinander konstruktiv Handel betreiben können. Aus komparativen Vorteilen können sich im Außenhandel genau kalkulierbare Wohlstandsgewinne ergeben und, wenn qualitatives Wachstum zur Grundlage gemacht wird, auch nachhaltige Wohlfahrt.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Demographie und Altersvorsorge, Eignungstest für Politiker, Exzesse des Kapitalismus, Wirtschaftliche Regionalisierung, Ungleichverteilung, Armut und Klimawandel, Vollbeschäftigung sowie Wirtschaftliche Subsidiarität.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

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