Effizienz und Produktivität

Die Wirtschaftlichkeit von Produktionsfaktoren und Produktionsprozessen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Effizienz
  3. Produktivität
    > Echte Produktivitätssteigerungen
    > Neoliberale Scheinproduktivität
  4. Ausblick

1. Überblick

ProduktivitätJPG02Es zeigt sich, dass in der Definition von Produktivität der Schlüssel für eine zukunftsfähige Globalisierung liegt: Statt Produktivität aus einer isolierten Kapitaleffizienz herzuleiten, muss sie sozial und ökologisch definiert sein, sprich: sie muss eine soziale und ökologische Funktion erfüllen. Das heißt, die von den Produktionsprozessen verursachten externen Kosten müssen ausnahmslos den Produktionsfaktoren zugeschlagen werden, um Eingang in die Preisbildung zu finden und Anreize zur ihrer Vermeidung zu schaffen. Ein erfolgversprechender Weg für eine Neudefinition von Produktivität führt vom derzeitigen neoliberalen Konzentrationsprozess hin zu einer Dezentralisierung, besser: Subsidiarisierung wirtschaftlicher Struktur und Aktivität, die alle Bürger einbezieht und ihnen die Verantwortung für die humanen und natürlichen Ressourcen ihres lokalen und regionalen Umfeldes unmittelbar überträgt.

2. Effizienz

ProduktionsfaktorenPNG01Der Begriff Effizienz wird im wirtschaftlichen Zusammenhang vorwiegend für die Wirtschaftlichkeit des Einsatzes der drei Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital) verwendet.

Der Begriff kann sich aber auch auf die Wirtschaftlichkeit von Produktionsprozessen beziehen und ist dann gleichbedeutend mit dem Begriff Produktivität.

Siehe dazu den nachfolgenden Abschnitt Produktivität.

Die drei Produktionsfaktoren sind sehr umfassend zu verstehen:

  1. Der Faktor Arbeit (Humankapital) umfasst die unterschiedlichen Formen körperlicher und geistiger Arbeit, die zugehörige Aus- und Weiterbildung sowie alle unternehmerischen und gesellschaftlichen Aufwendungen zum Erhalt der Arbeitskraft der Erwerbsbevölkerung.
  2. Der Faktor Naturressourcen (Naturkapital) umfasst Grund und Boden, Wasser, Luft, nicht-erneuerbare wie erneuerbare Rohstoffe (zum Beispiel Mineralien bzw. Holz) und Energieträger sowie alle unternehmerischen und gesellschaftlichen Aufwendungen zum Erhalt der Ressourcen.
  3. Der Faktor Kapital (zunächst: Sach- oder Realkapital) umfasst Gebäude, Maschinen, Werkzeuge, Energien und immaterielle Güter wie Erfindungen, Verfahren und die politisch-rechtliche Ordnung sowie alle unternehmerischen und gesellschaftlichen Aufwendungen zur Förderung des Sachkapitals. Geldkapital zählt ebenfalls zum Faktor Kapital, weil es jederzeit gegen Sachkapital getauscht werden kann, aber mehr noch, weil es im Zuge der Geldschöpfung von Zentralbank und Geschäftsbanken wirtschaftliche Anreize für die Schöpfung neuen Sachkapitals und schließlich neuer Endprodukte schafft.

Beim effizienten Einsatz der Produktionsfaktoren geht es darum,

  1. die Fähigkeiten aller Arbeitskräfte möglichst kostengünstig zu nutzen und zu erhalten,
  2. die Naturressourcen möglichst kostengünstig zu nutzen und ihren Bestand für die menschliche Nutzung dauerhaft zu sichern,
  3. das Sachkapital so zu entwickeln, zu produzieren und einzusetzen, dass Arbeitskräfte und Naturressourcen so effizient wie möglich eingesetzt werden und die zu produzierenden Produkte so sozial- und umweltverträglich wie möglich beschaffen sind. (Produktionskapital wird als abgeleiteter oder derivativer Faktor bezeichnet, weil es, im Gegensatz zu den originären Faktoren Arbeit und Naturressourcen, selbst Ergebnis eines Produktionsprozesses ist.)

Im Gegensatz zur Effizienz der Produktionsfaktoren geht es bei der effizienten (produktiven) Gestaltung von Produktionsprozessen ganz allgemein darum, ein bestimmtes Ergebnis mit möglichst geringem Mitteleinsatz zu erzielen bzw. mit vorgegebenen Mitteln das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

Grundsätzlich ist Effizienz von Effektivität zu unterscheiden: Während sich Effizienz darauf bezieht, wie wirtschaftlich ein Produktionsfaktor eingesetzt oder wie wirtschaftlich ein Produktionsprozess durchgeführt wird, sagt die Effektivität aus, wie geeignet und wirksam ein Faktor oder ein Prozess grundsätzlich ist, ein angestrebtes Ergebnis zu erzielen. Populär ausgedrückt: Man ist effizient, wenn man die Dinge richtig tut, und man ist effektiv, wenn man die richtigen Dinge tut.

Zurück zu den Produktionsfaktoren: Bei der Bestimmung ihrer Effizienz kann es zwischen der betriebswirtschaftlichen und der volkswirtschaftlichen Berechnungsgrundlage Widersprüche und Missverhältnisse geben, die, wie es unter neoliberalen Bedingungen der Fall ist, auf eine mangelhafte wirtschaftspolitische Regelung und Steuerung hindeuten. Etwa wenn es Unternehmen erlaubt ist, beliebig zu fusionieren und Kapital zu konzentrieren, um Arbeitsplätze abzubauen und ihre Wettbewerber preislich zu unterbieten, oder Rohstoffe beliebig auszubeuten und in Abfall zu verwandeln. Dadurch steigen dann zwar rein rechnerisch die betriebswirtschaftlichen Effizienzen, aber gleichzeitig sinkt die volkswirtschaftliche Effizienz, weil Arbeitskräfte und Naturressourcen ineffizient zugeordnet und eingesetzt und schließlich zerstört werden.

Mit anderen Worten: Wenn Unternehmen in einem Umfeld mangelhafter wirtschaftspolitischer Regelung und Steuerung ihre Kapitalrendite auf Kosten der Faktoren Arbeit und Naturressourcen maximieren, gehen von ihren betrieblichen Produktionsprozessen negative externe Effekte aus, das heißt, sie erzeugen externe Kosten, für die sie selbst nicht aufkommen müssen, die aber die Faktoren Arbeit und Naturressourcen beschädigen. Die vermeintliche Kapitaleffizienz entpuppt sich dann als vom Kapital verursachte Fehlallokation aller drei Faktoren. Ein wirklich effizienter Einsatz des abgeleiteten Faktors Kapital – einschließlich einer nachhaltigen Kapitalrendite – kann sich nur aus dem effizienten Einsatz der originären Faktoren Arbeit und Naturressourcen ergeben. Eine von den originären Faktoren unabhängige Kapitaleffizienz ist also per definitionem nicht möglich.

Zusammenfassend gilt für die betriebswirtschaftliche Effizienz: Sie ist umso höher,

  1. je angepasster die Qualifikation und je optimaler der Einsatz der Arbeitskräfte,
  2. je sparsamer und schonender der Einsatz der nicht-erneuerbaren und erneuerbaren natürlichen Ressourcen, und
  3. je höher der Auslastungsgrad der Produktionseinrichtungen (des Produktionskapitals) ist.

Die volkswirtschaftliche Effizienz schließt die Kriterien der betriebswirtschaftlichen Effizienz ein, darüber hinaus ist sie umso höher,

  1. je höher die Erwerbstätigenquote ist, also je mehr Erwerbspersonen auf der produktiven Seite des Wirtschaftsleben teilnehmen,
  2. je regelmäßiger und genauer die Einkommen und die Arbeitszeiten dem Produktivitätsfortschritt angepasst werden,
  3. je gleichmäßiger und leistungsgerechter die Verteilung der angepassten Einkommen in der Bevölkerung mit dem Ziel funktionsfähiger und vielfältiger Wirtschaftskreisläufe ist, und
  4. je nachhaltiger der Einsatz der natürlichen Ressourcen erfolgt, das heißt, bis zu welchem Grad die nicht-erneuerbaren Ressourcen in Stoffkreisläufen wiederverwendet werden (technisches Recycling) oder durch erneuerbare Ressourcen ersetzt werden, und bis zu welchem Grad die erneuerbaren Ressourcen regeneriert werden (biologisches Recycling).

Allgemein gilt: Bei maximaler volkswirtschaftlicher Effizienz der Faktoren Arbeit und Naturressourcen – aus der sich, wie gesagt, bei entsprechender wirtschaftspolitischer Regelung und Steuerung immer eine maximale Effizienz des Faktors Kapital ergibt – erreicht eine Volkswirtschaft ihr Wohlfahrtsoptimum, also die bestmögliche Zukunftssicherung. Siehe dazu auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt)

Da die volkswirtschaftliche Effizienz außerhalb des unmittelbaren Interesses der Akteure des privaten wie auch des öffentlichen Wirtschaftssektors liegt, muss sie – um die Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft nicht zu gefährden – gemäß der obigen Definition wirtschaftspolitisch geregelt und gesteuert werden. Konkreter heißt das: Die wirtschaftspolitische Regelung und Steuerung muss so gestaltet sein, dass die betrieblichen Produktionsprozesse statt sozialer Kosten soziale Erträge erzeugen und möglichst geringe oder keine externen Umweltkosten verursachen und das Aggregat der betriebswirtschaftlichen Effizienzen eine möglichst hohe (positive) volkswirtschaftliche Effizienz ergibt. Kurz gesagt: Die wirtschaftspolitische Regelung und Steuerung muss auf das Wohlfahrtsoptimum, also auf Vollbeschäftigung und Umweltschutz gerichtet sein.

Bei ungenügender oder nicht zielgerichteter Wirtschaftspolitik, wie es unter der gegenwärtigen neoliberalen Doktrin der Fall ist, entsteht zulasten der Faktoren Arbeit und Naturressourcen eine Tendenz zur Dominanz des Faktors Kapital und der Kapitalrendite. Eine Entwicklung, die nicht nur volkswirtschaftlich, sondern langfristig auch betriebswirtschaftlich ineffizient ist, weil sie die Lohnentwicklung und damit auch die Kaufkraftentwicklung von der Produktivitätsentwicklung abkoppelt und dadurch die Wirtschaftskreisläufe schwächt oder gar zerstört und somit schließlich auch den Kapitaleignern schadet. Die Dominanz des Faktors Kapital zulasten der Faktoren Arbeit und Naturressourcen ist in der Marktwirtschaft immer ein sicheres Anzeichen für kapitalistische Auswüchse (siehe auch den Artikel Exzesse des Kapitalismus).

3. Produktivität

Produktivität ist, wie gesagt, eine Messzahl für die Effizienz (Wirtschaftlichkeit) der Produktionsprozesse. Aussagen zur Produktivität können sich auf eine Volkswirtschaft, einen Wirtschaftssektor, eine Branche, ein einzelnes Unternehmen oder ein einzelnes Produkt beziehen. Die Produktivität sagt in jedem Fall aus, mit welchem Einsatz von Produktionsfaktoren (Input) ein bestimmter Ausstoß an Gütern oder Dienstleistungen (Output) produziert wird. Der Gesamteinsatz aller Produktionsfaktoren für eine Produktivitätsberechnung ergibt sich aus der Summe der Einzelfaktoren, von denen jeder mit Menge und Preis in die Berechnung eingeht. Im Falle einer Volkswirtschaft entspricht das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dem Produktionsergebnis.

In der Praxis wird die Gesamtproduktivität oft vereinfachend als Output von Gütern oder Dienstleistungen pro Arbeitsstunde ausgewiesen und dann als »Arbeitsproduktivität« bezeichnet. Diese Berechnungsgrundlage ist praktisch und problematisch zugleich, weil sie zwar die Gesamtproduktivität zum Ausdruck bringt, aber den Anschein erweckt, als werde diese nur vom Faktor Arbeit bestimmt. Die »Arbeitsproduktivität« sagt deshalb nichts über die Effizienz der einzelnen Faktoren und auch nichts über die Effizienz der eingebrachten Arbeit aus. Trotzdem ist diese Produktivitätsermittlung gut geeignet, um innerhalb von Branchensegmenten Vergleiche anzustellen. Zum Beispiel kann die »Arbeitsproduktivität« für eine Produktionsstätte ausgewiesen werden und ist dann als Ausstoß einer bestimmten Anzahl von Produkten pro Arbeitsstunde zu einem bestimmten Lieferpreis definiert. Wenn die Produktionsstätte in neue, schnellere Maschinen investiert, die einen höheren Ausstoß von Produkten zur Folge haben, steigt dadurch die ausgewiesene »Arbeitsproduktivität«, obwohl die Produktivität der Arbeitskräfte, isoliert betrachtet, nicht zugenommen hat.

Echte Produktivitätssteigerungen

Echte Produktivitätssteigerungen sind gegeben, wenn die Steigerung betriebswirtschaftlicher Produktivitäten zugleich zu einer sozial und ökologisch nachhaltig verträglichen Steigerung der volkswirtschaftlichen Produktivität führt.

Produktivitätssteigerungen ergeben sich, wenn die Produktionsfaktoren effizienter eingesetzt und die Produktionsprozesse optimaler gestaltet werden, beispielsweise

  1. beim Faktor Arbeit, wenn die Ausbildung von Arbeitskräften verbessert wird oder die Arbeitsabläufe optimiert werden und dadurch Arbeitszeit eingespart wird.
  2. beim Faktor Naturressourcen, wenn bei gleichbleibendem Ausstoß von Produkten der Rohstoff- und/oder der Energieverbrauch verringert wird bzw. Rohstoffe nachhaltiger genutzt werden, das heißt, wenn Rohstoffe möglichst geringfügig beschädigt und/oder in nachgeordneten Prozessen effizient technisch bzw. biologisch recycelt werden, und wenn Energie zunehmend aus erneuerbaren Quellen gewonnen wird.
  3. beim Faktor Kapital, wenn bessere oder kostengünstigere Maschinen installiert, bessere Produktionsabläufe eingeführt oder die politisch-rechtlichen Bedingungen verbessert werden.

Die hervorstechende Eigenschaft wirtschaftlicher Produktivität ist denn auch, dass sie sich grenzenlos immer weiter steigern lässt. Die Menschheit hat sich bisher auch nie davon abhalten lassen, mit möglichst geringem Arbeits- und Ressourceneinsatz möglichst viele und möglichst hochwertige Produkte zu erzeugen, um für ihre über das rein Existentielle hinausgehenden sozialen und kulturellen Bedürfnisse Raum und Zeit zu schaffen. Gegen hohe Produktivität und das Bestreben, sie ständig weiter zu erhöhen, lässt sich daher grundsätzlich nichts einwenden.

Allerdings können Volkswirtschaften nur unter den Bedingungen qualitativen Wachstums und Fortschritts sicher sein, dass sie bei zunehmender Produktivität ihr Volksvermögen nicht aufzehren, sondern vermehren.

Qualitatives Wachstum ist gegeben, wenn die Kreisläufe nicht-erneuerbarer und erneuerbarer Ressourcen dichter geschlossen, zunehmend erneuerbare Energien genutzt und die erzeugten Produkte bezüglich ihrer Nutzung und Entsorgung verbessert, also effizienter und effektiver werden. Im theoretischen, aber anzustrebenden Zustand vollkommen geschlossener Kreisläufe nicht-erneuerbarer und erneuerbarer Ressourcen sowie ausschließlicher Nutzung erneuerbarer Energien hat die Menge an Ressourcen, die für einen Produktionsprozess oder ein Produkt eingesetzt werden, keinen Einfluss mehr auf die Faktoreffizienz und die Produktivität der Prozesse, weil keine externen Kosten mehr verursacht werden, immer vorausgesetzt, alle in einer Volkswirtschaft benötigten Mengen an Ressourcen können bereitgestellt werden.

Allgemein ausgedrückt ist das ein anzustrebender Zustand, in dem die sozialen Verhältnisse innerhalb einer Volkswirtschaft durch wirtschaftliche Aktivitäten laufend verbessert werden und der Zustand der Umwelt auf einem qualitativ hohen Niveau stabilisiert wird. Das menschliche Wirtschaften wird in diesem Zustand quasi von der Erbsünde sozialer und ökologischer Ausbeutung befreit (siehe auch den Artikel Produktionsfaktoren)

Neoliberale Scheinproduktivität

Im Gegensatz zu den oben genannten anzustrebenden Bedingungen ist bei der Bestimmung von Produktivitäten unter den herrschenden neoliberalen Verhältnissen zu beachten, dass die meisten wirtschaftlichen Aktivitäten, wie erwähnt, zusätzlich negative externe Effekte (externe Kosten) wie zum Beispiel gesundheitliche Beeinträchtigungen oder Umweltbelastungen verursachen, deren Preise den Produktionsfaktoren meist nicht zugerechnet werden und dadurch die ausgewiesenen Gesamtproduktivitäten fälschlicherweise erhöhen. Unter neoliberalen Verhältnissen haben die von wirtschaftlichen Aktivitäten ausgehenden negativen externen Effekte sowohl im sozialen Bereich – mit Unterbeschäftigung, Massenarbeitslosigkeit und Armut – als auch im ökologischen Bereich – mit Ausbeutung von Ressourcen, Klimawandel, Artensterben und der Gefährdung der Nahrungskette – infolge rückläufiger wirtschaftspolitischer Steuerung ein bislang nicht gekanntes Ausmaß der existentiellen Gefährdung von Mensch und Natur angenommen. Für weitere Einzelheiten empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Preisbildung und Wirtschaftliche Externalitäten.

Da der Faktor Arbeit bei den meisten Produktionen die höchsten Kosten verursacht, ist es naheliegend, Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen, also die Produktionsabläufe zu automatisieren und zu rationalisieren. Bei rückläufiger wirtschaftspolitischer Steuerung und somit auch schwindender Macht der Gewerkschaften, wie es im gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaftssystem der Fall ist, erweist sich der Abbau von Arbeitsplätzen durch Automatisierung und Rationalisierung als wirkungsvolle Art der betrieblichen Produktivitätssteigerung, weil Unternehmen anschließend weder höhere Lohnkosten noch eine Verkürzung von Arbeitszeiten fürchten müssen. Dadurch öffnet sich jedoch eine Schere aus steigenden betriebswirtschaftlichen (Schein-) Produktivitäten und stagnierenden oder sinkenden Reallöhnen, so dass allgemein die Kaufkraft sinkt und früher oder später, je nach Anteil der Exportgeschäfte, auf die Produzenten in Form sinkender Inlandsumsätze zurückschlägt. Anders ausgedrückt: Wenn Löhne und Arbeitszeiten nicht dem produktiven Fortschritt angepasst werden, schwindet die Dynamik der Wirtschaftskreisläufe, weil Angebote auf sinkende Nachfrage treffen.

Wenn die Löhne bei steigender Produktivität, zum Beispiel infolge Automatisierung, nicht erhöht bzw. die Wochenarbeitszeiten nicht gesenkt werden, ist das immer ein Alarmsignal, das auf mangelhafte wirtschaftspolitische Steuerung und den Niedergang der gesellschaftlichen Wohlfahrt hindeutet. Ein Gegensteuern mittels erhöhter Exportproduktion wirkt nur vorübergehend und führt schließlich zu extremer Ungleichverteilung und gesellschaftlicher Spaltung. Die gegenwärtige Entwicklung in Deutschland ist das herausragende Beispiel für extreme Exportlastigkeit und ihre Folgen unter den herrschenden neoliberalen Verhältnissen.

Für die volkswirtschaftliche Produktivität lässt sich die Notwendigkeit der Erfassung externer Kosten am eindringlichsten am Beispiel des Faktors Arbeit demonstrieren: In die Berechnung müssen nicht nur alle Arbeitslöhne und sonstigen Arbeitsvergütungen – als Preise für die Arbeit – einfließen, die als solche existenzsichernd sind, sondern auch alle staatlichen Transferleistungen, die der Existenzsicherung prekär Beschäftigter und Arbeitsloser dienen. Die Transferleistungen sind die Kosten, die – ökonomisch ausgedrückt – für die Beschädigung des Faktors Arbeit durch prekäre Arbeitsverhältnisse und Arbeitslosigkeit anfallen. Je höher der Anteil von Transferleistungen am Gesamtpreis des Faktors Arbeit und damit auch am Gesamteinkommen der Erwerbsfähigen ist, desto stärker ist der Arbeitsmarkt beschädigt und desto größere soziale Ungleichgewichte bestehen und: desto größer ist der negative Einfluss auf die volkswirtschaftliche Gesamtproduktivität. Genau genommen muss die Kostenerfassung sogar in die Zukunft fortgesetzt werden, weil soziale Ungleichgewichte und Verwerfungen mittel- und langfristige Folgekosten nach sich ziehen – beispielsweise durch psychosomatische Erkrankungen und Drogenmissbrauch der Betroffenen, durch Benachteiligungen der heranwachsenden Generation und durch einen Anstieg der Kriminalität.

Bei andauernder Verlagerung (Externalisierung) unternehmerischer Kosten steuern die Produktionsprozesse unaufhaltsam ihrem natürlichen Ende entgegen: Gesellschaftliche Ordnungen lösen sich auf, nicht-erneuerbare Ressourcen gehen zur Neige und erneuerbare Ressourcen werden zerstört. Die Antwort auf die häufig gestellte Frage, warum es bei anscheinend weltweit steigender Produktivität zunehmende Unterernährung und Armut gibt, beantwortet sich auf kurze Sicht zwar durch die Tatsache der systembedingt zunehmenden Ungleichverteilung, auf lange Sicht aber noch einschneidender durch die systembedingt verfälschten Produktivitäten, also die Scheinproduktivitäten, und die von ihnen ausgehende Wertevernichtung, die früher oder später auf die gesamte menschliche Gesellschaft zurückschlägt. Eine gerechtere Verteilung des neoliberal vermeintlich erwirtschafteten »Wohlstands«, wie sie oft gefordert wird (Motto: »Es ist genug für alle da.«) scheidet damit als dauerhafte Lösung der Armutsbekämpfung und der Zukunftssicherung aus.

Als treibende Kraft der hohen Scheinproduktivitäten erweist sich das für die ganze neoliberale Entwicklung verantwortliche Expansionsstreben unternehmerischer Akteure, das sich im politikfreien Raum völlig ungezügelt ausleben kann und in der neoliberalen Doktrin als Wachstumsparadigma seine ideologische Verklärung gefunden hat. Der übergroßen Produktionskapazität, die im ständigen Streben nach Expansion und unter dem Druck des globalen Wettbewerbs aufgebaut wird, steht in entwickelten Industrieländern infolge der allgemeinen Sättigung der typischen neoliberalen Güter- und Dienstleistungsmärkte – sowie infolge abnehmender Beschäftigung (verstärkt durch zu hohe, nicht angepasste Wochenarbeitszeiten), sinkender Reallöhne und rückläufiger öffentlicher Investitionen – logischerweise eine nachlassende Nachfrage gegenüber. Diesem Missverhältnis versuchen die globalen Akteure mit Innovations- und Exportinitiativen zu begegnen und verschlimmern dadurch die Lage immer weiter. Zugleich drängen neue Schwellenländer auf die Exportmärkte und erhöhen das weltweite Angebot zusätzlich, während die Kaufkraft in den importierenden Industrieländern weiter sinkt. In diesem Teufelskreis bietet sich schließlich nur noch eine einzige Möglichkeit an, dem Kostendruck im globalen Wettbewerb standzuhalten: nämlich die Ausbeutung gesellschaftlicher und natürlicher Ressourcen. Davon machen die Unternehmen – mit politischer Duldung und Unterstützung – regen Gebrauch, und so wird das neoliberale Kartenhaus aus Scheinproduktivitäten und Scheingewinnen immer höher aufgetürmt, bis es irgendwann unter der eigenen Last zusammenbrechen wird.

Die extreme neoliberale Entwicklung verdeutlicht, dass in der Definition von Produktivität der Schlüssel für eine zukunftsfähige Globalisierung liegt: Statt Produktivität nur aus isolierter Kapitaleffizienz herzuleiten, muss sie sozial und ökologisch definiert sein, also eine soziale und ökologische Funktion erfüllen, indem die von den Produktionsprozessen verursachten externen Kosten ausnahmslos den Produktionsfaktoren zugeschlagen werden, dadurch Eingang in die Preisbildung finden und damit Anreize zur ihrer Vermeidung entstehen. Ein erfolgversprechender Weg für eine Neudefinition von Produktivität führt vom derzeitigen neoliberalen Konzentrationsprozess hin zu einer Dezentralisierung, genauer gesagt zu einer Subsidiarisierung wirtschaftlicher Struktur und Aktivität, die alle Bürger ins Wirtschaftsleben einbezieht und ihnen die Verantwortung für die humanen und natürlichen Ressourcen ihres lokalen und regionalen Umfeldes unmittelbar überträgt.

4. Ausblick

Zunächst bedarf es der wirtschaftlichen und politischen Einsicht, dass es eine abstrakte, von sozialer und ökologischer Verantwortung losgelöste Produktivität nicht geben kann, dass sich Produktivität nur im Kontext einer humanen Zweckdienlichkeit denken lässt: nämlich das Leben erträglicher und angenehmer zu gestalten – und zwar dauerhaft. Die Wirtschaft muss den Menschen dienen, und nicht umgekehrt, lautet nicht ohne Grund eine bekannte Binsenwahrheit. Das heißt aber auch: Die Wirtschaftskreisläufe müssen dort gestaltet und verantwortet werden, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt haben: nämlich überall vor Ort. Damit erklärt sich der Sachverhalt, dass echte volkswirtschaftliche Produktivität in der Regel mit dem Grad der Dezentralität oder besser: der Subsidiarität der Produktionsstruktur steigt, weil damit zugleich die Einbindung, Selbstbestimmung und Verantwortung der wirtschaftlichen Akteure zunimmt. Subsidiarität bedeutet qualifizierte Dezentralisierung, weil sie eine produktionstechnische Hierarchie darstellt: der Anspruch an Kapital und Technologie nimmt zu den oberen Ebenen hin zu und die Arbeitsintensität entsprechend ab. Es entsteht flächendeckende wirtschaftliche Vielfalt auf den unteren, arbeitsintensiven Ebenen und anspruchsvolle, kapitalintensive Produktion an ausgesuchten zentralen Standorten (siehe auch die Artikel Wirtschaftliche Subsidiarität und Skalenerträge und Produktivität).

Die ungeteilte Verantwortung vor Ort ist der Ausgangspunkt für echte Wertschöpfung und echte Produktivität und die Gewähr dafür, dass der Fortschritt von den produktiv tätigen Menschen in den Dienst ihrer Mitmenschen und ihrer natürlichen Umwelt gestellt wird. Die dezentralisierte Verantwortung schließt logischerweise die entscheidende Bedingung ein, dass Kosten nicht ohne Zustimmung vom heimischen Ort wirtschaftlicher Aktivität auf fremde Orte übertragen (externalisiert) werden dürfen. Somit wird bereits mit der Dezentralisierung bzw. Subsidiarisierung als solcher eine »automatische«, inhärente Barriere gegen die willkürliche Verlagerung (Externalisierung) wirtschaftlicher Kosten errichtet. Über diese Inhärenz hinaus sind aber gesetzliche und steuerliche Maßnahmen erforderlich, die im Sinne des Verursacherprinzips Verpflichtungen und Anreize schaffen, durch wirtschaftliche Prozesse verursachte externe Kosten (negative externe Effekte) nach dem jeweiligen Stand der Technik so weit wie möglich zu vermeiden. Zunächst als unvermeidlich erscheinende Kosten sind in die unternehmerischen Bilanzen und die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einzubeziehen (zu internalisieren), um sie zu dokumentieren und schnellstmöglich zu bekämpfen.

Um den Akteuren die Konsequenzen ihres Handelns unmittelbar vor Augen zu führen und sie zu gegenseitiger Verpflichtung und Gemeinsinn zu bewegen, sind kleinräumige, nach oben offene Wirtschaftskreisläufe erforderlich. In gestaffelt (subsidiär) strukturierten Wirtschaftskreisläufen lässt sich sozialer Fortschritt erzielen, indem die abhängig Beschäftigten an den Früchten des von ihnen miterzeugten Produktivitätsfortschritts angemessen beteiligt werden. Ihre Teilhabe kann beispielsweise sichergestellt werden durch eine gesetzlich und tarifrechtlich geregelte Kombination aus Wochenarbeitszeit, die bei steigender Produktivität gesenkt, und Arbeitslohn, der gleichzeitig erhöht wird, ergänzt durch eine anteilige Kapitalrendite. Diese Kombination stellt sicher, dass die für Vollbeschäftigung erforderliche Zahl an Arbeitsplätzen im Zuge des technischen Fortschritts erhalten bleibt, dass Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot sogar sehr flexibel aufeinander abgestimmt werden können, dass alle Beschäftigten ihren Beitrag zum Fortschritt und zur Entwicklung einer besseren Welt leisten können, und dass mit einer stets optimalen Einkommensverteilung die Wirtschaftskreisläufe in Gang gehalten werden und für optimale Wohlfahrt gesorgt ist.

Intakte dezentrale, aber zu oberen Ebenen hin offene Wirtschaftskreisläufe sind als Fundament für eine zukunftsfähige, post-neoliberale wirtschaftliche Globalisierung unabdingbar.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

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