Faktorpreisausgleich

Die Tendenz zur Angleichung der Preise der Produktionsfaktoren »Arbeit«, »Naturressourcen« und »Kapital« im internationalen Freihandel

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die historischen Wurzeln des Begriffs
  3. Der Faktorpreisausgleich im neoliberalen Freihandel
  4. Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte
  5. Auswirkungen auf die Ressourcenmärkte
  6. Auswirkungen auf die Kapitalmärkte
  7. Die systembedingten Widersprüche
  8. Ökonomische Bewertung des neoliberalen Freihandels
  9. Faktorpreisausgleich unter sozialökologisch marktwirtschaftlichen Bedingungen

1. Überblick

FaktorpreisausgleichJPG01Im gegenwärtigen Freihandel der neoliberalen Globalisierung findet weltweit eine Angleichung (Konvergenz) der Faktorpreise, also der Arbeitslöhne, Ressourcenpreise und Kapitalzinsen statt, und zwar in absoluten Preisen in US-Dollar (der globalen Quasi-Leitwährung). Diese Entwicklung ist historisch ohne Beispiel und wird von Befürwortern und Nutznießern des Freihandels damit gerechtfertigt, die Angleichung führe zu weltweit gleichen sozialen und ökologischen Standards und schließlich zu gleichem Wohlstand auf hohem Niveau. Empirisch belegen lässt sich dagegen, dass der neoliberale Faktorpreisausgleich unmittelbar für Ungleichverteilung, Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltbeschädigung verantwortlich ist (siehe auch den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung).

2. Die historischen Wurzeln des Begriffs

Der Begriff Faktorpreisausgleich taucht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in mehreren wirtschaftstheoretischen Arbeiten auf, zum Beispiel im Heckscher-Ohlin-Theorem und im Lerner-Samuelson-Theorem. Mit diesen Arbeiten wurde versucht, die internationalen Handelsströme (die Handelsstruktur) auf die unterschiedlichen Ausstattungen der Länder mit Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital) zurückzuführen und daraus eine zwingende Angleichung der Faktorpreise abzuleiten.

Die Theoreme gehen von der Annahme aus, dass bei freiem Güterhandel und vollständiger Konkurrenz, jedoch ohne grenzüberschreitende Bewegung der Produktionsfaktoren, arbeitsreiche Länder dazu tendieren, ihren komparativen Kostenvorteil beim Faktor Arbeit (in Form niedriger Löhne) zu nutzen, um arbeitsintensive Güter zu exportieren und kapitalintensive zu importieren. Umgekehrt wird angenommen, dass kapitalreiche Länder dazu tendieren, ihren komparativen Kostenvorteil beim Kapital (in Form niedriger Zinsen) zu nutzen, um kapitalintensive Güter zu exportieren und arbeitsintensive zu importieren. Daraus wird der Schluss gezogen, dass sich die vorteilhaften Faktoren, also Arbeit bzw. Kapital, im Zuge der durch die Spezialisierung bedingten erhöhten Nachfrage verknappen und verteuern, die ursprünglichen komparativen Vorteile aufzehren und zu einer Angleichung der relativen Faktorpreise (der Faktorpreisverhältnisse) der Handelspartner führen.

Wenn die restriktiven und statischen Annahmen der Theoreme zuträfen, müssten die internationalen Handelsströme früher oder später völlig versiegen, weil alle preislichen Anreize, die von komparativen Vorteilen ausgehen, wegfielen. Es hat seither viele vergebliche Versuche gegeben, die internationale Handelsstruktur modellhaft darzustellen und zu erklären. Keines der Modelle konnte empirisch widerspruchsfrei untermauert werden, weil die Hintergründe, die Länder dazu bewegen, bestimmte Produkte zu exportieren oder zu importieren, sehr vielfältig, sehr spezifisch und im technologischen Fortschritt laufender Veränderung unterworfen sind. Allein der umfangreiche Handel mit gleichartigen Produkten (der Intrabranchenhandel), mit dem Handelspartner ihre Angebotsvielfalt erhöhen, ohne sich von komparativen Vorteilen leiten zu lassen, beweist, dass es keine allgemeingültige und einfache Erklärung für die internationale Handelsstruktur geben kann, und: dass auch der Faktorpreisausgleich im freien Güterhandel nicht zwingend ist.

3. Der Faktorpreisausgleich im neoliberalen Freihandel

FaktorpreisausgleichJPG02Es gäbe keinen Grund, die oben genannten Theoreme auch nur zu erwähnen, wenn nicht der Begriff Faktorpreisausgleich im Zusammenhang mit dem neoliberalen Freihandel neu aufgetaucht wäre – und zwar als »Beweis« für die vermeintlichen Wohltaten dieses in der Wirtschaftsgeschichte beispiellosen Freihandels und mit der unterschwelligen Verheißung, die Welt sei auf gutem Wege zu einem einheitlichen Wirtschaftsraum mit einheitlichen sozialen und ökologischen Standards und gleichverteiltem Wohlstand.

Der heute auf weitgehend deregulierten Märkten stattfindende Faktorpreisausgleich, der, wie sich zeigen wird, eine in der Wirtschaftsgeschichte einzigartige Zerstörungskraft entwickelt, ist durch das Zusammenspiel dreier Tatbestände geprägt:

  1. Die große Heterogenität der technologischen Entwicklungsstände sowie der sozialen und ökologischen Standards der Handelspartner.
  2. Die Zwangsläufigkeit, den Wettbewerb auf offenen globalen Märkten mit absoluten Preisen auszutragen – auch um weltweit direkte Preisvergleiche zu ermöglichen –, die den US-Dollar zur »natürlichen« Quasi-Leitwährung des Welthandels gemacht hat. Das heißt, komparative Kosten- und Preisvorteile können, da die Bedingungen offener globaler Märkte nicht den Annahmen der oben genannten Theoreme entsprechen, gar nicht zum Tragen kommen
  3. Im Gegensatz zu einer der Prämissen der genannten Theoreme, herrscht weltweit eine unbegrenzte Mobilität der Produktionsfaktoren. Das heißt, neben den für Endabnehmer bestimmten Gütern und Dienstleistungen werden auch Naturressourcen (knappe nicht-erneuerbare wie auch nicht nachhaltig erzeugte erneuerbare Rohstoffe) und Zwischenprodukte sowie Geld- und Sachkapital (Industrieanlagen, Maschinen, Ausrüstungen, etc.) grenzüberschreitend bewegt und gehandelt, und auch Arbeitskräfte können sich auf supranationalen und globalen Arbeitsmärkten zunehmend frei bewegen (Arbeitsmigration).

Siehe dazu den Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet).

Weltmarktpreise bilden sich im direkten Wettbewerb des neoliberalen Freihandels bei End- und Zwischenprodukten wie auch beim Sachkapital im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage, lediglich beeinflusst bzw. eingeschränkt durch Transportkosten und noch bestehende Handelsbeschränkungen, besser gesagt: durch letzte von geschädigten Ländern unter dem neoliberalen Regime der Welthandelsorganisation (WTO) verteidigte sinnvolle Schutzmaßnahmen. Was geschädigte Länder zu verteidigen suchen, ist, in Bezug auf zukunftsfähige ökonomische Verhältnisse, in der Tat sinnvolle Protektion, die jedoch von der WTO als unbegründeter Protektionismus geächtet wird. Wegen des Rückzugs sinnvoller Protektion werden Länder, deren Preisniveau in US-Dollar – zunehmend auch in der zweiten Quasi-Leitwährung Euro – oberhalb des jeweiligen Weltniveaus liegt, in wiederholten Zyklen einem enormen Kostendruck auf die eigenen Produktionsfaktoren ausgesetzt; dabei sind die Standortfaktoren und der Faktor Arbeit besonders betroffen (siehe ergänzend auch den Artikel Protektion und Protektionismus).

Infolge des Preisdrucks von Billigimporten und infolge von Substitutionseffekten bei den Produkten werden auch rein binnenwirtschaftlich ausgerichtete Branchen und Sektoren vom Kostendruck erfasst. Gleichzeitig entstehen wettbewerbsbedingte Anreize, Sachkapital, also Produktionseinrichtungen einschließlich der zugehörigen Arbeitsplätze, in Länder zu transferieren, die niedrigere Löhne und Preise aufweisen und höhere Kapitalrenditen versprechen. Umgekehrt entstehen Anreize, Fachkräfte mit exportspezifischen Fähigkeiten sowie sonstige Arbeitskräfte aus Ländern mit niedrigen Standards anzuwerben, um dem wettbewerbsbedingten Kostendruck durch Druck auf Löhne und Arbeitskosten zu begegnen.

Kennzeichnend für den Faktorpreisausgleich im neoliberalen Freihandel ist, dass sich die Preise in den entwickelten Ländern beständig auf das weltweit tiefste Niveau zubewegen, während Schwellenländer zunächst aufholen und erst mit Verzögerung von der Abwärtsspirale erfasst werden. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen, weil die weitgehend von sozialen und ökologischen Vorgaben befreite Preisbildung die Freiheit zum Dumping einschließt (siehe auch den Artikel Wirtschaftliches Dumping) und die Akteure sich deshalb immer wieder neue Spielräume für Kosten- und Preissenkungen zunutze machen.

Antriebskraft für diese Art des Faktorpreisausgleichs ist das Expansionsstreben (das Streben nach quantitativem Wachstum) industrieller und finanzwirtschaftlicher Akteure, die sich auf deregulierten Märkten einen Verdrängungswettbewerb liefern. Dadurch entsteht kostenbedingt eine Tendenz zur Konzentration von Kapital und weltweiten Kapitalverflechtung (Oligopol- und Monopolbildung) und zu kapitalintensiver, rein exportorientierter Wertschöpfung. Zunehmend werden standardisierte Produkte mit hohen Skalenerträgen und Größenvorteilen für globale Märkte hergestellt, die das weltweite Handelsvolumen zulasten binnenwirtschaftlicher Produktionen und Kreisläufe in die Höhe treiben. Das sichert die Existenz einer Minderheit von Akteuren, die Produktionsfaktoren für die Exportproduktion anbieten können, während die Mehrheit der Akteure im Wettbewerb mit Billigimporten verdrängt wird. (Die produktionstechnischen Hintergründe sind im Artikel Skalenerträge und Produktivität dargestellt.)

4. Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte

Bei den abhängig Beschäftigten bildet sich ein oberes, exportorientiertes Segment, dessen Anforderungsspektrum aufgrund fortschreitender internationaler Spezialisierung immer enger und spezifischer wird, das aber derzeit in Deutschland noch eine etwa gleichbleibende Zahl an Arbeitsplätzen mit attraktiven, der Produktivitätsentwicklung folgenden Löhnen bei zugleich hoher Arbeitsbelastung bereithält; daneben existiert ein schrumpfendes mittleres Segment mit unsicheren Arbeitsplätzen sowie ein wachsendes unteres Segment mit prekären Löhnen, die weit hinter der Produktivitätsentwicklung zurückbleiben und durch staatliche Transferleistungen aufgebessert werden müssen. Im mittleren und unteren Segment nehmen strukturbedingte Überqualifizierung, Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit zu.

5. Auswirkungen auf die Ressourcenmärkte

Bei den Ressourcen sind grob drei Kategorien zu unterscheiden:

  1. Die politisch beeinflussbaren Standortfaktoren wie Grundstückspreise, Steuern und gesetzliche Auflagen, die durch den globalen Kostendruck preislich bzw. bezogen auf die geltenden Standards nach unten tendieren und dadurch die Ausbeutung beschleunigen.
  2. Die Naturressouren, die tatsächlich oder vermeintlich noch nicht knapp (noch nicht ausgebeutet) sind, tendieren preislich ebenfalls nach unten, wodurch sich ihre Ausbeutung ebenfalls beschleunigt.
  3. Tatsächlich knappe Ressourcen oder solche, deren endgültige Ausbeutung absehbar ist, wie Erdöl, Buntmetalle und Seltene Erden, tendieren preislich nach oben. Mangels wirtschaftspolitischer Steuerung bestehen keine oder ungenügende Anreize, nicht-erneuerbare Ressourcen in möglichst geschlossenen Kreisläufen wiederzuverwenden (zu recyceln) oder durch erneuerbare Ressourcen zu ersetzen (zu substituieren). Bei erneuerbaren Ressourcen fehlen Anreize, sie nur im Rahmen ihrer natürlichen Regenerationsfähigkeit zu nutzen. Insgesamt besteht die Gefahr der ineffizienten Nutzung samt schädlicher Emissionen und Abfälle sowie die Gefahr der unwiderruflichen Ausbeutung.

6. Auswirkungen auf die Kapitalmärkte

Die Zinsen bzw. Renditen für Geld- und Sachkapital gleichen sich weltweit infolge des freien Kapitalverkehrs immer wieder an. Nationale und supranationale Zinspolitiken der Zentralbanken zeigen bei ungeregelten globalen Kapitalbewegungen nur geringe und kurzfristige Wirkung. Mangels wirtschaftspolitischer Steuerung sind Kapitaleigner in der Lage, ihr produktives Sach- und Geldkapital aus seinen ortsgebundenen sozialen und ökologischen Verpflichtungen zu lösen, um es auf transnationaler Ebene mit dem Ziel höchster Rendite äußerst beweglich einzusetzen. Da ein derart von Gesellschaft und Umwelt abstrahierter Kapitaleinsatz nicht effizient und somit auch nicht nachhaltig ist, werden die Kapitalmärkte und ihre Akteure von den Beschädigungen, die sie den anderen Faktormärkten zufügen, früher oder später eingeholt (ein herausragendes Beispiel ist im Artikel Finanzmarktkrise 2008 dargestellt).

7. Die systembedingten Widersprüche

Maßnahmen, mit denen versucht wird, die schädlichen Auswirkungen des neoliberalen Freihandels auf die Produktionsfaktoren einzudämmen, erweisen sich als kontraproduktiv. Initiativen zur Stimulierung des Wirtschaftswachstums, wie etwa die Senkung von Unternehmenssteuern, lenken zusätzliches Produktionskapital in kapitalintensive Exportindustrien und lösen dort in der Regel einen begrenzten Wachstumsschub aus. Die gesamtwirtschaftliche Wachstumsrate kann nach derartigen Initiativen jedoch sogar sinken, weil erhöhte Kapitalintensität die Arbeitsnachfrage und die Kaufkraft nach unten drücken und damit die binnenwirtschaftlichen Kreisläufe schwächt.

Durch Bildungs- und Innovationsvorsprung kann der Verfall der Faktorpreise punktuell verlangsamt, aber dauerhaft nicht gestoppt werden, weil der Wettbewerb mit Preisvorteilen in Dollar oder Euro dafür sorgt, dass andere Länder schnellstmöglich nachziehen. Veränderungen des Lohnniveaus sind sogar in beide Richtungen schädlich: Wenn sinkenden Löhnen mit tarifvertraglichen Erhöhungen begegnet wird, entsteht zusätzliche Arbeitslosigkeit, weil die Unternehmen mit erhöhter Kapitalintensität oder Abwanderung von Arbeitsplätzen reagieren. Wenn Löhne vorbeugend gesenkt werden, um die globale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen, werden weitere Arbeitnehmer vom begrenzten und sinkenden Volumen staatlicher Transferleistungen abhängig, das heißt: die Armut nimmt trotz (vorübergehend) gesicherter Arbeitsplätze zu.

Die Widersprüche beweisen erneut, dass ein selbstzerstörerisches Wirtschaftssystem keine Möglichkeit bietet, nachhaltig ertragreiche Strategien anzuwenden, weder zum Wohle der Menschen, noch zur Bewahrung der Umwelt.

8. Ökonomische Bewertung des neoliberalen Freihandels

Die Entwicklung zum neuzeitlichen Neoliberalismus wurde und wird von unternehmerischen Eigeninteressen vorangetrieben. Die ökonomische Einordnung und Rechtfertigung des neoliberalen Freihandels erfolgt ex post und stützt sich auf Elemente verschiedener Lehrmeinungen, insbesondere auf das Laissez-faire-Prinzip, den Vorrang von Produktion und Angebot gegenüber Konsum und Nachfrage, die territoriale Spezialisierung und Konzentration von Kapital, vermeintlich auch auf den komparativen Vorteil (siehe ganz unten) und auf die Vorstellung, der private Wirtschaftssektor stabilisiere sich auf offenen globalen Märkten selbsttätig und sorge für Beschäftigung und Wohlstand. Der Faktorpreisausgleich wird als Bestätigung dafür ins Feld geführt, dass sich im Freihandel weltweit einheitlich nutzbringende Standards herausbilden und der Wohlstand gleichmäßig verteilt.

Der Neoliberalismus ist umfassend in folgenden Artikeln beschrieben: Neoliberaler Teufelskreis, Neoliberale Wirtschaftsdoktrin, Neoliberale Scheinargumente sowie Neoliberalismus alt und neu.

Der empirische Beweis für die Selbststabilisierung des privaten Sektors bei Verzicht auf wirtschaftspolitische Steuerung ist weder für nationale oder supranationale Volkswirtschaften noch gar für eine globale Ökonomie erbracht. Die Vereinnahmung des komparativen Vorteils als wohlstandsmehrendes Handelsprinzip ist offenkundig ungerechtfertigt, wenn beliebige Preisbildung mit absoluten Preisvorteilen in US-Dollar oder Euro den Wettbewerb bestimmt.

Unbestritten ist, dass Länder ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) erhöhen können, wenn sie im globalen Freihandel und Wettbewerb zu den Gewinnern zählen. Ihre Gewinne müssen sie allerdings im Lichte von Kostendruck, Spezialisierung und Kapitalkonzentration einschließlich der zugehörigen externen Effekte wie Ungleichverteilung, Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltbeschädigung sehen (siehe dazu auch Wirtschaftliche Externalitäten). Die Vorstellung, Eigeninteressen, die auf ungeregelten Märkten ohne soziale und ökologische Verpflichtung verfolgt werden, würden dem Gemeinwohl dienen, ist ökonomisch nicht begründbar und praktisch widerlegt.

9. Faktorpreisausgleich unter sozialökologisch marktwirtschaftlichen Bedingungen

Zukunftsfähiger internationaler Handel schließt konstruktiven internationalen Wettbewerb ein, der nur auf der Grundlage bilateral vereinbarter, die durchschnittlichen Preisunterschiede neutralisierender Wechselkurse und der aus diesen Wechselkursen abzuleitenden komparativen, relativen (nicht absoluten) Preisvorteile zu realisieren ist.

Im einzelnen heißt das, ein international wettbewerbsfähiges Produkt lässt sich bei bilateralen Wechselkursen, die das durchschnittliche Preisgefälle – und damit indirekt auch das durchschnittliche Produktivitätsgefälle – zwischen zwei Handelspartnern neutralisieren, durch seinen relativen Preisvorteil erkennen und wird dadurch zum potentiellen Exportprodukt. Der relative Preisvorteil eines bestimmten, von zwei Handelspartnern unabhängig produzierten Produkts wird identifiert, indem jeder Handelspartner in seiner Landeswährung den Quotienten aus dem Produktpreis und dem Durchschnittspreis aller zu handelnden Produkte berechnet (Produktpreis geteilt durch Durchschnittspreis). Der Handelspartner mit dem kleinsten Quotienten, also dem niedrigsten relativen Preis, hat bei dem Produkt im bilateralen Verhältnis einen komparativen, relativen Preisvorteil und damit ein potentielles Exportprodukt. Produkte mit relativem Preisvorteil sind bestimmend für die Handelströme und die Handelsstruktur.

Das Land, das ein Produkt importiert, das beim Handelspartner einen relativen Preisvorteil hat, erzielt aus der Differenz zwischen seinem (höheren) Binnenpreis und dem (niedrigeren) Importpreis – auf der Grundlage des vereinbarten Wechselkurses – einen Handelsgewinn. Aus der Höhe des Handelsgewinns lassen sich zugleich Zoll und Importkontingent ableiten (beide von Handelspartnern gegenseitig zugestanden), mit denen der Import bezüglich Marktpreis und Importmenge konstruktiv in den Binnenwettbewerb eingebunden werden kann. Anders ausgedrückt: Mit Zöllen und Importkontingenten etablieren Handelspartner eine gegenseitig wohlstandsförderliche Protektion der eigenen wirtschaftlichen Strukturen, während unsinniger Protektionismus ausgeschlossen wird.

Der Preisvergleich (die Komparation) sollte also nicht, wie noch von David Ricardo auf der Grundlage von Produktionskosten vorgeschlagen, auf einzelne Produktpaare bezogen sein, sondern jeweils auf das Verhältnis von inländischem Produktpreis und inländischem Durchschnittspreis aller Handelsprodukte. Das hat den Vorteil, dass sich komparative, relative Vorteile und Nachteile auch in dynamischen und multi-bilateralen Handelsbeziehungen jederzeit mühelos identifizieren und nutzen lassen.

Die Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel enthalten eine ausführliche Darstellung des Handels auf der Grundlage komparativer, relativer Vorteile.

Alles in allem gilt:

Auf der Grundlage komparativer, relativer Preisvorteile können

  • beliebig unterschiedlich entwickelte Länder gleichberechtigt Handel miteinander betreiben,
  • gegenseitig Handelsgewinne realisieren und
  • im Wettbewerb ihre Innovationskraft und ihre Produktivität steigern.

Der Handel mit Produktionsfaktoren, besonders bezogen auf Kapitaltransfers und Arbeitsmigration, muss dabei besonders strikt geregelt und begrenzt sein, um Verzerrungen und Verdrängungen auszuschließen. Der Faktorpreisausgleich bezieht sich unter den dargestellten zukunftsfähigen Bedingungen nicht auf absolute Faktorpreise – schon deshalb nicht, weil keine Leitwährung im Spiel ist, die einen absoluten Vergleich ermöglichte –, sondern jeweils auf die Faktorpreisverhältnisse der Handelspartner. Deren Veränderung beeinflusst naturgemäß indirekt die relativen Preise der Handelsprodukte und damit die Handelsströme (die Handelsstruktur). Im günstigsten Fall geschehen diese Veränderungen fortgesetzt und wechselseitig und sind Ausdruck des durch den konstruktiven internationalen Wettbewerb bewirkten Produktivitätsfortschritts. Da sich durch den Fortschritt das durchschnittliche Preis- und Produktivitätsgefälle zwischen Handelspartnern verändert, müssen die bilateralen Wechselkurse, wie oben dargestellt, in regelmäßigen Abständen neu berechnet werden, um beidseitig gleiche Handelsgewinne sicherzustellen.

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Factor Price Equalization

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