Klassische und Neoklassische Lehre

Der Ursprung der systematischen Wirtschaftswissenschaften – eine angebotsorientierte Denkschule

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Rückblick und Begriffsklärung
    > Klassik und Neoklassik stimmen weitgehend überein
    > Klassik und Neoklassik unterscheiden sich in einem Punkt
  3. Die Klassische Lehre
  4. Die Neoklassische Lehre
  5. Allgemeine Kritik
  6. Die Ratlosigkeit der ökonomischen Denkschulen
  7. Umrisse eines zukunftsfähigen Globalisierungsparadigmas
  8. Die Schlussfolgerung ist eindeutig:

1. Überblick

Die wirtschaftpolitische Auseinandersetzung wird immer noch von ökonomischen Theorien bestimmt, die sich schon unter den früheren Bedingungen nationalstaatlicher Autonomien als nur bedingt tauglich erwiesen haben. Die Rückwärtsgewandtheit wird bestimmt von klassischen, neoklassischen und keynesianischen Vorstellungen, die bei zunehmender »Marktliberalisierung« jedoch nur noch ergebnislose Dauerdispute provozieren. Trotz allem kann die Beschäftigung mit den historischen Theorien dazu beitragen, die gegenwärtige Entwicklung besser einzuordnen und den Weg zu einem zukunftsfähigen ökonomischen Paradigma aufzuzeigen, das die wirtschaftliche Globalisierung mit der gesellschaftlichen Wohlfahrt versöhnt.

2. Rückblick und Begriffsklärung

Die systematische Wirtschaftswissenschaft beginnt mit dem schottischen Moralphilosophen und Nationalökonomen Adam Smith (1723 bis 1790). Sein Hauptwerk »An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations« (zu deutsch etwa: »Eine Untersuchung des Wesens und der Ursachen des Wohlstands der Nationen«) bildet die Grundlage für die im 18. Jahrhundert entstehende Klassische Lehre. Mitte des 19. Jahrhunderts wird die Klassische durch die Neoklassische Lehre abgelöst, die ihrerseits in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts für einige Jahrzehnte vom Keynesianismus verdrängt wird, bis sie in den sechziger Jahren durch den Monetarismus und beginnend mit dem Scheitern der Nachkriegsordnung (dem Scheitern des Bretton-Woods-Systems) in den siebziger Jahren in Gestalt des neuzeitlichen Neoliberalismus eine Renaissance erlebt.

Klassik und Neoklassik stimmen weitgehend überein:

Erstens darin, dass sie von einem idealtypischen wirtschaftlichen Akteur ausgehen, der stets über vollständige Information und Voraussicht verfügt und seine Entscheidungen eigennützig und rational trifft, um als Produzent oder Konsument den jeweils größtmöglichen persönlichen Gewinn bzw. Nutzen zu erzielen. Für diesen fiktiven Akteur, der aus heutiger Sicht nicht dem wirklichen Menschenbild entspricht, wird im 19. Jahrhundert der Begriff Homo oeconomicus geprägt.

Zweitens darin, dass beide Denkschulen die von Smith benutzte Metapher der unsichtbaren Hand (invisible hand) für sich in Anspruch nehmen, mit der die »geheimnisvolle« Funktion freier Märkte symbolisiert werden soll, die (vermeintlich) keiner zentralen Steuerung bedarf: Akteure produzieren Güter und Dienstleistungen für wildfremde Leute, denen sie eigentlich keine Fürsorge schulden, oder erwerben umgekehrt Güter und Dienstleistungen von wildfremden Leuten. Sie tun das, weil sie sich ausschließlich von ihrem Eigeninteresse und Eigennutz leiten lassen, um im Wettbewerb und Austausch miteinander den jeweils größtmöglichen persönlichen Gewinn bzw. Nutzen zu erzielen, dienen dabei aber zugleich – unbeabsichtigt und zwangsläufig – dem Gemeinwohl. Diese Metapher wird gerade im gegenwärtigen Neoliberalismus häufig so interpretiert, als stelle jedwede Regelung und Steuerung der Märkte eine Versündigung an den Prinzipien der Marktwirtschaft dar.

Zukunftsfähig ist die Marktwirtschaft jedoch nur, wenn sichergestellt ist, dass die Akteure ihren Eigennutz und Freiheitsdrang im Rahmen politisch vereinbarter sozialer und ökologischer Regelungen ausleben können und so zum Wohle von Gesellschaft und Umwelt beitragen.

Drittens darin, dass beide Denkschulen völlig flexible Preise, Löhne und Zinsen unterstellen, die zur Folge haben, dass alle Märkte stets geräumt werden (jedes Angebot seine Nachfrage findet), also nach jeder Veränderung immer wieder einem neuen Gleichgewichtszustand zustreben. Da diese Annahme auch den Arbeitsmarkt einschließt, wird Arbeitslosigkeit von beiden Denkschulen als ein freiwillig gewählter Zustand betrachtet, das heißt, Anbieter von Arbeit verzichten freiwillig auf Teilnahme am Arbeitsmarkt, weil sie das Lohnniveau für zu niedrig halten. Die Erfahrung lehrt jedoch, dass Preise, Löhne und Zinsen starr sein können und Märkte nicht immer geräumt werden und dass es Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit sogar dann geben kann, wenn die Produktmärkte sich im Gleichgewicht befinden.

Klassik und Neoklassik unterscheiden sich in einem Punkt:

Der besteht darin, dass die Klassik von der Bildung »natürlicher« Preise ausgeht, die sich aus Arbeitskosten und Profit ergeben, während die Neoklassik die Marktpreise hervorhebt, die durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden. Allerdings ist die Neoklassik in diesem Punkt nicht konsequent, weil sie den Einfluss, den die Nachfrage bei freier marktwirtschaftlicher Preisbildung auf das Produktionsvolumen ausübt, ignoriert und deshalb, wie die Klassik, stetes wirtschaftliches Gleichgewicht annimmt. Diese Annahme bedeutet speziell, dass alle verfügbaren Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital) den Produktionsprozessen zu jeder Zeit vollständig zugeordnet (allokiert) sind und das Wachstum des Produktionsvolumens einzig durch das Wachstum der Produktionsfaktoren bestimmt wird (siehe auch Produktionsfaktoren).

Da beide Denkschulen nicht dem heutigen Erfahrungsstand entsprechen, kann von ihnen naturgemäß kein konstruktiver Beitrag für eine zukunftsfähige Entwicklung unserer Wirtschaft erwartet werden. Wegen ihrer Fixierung auf Produktion und Produktionswachstum werden beide als (einseitig) angebotsorientiert bezeichnet. Leider hat die Überbewertung der Angebotsseite einschließlich der daraus folgenden Einseitigkeit der wirtschaftspolitischen Regelung mit dem neuzeitlichen Neoliberalismus (der neoliberalen Globalisierung) einen in der Wirtschaftsgeschichte beispiellosen Höhepunkt erreicht. Das hat sich so ergeben, weil der Globalisierungsprozess von eigennützigen industriellen und finanzwirtschaftlichen Interessen getrieben ist, deren Protagonisten sich in einer transnationalen Sphäre, losgelöst von staatlicher Regelung eingerichtet haben und gerne auf Versatzstücke der Neoklassischen Lehre verweisen, um ihren Machenschaften einen quasi historisch begründeten wissenschaftlichen Anstrich zu geben. Im Lichte der immer weiter zurückgedrängten nationalen bzw. supranationalen (EU) Regelungen und des dadurch ausgelösten anarchischen globalen Wettbewerbs einschließlich seiner sozialen und ökologischen Verheerungen erscheinen derart rückwärtsgewandte Begründungen wenig glaubwürdig.

Zum Verständnis der gegenwärtigen Entwicklung empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Globalisierung, Neoliberalismus alt und neu, Neoliberaler Teufelskreis, Neoliberale Scheinargumente und Neoliberale Wirtschaftsdoktrin.

Unter den herrschenden Umständen ist es mein Anliegen, die Klassische und die Neoklassische Lehre in ihren Grundzügen verständlich darzustellen und zu verdeutlichen, dass es zur Überwindung des Neoliberalismus zeitgemäßer ökonomischer Vorstellungen bedarf, die auf den historischen Erfahrungen aufbauen. Dazu gehört auch das Verständnis des Keynesianismus, weil der ökonomische Diskurs und die wirtschaftspolitische Auseinandersetzung sich seit Jahren beständig um neoklassische und keynesianische Argumente drehen – ohne Aussicht, den Neoliberalismus jemals von seinen inneren Widersprüchen zu befreien. Ergänzend empfehle ich deshalb den Artikel Keynesianismus.

3. Die Klassische Lehre

Smith hatte seine geistigen Wurzeln in der Aufklärung und richtete deshalb seine ganze Überzeugungskraft gegen den Absolutismus seiner Zeit: den autoritären, hierarchisch geordneten Staat und die als Merkantilismus bezeichnete Wirtschaftsdoktrin, die auf die Festigung der Staatsmacht und die Mehrung des staatlichen Reichtums gerichtet war. In seinem Hauptwerk stellt er den selbstbestimmt, eigenverantwortlich und eigennützig handelnden Menschen in den Mittelpunkt und kommt zu dem Schluss, die im wirtschaftlichen Wettbewerb miteinander stehenden Individuen dienten, indem sie ihren eigenen Nutzen zu mehren suchten, unbeabsichtigt und zwangsläufig zugleich dem Allgemeinwohl. Folglich könne der Staat sich wirtschaftspolitisch zurückhalten und darauf beschränken, die Freiheit und Sicherheit seiner Bürger zu gewährleisten. Smith’ Überzeugung lässt sich vereinfachend auf die Formel bringen: Eigennutz schafft Gemeinnutz.

Der nach Smith’ Überzeugung stets wirtschaftlich rational handelnde Mensch, der erst später als Homo oeconomicus in die Wirtschaftsgeschichte einging, bildet die Grundlage für das Laissez-faire-Prinzip des klassischen Liberalismus, der individuelle Handels- und Gewerbefreiheit mit wirtschaftspolitischer Zurückhaltung des Staates verbindet. Ferdinand Lassalle, Gründer der sozialdemokratischen Bewegung in Deutschland, hat das Modell des zurückhaltenden Staates später als »Nachtwächterstaat« verhöhnt.

Um das Gemeinwohl sicherzustellen, setzt Smith einen funktionierenden Wettbewerbsmechanismus voraus, der als »unsichtbare Hand« (invisible hand) für ein ständiges Gleichgewicht zwischen individuellen und kollektiven Interessen sorgt. Produktion und Angebot haben für Smith Vorrang vor Konsum und Nachfrage. Entsprechend leitet er den Preis direkt aus Arbeitskosten und Profit her und bezeichnet ihn als »natürlichen« Preis, von dem sich der durch Angebot und Nachfrage entstehende Marktpreis niemals weit entfernt. Jedes Angebot schafft sich automatisch seine eigene Nachfrage, weil zusätzliche Güterproduktion stets höhere Einkommen und höhere Kaufkraft nach sich ziehen. Marktsättigung wird kategorisch ausgeschlossen, weil der Markt als unbegrenzt aufnahmefähig gilt. Somit kann die Nachfrage keinen originären Einfluss auf das Marktgeschehen ausüben. Wegen des an die Arbeitskosten gebundenen Preismechanismus pendeln sich überdies die Löhne auf einer Höhe ein, die allen Arbeitswilligen zu jeder Zeit einen Arbeitsplatz garantieren. Auch strukturelle Arbeitslosigkeit wird ausgeschlossen, weil Arbeitskräfte als untereinander uneingeschränkt austauschbar und als grenzenlos beweglich gelten. Arbeitslosigkeit ist für Smith deshalb immer ein freiwillig gewählter Zustand.

Mit seiner Sicht der strikten Abhängigkeit der Nachfrage vom produzierten Angebot und der ausnahmslos freiwilligen Arbeitslosigkeit legt Smith das Fundament für eine Angebotsökonomik, die sich – mit leicht veränderten Begründungen – über die Neoklassische Lehre bis in die Gegenwart in Gestalt des neuzeitlichen Neoliberalismus fortsetzt. Bei zunehmend gesättigten Märkten und strukturellen Verwerfungen sowie dem grenzüberschreitenden Lohnwettbewerb der neoliberalen Globalisierung bietet die Angebotsökonomik jedoch keine Lösung mehr für den Arbeitsmarkt.

Smith betont darüber hinaus die Bedeutung der internationalen Spezialisierung und Arbeitsteilung sowie der Kapitalakkumulation für den Produktivitätsfortschritt, das Wirtschaftswachstum und den Wohlstand der Nationen. Er sieht im absoluten Produktivitäts- bzw. Kostenvorteil das entscheidende Kriterium für die territoriale Spezialisierung zwischen Handelspartnern.

DavidRicardoDer Engländer David Ricardo (1772 bis 1823), der ebenfalls zu den Vertretern der Klassischen Lehre zählt, weist mit seinem Theorem des »Komparativen Vorteils« auf die Vorteile der Spezialisierung mittels relativer Produktivitäts- bzw. Kostenvorteile hin: Danach können zwei Länder gegenseitig Handelsgewinne erzielen, wenn jedes Land sich im Vergleich potentieller Handelsprodukte auf diejenigen Produkte spezialisiert und sie exportiert, bei denen es relative Kostenvorteile aufweist, und umgekehrt Produkte mit relativen Kostennachteilen importiert. So können Länder auch dann gegenseitig Handelsgewinne erzielen, wenn sie völlig unterschiedliche Produktivitätsniveaus aufweisen.

Außenhandelstheorie und Außenhandelspolitik lassen sich von beiden Klassikern, Smith wie auch Ricardo, bis auf den heutigen Tag unverantwortlich unkritisch beeinflussen: Die Doktrin der neoliberalen Globalisierung, die ein Produkt industriellen Expansionsstrebens ist, hat sich einem Verdrängungswettbewerb à la Smith mit absoluten Preis- bzw. Kostenvorteilen verschrieben, der eine Tendenz zur vollständigen internationalen Spezialisierung und Kapitalkonzentration und damit zu flächendeckender wirtschaftlicher Verödung (De-Industrialisierung) bewirkt.

Wenn uns schon Smith keinen Weg weisen kann, dann doch wohl Ricardo, sollte man meinen. Ja, aber auch Ricardos Theorem des Komparativen Vorteils, von dem die Protagonisten des neuzeitlichen Neoliberalismus zu Unrecht behaupten, es würde bereits weltweit angewendet, erfordert eine zeitgemäße Anpassung, um es unter den Bedingungen der heutigen komplexen multi-bilateralen Handelsbeziehungen gewinnbringend einzusetzen: Erstens müsste die Tendenz zur vollständigen internationalen Spezialisierung, die auch von Ricardo befürwortet wurde, wirtschaftspolitisch begrenzt werden, indem die wirtschaftlichen Betriebsstätten in einem dynamischen Prozess immer wieder dezentralisiert würden, und zweitens müssten die komparativen Vorteile, um sie im komplexen Umfeld identifizieren und dynamisch nutzen zu können, jeweils auf der Grundlage des durchschnittlichen bilateralen Preisgefälles berechnet werden, das sich zwischen zwei Handelspartnern aus den Durchschnittspreisen in Landeswährung aller zu handelnden Produkte ergibt. Dieses durchschnittliche Preisgefälle muss, um relative Vorteile gegenseitig nutzen zu können, zugleich den bilateralen Wechselkurs bestimmen.

Die theoretischen Grundlagen sowie praktische Beispiele der zeitgemäßen Nutzung komparativer Vorteile sind in den Artikeln Komparativer Vorteil – aufgewertet bzw. Zukunftsfähiger Außenhandel dargestellt.

4. Die Neoklassische Lehre

Sie entsteht in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und übernimmt von der Klassischen Lehre die Vorstellung von der »unsichtbaren Hand« und vom stetigen Gleichgewicht aller Märkte, stellt aber nun den Marktpreis in den Mittelpunkt, der sich aus dem Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage ergibt. Entsprechend wird der Wert und der Preis eines Gutes nicht mehr nur durch die objektiven Produktionskosten und den unternehmerischen Profit bestimmt, sondern vor allem durch den subjektiven Nutzen, der dem Konsumenten durch den Konsum zuteil wird.

Da die Nachfrage als wichtiger Einflussfaktor der Preisbildung und der Produktion erkannt wird, verschiebt sich der Schwerpunkt der ökonomischen Analyse vom Produktionsvolumen und seinem Wachstum zu der Frage, wie die knappen Produktionsfaktoren am besten zuzuordnen sind, um eine möglichst optimale Verteilung der Güter auf die Konsumenten und insgesamt eine möglichst optimale Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Dabei wird allerdings erstaunlicherweise, wie oben erwähnt, die Abhängigkeit des Produktionsvolumens von der Gesamtnachfrage nicht erkannt. Dieses Versäumnis erklärt den zentralen inneren Widerspruch der Neoklassischen Lehre: Dass sie zwar den Marktpreis anerkennt, jedoch wie die Klassik davon ausgeht, jedes beliebige Produktionsvolumen könne – jetzt bei flexiblem Preismechanismus – vom Markt absorbiert werden.

LeonWalrasDas neoklassische Gleichgewichtsmodell wird schließlich von dem französischen Nationalökonomen Léon Walras (1834 bis 1919) auf den Punkt gebracht: Er postuliert einen idealen Markt mit vollkommener Konkurrenz, vollständiger Information und vollständiger Voraussicht aller Marktteilnehmer sowie völlig flexiblen Preisen und Löhnen. Im ständig sich neu einpendelnden Gleichgewicht werden die Produktionsfaktoren optimal zugewiesen und jedes Angebot findet seine Nachfrage, auch auf dem Arbeitsmarkt. Da die Wirtschaft sich in seiner Vorstellung in einem beständigen Gleichgewichtszustand befindet, herrscht immer auch Vollbeschäftigung.

5. Allgemeine Kritik

Jede Angebotsökonomik, zu der auch der Monetarismus und der neuzeitliche Neoliberalismus zählen, lässt sich heute unter zwei Gesichtspunkten kritisieren:

  1. Unter der Annahme wirtschaftspolitisch autonomer Nationalstaaten mangelt es ihr angesichts knapper und zunehmend gefährdeter natürlicher Ressourcen und unübersehbarer quantitativer Sättigung der Märkte an Realitätssinn, wenn sie unbegrenztes Mengenwachstum anstrebt und zudem übersieht, dass Innovationen und neue Produkte die stagnierenden Bedürfnisse jeweils nur in substituierenden Konsum umlenken.
  2. Unter den real existierenden Bedingungen der neoliberalen Globalisierung verliert die »unsichtbare Hand« bei schwindendem wirtschaftspolitischen Einfluss der nationalen Volkswirtschaften ihre lenkende Wirkung. Der von Adam Smith so eindringlich beschworene Wettbewerbsmechanismus fällt auf offenen globalen Märkten dem beliebigen Preisdumping zum Opfer, so dass der Eigennutz der Akteure nicht mehr dem Gemeinwohl dient, sondern zum Selbstzweck verkommt, der sich letzten Endes auch gegen seine eigenen Protagonisten wendet.

6. Die Ratlosigkeit der ökonomischen Denkschulen

Der gegenwärtige Neoliberalismus, der eine extreme Variante von Monetarismus und Neoklassischer Lehre darstellt, ist den Nachweis des automatischen wirtschaftlichen Gleichgewichts, also der Selbstregulierung und Selbststabilisierung der Wirtschaft, bislang schuldig geblieben. Neoklassische Lehre und Keynesianismus sorgen dafür, dass sich die Kontroverse zwischen angebots- und nachfrageorientierter Theorie auch heute noch – mit einigen neuen Facetten – fortsetzt. Am eindrücklichsten lässt sich diese Kontroverse unter den Mitgliedern des Sachverständigenrats der deutschen Bundesregierung, den sogenannten fünf Wirtschaftsweisen, beobachten. Da die überlieferten Denkschulen von unrealistischen Annahmen ausgehen und überdies die exogenen (von außen kommenden) Einflüsse der neoliberalen Globalisierung auf die Nationalökonomien historisch ohne Beispiel sind, kann logischerweise nicht erwartet werden, dass die Kontroverse zu einer Lösung der globalisierungsbedingten Probleme führt.

7. Umrisse eines zukunftsfähigen Globalisierungsparadigmas

Einen Verdrängungswettbewerb mit absoluten Preisen (in Dollar oder Euro) auf offenen, national ungeregelten globalen Märkten einschließlich der Tendenz zu vollständiger territorialer Spezialisierung und Kapitalkonzentration hat es in der Wirtschaftsgeschichte bisher noch nicht gegeben. Wegen des inhärenten Widerspruchs zwischen der Doktrin der Deregulierung nationaler Märkte einerseits und der Forderung nach Maßnahmen zur Erzielung eines wirtschaftlichen Gleichgewichts mit Vollbeschäftigung andererseits stehen die tatsächlichen Chancen für Gleichgewicht und Vollbeschäftigung zwangsläufig schlecht. Dazu kommt die ernüchternde Erfahrung, dass es nur während des außergewöhnlichen Wachstums nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs gelungen ist, Vollbeschäftigung über mehrere Jahrzehnte sicherzustellen. Sicher scheint nur Eines: Im Umfeld der akademischen Ökonomik ist eine ökonomische Theorie, mit der Vollbeschäftigung auch bei geringem Wachstum und Stagnation herzustellen wäre, nicht in Sicht – was für mich die Motivation für das vorliegende Kompendium ist.

Wie jeder Beobachter leicht feststellen kann, sorgt der doktrinäre Widerspruch im Tagesgeschäft der Wirtschaftspolitik auf allen Ebenen für ein ständiges Hickhack zwischen Befürwortern und Gegnern der »Marktliberalisierung«. Solange die Befürworter ihre eigennützigen wirtschaftlichen Ziele verfolgen und den Gegnern nichts besseres einfällt, als auf historisch überholte ökonomische Theorien zurückzugreifen, wird es keinen Durchbruch auf dem Weg zu einer zukunftsfähigen wirtschaftlichen Globalisierung geben.

8. Die Schlussfolgerung ist eindeutig:

Die Doktrin der nationalen Deregulierung mit dem Ziel einer weltumspannenden Liberalisierung aller wirtschaftlichen Aktivitäten ist angesichts der verursachten sozialen und ökologischen Verheerungen offenkundig gescheitert. Insbesondere die Folgen der 2008 einsetzenden Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise lassen nur den Umkehrschluss zu, dass eine zukunftsfähige Globalisierung auf dem Fundament autonomer nationaler oder supranationaler Wirtschaftspolitiken aufbauen muss. Das heißt, nationale bzw. supranationale Wirtschaftsräume müssen zunächst ihre binnenwirtschaftlichen Aktivitäten auf nachhaltige Wohlfahrt ausrichten, um dann ihren internationalen Handel so zu regeln, dass ihre grenzüberschreitenden Transaktionen sich konstruktiv in ihre Binnenwirtschaft und ihren Binnenwettbewerb einfügen.

Als entscheidende Lehre aus den historischen Erfahrungen ist dabei zu berücksichtigen, dass weder die geld- oder steuerpolitische Stimulierung der Angebotsseite (der Produktion) noch die der Nachfrageseite (Investitionen und Konsum) allein dauerhafte Vollbeschäftigung garantieren. Denn beide zielen – direkt bzw. indirekt – lediglich auf eine Erhöhung der Produktion, ohne der natürlichen Tendenz zur Konzentration des Produktionskapitals entgegenzuwirken. Da Kapitalkonzentration zu flächendeckender Verödung der wirtschaftlichen Strukturen führt, kann eine Erhöhung der Produktionsmenge ohne Anpassung der Produktionsstruktur keine Beschäftigung und keine Gleichverteilung von Einkommen und Vermögen herbeiführen. Beides ist jedoch Voraussetzung für nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt (siehe dazu auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt).

Das heißt im Klartext:

Der Schlüssel zu Vollbeschäftigung, Wohlstand und Wohlfahrt liegt einzig in der Produktionsstruktur!

Die Prioritäten müssen also umgekehrt werden: Statt unkontrollierter Konzentration von Macht und Kapital muss eine geregelte Dezentralisierung, besser: eine geregelte Subsidiarisierung der wirtschaftlichen Strukturen im Vordergrund stehen. Die ist Voraussetzung für dezentral wahrgenommene demokratische Verantwortung und für breitgefächerte Teilnahme und Teilhabe aller Bürger am Wirtschaftsleben, also für Vollbeschäftigung und existenzsichernde Einkommen, aber auch für ökologische Nachhaltigkeit.

Steigerungen der Produktivität und der Produktionsmenge einschließlich der damit verbundenen Realisierung von Größenvorteilen und Skalenerträgen erfolgen dann strikt im Rahmen der vorgegebenen dezentralen (subsidiären) Strukturen. Damit ist sichergestellt, dass der wünschenswerte Produktivitätsfortschritt statt externer Kosten, wie im neoliberalen System, soziale Erträge sowie geringste ökologische Kosten oder sogar ökologische Erträge erzeugt.

Erst auf dem Fundament autonom gestalteter subsidiärer nationaler oder supranationaler Strukturen lässt sich eine zukunftsgerechte wirtschaftliche Globalisierung verwirklichen. Die Qualität der Schnittstellen, die über den Nutzen des Handels zwischen autonomen Wirtschaftsräumen entscheidet, misst sich daran, inwieweit die Außenwirtschaft der Entwicklung der Binnenwirtschaften der Handelspartner förderlich ist. Ertragreich kann der internationale Handel und Wettbewerb nur sein, wenn er auf der Grundlage relativer statt absoluter Preisvorteile stattfindet. Denn nur dann werden gegenseitige Verdrängungen und zunehmende Konzentrationen vermieden. Die Voraussetzung dafür ist ein kompromissloses Zurück zu Handelsvereinbarungen, in deren Mittelpunkt Wechselkurse stehen müssen, die das jeweilige Gefälle von Preisen und Produktivitäten neutralisieren, begleitet von gegenseitig zugestandener Autonomie, Zölle und Handelskontingente so festzulegen, dass die Binnenwirtschaften durch die Außenwirtschaft im Sinne von Fortschritt und Wohlfahrt stimuliert werden.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Subsidiarität, Prinzipien globaler Ordnung, Prinzipien regionaler Ordnung, Regionales Fundament, und Wirtschaftlicher Wettbewerb.

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