Komparativer Vorteil – aufgewertet

Zukunftsfähiger Außenhandel mit relativen Preisvorteilen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. David Ricardo: Begründer des »Komparativen Vorteils«
  3. Die zentrale Aussage des Theorems
  4. Das wirtschaftspolitische Anliegen dieses Beitrags
  5. Praktische Anwendung des Komparativen Vorteils
    > Schritt 1, Schritt 2, Schritt 3
  6. Zusammenfassung
    > Die Lehre für die Europäische Union
  7. Die Gefahren des Handels mit absoluten Vorteilen
    > Die absoluten Vorteile im neoliberalen Freihandel
  8. Ausblick

1. Überblick

Das Theorem des Komparativen Vorteils gilt noch immer als die herausragende ökonomische Entdeckung. Es wird jedoch wie kein anderer Lehrsatz verkannt, missverstanden und – neuerdings – von den Vertretern der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin zur Rechtfertigung ihres eigennützigen Treibens vereinnahmt. Im Lichte der durch diese Doktrin verursachten sozialen und ökologischen Verheerungen ist es angebracht, das Potential des Theorems zur Überwindung des gegenwärtigen neoliberalen Systems aufzuzeigen.

2. David Ricardo: Begründer des »Komparativen Vorteils«

Der Komparative Vorteil wurde erstmals 1815 von dem Ökonomen Robert Torrens beschrieben. David Ricardo, 1772 – 1823, einer der herausragenden Vertreter der Klassischen Lehre der Ökonomie, formalisierte das Theorem dann in seinem 1817 erschienenen Hauptwerk »On the Principles of Political Economy and Taxation«. Seither wird das Theorem auch als Ricardianisches Modell bezeichnet und gilt als zentrales Element der Außenwirtschaftstheorie. Siehe auch den Artikel Klassische und Neoklassische Lehre.

Hinweis: Ich werde im nachfolgenden Text statt »komparativer Vorteil« immer »relativer komparativer Vorteil« schreiben, um eine Verwechslung relativer und absoluter Vorteile auszuschließen. In der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur steht der Begriff »komparativer Vorteil« jedoch ohne Zusatz grundsätzlich für relative Vorteile. Auf den Unterschied zwischen relativen und absoluten Vorteilen gehe ich weiter unten ausführlich ein.

Relative komparative Vorteile sind relative Kosten- bzw. Preisvorteile, die sich aus dem Vergleich der internen Produktionskostenverhältnisse verschiedener Länder bei Autarkie ergeben. Genauer gesagt: Für ein Produkt 1 besteht ein relativer komparativer Preisvorteil, wenn sein Preis im Verhältnis zu dem Preis eines Produktes 2 (also der Quotient aus Preis 1 geteilt durch Preis 2 in Landeswährung) in einem Land A geringer ist als der Quotient der Preise identischer Produkte in Landeswährung eines Landes B. Die Quotienten sind die relativen Preise. Handelspartner können gegenseitig Handelsgewinne erzielen, wenn sie sich auf Produkte spezialisieren und diese exportieren, bei denen sie relative komparative Vorteile haben, bei denen also der relative Preis geringer ist als bei einem potentiellen Handelspartner.

Da bei relativen komparativen Vorteilen nur die Kosten- bzw. Preisverhältnisse der Produktionen entscheidend sind, nicht aber die absoluten Kosten bzw. Preise, können sie grundsätzlich von allen Ländern untereinander gewinnbringend im Handel genutzt werden, also völlig unabhängig von den Entwicklungs- und Produktivitätsniveaus der Länder. Kurz gesagt: Rückständige, wenig produktive Länder können mit fortschrittlichen, hochproduktiven Ländern unter Nutzung ihrer jeweiligen relativen komparativen Vorteile im Handel miteinander gegenseitig Gewinne realisieren. Diese einfache, aber geniale Erkenntnis ist es, die David Ricardo schon vor 200 Jahren formalisiert und dokumentiert hat.

Relative komparative Vorteile dürfen nicht mit absoluten Kosten- bzw. Preisvorteilen verwechselt werden, die den Wettbewerb innerhalb von Binnenwirtschaften, also innerhalb eines Währungsraums, wie auch innerhalb supranationaler Währungsräume, etwa der Eurozone, bestimmen. Aber auch im gegenwärtigen neoliberalen globalen Freihandel wird der Wettbewerb ganz überwiegend durch absolute Preisvorteile bestimmt, und zwar auf der Grundlage von US-Dollar-Preisen. Die Dollar-Preise geben den Ausschlag, weil die Wechselkurse zwischen Landeswährungen und US-Dollar infolge der weltweiten Valuta-Spekulationen keine verlässliche Grundlage für die Nutzung relativer komparativer Vorteile bieten (die entscheidende Rolle des Wechselkurses behandele ich unten im Abschnitt Praktische Anwendung des Komparativen Vorteils). Deshalb erübrigt sich gegenwärtig der Vergleich von internen Preisverhältnissen zwischen Handelspartnern, weil sich der absolute Preisvorteil unmittelbar aus dem direkten US-Dollar-Preisvergleich identischer Produkte ergibt. Der US-Dollar hat, weil er die am weitesten verbreitete Währung ist, die Funktion einer (Quasi-) Leitwährung im neoliberalen Freihandel übernommen. Und: soweit Länder sich vom Handel mit Dollar-Preisen Vorteile versprechen, sehen sie keine Notwendigkeit, bilaterale Verträge abzuschließen, die den Handel mit relativen komparativen Preisvorteilen regeln – ein Verhalten, das den wenigen Exportunternehmen nützt, die den internationalen Wettbewerb mit absoluten Preisvorteilen beherrschen, zugleich aber alle anderen Unternehmen wie auch ausnahmslos allen Volkswirtschaften Schaden zufügt.

Der Ökonom Paul Samuelson, Nobelpreisträger von 1970, war überzeugt, das Theorem des Komparativen Vorteils sei die einzige große Idee, die die Wirtschaftswissenschaft hervorgebracht habe. Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass sich die Bedeutung des Theorems erst dann voll und ganz erweisen wird, wenn es als Grundpfeiler einer post-neoliberalen Wirtschaftsordnung zum Tragen kommt. Dem soll hier mit einer möglichst gut verständlichen Darstellung auf die Sprünge geholfen werden.

3. Die zentrale Aussage des Theorems

KomparativerVorteilJPG01Grundsätzlich können alle Länder im Außenhandel nachhaltig Gewinne erzielen – und zwar unabhängig von ihrem Produktivitätsniveau –, wenn sie die im Vergleich zu ihren Handelspartnern unterschiedlichen Kosten- bzw. Preisverhältnisse in der Produktion von Gütern und Dienstleistungen, also ihre unterschiedlichen relativen Kosten bzw. die daraus abgeleiteten relativen Preise nutzen.

Unter den heutigen komplexen multilateralen Handelsbeziehungen kann das Ricardo-Theorem jedoch erst praktische Bedeutung erlangen, wenn der ins Endlose gehende Vergleich der Kostenverhältnisse von Produktpaaren mit sämtlichen Handelspartnern durch einen Vergleich der Preisverhältnisse von Produkten zum Durchschnittspreis aller Handelsprodukte, jeweils in Landeswährung, abgelöst wird. Praktisch heißt das: Ein Land hat bei denjenigen Produkten einen relativen komparativen Vorteil, die es, im Vergleich zu bestimmten Handelspartnern, relativ zum Durchschnittspreis aller Handelsprodukte preisgünstiger herstellt. Auf diese Produkte kann sich ein Land spezialisieren, um sie an die bestimmten Handelspartner zu exportieren. Umgekehrt hat ein Land bei denjenigen Produkten einen relativen komparativen Nachteil, die es, im Vergleich zu bestimmten Handelspartnern, relativ zu seinem Durchschnittspreis teurer herstellt. Diese Produkte kann ein Land von den bestimmten Handelspartnern importieren.

Die obige Karikatur spielt auf die verheerenden Folgen des neoliberalen Freihandels an, der von absoluten statt relativen Preisvorteilen bestimmt wird.

Zum Verständnis: Die durchschnittlichen Produktionskosten aller in einem bilateralen Verhältnis zu handelnden Produkte lassen sich sehr einfach indirekt über die Preise ermitteln, indem jeder Handelspartner die Inlandspreise dieser Produkte aufsummiert und die Summe durch die Anzahl der Produkte teilt. Ein Vergleich der Produktionskosten, der sehr viel aufwendiger ist, erübrigt sich damit. Ein Handelspartner A hat dann zum Beispiel bei einem Produkt einen relativen komparativen Vorteil gegenüber einem Handelspartner B, wenn sein Produkt im Verhältnis zum inländischen Durchschnittspreis preisgünstiger ist als das identische Produkt beim Handelspartner B im Verhältnis zu dessen inländischem Durchschnittspreis.

Relative komparative Vorteile sind auch deshalb eine einzigartig chancenreiche Grundlage für den Handel, weil sie sich zwischen allen Ländern jederzeit in großer Zahl und mit geringem Aufwand ermitteln lassen. Wenn zwei Handelspartner zufällig identische Preisverhältnisse für ein Produkt aufweisen, kann sich ein möglicherweise sogar gegenseitiger Handel gleichwohl lohnen, wenn über den Preis hinaus zum Beispiel funktionelle Unterschiede ins Gewicht fallen, die bei beiden Partnern die Angebotsvielfalt erhöhen.

Die Aussage des Theorems wird in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur oft auch in der für diese Disziplin typischen pseudowissenschaftlichen Art mit dem ökonomischen Begriff der Opportunitätskosten erklärt: Danach ist ein relativer komparativer Vorteil eines Produktes gleichbedeutend mit relativ niedrigen Opportunitätskosten, weil Länder bei der Produktion eines solchen Produktes im Vergleich zu bestimmten Handelspartnern auf relativ weniger Einheiten anderer Produkte verzichten müssen. Produkte, die einen relativen komparativen Nachteil aufweisen, gehen dagegen mit relativ hohen Opportunitätskosten einher, weil Länder bei deren Produktion im Vergleich zu bestimmten Handelspartnern auf relativ mehr Einheiten anderer Produkte verzichten müssen.

Zum Verständnis: Bezogen auf die Produktion sind Opportunitätskosten als entgangene Erträge zu verstehen, die in Kauf genommen werden müssen, wenn aus den vorhandenen Opportunitäten (den vorhandenen Produktionsmöglichkeiten) nicht die kostengünstigste/ertragreichste Produktionsalternative gewählt wird. Ein relativer komparativer Vorteil bedeutet also in diesem Sinne, dass ein Land im internationalen Vergleich über eine relativ ertragreiche Produktionsalternative verfügt.

4. Das wirtschaftspolitische Anliegen dieses Beitrags

Es geht mir in diesem Artikel darum zu erläutern,

  • warum das Theorem des Komparativen Vorteils so häufig verkannt und missverstanden wird,
  • warum es von der jetzigen Welthandelsorganisation (WTO) unaufrichtig und irreführend für ihre Politik in Anspruch genommen wird, und
  • warum es das Potential hat, als Grundpfeiler einer post-neoliberalen Wirtschaftsordnung zur Überwindung der verheerenden neoliberalen Wirtschaftsdoktrin beizutragen.

5. Praktische Anwendung des Komparativen Vorteils

Schritt 1
Ich beginne mit der Darstellung, wie sie Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts ganz ähnlich veröffentlicht hat: Angenommen seien zwei Länder, England und Polen, die beide Hopfen und Tuch herstellen, allerdings mit unterschiedlichen Kostenverhältnissen. Diese Unterschiede wollen die beiden Länder für einen gewinnbringenden Tauschhandel nutzen. Zudem sei angenommen, dass die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zwischen den Produktionen von Hopfen und Tuch zwar innerhalb der Länder beliebig austauschbar (beweglich) sind, beide Länder aber auf unkontrollierten internationalen Kapitalverkehr sowie auf unkontrollierte internationale Arbeitsmigration verzichten, um ihre eigenen Ressourcen optimal zu nutzen und ihren produktiven Fortschritt autonom und geregelt zu gestalten; das heißt, um Verlagerungen von Produktionskapital in Länder mit niedrigeren Arbeitskosten sowie Zuströme von Arbeitskräften aus Ländern mit niedrigerem Lohnniveau  zu verhindern, und umgekehrt, um Verdrängungen durch Zuströme fremden Produktionskapitals sowie die Abwanderung von Arbeitskräften in Länder mit höherem Lohnniveau zu verhindern. Übrigens hatte auch Ricardo schon den störenden Einfluss ungeregelten Kapitalverkehrs auf komparative Vorteile und somit auf gewinnbringenden Handel erkannt.

Die folgende Tabelle enthält die absoluten Gesamtkosten pro Einheit der zu handelnden Produkte. Die Gesamtkosten kann man sich vereinfachend als aufzuwendende Arbeitsstunden für jede produzierte Einheit eines Produktes vorstellen:

Absolute Produktionskosten pro Einheit, gedacht in Arbeitsstunden

Tuch Hopfen
England 5 6
Polen 10 8

Wir setzen die Arbeitsstunden einfach mit den Gesamtkosten gleich und berechnen die relativen Kosten, um die relativen Vorteile und anschließend die absoluten Handelsgewinne zu identifizieren. Jeder relative Wert gibt (als Quotient) an, in welchem Verhältnis die Kosten des einen zu den Kosten des anderen Produkts innerhalb eines Landes stehen. Zum Beispiel kann England mit dem Aufwand, den es für eine Einheit Tuch braucht, nur 0,83 Einheiten Hopfen erzeugen.

Relative Produktionskosten pro Einheit

Tuch Hopfen
England 5/6 = 0,83 6/5 = 1,2
Polen 10/8 = 1,25 8/10 = 0,8

Im Vergleich der beiden Länder (in der Komparation) hat England einen relativen Kostenvorteil bei Tuch (0,83 gegenüber 1,25 in Polen), Polen hat einen relativen Kostenvorteil bei Hopfen (0,8 gegenüber 1,2 in England).

Wenn sich jedes Land auf das Produkt spezialisiert, bei dem es einen relativen Kostenvorteil hat, und das jeweils andere Produkt vom anderen Land importiert, ergeben sich, bei insgesamt unveränderten Gesamtkosten in beiden Ländern, folgende Handelsgewinne:

England konnte ursprünglich mit den Kosten einer Einheit Tuch nur 0,83 Einheiten Hopfen herstellen und kann jetzt bei Spezialisierung für jede nach Polen exportierte Einheit Tuch 1,25 Einheiten Hopfen importieren, ein Handelsgewinn von 0,42 (1,25 minus 0,83) Einheiten Hopfen pro exportierter Einheit Tuch. Polen konnte zuvor mit den Kosten einer Einheit Hopfen nur 0,8 Einheiten Tuch herstellen und kann jetzt für jede nach England exportierte Einheit Hopfen 1,2 Einheiten Tuch importieren, ein Handelsgewinn von 0,4 (1,2 minus 0,8) Einheiten Tuch pro exportierter Einheit Hopfen.

Für das weitere Verständnis ist der Hinweis wichtig, dass das Ricardianische Modell zwar die theoretische Grundlage für gewinnbringenden Außenhandel bildet, in seiner ursprünglichen Form jedoch zwei wesentliche Nachteile hat, die seine praktische Anwendung, besonders unter den heutigen Bedingungen, ausschließen:

  • Erstens lässt sich der bilaterale Tauschhandel auf dynamische und komplexe Handelsstrukturen mit mehr als zwei Handelspartnern und einer größeren Zahl von Produkten praktisch nicht anwenden, und
  • zweitens erzeugt das Modell eine unaufhaltsame Tendenz zur vollständigen internationalen Spezialisierung bei allen Produkten, die einen relativen komparativen Vorteil aufweisen, mit der Gefahr rückläufiger binnenwirtschaftlicher Vielfalt und hochgradiger Abhängigkeit von Importen.

Schritt 2
Im zweiten Schritt gehe ich über Ricardos Darstellung hinaus und füge eine entscheidende Voraussetzung für einen zukunftsfähigen und gewinnbringenden internationalen Handel hinzu. Zu demonstrieren ist, dass das Theorem auch in komplexen und stetigen Änderungen unterworfenen multi-bilateralen Handelsbeziehungen und mit beliebig vielen Produkten anwendbar ist.

Dazu erweitere ich die Tabelle um ein drittes Land und ein drittes Produkt. Jetzt lassen sich die relativen Kosten der Produkte nicht mehr paarweise ermitteln, sondern müssen stattdessen an den Durchschnittskosten aller Handelsprodukte eines jeden Landes gemessen werden. Zudem muss der starre Tauschhandel durch eine Verrechnung der einzelnen Handelsbewegungen gegen Devisen ersetzt werden, damit jedes Land die Freiheit hat, seine Handelsströme jederzeit bedarfsgerecht und unabhängig von seinen Handelspartnern zu steuern. Daraus folgt schließlich, dass im Handel von Produkten gegen Devisen nicht mehr die relativen Kosten, sondern einfach die relativen Preise gegeneinander verrechnet werden und dazu die bilateralen Wechselkurse ganz einfach aus den Durchschnittspreisen aller Handelsprodukte (jeweils zweier Länder) herzuleiten sind. Was im obigen Beispiel noch gedachte Arbeitsstunden stellvertretend für die Gesamtkosten waren, sind im folgenden Beispiel jetzt Preise in Landeswährung:

Absolute Preise der Produkteinheiten in Landeswährung

Tuch Hopfen Kartoffeln Durchschnitt
England 5 6 4   5 Pfund
Polen 10 8 3   7 Zloty
Bulgarien 19 15 5   13 Lew

Die Wechselkurse ergeben sich direkt aus den Durchschnittspreisen: Zwischen England und Polen beträgt der Wechselkurs 5 Pfund = 7 Zloty, zwischen England und Bulgarien 5 Pfund = 13 Lew, zwischen Polen und Bulgarien 7 Zloty = 13 Lew. Als Nebeneffekt der so kalkulierten Wechselkurse herrscht zwischen jeweils zwei Ländern Kaufkraftparität, das heißt, Bürger, die die Grenze überschreiten und ihr Geld in die andere Währung umtauschen, behalten ihre Kaufkraft bei (was nicht heißt, dass die Bürger in beiden Ländern über gleiche Einkommen und gleiche Kaufkraft verfügen).

Die relativen Preise der Produkte ergeben sich, indem der absolute Preis eines jeden Produkts durch den Durchschnittspreis des Landes dividiert wird:

Relative Preise der Produkteinheiten berechnet aus absoluter Preis/Durchschnittspreis

Tuch Hopfen Kartoffeln
England 1,0 1,2 0,8
Polen 1,42 1,14 0,42
Bulgarien 1,46 1,15 0,38

Die Tabelle mit den relativen Preisen zeigt, dass England im Vergleich der drei Länder einen relativen Preisvorteil bei Tuch hat, Polen bei Hopfen und Bulgarien bei Kartoffeln. Die Handelsströme sollten, um maximale Handelsgewinne zu realisieren, von den drei Produkten bestimmt werden, die einen relativen komparativen Vorteil aufweisen. Das heißt, jedes Land sollte in diesem Fall das Produkt exportieren, bei dem es einen relativen Vorteil hat, und es sollte die anderen beiden Produkte, bei denen es relative Nachteile hat, importieren.

Nun lassen sich mit den obigen Daten alle Handelsgewinne berechnen, beispielsweise für England und Polen: Wenn England polnischen Hopfen importiert, ergibt sich ein Importpreis von 5,68 Pfund (1 Zloty = 0,71 Pfund, 8 Zloty = 5,68 Pfund). Da der englische Inlandspreis für Hopfen 6 Pfund beträgt, erzielt England für jede Einheit importierten Hopfens einen Handelsgewinn von 0,32 Pfund! Wenn Polen englisches Tuch importiert, ergibt sich durch dessen relativen Preisvorteil bei Anwendung des Wechselkurses ein Importpreis von 7 Zloty (1 Pfund = 1,4 Zloty, 5 Pfund = 7 Zloty). Da der polnische Inlandspreis 10 Zloty beträgt, erzielt Polen für jede Einheit importiertes Tuch einen Handelsgewinn von 3 Zloty!

Unter Nutzung der relativen komparativen Vorteile können alle drei Länder gegenseitig Handelsgewinne erzielen, auch mit denjenigen Produkten, die einen absoluten Kostennachteil aufweisen. Wenn wir für Bulgarien die in der Tabelle aufgeführten absoluten Inlandspreise mit absoluten Kosten gleichsetzen, dann hätte dieses Land bei allen Produkten einen absoluten Kostennachteil und könnte dennoch am Handel mit relativen komparativen Vorteilen teilnehmen und davon profitieren.

Schritt 3
Im dritten Schritt füge ich dem Ricardianischen Modell eine weitere entscheidende Voraussetzung hinzu, die der Gefahr der vollständigen internationalen Spezialisierung entgegenwirkt: Länder müssen zunächst ihre eigene wirtschaftliche Vielfalt und ihre einzigartigen Kompetenzen weiterentwickeln und aufrechterhalten, um einseitig exportorientierte Wertschöpfung bis hin zu vollständiger Spezialisierung samt struktureller Arbeitslosigkeit zu vermeiden und sich zugleich vor Importabhängigkeiten, externen Ereignissen und opportunistischen Erpressungsversuchen anderer Länder zu schützen.

Die gebotene nationale Vielfalt und eine darauf aufbauende internationale Spezialisierung sind nur in Einklang zu bringen, wenn Länder ihren Außenhandel wirtschaftspolitisch autonom regeln und steuern.

Im einzelnen heißt das: Länder müssen bilaterale Handelsvereinbarungen treffen, in denen neben den oben erwähnten Wechselkursen Handelskontingente festgelegt werden und gegenseitige Zollautonomie zugestanden wird. Diese drei Voraussetzungen stellen sicher, dass sich der Handel in multi-bilateraler Umgebung zum einen auf Güter und Dienstleistungen mit größtem relativen komparativen Vorteil konzentrieren und größtmögliche Gewinne erzielen kann, zum anderen aber jedes Land sein Importvolumen so begrenzen und die Preise importierter Produkte mittels Zöllen so anpassen kann, dass vollständige Verdrängungen binnenwirtschaftlicher Wertschöpfung vermieden und die im Binnenwettbewerb stehenden Akteure zugleich konstruktiv dem Außenwettbewerb ausgesetzt werden. Unter diesen Bedingungen induziert der Außenwettbewerb, ergänzend zum Binnenwettbewerb, produktiven und qualitativen Fortschritt.

Bezogen auf importierte Dienstleistungen, zum Beispiel touristische Leistungen, bedeuten Volumenbegrenzung und Anpassung mittels Zöllen: Länder können die Auslandsreisen ihrer Bürger mengenmäßig begrenzen und/oder die dazu erforderlichen Geldsorten mit Kursaufschlägen verteuern, um die eigene Tourismusindustrie vor Verdrängungen zu schützen. Handelspartner können umgekehrt genauso verfahren, so dass sich automatisch ausgewogene bzw. verträgliche Touristenströme ergeben.

6. Zusammenfassung

KomparativerVorteilPNG05

KomparativerVorteilPNG03

Die Lehre für die Europäische Union

Das unerschöpfliche Potential, das der Handel mit relativen Preisvorteilen bereithält, eröffnet der EU die historische Chance, die Eurokrise binnen kürzester Zeit zu überwinden, eine Krise, die fälschlicherweise und in eigennütziger Absicht der Profiteure als Staatsschuldenkrise verkauft wird.

Das ungenutzte Handelspotential liefert den Beweis,

  1. dass der völlig inhomogene Euro-Währungsraum von Beginn an eine Fehlkonstruktion war,
  2. dass Länder im Handel mit absoluten Preisen in Euro, wie übrigens auch in US-Dollar, bei unterschiedlichen Produktivitätsniveaus unmöglich gegenseitige Handelsgewinne realisieren können,
  3. dass die starken Länder die schwachen dominieren und deren Strukturen zerstören, und
  4. dass schließlich den starken Ländern ihre Exportabhängigkeit und ihre Überschüsse in der Leistungsbilanz zum Verhängnis werden, weil die schwachen Länder nicht mehr zahlen können.

Die europäische Krise kann überwunden werden, indem nationale Währungen wieder eingeführt, Wechselkurse kalkuliert, Zölle und Kontingente zugestanden, Kapitalverkehr und Arbeitsmigration kontrolliert und die Illusionen von einem einheitlichen Bundesstaat aufgegeben werden. Europas Zukunft liegt einzig und allein in der Integration zu einem Staatenbund souveräner, wirtschaftlich autonom handelnder Staaten. Staaten, die sich auf gemeinsame Werte und Normen verständigen und ihren Wohlstand und ihre gesellschaftliche Wohlfahrt durch einen Handel auf der Grundlage relativer Preise sichern. Siehe dazu auch die Artikel EU: Bundesstaat oder Staatenbund? und Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.

Wer sich noch eingehender mit dem Außenhandel auf der Grundlage relativer komparativer Vorteile befassen möchte, dem empfehle ich den Artikel Zukunftsfähiger Außenhandel.

7. Die Gefahren des Handels mit absoluten Vorteilen

Adam Smith, 1723 – 1790, der als Begründer der Klassischen Lehre der Ökonomie gilt, vertrat die Überzeugung, dass Länder im Freihandel die größten Gewinne erzielen können, wenn sich jedes Land auf die Produkte spezialisiert und diese exportiert, die es im internationalen Vergleich mit den absolut geringsten Kosten herstellt, ausgedrückt zum Beispiel in aufgewendeten Arbeitsstunden pro Einheit eines Produktes. Smith’ Überzeugung wurde dann, wie dargestellt, vom Ricardianischen Modell im wahrsten Sinne des Wortes relativiert, auch als Voraussetzung für gewinnbringenden Außenhandel, denn Ricardos Modell ist nur sinnvoll anwendbar, wenn potentielle Handelspartner ihre relativen komparativen Vorteile zuvor identifizieren und sich über Handelsströme und Spezialisierungen einigen.

Die Nachteile, die sich aus einem (ungeregelten) Freihandel auf der Grundlage absoluter Vorteile ergeben, konnte Smith unter den damaligen Verhältnissen nur zum Teil erkennen; sie treten auch erst heute, unter dem Regime der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin, in vollem Umfang in Erscheinung:

Die absoluten Vorteile im neoliberalen Freihandel

Ergänzend zum erwähnten Handel innerhalb der Eurozone mit absoluten Preisen in Euro, beschreibe ich nachfolgend den Welthandel mit seinen absoluten Preisen in US-Dollar. Der Unterschied besteht darin, dass die Eurozone ein vollständig einheitlicher Währungsraum ist, während im Dollarraum durch die spekulationsbedingt beweglichen Wechselkurse zwischen nationalen Währungen (einschließlich des Euros) und dem US-Dollar als Leitwährung zusätzliche Unwägbarkeiten bestehen:

Auf ungeregelten Finanzmärkten geraten zunächst die Wechselkurse unter den Einfluss von Valuta-Spekulation und Valuta-Dumping, vor allem im Verhältnis zum US-Dollar, der als Leitwährung dient. Die Wechselkurse büßen dabei ihre eigentliche Funktion ein, die darin besteht, die natürlichen Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften bei Kosten und Preisen und damit zugleich bei Produktivitäten und Löhnen rechnerisch zu neutralisieren. Ohne diese Neutralisierung entsteht auf den Güter-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkten ein direkter Wettbewerb um absolute Weltmarktpreise und absolute Weltmarktlöhne in US-Dollar, und die evolutionären binnenwirtschaftlichen Produktivitätsentwicklungen werden von kurzfristig erzielbaren, scheinbaren Vorteilen aus verfälschten Wechselkursen, unkontrollierten Kapitaltransfers, wilder Arbeitsmigration, hoher Kapitalkonzentration und Spezialisierung sowie gezieltem Dumping sozialer, ökologischer und sonstiger Standards verdrängt. Alles in allem wird ein Großteil der betriebswirtschaftlichen (unternehmerischen) Kosten externalisiert, also mangels wirtschaftspolitischer Regelung auf Gesellschaft und Umwelt abgewälzt.

Den Volkswirtschaften bleibt im verzweifelten Kampf um Industrien und Arbeitsplätze keine andere Wahl, als der drohenden vollständigen Spezialisierung und Auflösung ihrer wirtschaftlichen Strukturen mit gezieltem Dumping, sprich: kostengünstigen Standortbedingungen, entgegenzuwirken. Aber auch bei größter Anstrengung ist die systemimmanente De-Industrialisierung nicht aufzuhalten: Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltbeschädigungen breiten sich in Ländern mit absolut niedriger wie auch in Ländern mit absolut hoher Produktivität unaufhaltsam aus. Länder, die von vornherein über keine absoluten Vorteile verfügen oder diese auch mittels Dumping nicht herstellen können, werden vom Handel entweder völlig ausgeschlossen oder geraten, wenn sie über begehrte Rohstoffe verfügen, unter das Diktat mächtiger Industrieländer.

Ein Skandal ist, dass die Welthandelsorganisation (WTO) den von ihr vorangetriebenen neoliberalen Freihandel verlogen mit Gewinnen aus relativen komparativen Vorteilen rechtfertigt. Es ist zwar unbestritten, dass im Außenhandel Preisrelativierungen immer dann stattfinden, wenn Wechselkurse im Spiel sind, aber unter neoliberalen Bedingungen verändern sich die Kursverhältnisse und mit ihnen die Preisrelativierungen laufend und unvorhersehbar, so dass der Handel für alle Beteiligten mit ständigen Unsicherheiten verbunden ist. Auf Dauer zählen im neoliberalen Freihandel deshalb nur die absoluten Preisvorteile in US-Dollar, gleichgültig, welche Preisbildung ihnen zugrundeliegt (siehe auch Wirtschaftliche Preisbildung). Um eine herausragende Wettbewerbsstellung als Exportland zu erlangen, gibt es lediglich zwei Möglichkeiten:

(1) Entweder die absolute Produktivität ist so hoch und die Preise in Leitwährung sind folglich so niedrig, dass die Wettbewerbsstellung durch die üblichen Kursschwankungen zwischen nationaler Währung und Leitwährung niemals ernsthaft gefährdet ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Preise wahrheitsgemäß ermittelt oder künstlich gedrückt sind. Die deutsche Exportwirtschaft ist Nutznießer dieser Möglichkeit.

(2) Oder die nationale Zentralbank drückt den Kurs der nationalen Währung gegenüber der Leitwährung mittels ständiger Interventionen und Kontrollen so weit, dass die Exportprodukte ständig wettbewerbsfähig niedrige Preise haben. Diese Möglichkeit wird seit Jahren von China genutzt.

Zugegeben: Die beiden Möglichkeiten sind nur politisch und wirtschaftlich mächtigen Nationen zugänglich. Zudem ist die zweite Möglichkeit nur in Kombination mit der ersten zu realisieren.

8. Ausblick

Das Ricardianische Modell muss auch deshalb als herausragend und wegweisend bezeichnet werden, weil es den Nachweis für die prinzipielle Unterschiedlichkeit von Binnen- und Außenwirtschaft liefert. Der Nachweis gründet sich auf die unterschiedliche Bedeutung und Wirkung absoluter und relativer Preis- bzw. Produktivitätsvorteile: Danach kann der Wettbewerb um absolute Vorteile, wenn er nicht anarchische und chaotische Züge annehmen soll, nur unter den einheitlichen Rahmenbedingungen und Regeln einer allseits verbindlichen Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung ausgetragen werden, deren Geltungsbereich naturgemäß kulturell und somit auch örtlich begrenzt sein muss. Wenn wirtschaftliche Produktivität also grundsätzlich an orts- und kulturspezifische Bedingungen geknüpft ist und zugleich für Vielfalt und Fortschritt in der Welt steht, dann kann und darf sie nicht Gegenstand eines globalen Wettbewerbs mit absoluten Vorteilen sein, der seiner Natur nach in eine politikfreie Sphäre ausweicht, irreversible Verdrängungen provoziert und bei allen Handelspartnern das binnenwirtschaftliche Gleichgewicht von Produktivität, Löhnen und Preisen durcheinanderbringt.

Erst eine Relativierung der durch natürliche Bedingungen verursachten Unterschiede bei Produktivitäten und Preisen mittels kalkulierter Wechselkurse, Zölle und Kontingente erlaubt einen Brückenschlag zwischen beliebig unterschiedlich entwickelten Wirtschaftsräumen.

Konstruktiver Außenhandel auf der Grundlage relativer komparativer Vorteile und sinnvoller internationaler Spezialisierung beginnt im Lokalen, Regionalen und Nationalen. Nur wenn sich demokratisch legitimierte Wirtschaftspolitiken durchsetzen, ergibt sich die Chance, wirtschaftliche Produktivitäten und Spezialisierungen als einzig auf das Wohl von Gesellschaft und Umwelt gerichtet zu verstehen und entsprechend zu gestalten. Nur so können Binnenwirtschaften ein tragfähiges Fundament bilden, auf das sich ein gewinnbringender Außenhandel und eine gewinnbringende Globalisierung gründen lassen.

All das heißt für die praktische Anwendung: Auf dem theoretischen Fundament, das ich hier lege, können Länder einen nachhaltig gewinnbringenden Außenhandel aufbauen, indem sie sich auf ein wirtschaftlich homogenes Währungsgebiet beschränken und Wechselkurse sowie gegenseitig autonom zu bestimmende Importzölle und Importkontingente vereinbaren.

Für ein besseres Verständnis des Gesamtzusammenhangs empfehle ich den Artikel Zehn Gebote der Zukunftssicherung.
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