Konjunktur

Die zyklischen Schwankungen und die Steuerung makroökonomischer Größen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Einordnung und Begriffsklärung
  3. Definition wirtschaftlichen Gleichgewichts
  4. Schumpeters Konjunkturzyklen
  5. Konjunktur- oder Stabilisierungspolitik
  6. Erfolgloses Gegensteuern im Neoliberalismus
  7. Erfolgversprechende Konjunkturpolitik

1. Überblick

Konjunkturpolitik ist historisch bedingt immer noch einseitig auf die Steigerung der Produktionsmenge und die Senkung der Produktionskosten beschränkt. Unter den herrschenden Bedingungen der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung kann ein Land damit zwar seine Position im Verdrängungswettbewerb verbessern, aber – wegen des steigenden Kostendrucks – nur um den Preis von Produktionsverlagerungen und Arbeitsplatzabbau. Die Folge ist eine seit den neunziger Jahren andauernde weltweite Dauerdepression mit Unterbeschäftigung, Armut und Umweltbelastung. Um zu normalen konjunkturellen Zyklen zurückzukehren, ist deshalb eine auf soziale und ökologische Erträge, also auf Vollbeschäftigung und Umweltschutz, gerichtete Wirtschaftsordnung angesagt.

2. Einordnung und Begriffsklärung

KonjunkturJPG02

Gemälde “Konjunktur” von Andreas Bogdain

Mit Konjunktur werden die in Marktwirtschaften auftretenden zyklischen Schwankungen makroökonomischer Größen wie Produktion, Investitionen, Gesamtnachfrage, Konsum, Beschäftigung, Löhne, Preise und Zinsen bezeichnet. Die Schwankungen sind Ausdruck der natürlichen Dynamik, die die Marktwirtschaft auszeichnet. Es bedarf jedoch einer sozial und ökologisch fundierten wirtschaftspolitischen Steuerung und Regelung, um die Marktwirtschaft in ein nachhaltig dynamisches Gleichgewicht zu bringen.

Nachhaltig dynamisches Gleichgewicht heißt konkret: Jeder Abschwung wird durch den selbsttätigen Mechanismus der Preisbildung sowie unterstützende antizyklische wirtschaftspolitische Maßnahmen rechtzeitig gebremst und in einen Aufschwung umgeleitet, bevor er in eine Krise mündet und schädliche Ausmaße annimmt. Umgekehrt wird jeder Aufschwung in der Hochkonjunktur gebremst und in einen neuen Abschwung umgeleitet, bevor eine »Überhitzung« eintritt. Die genannten makroökonomischen Größen werden also, bevor das Ungleichgewicht durch eine drohende Krise oder Überhitzung extreme Ausmaße annimmt, wieder gezielt auf ein neues Gleichgewicht hin bewegt. Siehe ergänzend dazu auch den Artikel Wirtschaftliche Preisbildung!

Angesichts der Krisen der »neo-liberalisierten« Weltwirtschaft ist zu betonen, dass eine sozial und ökologisch fundierte wirtschaftspolitische Steuerung und Regelung einen einheitlichen, wirtschaftspolitisch autonomen Wirtschafts- und Währungsraums voraussetzt.

Konjunkturelle Schwankungen können vielfältige endogene wie auch exogene Ursachen haben:

Beispiele für mögliche Ursachen eines Aufschwungs:

  1. Erfindungen und technologische Durchbrüche,
  2. Entdeckung neuer Rohstoffquellen,
  3. Erschließung neuer Binnen- oder Exportmärkte,
  4. konstruktiverer Wettbewerb durch verbesserte Kartellgesetze,
  5. verbesserte Wettbewerbsstellung auf Exportmärkten,
  6. verbesserte Kreditbedingungen durch die Zentralbank,
  7. optimistische Erwartungshaltung der Verbraucher.

Beispiele für mögliche Ursachen eines Abschwungs:

  1. Rohstoffknappheit infolge Ausbeutung oder versäumter Substituierung,
  2. Marktsättigung auf Binnen- oder Exportmärkten,
  3. unternehmerische Fehlinvestitionen auf breiter Front,
  4. verschlechterte Wettbewerbsstellung auf Exportmärkten,
  5. nachlassender Wettbewerb durch Kartelle und Zusammenschlüsse,
  6. platzende Spekulationsblasen in Finanz- oder Realwirtschaft,
  7. steigende Umweltkosten infolge mangelnder Vorsorge,
  8. langwierige tarifpolitische Auseinandersetzungen,
  9. Wetterextreme und andere Naturkatastrophen,
  10. kriegerische Auseinandersetzungen,
  11. pessimistische Erwartungshaltung der Verbraucher.

Im gegenwärtigen Mainstream der Volkswirtschaftslehre werden konjunkturelle Schwankungen meist nur am Auslastungsgrad der Produktionskapazitäten und am Bruttoinlandsprodukt (BIP) gemessen, weil fälschlicherweise unterstellt wird, eine hohe Kapazitätsauslastung oder ein wachsendes BIP würden automatisch zu Vollbeschäftigung und Investitionen in Umweltschutz führen. Die historische Erfahrung zeigt jedoch, dass es auch unter vermeintlich idealen Produktionsverhältnissen Unterbeschäftigung und unter den heutigen Verhältnissen auch nachlassenden Umweltschutz geben kann. Der englische Nationalökonom John Maynard Keynes hatte bezüglich der Unterbeschäftigung schon in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auf dieses bis dahin für unmöglich gehaltene Phänomen hingewiesen. Unter den gegenwärtigen neoliberalen Bedingungen ist Unterbeschäftigung bei hoher Kapazitätsauslastung oder BIP-Wachstum sogar der Normalfall, und auch die Investitionen in Umweltschutz orientieren sich vor allem an den Kosten des globalen Verdrängungswettbewerbs.

Zu beachten ist, dass konjunkturelle Zyklen, die als vorübergehende Phänomene von mindestens einem Jahr Dauer definiert sind, von den jährlich wiederkehrenden saisonalen Schwankungen zu unterscheiden sind. Die Unterscheidung vom eher langfristigen Wachstumstrend einer Volkswirtschaft ist dagegen nicht immer eindeutig möglich. Beispielsweise stieg das westdeutsche BIP während des ersten Aufschwungs der Nachkriegszeit ohne Unterbrechung über 15 Jahre hinweg von 1949 bis 1964. Als konjunkturelle Zyklen ließen sich damals allenfalls die wechselnden Perioden unterschiedlich hohen positiven Wachstums bezeichnen.

3. Definition wirtschaftlichen Gleichgewichts

Ein allgemeines wirtschaftliches Gleichgewicht ist in der Marktwirtschaft gegeben, wenn die Spar- und Investitionspläne sowie das geplante Angebot und die geplante Nachfrage aller Wirtschaftssubjekte übereinstimmen. Anders ausgedrückt: Wenn alle Marktteilnehmer – private Haushalte, Arbeitnehmer und Unternehmen – ihre individuellen Nutzen- und Gewinnziele maximal verwirklichen können und wenn sie dabei zugleich – durch wirtschaftspolitische Steuerung und Regelung gelenkt – die natürlichen Ressourcen nachhaltig nutzen und einen Beitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt leisten (siehe dazu auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt).

Im deutschen Stabilitäts- und Wachstumsgesetz (StWG) von 1967, das heute noch gilt, werden für ein makroökonomisches Gleichgewicht nur die ersten vier Kriterien der nachfolgenden Aufzählung genannt (sogenanntes Magisches Viereck), wobei das Kriterium Wachstum vorrangig als quantitatives Wachstum verstanden wird. Um Zukunftsfähigkeit sicherzustellen, sind jedoch sechs Kriterien mit zeitgemäßen sozialen und ökologischen Akzenten zu berücksichtigen:

  1. Stabilität des Preisniveaus,
  2. hoher Beschäftigungsstand,
  3. außenwirtschaftliches Gleichgewicht,
  4. angemessenes, primär qualitatives Wirtschaftswachstum,
  5. hohe Auslastung der Produktionskapazitäten,
  6. nachhaltige Nutzung der Naturressourcen.

Zu Punkt 1: Eine akzeptable Stabilität des Preisniveaus herrscht nach aller Erfahrung, wenn die Preise um nicht mehr als zwei Prozent pro Jahr steigen.

Zu Punkt 2: Ein hoher Beschäftigungsstand ist in diesem Zusammenhang mit einer stets unvermeidlichen Sucharbeitslosigkeit von etwa ein Prozent gleichzusetzen, bedeutet also Vollbeschäftigung.

Zu Punkt 3: Unter außenwirtschaftlichem Gleichgewicht wird der mittelfristige Ausgleich der Zahlungsbilanz (Handels- plus Dienstleistungsbilanz) verstanden, der unverzichtbar ist, um dauerhafte Schieflagen und Abhängigkeiten vom Außenhandel und von externen Ereignissen zu vermeiden.

Zu Punkt 4: Unter angemessenem Wirtschaftswachstum werden die Anreize verstanden, die für Investitionen in Weiterentwicklung und Fortschritt sorgen. Unter einem zukunftsfähigen Paradigma der Globalisierung müssen diese Anreize qualitativen Kriterien genügen, das heißt, Wirtschaftswachstum muss sozial nutzbringend und ökologisch verträglich sein – was periodisches quantitatives Wachstum nicht ausschließt.

Zu Punkt 5: Eine hohe Auslastung der Produktionskapazitäten ergibt sich, wenn die genannten Investitionsanreize zum einen qualitativen Kriterien genügen und sich zum anderen realistisch am umweltgerechten quantitativen Wachstumspotential orientieren.

Zu Punkt 6: Eine nachhaltige Nutzung der Naturressourcen ist gegeben, wenn der Substanzerhalt sowohl der erneuerbaren als auch der nicht-erneuerbaren Ressourcen dauerhaft gewährleistet ist.

Die kollektive Nutzen- und Gewinnmaximierung, die den Marktteilnehmern im idealen Gleichgewichtszustand zuteil wird, hat auf der Angebotsseite eine optimale Auslastung der Produktionskapazitäten zur Folge, auf der Nachfrageseite eine optimale Befriedigung der Bedürfnisse, auf dem Arbeitsmarkt Vollbeschäftigung, sowie unter Einbeziehung des Außenhandels eine betriebs- und zugleich volkswirtschaftlich optimale und auf Nachhaltigkeit bedachte Zuweisung (Allokation) aller Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital).

Ob eine Marktwirtschaft grundsätzlich sowohl nach endogenen als auch exogenen Einflüssen wieder ins Gleichgewicht strebt, hängt davon ab, ob sie sich auf eine gleichgewichtsbezogene Wirtschaftsordnung gründet. Eine derartige Wirtschaftsordnung zeichnet sich dadurch aus, dass sie

  1. der technologischen Entwicklung und steigenden Produktivität sozial und ökologisch gerecht wird,
  2. Anbieter- und Nachfrager-Polypole sicherstellt und damit Monopole verhindert,
  3. das Marktgeschehen für alle Marktteilnehmer transparent macht, und
  4. einen funktionsfähigen Preisbildungs- und Wettbewerbsmechanismus in Gang hält.

Weil diese Voraussetzungen unter dem Regime der neoliberalen Globalisierung nicht erfüllt sind, können die Volkswirtschaften den idealen Gleichgewichtszustand derzeit auch nicht annähernd erreichen – und auch das deutsche Stabilitäts- und Wachstumsgesetz muss unter diesen Umständen wirkungslos bleiben.

4. Schumpeters Konjunkturzyklen

KonjunkturJPG01Der österreichische Nationalökonom Joseph A. Schumpeter (1883 bis 1950) hat den Konjunkturzyklus, wie er in wirtschaftspolitisch autonom geregelten Volkswirtschaften idealtypisch auftritt, in vier Phasen beschrieben:

  1. Der Aufschwung (Expansion) ist gekennzeichnet durch steigende Kapazitätsauslastung und Produktion sowie eine Zunahme von Investitionen und Gesamtnachfrage (aus Investitionen und nachfolgend aus Konsum) und schließlich Beschäftigung bei zugleich geringer Preissteigerung und niedrigen Zinsen.
  2. Die Hochkonjunktur (Boom) geht einher mit voller Kapazitätsauslastung, maximaler Produktion und Vollbeschäftigung sowie steigenden Löhnen, Preisen und Zinsen. Die Hochkonjunktur neigt zur »Überhitzung«, das heißt, sie bringt die Gefahr mit sich, dass Unternehmen vom Markt verschwinden, weil sie bei steigenden Zinsen zu optimistisch und kreditfinanziert investieren und sich überschulden.
  3. Im Abschwung (Rezession) gehen Kapazitätsauslastung, Produktion, Investitionen, Gesamtnachfrage und Beschäftigung zurück und es entstehen hohe Lagerbestände, gleichzeitig sinken Löhne, Preise und Zinsen.
  4. In der Krise (Depression) erreichen Kapazitätsauslastung, Produktion, Investitionen und Gesamtnachfrage einen Tiefpunkt, zahlreiche Unternehmen verschwinden vom Markt und es entsteht hohe Arbeitslosigkeit, zugleich sinken Löhne, Preise und Zinsen mit der Gefahr einer deflationären Tendenz, die einem Teufelskreis gleicht: Verbraucher verschieben ihren Konsum aus Angst vor Arbeitslosigkeit und wegen sinkender Preise in die Zukunft, schwächen dadurch die Binnenkreisläufe zusätzlich und verursachen weitere Arbeitslosigkeit.

Hinweis: Schumpeter betrachtete den Abschwung (Rezession) als eine unausweichliche Phase der wirtschaftlichen Dynamik, die aber genutzt werden kann und muss, um das wirtschaftliche Gleichgewicht in einer Volkswirtschaft wieder herzustellen. Die Krise (Depression) betrachtete er dagegen als einen eher selten auftretenden Notfall. Das heißt, er sah den Abschwung normalerweise ohne den Umweg über eine depressive Übertreibung direkt in einen neuen Aufschwung (Expansion) übergehen. Wie weiter unten auszuführen sein wird, ist die konjunkturelle Krise unter den gegenwärtig herrschenden neoliberalen Verhältnissen jedoch zu einer neoliberalen Dauerdepression mutiert – vor allem bezüglich der Massenarbeitslosigkeit und Armut!

Nach Schumpeter schließt sich der Zyklus also (idealtypisch!), indem der Abschwung (die Rezession) entweder direkt oder über den Umweg einer Krise (einer Depression) in einen neuen Aufschwung (Expansion) übergeht.

5. Konjunktur- oder Stabilisierungspolitik

Die Konjunkturpolitik wird synonym auch als Stabilisierungspolitik bezeichnet. Ihre Ausgabe ist es, konjunkturellen Schwankungen entgegenzuwirken, um die Wirtschaft in möglichst kurzer Zeit immer wieder in einen neuen Gleichgewichtszustand zu steuern. Grundsätzliche Voraussetzung für den Erfolg konjunkturpolitischer Maßnahmen ist, wie oben erwähnt, eine gleichgewichtsbezogene Wirtschaftsordnung. Die Konjunkturpolitik kann sich bei ihren Maßnahmen der Geldpolitik, der Fiskalpolitik, der Strukturpolitik sowie der Sozial- und Umweltpolitik bedienen.

Die herkömmliche Konjunkturpolitik ist, wie gesagt, sehr einseitig auf die Steuerung der Produktion fixiert, speziell auf die Auslastung der Produktionskapazität. Dies geschieht in der falschen Annahme, ein kontrolliertes dynamisches Gleichgewicht mit moderaten Schwankungen der Produktion, der Investitionen (einschließlich der Nachfrage nach Rohstoffen, Geld- und Sachkapital) sowie des Konsums garantiere zugleich stabile Preise und Vollbeschäftigung.

6. Erfolgloses Gegensteuern im Neoliberalismus

Unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung werden die binnenwirtschaftlichen (endogenen) Ursachen konjunktureller Schwankungen zunehmend von außenwirtschaftlichen (exogenen) Einflüssen überlagert. Je größer die Abhängigkeit eines Landes vom internationalen Handel ist und je stärker seine Industrie international vernetzt ist, desto stärker sind die Auswirkungen auf dessen Binnenkonjunktur. Der Wirkungsmechanismus nimmt auf offenen globalen Märkten seinen Lauf durch einen Verdrängungswettbewerb mit Dollarpreisen, der die weltweit sehr unterschiedlichen Produktivitäts- und Preisniveaus negiert und infolge spekulativ verzerrter Wechselkurse auch nicht mehr neutralisiert. Dieser Wettbewerb erzeugt einen hohen Kostendruck, der Unternehmen und Nationalstaaten dazu verleitet, ihr originäres Preisniveau zu verfälschen, indem sie soziale und ökologische Kosten externalisieren (auf die Allgemeinheit abwälzen), sprich: Unterbeschäftigung, Armut und Umweltzerstörung zwecks einer besseren Stellung im globalen Verdrängungswettbewerb wirtschaftlich bewusst in Kauf nehmen. Es ist einleuchtend, dass nationale wie auch supranationale Konjunktur- und Stabilisierungspolitiken – einschließlich die der Europäischen Union, und speziell bezüglich der Eurozone – bei offenen globalen Märkten ihre Wirkung immer mehr verlieren müssen, bis sie letzten Endes völlig wirkungslos bleiben.

Die wechselseitigen exogenen Einflüsse im neoliberalen System haben der Mehrzahl der Volkswirtschaften seit den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen depressiven Dauerzustand (eine neoliberale Dauerdepression) mit zunehmender Unterbeschäftigung, Armut und Umweltzerstörung beschert – ein in der Wirtschaftsgeschichte einzigartiges Phänomen, das sich konjunktureller Einordnung entzieht und allen Methoden konjunktureller Steuerung widersetzt.

Weder die antizyklische, nachfrageorientierte Methode von Keynes noch die auf der Neoklassischen Lehre und dem Monetarismus fußende Angebotsökonomik, die später auch als Reagonomics und Thatcherismus in die Geschichte eingegangen ist, zeigen Wirkung. Die Keynessche Methode beruht darauf, die öffentlichen Investitionen in der Rezession schuldenfinanziert zu erhöhen und ergänzend die öffentlichen Einnahmen zu drosseln, um dadurch die Gesamtnachfrage aus Investitionen und nachfolgend aus Konsum zu beleben – diese Methode ist unter dem Begriff »deficit spending« bekannt geworden. Die Angebotsökonomik setzt dagegen auf eine »Entfesselung der Marktkräfte« durch Senkung unternehmerischer Steuern und Deregulierung unternehmerischer Tätigkeiten sowie durch Geldschöpfung und Zinssenkung seitens der Zentralbank und der Geschäftsbanken.

Beide Methoden wurden ursprünglich in der Absicht entwickelt, während einer Depression Wachstum zu erzeugen und daraus nachfolgend Arbeitsplätze zu schaffen. Beide sind aber auch zu einer Zeit entstanden, als die autonome nationalstaatliche Steuerung von Binnen- und Außenwirtschaft noch eine Selbstverständlichkeit war. Dass beide Methoden in einer »liberalisierten« Umgebung versagen müssen, dürfte daher eigentlich nicht überraschen. Siehe dazu auch die Artikel Keynesianismus sowie Klassische und Neoklassische Lehre.

7. Erfolgversprechende Konjunkturpolitik

Eine gleichgewichtsbezogene Wirtschaftsordnung als Voraussetzung für erfolgversprechende konjunkturpolitische Maßnahmen bedeutet somit vor allem, dass im Innern eines Wirtschaftsraumes vielfältige dezentrale Strukturen (Polypole) geschaffen und dynamisch erhalten werden und für den Außenwettbewerb Wechselkurse, Kontingente und ergänzend Zölle vereinbart werden, die das jeweilige Preisgefälle zwischen Handelspartnern – und damit indirekt auch das Produktivitätsgefälle – neutralisieren, so dass der Außenwettbewerb den Binnenwettbewerb belebt statt verzerrt, gegenseitige Handelsgewinne realisiert und unsinnige Verdrängungen samt depressiver Entwicklungen vermieden werden.

Unter diesen, und nur unter diesen Bedingungen schwindet die Bedeutung des oben erwähnten konjunkturellen »deficit spending«, weil die anderen Möglichkeiten der konjunkturellen Steuerung ausreichen:

Geldpolitik: Die Zentralbank kann durch Verringerung der Geldmenge und Erhöhung der Leitzinssätze dazu beitragen, eine Hochkonjunktur (Boom) vor Überhitzung zu bewahren. Im Abschwung (Rezession) kann sie durch Erhöhung der Geldmenge und Absenkung der Leitzinssätze dazu beitragen, eine Krise (Depression) zu verhindern und einen Aufschwung (Expansion) einzuleiten.

Steuerpolitik: Steuererhöhungen für Unternehmen sind eine weiteres Hilfsmittel, um eine Hochkonjunktur vor Überhitzung zu bewahren. Steuersenkungen für Unternehmen können helfen, eine Krise zu vermeiden und einen Aufschwung einzuleiten. Eine Progression der Einkommenssteuer kann die leistungsgerechte Gleichverteilung verbessern, höhere Konsumausgaben bewirken und die Wirtschaftskreisläufe beleben.

Strukturpolitik: Mittels verschärfter Kartellgesetze und progressiver Besteuerung unternehmerischer Größenvorteile kann eine Dezentralisierung der wirtschaftlichen Strukturen erzielt, höhere Beschäftigung geschaffen und eine Krise verhindert werden.

Sozialpolitik: Einnahmen aus progressiver Besteuerung können für Investitionen in Bildung, Weiterbildung und Familienpolitik verwendet werden, um ein vielfältiges Arbeitsangebot sowohl der männlichen als auch der weiblichen Erwerbsbevölkerung zu sichern und Krisen vorzubeugen.

Umweltpolitik: Steuerliche Anreize für die Wiederverwendung (Recycling) oder Substitution nicht-erneuerbarer Ressourcen und den Substanzerhalt erneuerbarer Ressourcen sowie steuerliche Belastungen für umweltschädliches Verhalten können helfen, Krisen zu vermeiden.

Wie dargestellt, wird in der Regel versucht, konjunkturelle Schwankungen durch antizyklische wirtschaftspolitische Maßnahmen zu dämpfen. Da konjunkturelle Zusammenhänge komplex sind, besteht immer die Gefahr, dass die beabsichtigte Wirkung verfehlt und der Trend dann prozyklisch verstärkt wird.

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