Markt und Marktwirtschaft

Die Vorzüge marktwirtschaftlicher Ordnung und ihre Gefährdung durch Eigennutz

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Der Ursprung des Marktes
  3. Der Marktmechanismus
  4. Die Vorteile des Marktmechanismus
  5. Die Risiken des Marktmechanismus
  6. Die Marktwirtschaft
  7. Adam Smith’ Erbe
  8. Die sozialökologische Marktwirtschaft
  9. Der Wettbewerb unter sozialökologischer Regelung
  10. Die Märkte unter sozialökologischer Regelung
    > Die drei Faktormärkte
    > Die Produktmärkte
  11. Voraussetzungen sozialökologischer Marktwirtschaft
  12. Extrakt der sozialökologischen Marktwirtschaft

1. Überblick

Die Vorzüge der Marktwirtschaft sind unübertroffen, weil sie die einzige Wirtschaftsordnung ist, die sich in arbeitsteiligen Gesellschaften quasi natürlich entwickelt hat. Leider ist sie jedoch durch die sozialen Verheerungen, die von den kapitalistischen Auswüchsen der neoliberalen Globalisierung verursacht werden, völlig zu Unrecht in Verruf geraten. Die neoliberale Krise gebietet es, das einzigartige Potential aufzuzeigen, das die Marktwirtschaft für eine zukunftsfähige regionale und globale Wirtschaftsordnung zu bieten hat. Und es gilt klarzustellen, dass Marktwirtschaft und Kapitalismus nicht gleichzusetzen sind.

2. Der Ursprung des Marktes

MarktJPG03Die wirtschaftliche Betätigung des Menschen beginnt mit der arbeitsteiligen Produktion und dem darauf aufbauenden Tauschhandel. Mit zunehmender Arbeitsteilung ergänzen und bereichern autarke Haushalte ihre Versorgung durch den Tausch von Gütern und Dienstleistungen. Überall dort, wo Menschen miteinander in Handelsbeziehungen treten, bilden sich wie von selbst an Ort und Zeit gebundene Marktplätze für unterschiedliche Produkte. Schon in der Jungsteinzeit sind Orte nachweisbar, auf denen Handel betrieben wurde. Das Zusammentreffen auf Marktplätzen wird schließlich auch für andere als rein wirtschaftliche Betätigungen genutzt, zum Beispiel als »Heiratsmarkt«, und erfüllt damit eine zutiefst soziokulturelle Funktion. Dasselbe gilt für den wirtschaftlichen Alltag: Wirtschaftliche Betätigungen bestimmen weitgehend den Lebensrhythmus und die Beziehungen innerhalb von Gemeinschaften, obwohl sie vordergründig »nur« der individuellen oder gemeinschaftlichen Existenzsicherung dienen. Deshalb ist alle wirtschaftliche Betätigung mit ihrem prägenden Einfluss auf das Alltagsleben Teil der menschlichen Kultur.

Bei ausgeglichenen Machtverhältnissen ist der vorgeschichtliche Handel innerhalb von Kulturgemeinschaften auf soziale Wohlfahrt gerichtet und schafft sich ein entsprechendes Regelwerk aus Traditionen, Tabus und ungeschriebenen Gesetzen (mit denen teils auch schon ökologische Nachhaltigkeit eingefordert wird). Wucher, Betrug und Ausbeutung werden streng geahndet, so dass der Markt seine eigentliche Aufgabe erfüllen kann: nämlich im freien Wettbewerb von Anbietern und Nachfragern Tauschverhältnisse (Preise) zu bilden, die den Akteuren entscheidende Informationen für ihre Transaktionen liefern und unter idealen Bedingungen die Ressourcen und Produkte zu optimalen Preisen dorthin leiten, wo sie den größten Nutzen stiften. Dabei vollzieht sich der Informationsaustausch zwischen den Akteuren vorrangig im Feilschen und stärkt damit den Wettbewerb im Sinne eines Lernprozesses aller Akteure.

In Antike und Mittelalter steht der Begriff »Markt« für einen konkreten städtischen Marktplatz, auf dem sich Verkäufer und Käufer, Erzeuger und Verbraucher zu festgelegten Zeiten treffen, um über Preise und Mengen zu feilschen und Handel zu treiben. Auch heute wird der Begriff noch für Märkte gebraucht, die an Ort und Zeit gebunden sind wie zum Beispiel der Wochenmarkt, die Auktionshalle und die Parkettbörse. In seiner modernen volkswirtschaftlichen Bedeutung steht der Begriff jedoch vorrangig für einen abstrakten Ort, der sich auf die teils direkte, teils anonyme Wechselbeziehung zwischen Anbietern und Nachfragern bestimmter Produkte und die im Wettbewerb aller Beteiligten stattfindende freie Preisbildung bezieht.

In geschichtlicher Zeit ist die arbeitsteilige Produktion und der geregelte Handel auf Marktplätzen durch Auswüchse wie Sklaverei, Feudalismus und Absolutismus immer wieder missbraucht worden. Auch die im neunzehnten Jahrhundert entstehende moderne Marktwirtschaft, deren Märkte größtenteils nicht mehr an Ort und Zeit gebunden sind, ist durch Kapitalismus und Kommunismus (als staatskapitalistische Variante) von mächtigen Gruppen instrumentalisiert worden. Gegenwärtig wird sie von einem neuzeitlich-kapitalistischen Neoliberalismus heimgesucht, der erstmals in der Wirtschaftsgeschichte »liberalisierte« globale Märkte hervorgebracht hat, auf denen Tauschverhältnisse (Preise) gebildet werden, die von den produktiven und soziokulturellen Bedingungen der Produktionsstandorte und ihrer Menschen entkoppelt sind.

3. Der Marktmechanismus

Die freie Preisbildung, die auch als Markt- oder Preismechanismus bezeichnet wird, kann als moderne Variante des Feilschens verstanden werden. Sie hat sich im Zuge der geographischen Ausdehnung der Märkte ganz »natürlich« aus dem ehemals stark orts- und zeitgebundenen Handelsgeschehen arbeitsteiliger Gesellschaften entwickelt. Und so kann auch die Marktwirtschaft – im Gegensatz zu allen konstruierten, meist zentralistischen Ordnungen – für sich in Anspruch nehmen, eine wirtschaftliche Ordnung zu sein, die sich »wie von selbst« aus dem menschlichen Bedürfnis nach Austausch und Handel entwickelt hat. Die Marktwirtschaft entspricht diesem Bedürfnis insbesondere deshalb so gut, weil sie den Wirtschaftssubjekten autonome, dezentrale Entscheidungen ermöglicht und keines direkten zentralen Eingriffs in die wirtschaftlichen Transaktionen bedarf.

Allerdings ist zu beachten, dass Märkte nur dann das Adjektiv »frei« für sich in Anspruch nehmen können, wenn alle Marktteilnehmer einheitlichen Rahmenbedingungen, Regeln und Standards unterliegen. Nur unter dieser – scheinbar paradoxen – Bedingung kann zum einen Chancengleichheit unter den Marktteilnehmern hergestellt, zum anderen das Gleichgewicht sowohl zwischen dem staatlichen und dem privaten Wirtschaftssektor als auch zwischen dem menschlichen Zugriff auf die natürlichen Ressourcen und deren Substanzerhalt garantiert werden. Und nur unter diesen Bedingungen können die Marktteilnehmer über ihr Angebot und ihre Nachfrage frei bestimmen und Preise frei aushandeln, ohne die Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit der wirtschaftlichen Prozesse zu beeinträchtigen. Da die Einheitlichkeit wirtschaftlicher Ordnung politischer Einheitlichkeit folgt, ist die Realisierung freier Märkte über die Grenzen autonomer politischer Gebiete hinaus immer mit Gefahren verbunden.

Der Markt ist also zunächst ein geographisch-soziokulturell begrenztes Konstrukt. Bei grenzüberschreitender Freiheit wird insbesondere das sensible Gleichgewicht von Produktivität, Löhnen, Kaufkraft und Preisen zerstört, so dass schließlich auch die Chancengleichheit und die Freiheit selbst auf der Strecke bleiben. Nachhaltiges Wirtschaften auf freien Märkten erfordert deshalb vor allem wirtschaftspolitische Autonomie (siehe dazu auch den Artikel Autonome Wirtschaftspolitik). Erst auf dieser Grundlage werden Wirtschaftsräume in die Lage versetzt, grenzüberschreitenden Handel zu betreiben und grenzüberschreitenden Wettbewerb zu nutzen, und zwar, indem sie den Austausch im Einvernehmen mit ihren Handelspartnern bilateral so regeln, dass jeweils beide Binnenwirtschaften vom gegenseitigen Austausch profitieren.

Die speziellen Gefährdungen und Bedingungen grenzüberschreitenden Handels stelle ich nachfolgend dar:

KapitalismusPNG01

Abbildung 1: Die Entwicklung der neoliberalen Globalisierung zeigt, wie die natürlichen Vorteile des Marktmechanismus ins Gegenteil umschlagen können, wenn die Freiheit der Marktteilnehmer als grenzenlos freie Verfügbarkeit über humane und natürliche Ressourcen missverstanden wird. Auf den ungeregelten globalen Märkten, die im Zuge dieser Globalisierung entstanden sind, haben sich globalwirtschaftliche Macht- und Kapitalzentren gebildet, die alles daransetzen, nationale und supranationale Rahmenbedingungen, Regeln und Standards zum eigenen Vorteil zu bekämpfen und zu unterlaufen. Die Wirtschaftsdoktrin, von der diese Entwicklung getragen wird, setzt einzig auf Kapitalrendite – zulasten der menschlichen Arbeit und der natürlichen Ressourcen. Die dadurch verursachten sozialen und ökologischen Verheerungen und Kosten sind dafür verantwortlich, dass Marktmechanismus und Marktwirtschaft in der Öffentlichkeit zunehmend mit Kapitalismus gleichgesetzt werden und ihre natürlichen Vorteile aus dem Blickfeld geraten (sie dazu auch den Artikel Exzesse des Kapitalismus).

4. Die Vorteile des Marktmechanismus

Grundlage des Marktmechanismus ist das Streben von privaten Unternehmen und privaten Haushalten (von Anbietern und Nachfragern) nach größtmöglichem individuellen Nutzen und Gewinn. Dabei stehen Anbieter und Nachfrager mit ihren Zielvorstellungen sowohl gegeneinander als auch innerhalb ihrer Gruppe nebeneinander im Wettbewerb. Die unterschiedlichen Zielvorstellungen treffen auf dem Markt als Angebot und Nachfrage aufeinander und finden ihren Ausgleich in bestimmten Produkteigenschaften, Konditionen, Mengen und Preisen. Diese im Wettbewerb ermittelten qualitativen und quantitativen Größen spiegeln den aktuellen Bedarf und die aktuellen Vorlieben, Wertvorstellungen und Trends, aber auch die Knappheiten der volkswirtschaftlichen Ressourcen wider. Auf das einzelne Produkt bezogen geben sie Auskunft über dessen relative Nachfrage und die relativen Kosten seiner Herstellung im Vergleich zu anderen Produkten.

Die ständige Rückkopplung dieser Informationen über den Markt versetzt alle Marktteilnehmer in die Lage, ihr Angebot bzw. ihre Nachfrage in Menge, Qualität und Preis jederzeit den Gegebenheiten anzupassen und ihre Zielvorstellungen optimal zu verwirklichen. Bei ausgewogenen Machtverhältnissen zwischen den Marktteilnehmern, aber auch zwischen ihnen und den öffentlichen Anliegen einschließlich des Erhalts der natürlichen Lebensgrundlagen, sorgt die Gesamtheit der individuellen Entscheidungen dafür, dass die volkswirtschaftlichen Ressourcen optimal effizient zugeordnet (allokiert) werden und insgesamt eine optimale Versorgung und Bedarfsbefriedigung mit Gütern und Dienstleistungen zu optimalen Preisen erfolgt.

Jede individuell eigennützige Entscheidung trägt unter den genannten idealen Marktbedingungen unbewusst-uneigennützig und anonym zur Koordinierung der Gesamtheit der wirtschaftlichen Transaktionen und zur Optimierung des Gemeinwohls bei.

Das ist auch deshalb der Fall, weil Anbieter und Nachfrager im Wettbewerb ständig zu Innovationen angeregt werden und dadurch ihren Beitrag zu Fortschritt und Wohlstand und zu einem vielfältigen, differenzierten Produktangebot leisten. Der Marktmechanismus funktioniert umso besser (der Markt ist umso vollkommener), je größer die Zahl der Anbieter und Nachfrager ist, weil mit der Zahl der Marktteilnehmer der Wahrheitsgehalt und die Aussagekraft der ermittelten Preise wie auch der induzierte Fortschritt und Wohlstand zunehmen. Der Preis ist somit das zentrale Instrument zur Koordinierung der marktwirtschaftlichen Prozesse.

5. Die Risiken des Marktmechanismus

Wie gesagt, die gegenwärtige neoliberale Entwicklung führt uns deutlich vor Augen, welchen Risiken und Verzerrungen der Marktmechanismus vor allem durch ungezügelten Eigennutz ausgesetzt ist. Auf wirtschaftspolitisch ungeregelten Märkten werden verschiedene Fehlentwicklungen ausgelöst, die das Versagen des Marktmechanismus zur Folge haben, das in der Ökonomik als Marktversagen bezeichnet wird. Zwei typische Indizien deuten regelmäßig auf Marktversagen hin: Zum einen, wenn die tatsächlich anfallenden sozialen und ökologischen Kosten nicht in die Preise eingehen, die Kosten also externalisiert, das heißt, auf andere Akteure oder die Allgemeinheit verlagert werden. Zum anderen, wenn gesellschaftliche Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden, weil Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge privatisiert und diejenigen Aufgaben dann vernachlässigt werden, die keine privatwirtschaftlichen Gewinne abwerfen.

Bei ungeregeltem Außenhandel auf offenen Märkten verstärken sich die Fehlentwicklungen und können ganze Binnenmärkte zerrütten (sogenannte Marktzerrüttung). Marktzerrüttung tritt vor allem auf, wenn ein Land massenhaft Produkte importiert, deren Preise unterhalb des inländischen Preisniveaus liegen, weil die Wechselkurse fahrlässig unangepasst oder von Handelspartnern bewusst manipuliert sind (Valuta-Dumping) oder weil Handelspartner die Preise mittels Sozialdumping, Umweltdumping oder sonstigen Dumpings drücken. Wenn Binnenmärkte einmal zerrüttet sind, besteht eine gefährliche Abhängigkeit von Importen, die Exportländer schließlich dazu verleiten kann, schlechte Qualität zu überhöhten Preisen zu liefern. Für weitere Einzelheiten empfehle ich den Artikel Wirtschaftliches Dumping.

Im wesentlichen lassen sich drei Fehlentwicklungen unterscheiden, die unter der heutigen neoliberalen Wirtschaftsdoktrin extreme Ausmaße angenommen haben und alle durch mangelnde wirtschaftspolitische Regelung verursacht werden:

Fehlentwicklung 1:
Bei absoluter Freiheit der Marktteilnehmer – und verstärkt durch offene globale Märkte – bilden sich im Verdrängungswettbewerb mit Dollar- und Europreisen wirtschaftliche Macht- und Kapitalkonzentrationen und Kartelle, die Größen- und Skalenvorteile nutzen, um ihre Kosten zu senken, monopolistische Strukturen bilden, die den Wettbewerb einschränken, eine beliebige Preisbildung mit Wucherpreisen begünstigen und eine flächendeckende De-Industrialisierung mit hohen sozialen und ökologischen Kosten zur Folge haben.

Infolge monopolistischer Strukturen und externalisierter Kosten fließen die wirtschaftlichen Erträge einer Minderheit privater Kapitaleigner zu, während die sozialen und ökologischen Kosten durch den ungeregelten Marktmechanismus der Allgemeinheit und zukünftigen Generationen aufgebürdet werden – ein typisches Symptom für kapitalistische Auswüchse.

Fehlentwicklung 2:
Bei absoluter Freiheit der Marktteilnehmer bilden sich für den Faktor Naturressourcen zu niedrige Preise, die erst kurz vor der endgültigen Ausbeutung einzelner Ressourcen ansteigen, weil der ungeregelte (anarchische) Markt die Begrenztheit (Knappheit) der Ressourcen zu spät wahrnimmt.

Beim Faktor Arbeit entsteht dagegen ein Überangebot: Die durch technologischen Fortschritt grundsätzlich zunehmende Kapitalintensität der Produktion erzeugt mehr und mehr Arbeitslosigkeit, weil die mangelnde wirtschaftspolitische Regelung eine regelmäßige Anpassung von Löhnen und Arbeitszeiten an den Produktivitätszuwachs verhindert, das heißt, nach einem Anstieg der Produktivität werden die Löhne nicht erhöht und/oder die Arbeitszeiten nicht verringert, sondern stattdessen Arbeitsplätze abgebaut. Die Arbeitslosen erzeugen durch Ihre Arbeitssuche ein Überangebot an Arbeit mit der Folge, dass die Löhne der noch Beschäftigten im Wettbewerb mit den Arbeitssuchenden unter das Existenzminimum sinken und sich Ungleichverteilung und Armut unter Beschäftigten und Arbeitslosen ausbreiten.

Sowohl die ökologischen als auch die sozialen Kosten werden durch den ungeregelten Marktmechanismus wiederum externalisiert – ein zweites Symptom kapitalistischer Auswüchse.

Fehlentwicklung 3:
Bei absoluter Freiheit der Marktteilnehmer entsteht – befördert durch eigennützige und dem Selbstschutz dienende Indoktrination neoliberaler Protagonisten – ein verbreiteter Glaube an die wohlstands- und wohlfahrtsförderliche Wirkung des ungeregelten Marktmechanismus. In diesem Umfeld nimmt die Bereitschaft zu, Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Wasserversorgung, Nahverkehr, Sozialversicherung, Bildung, Gesundheit und Kultur (sogenannte öffentliche oder meritorische Güter) dem ungeregelten Marktmechanismus und privaten Unternehmen zu überantworten.

Das hat weitere verheerende Folgen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Die Unternehmen konzentrieren ihr Angebot an (eigentlich) öffentlichen Gütern auf ausgesuchte Segmente, in denen sie Gewinne erzielen können und meiden oder vernachlässigen alle anderen Segmente, die dann nur noch, wenn überhaupt, in Ballungsgebieten und zu Preisen angeboten werden, die untere Einkommensgruppen von der Nutzung ausschließen – ein drittes Symptom kapitalistischer Auswüchse.

6. Die Marktwirtschaft

Aus dem dargestellten Marktmechanismus ergibt sich, dass die Marktwirtschaft eine Ordnung ist, in der die privaten Unternehmen und die privaten Haushalte ihre Entscheidungen frei, unabhängig und dezentral treffen. Diese Freiheit gilt für alle unten dargestellten Marktkategorien. Der Marktmechanismus wirkt dabei nicht nur innerhalb einzelner Märkte, sondern auch marktübergreifend. Das heißt, die Märkte beeinflussen sich gegenseitig, weil einerseits Produkte eines Marktes durch Produkte anderer Märkte ersetzt (substituiert) werden können, und weil auch das Volumen menschlicher Arbeit zunehmend durch Automatisierung und Rationalisierung reduziert, also durch Sachkapital ersetzt wird, und weil andererseits die materiellen und immateriellen Ressourcen und Finanzmittel, die den Märkten insgesamt zur Verfügung stehen, begrenzt sind.

Die privaten Unternehmen entscheiden frei über ihre Produktionen und ihre Investitionen in Sachkapital und in Arbeitsplätze und entscheiden damit auch über die Arbeitsnachfrage; die privaten Haushalte entscheiden frei über ihr Arbeitsangebot, ihren Konsum und ihre Sparquote. Die Wirtschaftskreisläufe schließen sich, indem ein Teil der Haushaltseinkommen aus Arbeitslohn und Kapitalzinsen als Konsumausgaben an die Unternehmen zurückfließt, und indem die Spareinlagen der Haushalte den Unternehmen von Geschäftsbanken als Kredite zugänglich gemacht werden und ein Teil der Kreditzinsen wiederum den Haushalten zufließt. Ergänzend kann das Kreditvolumen durch Geldschöpfung einer Zentralbank sowie durch Geldschöpfung von Geschäftsbanken kontrolliert erhöht werden, um die wirtschaftliche Dynamik und die technologische Innovation zu fördern (siehe ergänzend den Artikel Geldschöpfung und Geldvernichtung). Im Wirtschaftskreislauf wird deutlich, dass der Preis als zentrales Instrument der Koordinierung nicht nur in Form des Produktpreises, sondern auch in Form des Arbeitslohnes (des Preises für die Arbeit) und des Kapitalzinses (des Preises für das Kapital) auftritt.

7. Adam Smith’ Erbe

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Marktwirtschaft beginnt im 18. Jahrhundert mit dem schottischen Moralphilosophen und Nationalökonomen Adam Smith, der unter dem ernüchternden Eindruck des damals vom politischen Absolutismus instrumentalisierten Wirtschaftsystems, des sogenannten Merkantilismus, eine Ordnung der »natürlichen Freiheit« beschreibt. In seinem Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen – Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen« legt er den Grundstein für die Marktwirtschaft mit der für die damalige Zeit erstaunlichen Feststellung: »Nicht durch das Wohlwollen des Fleischers, des Brauers oder des Bäckers dürfen wir erwarten gesättigt zu werden, sondern durch die Wahrung ihrer Eigeninteressen«. Es ist Smith’ Verdienst, der Marktwirtschaft den ihr gebührenden Platz unter den wirtschaftlichen Ordnungen eingeräumt und darauf hingewiesen zu haben, dass individuelle Eigeninteressen dem Gemeinnutz dienlich sein können. Heute ist es unsere Aufgabe, Smith’ Erbe zeitgemäß weiterzuentwickeln, indem wir uns dafür einsetzen, die »natürliche Freiheit« der Marktwirtschaft in sozial und ökologisch verträgliche und zugleich möglichst ertragreiche Bahnen zu lenken und sie damit – besonders angesichts neoliberaler Verhältnisse – vor einem falschen Freiheitsverständnis und eigennütziger Vereinnahmung zu schützen.

8. Die sozialökologische Marktwirtschaft

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Abbildung 2: Die sozialökologisch geregelte Marktwirtschaft ist die zeitgemäße Antwort auf die seit Adam Smith’ Zeiten gesammelten Erfahrungen mit marktwirtschaftlichen und planwirtschaftlichen Ordnungen. Denn sie vereint die individuelle wirtschaftliche Freiheit mit verbindlichen Regeln, die dafür sorgen, die Freiheit allen Wirtschaftssubjekten gleichermaßen zuteil werden zu lassen. Das heißt mit anderen Worten: Die wirtschaftliche Freiheit, die einem Einzelnen oder einer Gruppe zugestanden wird, darf nicht zur Einschränkung der Freiheit Anderer führen. Jeder Markteilnehmer muss durch die Regeln zur Verantwortung gegenüber anderen Marktteilnehmern, der Gesellschaft und der Umwelt verpflichtet werden. Marktwirtschaftliche Regeln sind unabdingbar, weil nur sie das Kräftegleichgewicht zwischen den wirtschaftlichen Akteuren (Unternehmern, abhängig Beschäftigten, Kapitalgebern und Konsumenten) sicherstellen und die natürlichen Ressourcen vor wirtschaftlichem Raubbau schützen können.

Unter diesem ökonomischen Imperativ löst sich der scheinbare Widerspruch zwischen individueller wirtschaftlicher Freiheit und staatlicher Regelung auf, besonders dann, wenn die Regelung demokratisch legitimiert ist.

Für moderne Industriegesellschaften kann die sozialökologisch geregelte Marktwirtschaft in Verbindung mit einer freiheitlich-demokratischen Rechtsstaatlichkeit geradezu als ideale Ordnung bezeichnet werden.

In der Wirtschaftsgeschichte ist immer wieder versucht worden, individuelle Freiheit und staatliche Regelung der Freiheit als unvereinbar darzustellen und daraus – meist aus eigennützigen Motiven – einen naturgegebenen Widerspruch zu konstruieren. Alle diesbezüglich erfolgreichen Versuche haben gesetzlose (anarchische) Zustände zur Folge gehabt. Der gegenwärtige Prozess der neoliberalen Globalisierung ist das jüngste Beispiel.

9. Der Wettbewerb unter sozialökologischer Regelung

Kernstück sozialökologischer Marktwirtschaft ist eine in die Wirtschaftsordnung eingebettete Wettbewerbsordnung, deren wesentliche Aufgabe darin besteht, die zwischen den Markteilnehmern entstehenden Ungleichgewichte wirtschaftlicher Macht und wirtschaftlichen Kapitals einschließlich der Tendenz zur Kartellbildung durch Rückführung in subsidiäre Strukturen auszugleichen. Dadurch wird das Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage, bedingt durch die Ausgewogenheit des Kräfteverhältnisses, in den Dienst des Gemeinwohls gestellt. Das Streben der Akteure nach Wettbewerbsvorteilen bei Preis und Leistung erzeugt unter diesen Bedingungen, und nur unter diesen, automatisch sozialen und ökologischen Fortschritt, also qualitatives Wachstum (siehe dazu auch den Artikel Wirtschaftliche Subsidiarität).

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

Der gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Vorteil ist allerdings immer mit Rückschlägen einzelner Marktteilnehmer und auch einzelner Branchen verbunden. Die Rückschläge werden durch externe Kosten verursacht. Im Falle sozialökologischer Regelung allerdings durch wettbewerbsdienliche, dem Fortschritt dienende externe Kosten, die bei den Betroffenen Lernprozesse anstoßen und ihnen immer wieder neue Chancen einräumen, die eigenen Fähigkeiten unter anderen Bedingungen oder in anderen Branchen erneut zur Geltung zu bringen, und die damit eine ständige Erneuerung und Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Aktivitäten und der wirtschaftlichen Vielfalt bewirken.

Beispielsweise können Anbieter (Unternehmer wie auch Arbeitnehmer) oder ganze Branchen im Wettbewerb vom Markt verdrängt und ihre Investitionen entwertet werden, ohne dass sie endgültig von der Teilnahme und Teilhabe am Wirtschaftsleben ausgeschlossen werden, wie es im neoliberalen Verdrängungswettbewerb auf offenen globalen Märkten der Fall ist. Die wettbewerbsdienlichen Externalitäten sind somit eine unverzichtbare Funktionsbedingung einer geregelten Marktwirtschaft, ohne die der Wettbewerb seine dynamische, auf Fortschritt gerichtete Funktion nicht erfüllen könnte. Sie dürfen deshalb nicht mit externen Effekten einer ungeregelten Marktwirtschaft verwechselt werden, die den Wettbewerb verzerren und der Allgemeinheit als soziale und ökologische Kosten aufgebürdet werden. Für einen tieferen Einstieg in das Thema empfehle ich den Artikel Wirtschaftliche Externalitäten.

10. Die Märkte unter sozialökologischer Regelung

Bezogen auf ihre volkswirtschaftliche Funktion sind Faktor- und Produktmärkte zu unterscheiden. Auf den Faktormärkten werden die Produktionsfaktoren Arbeit, Naturressourcen (Rohstoffe sowie Grund und Boden) und Kapital (Geld- und Sachkapital) gehandelt, die den originären Input für die Produktionen liefern. Auf den Produktmärkten werden zum einen Güter und Dienstleistungen als Endprodukte für Konsumenten gehandelt (Konsumgütermärkte), zum anderen aber auch Güter- und Dienstleistungen für Unternehmen einschließlich Halbfertig- und Zwischenprodukte (Investitionsgütermärkte), die wiederum als Input für Produktionen dienen. Die Investitionsgütermärkte sind deshalb zugleich Faktormärkte; ihnen fällt also eine doppelte Funktion zu, weil sie einerseits Produkte erzeugen (Output), ihre Produkte aber andererseits unmittelbar als Sachkapital (Input) in andere Produktionen eingehen.

Die drei Faktormärkte

(1) Auf dem Arbeitmarkt sorgt das Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage dafür, dass die Arbeitskräfte – bei sozialer Regelung und ausgeglichenen Machtverhältnissen zwischen Unternehmern und abhängig Beschäftigten – Löhne fordern können (als Preis für die Arbeit), die ihre Existenz sichern und größtenteils als Konsumausgaben an die Unternehmen zurückfließen und die Wirtschaftskreisläufe in Gang halten, teils aber auch gespart werden und den Unternehmen von Banken als Kredite angeboten werden. Zugleich sorgt das Spannungsfeld dafür, dass die Unternehmen bei angemessenen Arbeitskosten auf ein Angebot optimal ausgebildeter und motivierter Arbeitskräfte zurückgreifen können.

(2) Auf dem Rohstoff- und Grundstücksmarkt sorgt das Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage dafür, dass die Naturressourcen – bei ökologischer Regelung mittels angemessener Besteuerung und gesetzlicher Auflagen – zu einem Preis gehandelt werden, der mindestens so hoch ist, dass ihr Substanzerhalt dauerhaft sichergestellt ist, indem er den Unternehmen Anreize bietet, die Ressourcen optimal effizient einzusetzen. Bei den nicht-erneuerbaren Rohstoffen wird die Effizienz durch weitgehend geschlossene Stoffkreisläufe oder ihre Substitution durch erneuerbare Rohstoffe erreicht; bei den erneuerbaren Rohstoffen bedeutet Effizienz, dass sie nur innerhalb der Grenzen ihrer natürlichen Regenerationsfähigkeit genutzt werden.

(3) Auf dem Kapitalmarkt sorgt das Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage dafür, dass die Kreditgeber (die privaten Haushalte und Geschäftsbanken) für ihre Spareinlagen bzw. ihre Geldschöpfung – wiederum bei sozialer Regelung und ausgeglichenen Machtverhältnissen zwischen Unternehmern und abhängig Beschäftigten – einen Zins (als Preis für das Kapital) verlangen können, der sie mit ihrer Kapitalrendite am gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs teilhaben lässt und zugleich so bemessen ist, dass er die Unternehmen als Kapitalnehmer in die Lage versetzt, ihr Produktionskapital zeitgemäß weiterzuentwickeln und damit zum allgemeinen Fortschritt beizutragen.

Die Darstellung der Faktormärkte verdeutlicht, dass sich die volkswirtschaftlichen Funktionen »Arbeitskraft« und »Kapitalgeber« in einer sozialökologisch geregelten Marktwirtschaft in einzelnen Personen vereinen, vor allem in den abhängig Beschäftigten, deren Sparguthaben das originäre Geldkapital für die unternehmerischen Investitionen und zugleich, in Form der Zinsen, deren zweite Einkommenssäule darstellt. Es gibt also kein »Naturgesetz«, das unweigerlich zur Folge hätte, dass sich Arbeitskräfte und Kapitalgeber als abgegrenzte gesellschaftliche Gruppen oder gar Schichten gegenüberstehen müssen.

Die Produktmärkte

Auf den Produktmärkten sorgt das Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage unter sozialökologischer Regelung dafür, dass die Unternehmen einerseits Preise für ihre Produkte verlangen können, die ihre Wettbewerbsfähigkeit und Existenz dauerhaft sichern und sie andererseits in die Lage versetzen, existenzsichernde Löhne und angemessene Kreditzinsen zu zahlen. Zugleich sind die Konsumenten und sonstigen Abnehmer in der Lage, Preise zu zahlen, die ihnen zeitgemäße, dem Produktivitätsniveau entsprechende Leistungen bieten.

11. Voraussetzungen sozialökologischer Marktwirtschaft

MarktUndMarktwirtschaftPNG03

Der erste Teil der nachfolgend aufgeführten Voraussetzungen wird üblicherweise auch für ungeregelte Marktwirtschaften in Anspruch genommen. Im zweiten Teil werden ergänzend bzw. einschränkend die notwendigen Regelungen aufgezeigt, die geeignet sind, die Marktwirtschaft in sozial und ökologisch zukunftsfähige, nicht-kapitalistische Bahnen zu lenken und sie zugleich zu einem Fundament und Garanten für eine zukunftsfähige wirtschaftliche Globalisierung zu machen.


Voraussetzungen Teil 1

  1. Freier Zugang zu allen Rohstoff-, Grundstücks-, Kapital-, Güter- und Dienstleistungsmärkten einschließlich der zugehörigen Gewerbe- und Konsumfreiheit (freier Markteinstieg und freier Marktausstieg); anders ausgedrückt: freie unternehmerische Entscheidungen über den Einsatz (die Allokation) der Produktionsfaktoren Arbeit, Naturressourcen und Kapital,
  2. freie Entscheidung über Produktion, Konsum, Sparen und Investieren einschließlich der freien Verhandlung über Preise und Zinsen; speziell: freie unternehmerische Entscheidung über Menge, Qualität und Konditionen von Angeboten,
  3. freie Wahl der unternehmerischen Organisationsform mit einem Spektrum von Einzelunternehmung über Aktiengesellschaft bis Genossenschaft,
  4. freier Zugang zu allen marktbezogenen Informationen für alle Marktteilnehmer,
  5. freier Zugang zum Arbeitsmarkt einschließlich der freien Wahl von Beruf und Arbeitsplatz und der freien Verhandlung über Löhne,
  6. allgemeine Freizügigkeit und unternehmerische Niederlassungsfreiheit,
  7. individuelle und übertragbare Eigentums- bzw. Verfügungsrechte an wirtschaftlichen Gütern einschließlich Grund und Boden (siehe die wichtige Einschränkung für Grund und Boden im Teil 2),
  8. freier marktwirtschaftlicher Wettbewerb einschließlich des Anspruchs auf kartellrechtliche Begrenzung wettbewerbshemmender Machtkonzentrationen,
  9. ungehindertes, freies Streben aller Marktteilnehmer nach größtmöglichem individuellem Nutzen und Gewinn.

Voraussetzungen Teil 2

  1. Wichtigste Voraussetzung für die sozialökologische Ausrichtung der Marktwirtschaft ist ein einheitlicher und autonomer nationaler oder supranationaler Wirtschaftsraum (die Eurozone erfüllt diese Bedingung nicht!), der über eine demokratisch legitimierte Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung verfügt, in der verbindliche soziale, ökologische und steuerliche Rahmenbedingungen, Regeln und Standards festlegt sind; damit sind zugleich die Binnenmärkte geographisch und wirtschaftspolitisch eindeutig zugeordnet.
  2. Wirtschaftlich genutzter Grund und Boden einschließlich Rohstofflagerstätten muss öffentliches Eigentum sein und dem privaten Wirtschaftssektor auf Zeit gegen einen marktgerechten Pachtzins überlassen werden; vor allem, um die Bodenversiegelung in ökologisch vertretbaren Grenzen zu halten und Bodenspekulation auszuschließen.
  3. Der Substanzerhalt erneuerbarer und nicht-erneuerbarer natürlicher Ressourcen muss durch gesetzliche Maßnahmen sowie eine angemessen hohe Besteuerung geregelt sein und schafft damit zugleich die Voraussetzung für qualitatives Wachstum.
  4. Der natürlichen Tendenz zur Macht- und Kapitalkonzentration muss mit steuerlichen und gesetzlichen Maßnahmen begegnet werden, um die Unternehmen laufend (dynamisch) in optimal dezentrale (subsidiäre) Strukturen zurückzuführen mit dem Ziel:
    • Angebotspolypole und Angebotsvielfalt herzustellen, um konstruktiven horizontalen Wettbewerb (innerhalb produktionstechnisch einheitlicher Ebenen) und vertikalen Wettbewerb (zwischen arbeits- und kapitalintensiven Ebenen) zu fördern,
    • das Produktionskapital geographisch und gesellschaftlich möglichst gleichmäßig und leistungsbezogen zu verteilen,
    • die Marktteilnehmer unmittelbar vor Ort in die wirtschaftliche, soziale und ökologische Verantwortung zu nehmen,
    • die Entwicklung und den Einsatz dezentraler Energieversorgung und dezentral anwendbarer Technologien zu fördern,
    • eine flächendeckende Vielfalt von Produktionen und Berufsbildern einschließlich der mengenmäßigen und strukturellen Übereinstimmung von Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot zu erzeugen,
    • sozial und ökologisch definierte Produktivität zu realisieren und entsprechende soziale und ökologische Erträge zu erzielen (vor allem Vollbeschäftigung und Umweltschutz),
    • in die subsidiären Strukturen eingebundene Skalenvorteile zur Produktivitätssteigerung zu nutzen (siehe dazu auch Skalenerträge und Produktivität).
  5. Das Produktionskapital (außer Grund und Boden) muss Privateigentum sein und einer ortsgebundenen Sozialpflichtigkeit unterliegen; das heißt, produktives Sach- und Geldkapital kann nicht vom Ort seiner ursprünglichen gemeinschaftlichen Erzeugung entfernt werden – außer nach demokratischer Entscheidung und unter demokratischer Kontrolle.
  6. Es muss das Verursacherprinzip gelten; das heißt, Marktteilnehmer sind zur Versicherung aller denkbaren Schäden verpflichtet, die als Folge ihrer Leistungen oder ihres Verhaltens auftreten können; daraus folgt, dass nicht versicherbare Leistungen nicht erbracht werden dürfen.
  7. Leistungen der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge (öffentliche Güter), die bei privatwirtschaftlicher Erbringung eine Unterversorgung zur Folge hätten, weil sie nicht gewinnbringend sind, dürfen nicht marktwirtschaftlich erbracht werden, sondern staatlich nach Maßgabe demokratischer Willensbildung und Entscheidungsfindung; das heißt, der private und der staatliche Wirtschaftssektor sind getrennt und unterliegen unterschiedlichen Regelungen; öffentliche Aufgaben können jedoch, unter staatlicher Kontrolle, privaten Unternehmen übertragen werden.
  8. Der Außenhandel muss durch bilaterale Handelsvereinbarungen zwischen autonomen Wirtschaftsräumen geregelt sein und sich gründen auf:
    • vielfältige inländische Produktionen lebenswichtiger Güter und Dienstleistungen in einem Umfang, der vor externen Ereignissen schützt und Erpressungen von außen ausschließt, notfalls eine Eigenversorgung erlaubt, gleichzeitig aber die Grundlage für einen intensiven Intrabranchenhandel bildet,
    • umfangreiche Produktionen landestypischer Spezialitäten, die intensiven Handel auf Gegenseitigkeit mit Spezialitäten erlauben,
    • Wechselkurse, die das jeweilige Preis- und Produktivitätsgefälle neutralisieren und einen Handel und Wettbewerb auf der Grundlage relativer (komparativer) Preisvorteile ermöglichen, so dass Länder mit unterschiedlichem Produktivitätsniveau vom Handel gegenseitig profitieren können,
    • Zölle und Handelskontingente, mit denen der Außenwettbewerb konstruktiv in den Binnenwettbewerb eingebunden wird,
    • Kapitalverkehrskontrollen, die der Durchsetzung der ortsgebundenen Sozialpflichtigkeit des Produktionskapitals dienen,
    • gegenseitige Verpflichtungen der Handelspartner zur sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit,
    • einen vom materiellen Außenhandel unabhängigen multilateralen Freihandel mit geistigem Eigentum (immateriellen Gütern), der im Dienste des globalen Fortschritts steht.
  9. Das gesamtwirtschaftliche, auf Vollbeschäftigung zielende Gleichgewicht muss – neben der Subsidiarisierung der wirtschaftlichen Strukturen und dem geregelten Außenhandel – durch eine ständige Anpassung von Löhnen und Arbeitszeiten an das jeweilige Produktivitätsniveau sichergestellt sein; die Verhandlungen dazu müssen, auf gesetzlicher Grundlage, durch unabhängige Tarifpartner geführt werden.

12. Extrakt der sozialökologischen Marktwirtschaft

Die übergeordneten Ziele sozialökologischer Marktwirtschaft sind Vollbeschäftigung und Umweltschutz. Vollbeschäftigung wird erreicht, indem die Produktionen so dezentral und so vielfältig wie produktionstechnisch möglich, mit soviel ausgewogener Teilnahme und Teilhabe der Erwerbsbevölkerung wie möglich, unter soviel binnen- und außenwirtschaftlichem Wettbewerb wie möglich und mit soviel eigenem und fremden Wissen wie möglich gestaltet werden.

Umweltschutz wird erreicht, indem die Verantwortung für den Erhalt der Umwelt soweit wie möglich den Menschen vor Ort übertragen und die Verlagerung und der Export von Umweltbelastungen hoch besteuert oder gesetzlich unterbunden wird, energie- und rohstoffeffiziente Produktionen und Produkte gefördert, alle anderen einschließlich der knappen Ressourcen dagegen hoch besteuert werden, und indem kleinräumige Wirtschaftskreisläufe als Fundament übergeordneter und globaler Kreisläufe gefördert und Transportleistungen progressiv besteuert werden.

Für einen weitergehenden Einstieg in die sozialökologisch geregelte Marktwirtschaft empfehle ich die folgenden Artikel: Wirtschaftliche Regionalisierung, Komparativer Vorteil – aufgewertetZukunftsfähiger Außenhandel und auch Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.
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Quellen und Literaturempfehlung

Smith, Adam: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen. Dtv, 1999,
Originalausgabe: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations. Modern Library, 1994

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