Multi-bilaterales Wechselkurssystem

Eines von 6 Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung – unter den Maximen Demokratie und Marktwirtschaft

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

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Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Vorbemerkungen
  3. Das multi-bilaterale Wechselkurssystem

1. Überblick

Angesichts des bedrohlichen Ausmaßes der Verheerungen, die von der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin verursacht werden, bekommt die Hinwendung zu verträglichen ökonomischen Prinzipien geradezu eine existentielle Bedeutung. Das nachfolgend vorgestellte Prinzip des multi-bilateralen Wechselkurssystems ist eines der Prinzipien, die ich zu einem Modell zukunftsfähiger regionaler und globaler Wirtschaftsordnung zusammenfüge, aus dem sich anschließend die dringend gebotenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen ableiten lassen.

Alle 6 Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung sind in dem Artikel Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung zusammengefasst, die 17 Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung sind ergänzend in dem Artikel Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung aufgelistet.

2. Vorbemerkungen

Im Laufe der historischen wirtschaftlichen Entwicklung in Europa und den USA haben sich Demokratie und Marktwirtschaft als Maximen der Wirtschaftsordnung herauskristallisiert und bewährt. Beide Maximen sind jedoch durch die seit den 1980er Jahren andauernde neoliberale Indoktrination soweit entstellt worden, dass ihre »natürlichen Prinzipien« in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommen werden. Es gilt deshalb, diese Prinzipien wieder hervorzukehren und sie zu einem Modell zukunftsfähiger regionaler und globaler Wirtschaftsordnung zusammenzufügen.

Das hier vorgestellte Modell beruht im Gegensatz zu den zentralistischen Strukturen, die der neuzeitliche Neoliberalismus hervorbringt, auf dezentralen, besser noch: auf subsidiären Strukturen. Nur indem sich Demokratie und Marktwirtschaft (wieder) gemeinsam und gleichermaßen in der Fläche ausbreiten, kann in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft eine Kultur der politischen Mitbestimmung und wirtschaftlichen Selbstbestimmung einkehren und auf soziale und ökologische Gerechtigkeit hinwirken. In subsidiäre Strukturen eingebettet, fällt den Menschen die volle Verantwortung für ihr Tun und ihr Wohlergehen zu, so dass sie jederzeit veranlasst sind, im Austausch miteinander vor allem die Verhältnisse in ihrer unmittelbaren Umgebung zu gestalten und damit zugleich die Voraussetzungen und das Fundament für den überregionalen und globalen Austausch zu schaffen.

Im Gegensatz zum Binnenhandel und Binnenwettbewerb, der in dem oben genannten Beitrag »Prinzipien regionaler Ordnung« behandelt wird, können dem internationalen Handel und Wettbewerb die Freiheiten eines geregelten Binnenmarktes seiner Natur nach nicht zugestanden werden. Dieser Handel und Wettbewerb muss sich angesichts der völlig unterschiedlichen Traditionen, Standards und Ressourcen in der Welt vielmehr auf bilaterale Handelsvereinbarungen gründen. Vorrangiges Ziel dieser Vereinbarungen muss es sein, dass sich importierte Produkte mit ihren Eigenschaften und Preisen möglichst belebend und vorteilhaft in den Binnenwettbewerb einfügen.

Die Trennung in regionale und globale Wirtschaftsordnung ergibt sich somit ganz natürlich aus der prinzipiellen Unterschiedlichkeit von Binnen- und Außenwirtschaft. Das erklärt zugleich, warum es eine übergeordnete, alles bestimmende, sich selbst regulierende und stabilisierende Weltwirtschaftsordnung in einer wünschenswert vielgestaltigen und demokratischen Welt nicht geben kann.

Unter politisch souveränen und wirtschaftspolitisch autonomen Regionen reduziert sich die internationale und globale Ordnung auf die Vereinbarung von Verhaltensnormen, speziell auf die Normen des internationalen Handels und der internationalen Zusammenarbeit. Bei Anwendung dieser Normen kann die wirtschaftliche Subsidiarität über die regionalen Grenzen hinaus fortgesetzt werden und auf der supranationalen und globalen Ebene in Form von Projekten globalen Interesses und Ausmaßes ihre Vollendung finden.

Mit der grenzüberschreitenden Subsidiarität wird die doktrinäre Praxis überwunden, wirtschaftspolitische Vollmachten von unteren auf übergeordnete Ebenen zu übertragen, um, wie von neoliberalen Protagonisten behauptet, »sachgerechtere« und »effizientere« Entscheidungen herbeizuführen. Zugleich entfällt damit die Rechtfertigung für die Welthandelsorganisation (WTO) heutiger Prägung, die sich anmaßt, weltweit in wirtschaftliche Vorgänge hineinzuregieren.

Als abschreckendes Beispiel sei die Eurozone genannt, die eine aus falschem Idealismus und Internationalismus, vor allem aber aus wirtschaftlichem Eigennutz mächtiger Akteure gebildete supranationale Einheit mit zunehmend zentralistischen Strukturen darstellt, so dass die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Inhomogenität Europas (die Ausdruck gewachsener, wünschenswerter Vielfalt ist) die Länder der Eurozone aufgrund fehlender Anpassungsmöglichkeiten durch nationale Wechselkurse zusehends in eine wirtschaftliche Krise stürzt, deren Folgen noch nicht abzuschätzen sind.

Deshalb gilt: Autonome, funktionstüchtige Regionalität ist Voraussetzung für zukunftsfähige Globalität. Globalität ist das Komplement funktionstüchtiger Regionalität.

Nachfolgend nun das Plädoyer für das multi-bilaterale Wechselkurssystem als eines der 6 Prinzipien internationaler und globaler Wirtschaftsordnung:

3. Das multi-bilaterale Wechselkurssystem

Unter den oben beschriebenen Bedingungen bilden bilateral vereinbarte feste Wechselkurse die monetäre Grundlage des internationalen Handels mit wirtschaftlichen Gütern (materiellen Produkten und immateriellen Dienstleistungen). Diese Wechselkurse sind das Bindeglied und die Operationsbasis für bilaterale Handelskanäle zwischen autonomen Wirtschaftsräumen. Damit komparative, relative Preisvorteile in beiden Richtungen des Handels ihre Wirkung entfalten, müssen die Wechselkurse jeweils das durchschnittliche Preisgefälle widerspiegeln, das zwischen den Handelsprodukten zweier Wirtschaftsräume besteht.

Die Berechnung bilateraler Wechselkurse erfolgt, indem zwei Handelspartner eine Produktliste zusammenstellen, in der alle Produkte aufgeführt sind, deren Handel potentiell in beiden oder auch nur in einer Richtung vorgesehen ist. Beide Partner fügen dann der Produktliste ihre Inlandspreise in eigener Währung hinzu und errechnen daraus ihren Durchschnittspreis über alle Produkte. Produkte, die nur von einem Partner hergestellt werden und deshalb potentiell nur in einer Richtung gehandelt werden können, müssen vom anderen Partner zuvor mit einem realistischen Schätzpreis versehen werden, der in seine Liste eingeht. Der nominelle Wechselkurs, also das Tauschverhältnis der Währungen, ergibt sich unmittelbar aus den beiden ermittelten Durchschnittspreisen. Anschließend lassen sich die relativen Preisvorteile aller in der gemeinsamen Liste aufgeführten Produkte ermitteln: Ein relativer Vorteil besteht bei denjenigen Produkten, deren Preise bei Anwendung des Wechselkurses geringer sind als die des Handelspartners. Umgekehrt haben diejenigen Produkte einen relativen Nachteil, deren Preise bei Anwendung des Wechselkurses höher sind als beim Handelspartner.

Das berechnete durchschnittliche Preisgefälle ist – ökonomisch ausgedrückt – die einzige Determinante im System bilateraler fixer Wechselkurse. Weil sich Preise laufend verändern, werden die Wechselkurse je nach technologischer und wirtschaftlicher Dynamik halbjährlich, jährlich oder auch von Fall zu Fall mit allen Handelspartnern bilateral neu berechnet und festgelegt.

Bilateral kalkulierte feste Wechselkurse üben neben ihrer Funktion als Bindeglied auch eine abschirmende Wirkung aus: Sie bewahren den für Wirtschaftskreisläufe existentiellen Gleichschritt der Entwicklungen von Produktivität und Kaufkraft – und damit auch von Löhnen und Preisen – vor verzerrenden Einflüssen, die ein Wettbewerb bei freien Wechselkursen und einer De-facto-Leitwährung durch seine Fixierung auf absolute Preisvorteile unvermeidlich ausübt. Zudem sind die Zentralbanken bei festen Wechselkursen in der Lage, ohne Rücksicht auf fremde Wirtschaftsräume eine auf die Binnenverhältnisse zugeschnittene Zins- und Geldmengenpolitik zu betreiben. Da sich das außenwirtschaftliche Gleichgewicht in eigener Regie regeln lässt, bewahrt es Wirtschaftsräume vor überzogener Fremdverschuldung und den damit verbundenen wirtschaftlichen Schieflagen und Abhängigkeiten. Die Regelung des außenwirtschaftlichen Gleichgewichts schließt die Konvertibilität der eigenen Währung zum Zwecke des grenzüberschreitenden Personenverkehrs und Tourismus ein.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

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