Paul Krugmans blinde Flecken

Weltfremde ökonomische Forschung im neoliberal-anarchischen Umfeld

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Einführung
  3. Krugman und die Neue Handelstheorie
    > Krugmans politischer Einfluss
    > Krugmans wissenschaftliche Prämissen
    > Die Begründung des Krugmanschen Nobelpreises
  4. Kritische Bewertung von Krugmans Forschung
    > Generelle Kritik
    > Empirische Nachweise
    > Komparativer Vorteil
  5. Ausblick

1. Überblick

Der US-Ökonom Paul Krugman wurde 2008 für seine Beiträge zur Neuen Handelstheorie mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Seine Beiträge sind ein typisches Beispiel für die unsinnigen Versuche, die vom Neoliberalismus verursachte wirtschaftliche Anarchie in Modellen abzubilden und ihr quasi naturgesetzliche Zwangsläufigkeit und Vorhersagbarkeit zuzuschreiben. Das zunehmend chaotische Verhalten des mehr und mehr deregulierten Welthandels lassen diese Versuche als wissenschaftlich unredlich und weltfremd erscheinen.

2. Einführung

In diesem Beitrag beziehe ich mich überwiegend auf Arbeiten des US-Ökonomen Paul Krugman, um zu zeigen, wie weit sich der wirtschaftswissenschaftliche Mainstream von den Erfordernissen einer zukunftsgerechten Forschung bereits entfernt hat. Krugman gehört zu der kleinen Schar von ökonomischen Grenzgängern, die zwar die wirtschaftspolitische Entwicklung durchaus eigensinnig und kritisch kommentieren, zugleich aber den Ehrgeiz haben, im neoliberalen Mainstream als wegweisende Theoretiker wahrgenommen zu werden. Mit dem Nobelpreis 2008 wurde Krugmans Spagat »offiziell« gewürdigt und eine weitere fragwürdige Arbeit von der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften abgesegnet.

Die Schwedische Akademie und ihre jeweiligen Preiskomitees exponieren sich seit der Einführung des Wirtschaftsnobelpreises 1969 überwiegend als Advokaten von Ökonomen, die alles daransetzen, die Ökonomik in den Stand einer exakten Naturwissenschaft zu erheben. Die Methode der Mehrzahl ausgezeichneter Ökonomen besteht darin, ökonomische Prozesse von sozialen und ökologischen Bedingungen zu abstrahieren, sie dann mit mathematischen Formeln zu beschreiben und ihnen mechanistisch zwangsläufige, vorhersagbare Abläufe zu attestieren. Eine hanebüchene Methode, weil damit das originäre Erkenntnisobjekt der Ökonomik, nämlich die soziale (und ebenso die ökologische) Wirklichkeit, als bedeutungslos, ja als abwegig hingestellt wird. Das ist zugleich der Grund, weshalb von neoliberalen Ökonomen immer wieder der Einwand zu hören ist, für die sozialen und ökologischen Implikationen wirtschaftlicher Prozesse sei nicht ihr Fachgebiet, sondern die Politik zuständig. Keine Frage, dass hier Aufklärung not tut.

Festzuhalten ist deshalb zunächst, dass die Wirtschaftswissenschaft (oder Ökonomik) eine Sozialwissenschaft, aber beileibe keine Naturwissenschaft ist. Die Verwechslung, der sich die wirtschaftswissenschaftlichen Protagonisten hingeben, entsteht aus einer grundlegend falschen Prämisse: Sie weisen in ihren Modellen jedem wirtschaftlichen Akteur weltweit einforderbare grenzenlose Freiheiten zu. Kurz, jeder soll machen dürfen was, wie und wo es ihm gefällt. So wird ein Verständnis vom menschlichen Wirtschaften und schließlich dessen wirtschaftspolitische Umsetzung befördert, das im Dienste der Egoismen einer kleinen Zahl mächtiger globaler Akteure steht, nicht aber im Dienste für ein nachhaltig besseres Leben der Menschen. Indem sich die Ökonomik von ihrer sozialwissenschaftlichen und damit ihrer sozialen Verpflichtung löst, diskreditiert sie jegliche wirtschaftliche Regelung und Steuerung und bekräftigt die ohnehin verbreitete Ansicht, wirtschaftliche Zusammenhänge seien kompliziert und nur von Experten zu durchschauen.

Mit der Prämisse grenzenloser wirtschaftlicher Freiheit haben sich die neoliberalen Ökonomen eine Spielwiese höchster Komplexität geschaffen, die ihnen für alle Zukunft eine endlose Vielfalt an sinn- und bedeutungslosen mathematischen Spielereien erlaubt. Da mathematische Formeln und die daraus erstellten Modelle wissenschaftliche Seriosität suggerieren, werden sie nicht nur vom unkundigen Publikum, sondern auch von der intellektuellen Elite bewundert – wie die Nobelpreise beweisen. Der Nimbus neoliberaler Ökonomik und die von neoliberalen Akteuren betriebene Indoktrination behindern die kritische öffentliche Auseinandersetzung mit den Folgen der neoliberalen Doktrin und beflügeln die Illusion, die fortschreitende Deregulierung (»Liberalisierung«) der Weltwirtschaft sei eine begrüßenswerte natürliche Entwicklung, sei wissenschaftlich begründet und werde schließlich zum Wohle der Menschheit beitragen.

3. Krugman und die Neue Handelstheorie

Krugmans politischer Einfluss

Der US-Journalist Michael Tomasky hat Krugman als »liberalen Polemiker« bezeichnet und damit dessen politischen Impetus auf den Punkt gebracht. So befürwortet Krugman einerseits freie globale Märkte, zugleich aber auch staatliche Eingriffe im Sinne von Keynes, wenn es gilt, Marktversagen gegenzusteuern. Krugman selbst bekennt sich politisch zur europäisch-sozialdemokratischen Tradition. Durch seine pointierten Kolumnen in der New York Times ist er zu einem der bekanntesten Intellektuellen der USA geworden.

Die Administration von George W. Bush kritisierte er vor allem wegen deren Steuersenkungen, mit denen sie das Haushaltsdefizit erhöhte und die Reichen begünstigte, ohne die Wirtschaft zu stimulieren. Alan Greenspan machte er für die Finanzmarktkrise persönlich verantwortlich, weil der den Handel mit fragwürdigen Derivaten befürwortet hatte, indem er meinte, die Risiken ließen sich dadurch weltweit auf die stärksten Schultern verteilen. Die Obama-Administration kritisiert er für deren massive Unterstützung der US-Finanzinstitute und die halbherzigen Investitionen in den Arbeitsmarkt. Den Wirtschaftsnobelpreis erhielt er 2008, wie im folgenden Abschnitt ausführlicher dargestellt, für seine Erläuterungen zur internationalen Handelsstruktur und geographischen Konzentration von Produktion und Wohlstand.

Krugmans wissenschaftliche Prämissen

Krugman hat wesentlich zur sogenannten Neuen Handelstheorie (new trade theory) beigetragen. Seine Arbeiten und Veröffentlichungen, die 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, entstanden im Zeitraum zwischen 1979 und 2005, also während des Entstehens der neoliberalen wirtschaftlichen Globalisierung. Seine Arbeiten sind ein Spiegelbild dieser in der Wirtschaftsgeschichte – im negativen Sinne – einzigartigen Phase. Er beschreibt einige entscheidende Phänomene dieser Entwicklung und setzt sie in mathematische Beziehung zueinander. Sein Ansatz ist analytisch-deskriptiv, keinesfalls kritisch-kreativ. Das heißt vor allem, er nimmt die weltweit um sich greifende wirtschaftspolitische Deregulierung als gottgegeben hin, ebenso den dadurch bedingten Niedergang der sozialen und ökologischen Standards, den er mit keinem Wort erwähnt. Sein unkritischer Ansatz erlaubt ihm nichts anderes als eine rein deskriptive Annäherung an die neoliberale Wirklichkeit, und so beschreibt er die ökonomischen Prozesse wie sie sich bis heute tatsächlich entwickelt haben: losgelöst von ihren originären Verpflichtungen für Gesellschaft und Umwelt. Indem er die Verheerungen ignoriert, die von der neoliberalen Entwicklung verursacht werden, leistet er einen Beitrag zu dem ohnehin verbreiteten »entmenschlichten« Verständnis von Wirtschaft.

Die Begründung des Krugmanschen Nobelpreises

Ich zitiere hier zunächst sinngemäß die (unkritische) Würdigung der Krugmanschen Arbeit, wie sie von der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaft zur Verleihung des Nobelpreises 2008 veröffentlicht wurde[1]. Im anschließenden Kapitel werde ich Krugmans Arbeit und die Neue Handelstheorie dann massiv kritisieren. Das folgende, kursiv gesetzte Zitat ist sinngemäß und gekürzt wiedergegeben:

Zitat: »Der diesjährige Preis wird an Krugman für seine Forschung zum internationalen Handel und zur Wirtschaftsgeographie verliehen.

Diese Forschung bildet die theoretische Grundlage zur Beantwortung wichtiger Fragen: Wie werden wir von der Globalisierung beeinflusst? Welche Auswirkungen hat der freie Welthandel? Warum ziehen immer mehr Menschen in große Städte, während ländliche Gebiete entvölkert werden?

Zum internationalen Handel: Anfang des 19. Jahrhunderts begründete David Ricardo das Theorem des Komparativen Vorteils, um Umfang und Zusammensetzung des internationalen Handels zu erklären. Das Theorem wurde im 20. Jahrhundert von Eli Heckscher und Bertil Ohlin erweitert, die Kernaussage blieb jedoch unverändert: Länder sollten sich auf Produkte spezialisieren und sie exportieren, bei denen sie relative Vorteile bei ihrer Ausstattung mit Produktionsfaktoren haben. Zum Beispiel sollten relativ kapitalreiche Länder Industrieprodukte exportieren und Agrarprodukte importieren, während relativ kapitalarme Länder das Gegenteil tun sollten.

In den letzten 50 Jahren entsprach die Handelsstruktur jedoch immer weniger den alten theoretischen Annahmen, weil sich vor allem zwischen reichen Länder der sogenannte Intrabranchenhandel ausbreitete, bei dem jedes Land fast identische Produkte sowohl exportiert als auch importiert. Zum Beispiel exportiert Schweden Volvo Autos, die als robust und familientauglich gelten, und importiert gleichzeitig BMW Autos aus Deutschland, die ein sportliches Image haben. Dieser Handel findet statt, obwohl bei beiden Produktionen gleiche Technologien und gleiche Anteile von Arbeit und Kapital (gleiche Faktorverhältnisse) eingesetzt werden.

Krugman erklärte die Zunahme des Intrabranchenhandels zum einen mit den durch Massenproduktion zu reduzierenden Stückkosten, den sogenannten Skalenvorteilen, zum anderen mit der Vorliebe der Konsumenten für Vielfalt im Angebot und Abwechslung im Konsum. Die Massenproduktion wird ermöglicht, indem nationale Produktvarianten (Volvo bzw. BMW Autos) weltweit abgesetzt werden. Dadurch wird jeder Hersteller zu einem globalen Monopolisten der einzigartigen Ausprägung seines Produkts. Es entsteht ein monopolistischer, unvollständiger Wettbewerb (unvollständige Konkurrenz), weil, wie im Beispiel, sowohl Volvo als auch BMW in ihrem Marktegment konkurrenzlos sind.

Je mehr Länder an einem derartigen Intrabranchenhandel und monopolistischen Wettbewerb teilnehmen, desto größer sind die Skalenvorteile, die jeder Monopolist erzielt. Zugleich sinken mit steigenden Skalenvorteilen die Preise, so dass immer mehr Länder diese Produkte importieren und die Produktvielfalt für immer zahlreichere Anwendungszwecke und die Wahlmöglichkeiten für die Konsumenten weltweit zunehmen.

Aus Krugmans Erklärung folgt, dass internationaler Handel heute sowohl auf der Grundlage komparativer Vorteile stattfindet, also zwischen unterschiedlich entwickelten und relativ unterschiedlich ausgestatteten Ländern, als auch als Intrabranchenhandel zwischen gleich ausgestatteten, überwiegend hoch entwickelten Ländern.

Zur Wirtschaftsgeographie: Krugman erklärte auf der Grundlage seiner Annahmen zum internationalen Handel zugleich die geographische Verteilung von Arbeitskräften, Kapital und Wohlstand. Gebiete (oder Länder) mit höherer Bevölkerungsdichte erzielen mit ihren höheren Stückzahlen höhere Skalenvorteile in der Produktion von Gütern und damit niedrigere Preise, höhere Vielfalt, höhere Löhne und schließlich höheren Lebensstandard. Durch diesen Vorteil entsteht ein Sog, der Arbeitskräfte und Kapital aus Gebieten (oder Ländern) mit niedrigerer Bevölkerungsdichte anzieht und die geographischen Unterschiede verstärkt.

Wenn die Güter, wie für globale Märkte typisch, über weite Stecken exportiert werden, kann der Konzentrationseffekt allerdings durch steigende Transportkosten gebremst oder umgekehrt werden. Diese Überlegungen führten Krugman zu seinem Kern-Peripherie-Modell (core-periphery model): Unternehmen müssen bei ihrer Entscheidung über Niederlassungen zwischen Skalenvorteilen in der Produktion und Kostennachteilen beim Transport abwägen (trade-off). Diese rationalen Kompromisse können bei niedrigen Transportkosten zu hoher geographischer Konzentration und Urbanisierung führen und sich bei hohen Transportkosten umkehren und dezentralisierend wirken. Dieser Zusammenhang erklärt außerdem den sogenannten Heimmarkt-Effekt (home market effect): Unternehmen konzentrieren ihre Produktion möglichst nah an ihrem größten Absatzmarkt, um ihre Transportkosten zu minimieren. Daraus folgt weiter, dass Länder überwiegend Güter exportieren, bei denen sie über einen großen Heimmarkt verfügen.

Praktischer Nutzen: Die Neue Handelstheorie erlaubt Vorhersagen über den Einfluss der Handelsliberalisierung auf die Handelsstruktur. Sie kann ebenso für die Wohlfahrtsanalyse genutzt werden.

Fazit: Krugman hat Skalenvorteile in allgemeine Gleichgewichtsmodelle integriert und damit unser Verständnis für die Determinanten des Handels und der Standorte wirtschaftlicher Aktivität vertieft.« Ende des Zitats!

4. Kritische Bewertung von Krugmans Forschung

Wer die neoliberale Globalisierung über die Jahre beobachtet hat, dem werden die von Krugman beschriebenen Phänomene vertraut sein und seine Schlussfolgerungen trivial und selbstverständlich erscheinen. Bleibt die Frage, warum die Königliche Schwedische Akademie der Wissenschaften Ökonomen auszeichnet, die ein zu chaotischem Verhalten neigendes doktrinäres System modellhaft abzubilden suchen, um damit Aussagen über die Zukunft der globalen Wirtschaft zu treffen. Ein System überdies, dessen verheerende soziale und ökologische Folgen bestens dokumentiert sind.

Generelle Kritik

Krugman verabsolutiert insbesondere die Skalenvorteile (economies of scale) in seinem Modell, das heißt, er sieht keinen Grund, die durch Skalenvorteile verursachten externen sozialen und ökologischen Kosten durch Dezentralisierung der wirtschaftlichen Strukturen zu begrenzen oder zu vermeiden. Ganz im Gegenteil sieht er in unbegrenzten Skalenvorteilen eine wesentliche treibende Kraft der neoliberalen Globalisierung und bringt sich damit von vornherein um die Chance, die Doktrin einer kritischen Analyse zu unterziehen. Ein einfacher Blick in die Statistiken würde ihm offenbaren, dass das Streben nach endlosen Skalenvorteilen Fehlentwicklungen unkalkulierbaren Ausmaßes zur Folge hat: vor allem Dumping sowie Macht- und Kapitalkonzentration, die eine zerstörerische Scheinproduktivität erzeugen, das heißt, eine Produktivität, die infolge nicht internalisierter externer Kosten aus Arbeitslosigkeit, Ungleichverteilung und Umweltzerstörung höher erscheint als sie tatsächlich ist. Für einen tieferen Einblick empfehle ich den Artikel Skalenerträge und Produktivität.

Der Gleichgewichtszustand, den Krugman mit seinen Modellen zu beschreiben vorgibt, ist eine gefährliche Illusion, weil wirtschaftliches Gleichgewicht – also die Ausgewogenheit von Angebot und Nachfrage bei allen Wirtschaftskreisläufen – ohne ständiges Streben nach hohem Beschäftigungsstand, nach leistungsgerechter Gleichverteilung von Einkommen und Vermögen sowie nachhaltigem Umweltschutz, niemals erreicht werden kann. Kurz gesagt, wirtschaftliches Gleichgewicht und nachhaltig optimale Wohlfahrt sind identisch, das eine ist ohne das andere nicht zu haben (siehe ergänzend auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt).

Empirische Nachweise

Empirische Daten zum internationalen Handel auf deregulierten globalen Märkten zeigen, dass die Handelsstruktur tatsächlich, wie von Krugman angenommen, durch Skalenvorteile und Faktorverhältnisse, speziell durch niedrigste Stückkosten und höchste Kapitaleinsätze, bestimmt wird. Daraus kann jedoch keine Bestätigung für den Nutzen deregulierter globaler Märkte abgeleitet werden, denn Krugman berücksichtigt in seinen Modellen nicht, dass Skalenvorteile bei fehlender wirtschaftspolitischer Regelung zunehmend durch Sozial-, Öko- und Valuta-Dumping und durch hohe Kapitalintensität erzielt werden, und dass zum Beispiel das sinkende Arbeitsvolumen und die immer speziellere Arbeitsnachfrage wegen des gleichzeitig entstehenden globalen Kostendrucks weder durch Arbeitszeitverkürzungen noch durch staatliche Transferleistungen sozialverträglich aufgefangen werden können.

Valuta-Dumping bedeutet übrigens Abwertung einer nationalen Währung gegenüber dem Dollar oder dem Euro als neoliberale Quasi-Leitwährungen, was für einzelne Euro-Länder nicht mehr möglich ist (nur noch für die Eurozone als Ganzes gegenüber dem Dollar), und für diejenigen Euroländer, die wenig in den Dollar-Raum exportieren, auch unwirksam wäre. Handelsdefizit und Überschuldung Griechenlands sind der aktuelle Beweis, dass die wirtschaftlich inhomogene Euro-Zone eine Fehlkonstruktion ist (siehe dazu auch die Artikel Finanzmarktkrise 2008, Eurokrise oder EU-Krise?, EU: Bundesstaat oder Staatenbund?, Heterogener EU-Binnenmarkt und Politische versus wirtschaftliche Integration).

Empirische Daten zur Wirtschaftsgeographie zeigen unter den herrschenden Bedingungen deregulierter globaler Märkte, dass Marktgröße und Lohnhöhe tatsächlich positiv korrelieren. Aber auch hier entsteht durch Krugmans Modelle ein falscher Eindruck, weil die hohen Löhne bei ungezügelter, durch Dumping forcierter Konzentration nur einer schwindenden Minderheit von Arbeitnehmern zugute kommt, die über ganz spezielle Qualifikationen verfügt, während gleichzeitig Arbeitslosigkeit und prekäre Arbeitsverhältnisse massenhaft zunehmen. Die von Krugman in seinem Kern-Peripherie-Modell angenommene massive Migration lässt sich hingegen nicht nachweisen, vor allem, weil bei zunehmender Kapitalintensität immer weniger Arbeitskräfte mit immer spezielleren Qualifikationen nachgefragt werden. Ansonsten lässt sich, bei zunehmender Öffnung nationaler Arbeitsmärkte, in Hochlohnländern eine Verdrängung heimischer durch zuwandernde Arbeitskräfte aus Niedriglohnländern feststellen, eine Verdrängung, die sinkende Löhne und sinkende soziale Standards zur Folge hat.

Der Heimmarkt-Effekt ist neoliberal ebenfalls nicht nachweisbar, weil die Länder im globalen Standortwettbewerb ihre sozialen, ökologischen und sicherheitsrelevanten Standards laufend senken (Dumping) und den Unternehmen dadurch ermöglichen, ihre Niederlassungen weltweit dort anzusiedeln oder dorthin zu verlagern, wo gerade die geringsten Kosten anfallen. Zum Beispiel hat Irland seine Standards vor Jahren extrem und »erfolgreich« auf Kosten anderer Länder gesenkt und zunächst erfolgreich ausländische Unternehmen angelockt, um dann seine Gewinne vor Übermut mit wertlosen derivativen Finanzprodukten wieder zu verspielen und zur Finanzmarktkrise beizutragen, die 2008 ihren Lauf nahm.

Komparativer Vorteil

Die Annahme, die Handelsstruktur sei irgendwann in der Wirtschaftsgeschichte entscheidend durch komparative Vorteile bestimmt worden, ist undifferenziert bzw. falsch.

Undifferenziert ist die Annahme in Bezug auf den gesamten Zeitraum vor dem Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens Anfang der 1970er Jahre. In dieser geschichtlichen Zeit wurde die Nutzung komparativer Vorteile durch hegemoniale wirtschaftspolitische Strategien und imperialistische Politiken unterlaufen. Der Nachweis dafür ergibt sich allein dadurch, dass für eine gegenseitig gewinnbringende Nutzung komparativer Vorteile bilaterale Vereinbarungen über genau kalkulierte Wechselkurse und kostendeckende Exportpreise unumgänglich gewesen wären, was aber für diesen Zeitraum nicht belegt ist. Eine gewinnbringende internationale Handelsstruktur hätte demzufolge auf multibilateralen Vereinbarungen beruhen müssen, um die Komplexität und Anfälligkeit multilateraler Beziehungen zu vermeiden, aber logischerweise ist auch das nicht belegt.

Falsch ist die Annahme in Bezug auf die Zeit nach dem Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens, als die neoliberale Globalisierung begann. Seither wird der internationale Handel in der Quasi-Leitwährung Dollar und teils auch in Euro abgewickelt, und es zählt einzig der absolute (Preis-) Vorteil in einer dieser Währungen, unabhängig davon, welcher Wechselkurs zufällig zwischen Landeswährung und Leitwährung besteht, und unabhängig davon, ob der Preis eines Produkts alle Produktionskosten abdeckt oder durch Dumping verfälscht ist. Kurz gesagt, unter dem Regime der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin werden der internationale Wettbewerb und die Handelsströme nicht durch komparative relative Vorteile, sondern durch absolute Preisvorteile bestimmt. Diese unterliegen beliebigem bewussten und zufällig-spekulativem Einfluss. Und das gilt für den Inter– wie den Intra-Branchenhandel gleichermaßen. Es ist unglaublich, aber bezeichnend für die heutige Mainstream-Ökonomik, dass Krugman die neoliberale Wirklichkeit in seinen Modellen so unbekümmert ausklammert.

Wie entscheidend die Nutzung komparativer Vorteile für eine (zukünftige) gewinnbringende Handelsstruktur ist, lässt sich in folgenden Artikeln nachlesen: Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

5. Ausblick

Krugmans blinde Flecken lehren uns eine unzweideutige Lektion: Ökonomische Forschung ist fehlgeleitet, wenn sie die Entwicklung der Wirtschaft als natürlichen evolutionären Prozess auffasst, der durch die Interaktionen absolut freier Akteure bestimmt wird. Die neoliberale Deregulierung, die bewusst oder unbewusst dem biologischen Prinzip »survival of the fittest« nacheifert, kann keine gültige Norm für das soziale und wirtschaftliche Leben sein, denn sie verstößt eklatant gegen das Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit.

Das soziale und wirtschaftliche Leben muss, um der Menschenwürde zu genügen, geregelt sein. Verpflichtung und Fähigkeit, Regeln aufzustellen, sind nur dem Menschen zu eigen und sind Ausdruck seiner Einzigartigkeit als kulturbefähigtes Wesen. Kurz gesagt in Englisch: man is a rulemaker.

Die ökonomische Forschung kann ihrem Auftrag nur gerecht werden, wenn sie die Spielwiese »wirtschaftsdarwinistischer« Komplexität aufgibt und kreativ theoretische Modelle entwickelt, die auf einem überschaubaren, auf optimale Wohlfahrt gerichteten Regelwerk basieren, in Musterregionen getestet, bis zur Praxistauglichkeit weiterentwickelt und schließlich der Wirtschaftspolitik und der Allgemeinheit anempfohlen werden.

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Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Paul Krugman’s Blind Spots

Quellen

  1. http://nobelprize.org/nobel_prizes/economics/laureates/2008/press.html

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