Qualitatives Wirtschaftswachstum

Qualitatives Wirtschaftswachstum als eines von 17 Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung unter den Maximen Demokratie und Marktwirtschaft

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Vorbemerkungen
  3. Das dynamische qualitative Wirtschaftswachstum

1. Überblick

regionaleordnung01Angesichts des bedrohlichen Ausmaßes der Verheerungen, die von der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin verursacht werden, bekommt die Hinwendung zu verträglichen ökonomischen Prinzipien geradezu eine existentielle Bedeutung. Aber erst wenn diese Prinzipien zu einem Modell zukunftsfähiger regionaler und globaler Wirtschaftsordnung zusammengefügt sind, lassen sich die dringend gebotenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen ableiten.

Alle 17 regionalen Prinzipien sind in dem Artikel Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung in Form von Fragen zusammengefasst. Die ergänzenden 6 globalen Prinzipien sind in dem Artikel Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung aufgeführt, ebenfalls in Frageform.

Der Begriff »regional« bezieht sich im hier gegebenen Zusammenhang übrigens auf weitgehend homogene Einheiten, derzeit vor allem Nationalstaaten und supranationale politische und wirtschaftliche Unionen, die alle Voraussetzungen für politische Souveränität und wirtschaftliche Autonomie mitbringen und in der Lage sind, ein tragfähiges Fundament für ein gedeihliches Zusammenwachsen der Welt zu bilden. Diese Einheiten werden nachfolgend auch als Wirtschaftsräume bezeichnet.

Als abschreckendes Beispiel können hier die Europäische Union (EU) und speziell die innerhalb der EU bestehende Eurozone dienen. Beides sind supranationale Einheiten, die aus politischem und wirtschaftlichen Eigennutz mächtiger Akteure hervorgegangen sind und deren Inhomogenität und Zentralismus seither großes Zerstörungspotential entfaltet (siehe dazu den Artikel Demokratie und Europäische Integration).

Vorbemerkungen

Im Laufe der historischen wirtschaftlichen Entwicklung in Europa und den USA haben sich Demokratie und Marktwirtschaft als Maximen der Wirtschaftsordnung herauskristallisiert und bewährt. Beide Maximen sind jedoch durch die seit den 1980er Jahren andauernde neoliberale Indoktrination soweit entstellt worden, dass die ihnen innewohnenden »natürlichen Prinzipien« von den Bürgern kaum noch wahrgenommen werden. Es gilt deshalb, diese Prinzipien wieder hervorzukehren und sie zu einem Modell zukunftsfähiger regionaler und globaler Wirtschaftsordnung zusammenzufügen. Siehe auch den Artikel Markt und Marktwirtschaft.

Das hier vorgestellte Modell beruht im Gegensatz zu den zentralistischen Strukturen, die der neuzeitliche Neoliberalismus hervorbringt, auf dezentralen, besser noch: auf subsidiären Strukturen. Nur indem Demokratie und Marktwirtschaft (wieder) gemeinsam und gleichermaßen von den Bürgern in möglichst vielen Ländern als überzeugende Maximen erkannt werden, kann in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft eine Kultur der politischen Mitbestimmung und wirtschaftlichen Selbstbestimmung einkehren und auf soziale und ökologische Gerechtigkeit hinwirken. In subsidiäre Strukturen eingebettet, fällt den Menschen dann die volle Verantwortung für ihr Tun und ihr Wohlergehen zu, so dass sie jederzeit veranlasst sind, im Austausch miteinander vor allem die Verhältnisse in ihrer unmittelbaren Umgebung zu gestalten und damit zugleich die Voraussetzungen und das Fundament für den globalen Austausch zu schaffen.

Die soziale und ökologische Gerechtigkeit erwächst im übrigen aus einer Vielzahl wirtschaftlicher Mechanismen: So werden zum Beispiel die im neoliberalen Kontext falsch definierten Begriffe Effizienz und Produktivität sowie Spezialisierung im Sinne sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Nachhaltigkeit neu bestimmt und nicht mehr der Willkür eines »liberalisierten«, also ungeregelten Marktes, sondern der wirtschaftspolitischen Steuerung unterworfen. Der Markt erhält dadurch die ihm gemäße Freiheit zurück, die ihn bei sinnvollen und einheitlichen Rahmenbedingungen, Regeln und Standards wie keinen anderen Mechanismus befähigt, die wirtschaftlichen Ressourcen effizient und gerecht zuzuordnen.

Als zentrales Informationsmedium und Steuerelement der individuellen Markttransaktionen der wirtschaftlichen Akteure fungiert der Preis, der diese, seine eigentliche Funktion, wieder wahrnehmen kann, weil er, unter den Bedingungen sozialer und ökologischer Gerechtigkeit und Produktivität, alle internen und externen Kosten widerspiegelt. Indem sich die Akteure von wahrheitsgemäßen Preisen leiten lassen, die im Wechselspiel von Angebot und Nachfrage entstehen, bewegen sich die wirtschaftlichen Ressourcen – wie von »unsichtbarer Hand« gelenkt – dorthin, wo sie dem Einzelnen und zugleich der Gemeinschaft den größten Nutzen stiften. Siehe ergänzend dazu auch den Artikel Wirtschaftliche Preisbildung.

Subsidiäre Strukturen sorgen dafür, dass Wohlstand und Wohlfahrt nicht mehr den Unwägbarkeiten einer weltweit unter oligarchischer Herrschaft und hoher Kapitalkonzentration erwirtschafteten Produktionsmenge ausgeliefert sind, sondern sich wie von selbst aus der binnenwirtschaftlichen Produktionsstruktur ergeben. Allein die Produktionsstruktur ist ausschlaggebend für die lokale und regionale wirtschaftliche Vielfalt und folglich für die Höhe des Beschäftigungsstandes, die leistungsgerechte Gleichverteilung in der Gesellschaft und den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen.

Im Gegensatz zur Binnenwirtschaft können der Außenwirtschaft, also dem internationalen Handel und grenzüberschreitenden Wettbewerb, die Freiheiten geregelter Binnenmärkte ihrer Natur nach nicht zugestanden werden. Der internationale Handel und Wettbewerb muss sich angesichts der völlig unterschiedlichen Traditionen, Standards und Ressourcen in der Welt vielmehr auf bilaterale Handelsvereinbarungen zwischen autonomen Wirtschaftsräumen gründen, in denen der Wechselkurs als entscheidendes Bindeglied festgelegt ist, ergänzt durch Zölle und Handelskontingente, um die Unterschiede zum Wohle beider Seiten auszugleichen. Diese Vereinbarungen müssen vor allem sicherstellen, dass sich importierte Produkte mit ihren Eigenschaften und Preisen möglichst belebend und schadlos in den Binnenwettbewerb einfügen.

Die Trennung in regionale und globale Ordnung ergibt sich somit ganz natürlich aus der prinzipiellen Unterschiedlichkeit von Binnen- und Außenwirtschaft. Das erklärt zugleich, warum es eine übergeordnete, alles bestimmende, sich selbst regulierende und stabilisierende Weltwirtschaftsordnung in einer wünschenswert vielgestaltigen und demokratischen Welt nicht geben kann. Siehe dazu auch den Artikel Zukunftsfähiger Außenhandel.

Im Austausch zwischen Wirtschaftsräumen reduziert sich die globale Ordnung auf die Vereinbarung von Verhaltensnormen, speziell auf die Normen des internationalen Handels und der internationalen Zusammenarbeit. Bei Anwendung dieser Normen kann die binnenwirtschaftliche Subsidiarität über die Grenzen von Wirtschaftsräumen hinaus fortgesetzt werden und auf der globalen Ebene in Form von Projekten globalen Interesses und Ausmaßes ihre Vollendung finden.

Mit der binnen- und der grenzüberschreitenden Subsidiarität wird die doktrinäre Praxis überwunden, wirtschaftspolitische Vollmachten von unteren auf übergeordnete Ebenen (zumal staatsferne) zu übertragen, um, wie von neoliberalen Protagonisten behauptet, »sachgerechtere« und »effizientere« Entscheidungen herbeizuführen. Damit entfällt zugleich die Rechtfertigung für die Welthandelsorganisation (WTO) heutiger Prägung, die von ihren derzeit 164 Mitgliedsländern als Gralshüter des globalen Verdrängungswettbewerbs mit Dumpingpreisen in Leitwährung (Dollar und Euro) betraut ist. Ein in der Wirtschaftsgeschichte einzigartiger Vorgang, denn Bedingung für die Mitgliedschaft ist der (freiwillige) Verzicht auf nationale wirtschaftspolitische Autonomie.

Festzuhalten ist, dass die Abgrenzung der spezifischen Funktionen der verschiedenen wirtschaftlichen Ebenen, also die subsidiäre Strukturierung von Wirtschaftsräumen im Inneren und darüber hinaus, absolut entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Wirtschaftsräume wie auch für die Weltwirtschaft insgesamt ist:

Funktionstüchtige Regionalität ist Voraussetzung für zukunftsfähige Globalität. Globalität ist das Komplement funktionstüchtiger Regionalität.

Nachfolgend nun das Plädoyer für das dynamische qualitative Wirtschaftswachstum als eines der 17 Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung:

3. Das dynamische qualitative Wirtschaftswachstum

qualitativeswachstum01Eine Wirtschaft kann als qualitativ wachsend bezeichnet werden, wenn sie zwei Bedingungen erfüllt: Sie muss politisch gezielt in eine Richtung gesteuert werden, in der sich ihre Prozesse und Produkte immer besser in die subsidiären gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen einfügen und in der die Prozesse und Produkte von den Menschen in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld in eigener Verantwortung betrieben und genutzt werden können. Und sie muss zugleich in eine Richtung gesteuert werden, in der ihre Prozesse und Produkte mit den vielfältigen Formen der Sonnenenergie betrieben und die verwendeten Stoffe in geschlossenen Kreisläufen wiederverwendet werden.

Qualitatives Wachstum ist somit immer identisch mit einer auf wachsende sozial definierte und zugleich auf wachsende ökologisch definierte Produktivität zielenden wirtschaftlichen Entwicklung. Das bedeutet zugleich: Qualitatives Wachstum erzeugt automatisch soziale und ökologische Erträge und Gerechtigkeit.

Die Dynamik einer qualitativ wachsenden Wirtschaft zeigt sich darin, dass sie immer anwendungsfreundlichere und immer umweltfreundlichere Prozesse und Produkte hervorbringt, dass sie also in immer besseren Einklang mit den menschlichen Bedürfnissen und dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen gebracht wird. Qualitatives Wachstum kann sich, im Gegensatz zum quantitativen Wachstum, endlos fortsetzen und wird nach menschlichem Ermessen niemals in einen endgültigen, statischen Zustand übergehen. Dabei schließt qualitatives Wachstum vorübergehendes quantitatives Wachstum, also wachsende Energie- und Stoffdurchsätze und wachsende Produktionsmengen, keinesfalls aus, sofern die oben genannten Bedingungen erfüllt sind.

Auch in der Natur erhöhen sich die Energie- und Stoffdurchsätze bei steigender Temperatur und Sonneneinstrahlung, wie wir in jedem Frühjahr aufs neue beob­achten können. Entscheidend für die Nachhaltigkeit quantitativen Wachstums ist, dass die Prozesse nicht über das Ausmaß an Stoffmengen hinauswachsen, das sich gerade noch vollständig in die bestehenden Stoffkreisläufe einfügt. Auf technische Prozesse bezogen heißt das: Die Gesamtmenge der in Kreisläufen gebundenen Stoffe und sonstigen natürlichen Ressourcen muss – unabhängig vom Durchsatz – unterhalb der für den Substanzerhalt der Ressourcen und unterhalb der für den Erhalt der biologischen Artenvielfalt kritischen Grenze liegen.

Wenn beispielsweise die Entwicklung eines komplexen Produktes, sagen wir: einer Waschmaschine, in Richtung sozialer und ökologischer Produktivität vorangetrieben wird, kann es zur Verringerung der volkswirtschaftlichen Kosten sinnvoll sein, die Anwender durch steuerliche Anreize zum vorzeitigen Kauf eines neuen, sozial und ökologisch produktiveren Modells zu bewegen. Der Lebenszyklus des alten Modells würde dadurch verkürzt und die Energie- und Stoffdurchsätze durch die vorgezogene Produktion des neuen Modells sowie die Entsorgung des alten Modells erhöht. Gleichzeitig würde der Waschmaschinenhersteller höhere Umsätze verbuchen, so dass sich der Vorgang in einer umfassenden volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung sowohl als qualitatives als auch quantitatives Wachstum niederschlagen würde. Mit dem vorübergehenden quantitativen Wachstum wird dem qualitativen Wachstum in diesem Fall sozusagen auf die Sprünge geholfen.

Lebenszyklen wirtschaftlicher Produkte können sich aber ohne weiteres auch durch veränderte Verhaltensweisen und Geschmäcker der Konsumenten verkürzen, ohne dass einer derartigen Entwicklung wirtschaftspolitisch gegengesteuert werden müsste, immer vorausgesetzt, die Dynamik des gerade herrschenden qualitativen Wachstums kann die zusätzlichen externen Kosten auffangen oder die Gesamtkosten, wie im Fall der Waschmaschine, sogar verringern. Ergänzend empfehle ich den Artikel Expansion und Wachstum.

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