Stakeholder Value (deutsch)

Wertorientierte Unternehmensführung für alle Anspruchsgruppen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Stakeholder Value (English)

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die Bedeutung des Begriffs
  3. Wichtige Stakeholder und ihre Interessen
  4. Die Entstehung der Stakeholder-Value-Strategie
  5. Die Anwendung der Stakeholder-Value-Strategie
  6. Stakeholder Value und neoliberale Globalisierung

1. Überblick

Stakeholder Value ist einerseits die Bezeichnung für den Ertragswert bzw. den Nutzen, auf den alle Anspruch haben, die in Beziehung zu einer unternehmerischen Tätigkeit stehen, andererseits steht der Begriff für eine wertorientierte Unternehmensstrategie, die im Gegensatz zur neoliberalen Shareholder-Value-Strategie einen Interessensausgleich zwischen allen Anspruchsgruppen anstrebt. Voraussetzung dafür ist jedoch eine sozialökologisch ausgerichtete Wirtschaftsordnung.

2. Die Bedeutung des Begriffs

Unter Stakeholder Value wird im wörtlichen Sinn der Ertragswert oder Nutzen verstanden, der den Stakeholdern (den Anspruchsgruppen) eines Unternehmens aus dessen Tätigkeit entsteht. Im weiteren Sinn wird der Begriff auch für eine wertorientierte Unternehmensführung (Stakeholder-Value-Strategie) von Aktiengesellschaften verwendet, bei der, im Gegensatz zur Shareholder-Value-Strategie, nicht nur die Interessen der Eigentümer (der Aktionäre), sondern auch die aller anderen Anspruchsgruppen berücksichtigt werden. Die Stakeholder-Value-Strategie kann sinngemäß auch für Unternehmen anderer Rechts- bzw. anderer Eigentumsformen angewendet werden.

Als Stakeholder werden alle Einzelpersonen und Gruppen bezeichnet, die direkt oder indirekt als Risikoträger und Nutznießer von unternehmerischen Tätigkeiten betroffen sind und ihrerseits Einfluss auf die unternehmerische Wertschöpfung nehmen.

3. Wichtige Stakeholder und ihre Interessen

  1. Eigentümer: Wertsteigerung, Mitsprache
  2. Unternehmer: Selbständigkeit, Entscheidungsfreiheit, Einfluss
  3. Management: Einfluss, Karriere, Einkommen
  4. Arbeitnehmer: Sicherheit, Anerkennung, Einkommen, Arbeitsbedingungen
  5. Gewerkschaften: Arbeitsbedingungen, Einkommen, Mitbestimmung
  6. Kunden: Preisleistung, Qualität/Sicherheit, Betreuung, Informationsaustausch
  7. Lieferanten: stabile Beziehungen, zuverlässige Bezahlung
  8. Fremdkapitalgeber: Sicherheit, Transparenz, Verzinsung
  9. Staat: Steuereinnahmen, Gesetzestreue, Arbeitsplätze, Umweltschutz
  10. Öffentlichkeit: Gemeinwohl, Arbeitsplätze, Umweltschutz, Transparenz
  11. Mitbewerber: fairer Wettbewerb, brancheninterne Zusammenarbeit

4. Die Entstehung der Stakeholder-Value-Strategie

Dass die Stakeholder-Value-Strategie überhaupt zum wirtschaftspolitischen Thema wurde, liegt in der neoliberalen Globalisierung begründet (siehe dazu den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung), die ihren Anfang in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts mit der Deregulierung der Finanzmärkte nahm. Seither werden die globalisierten Aktienmärkte von institutionellen Anlegern und sonstigen Großanlegern beherrscht, die bestrebt sind, ihr Kapital entweder durch Kursbeeinflussung und schnelle Gewinnmitnahmen oder durch direkten Einfluss auf unternehmerische Strategien zu mehren. Dadurch haben sich die wirtschaftlichen Machtverhältnisse und das Verhalten der Unternehmensführungen entscheidend verändert: Vorstandsmitglieder von Aktiengesellschaften sind fortlaufend gezwungen, den Aktienkurs ihres Unternehmens mit allen Mitteln in die Höhe zu treiben, zum einen, um die Erwartungen mächtiger Anleger zu erfüllen und so einen Rest von unternehmerischer Unabhängigkeit zu bewahren, zum anderen aber auch, um im neoliberalen Umfeld Kreditwürdigkeit (Bonität) zu erlangen. Das gelingt zwar immer nur vorübergehend, erfordert aber die volle Aufmerksamkeit und wird zur alles beherrschenden Beschäftigung des Führungspersonals. Damit wird unter den herrschenden neoliberalen Verhältnissen zunächst die Idee des Stakeholder Value verdrängt und es rückt der Shareholder Value – in Form von Kurssteigerungen, Dividenden und Bezugsrechten – ins Zentrum der strategischen Ausrichtung von Aktiengesellschaften (siehe dazu auch den Artikel Shareholder Value).

»Wissenschaftlich« geadelt wurde diese Entwicklung durch den US-Ökonomen Alfred Rappaport, der in seinem Buch Creating Shareholder Value die einseitige Ausrichtung auf den Shareholder Value als »einzige soziale Verantwortung« bezeichnet, die Unternehmen in einer Marktwirtschaft haben. Seine Aussage geht mit der neoliberal-doktrinären Logik konform, dass ein hoher Ertragswert des Eigenkapitals die beste und einzig denkbare Voraussetzung für das Wohl aller Anspruchsgruppen ist und jede darüber hinausgehende Forderung dem Gesamtwohl nur schadet. Angesichts der sozialen und ökologischen Verheerungen, die unter der neoliberalen Globalisierung weltweit zunehmen, ist es nicht verwunderlich, dass Rappaports offenkundig eigennützig-systemkonforme Aussage auf Widerstand stößt, ja sogar der Rückbesinnung auf einen bis in die 1980er Jahre noch selbstverständlichen Interessensausgleich zwischen allen Stakeholdern Vorschub leistet.

So ist der Stakeholder Value, in bewusstem Gegensatz zum Shareholder Value, zu einer weltweit an den privaten Wirtschaftssektor gerichteten Forderung nach sozialer und ökologischer Verantwortung geworden. Einer Verantwortung, die mit der Auflösung nationaler wirtschaftspolitischer Rahmenordnungen unter die Räder gekommen ist, und die erst wieder wahrgenommen werden kann, nachdem das eigennützige neoliberale Dogma überwunden und durch demokratisch legitimierte Regelungen ersetzt worden ist. Die Forderung an den privaten Wirtschaftssektor ist daher nur ein erster, der öffentlichen Meinungsbildung dienender Schritt, der allein, ohne nachfolgende wirtschaftspolitische Schritte, noch nichts bewirken wird.

5. Die Anwendung der Stakeholder-Value-Strategie

Rechtliche Grundlage der Stakeholder-Value-Strategie sind einerseits die Rechte der Eigentümer (der Aktionäre) und der in ihrem Auftrag handelnden Unternehmer auf eigenständige unternehmerische Entscheidungen sowie andererseits die Sozial- und die Umweltpflichtigkeit, denen das unternehmerische Eigentum unterliegt und die in sozialen und ökologischen Standards wie etwa Arbeitnehmerrechten und Emissionsvorschriften zum Ausdruck kommen. Die Wahrnehmung der Rechte und Pflichten und die Bewältigung der Konflikte, die naturgemäß durch die widerstreitenden Interessen der verschiedenen Anspruchsgruppen entstehen, setzen vor allem eine allseits verbindliche rechtliche und wirtschaftspolitische Ordnung voraus. Unter diesen Bedingungen sind die Interessen der Stakeholder rechtlich abgesichert und können, falls notwendig, auf rechtlichem Wege zur Geltung gebracht werden. Gleichwohl sind die einzelnen Gruppen zunächst gehalten, sich direkt oder über ihre Interessenvertretungen an den Vermittlungen und Schlichtungen zu beteiligen, die in der Regel von den Unternehmensführungen moderiert werden.

6. Stakeholder Value und neoliberale Globalisierung

Es ist offenkundig, dass die Rechte der Eigentümer und Unternehmer auf eigenständige Entscheidungen unter dem Kostendruck des auf deregulierten Märkten ausgetragenen globalen Wettbewerbs absoluten Vorrang vor der Sozial- und Umweltpflichtigkeit des Eigentums genießen. Weil das so ist, hat die Stakeholder-Value-Strategie unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung keine Chance, jedenfalls nicht im Sinne eines nachhaltigen Interessensausgleichs zwischen allen Anspruchsgruppen. In diesem Zusammenhang ist auch vor der Illusion zu warnen, der soziale und ökologische Niedergang könne durch eine Harmonisierung und Vereinheitlichung der bereits stark ausgedünnten nationalen Rahmenordnungen, zum Beispiel unter dem Schlagwort europäische Wirtschaftsregierung, aufgehalten werden, ohne am Dogma der neoliberalen Globalisierung zu rütteln. Zwar sind einige normative soziale und ökologische Vorgaben im EU-Reformvertrag nochmals festgehalten, wie auch ähnliche Ansätze in mehreren UN-Konventionen, aber diese Vorgaben sind nichts weiter als unverbindliche Absichtserklärungen, die in krassem Widerspruch zu den Freihandelsgrundsätzen der Welthandelsorganisation (WTO), einer Sonderorganisation der UN, stehen und von der EU nicht nur kritiklos mitgetragen, sondern aktiv unterstützt werden (siehe dazu auch die Artikel Welthandelsorganisation (WTO) und Krisenverursacher EU und WTO).

Solange die normative Kraft des Eigennutzes, aus der die Freihandelsgrundsätze hervorgegangen sind, unser Wirtschaftsleben bestimmt, werden die institutionellen und großen Shareholder ihre Machenschaften auf dem Rücken von Kleinaktionären und allen anderen Stakeholdern austragen.

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Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Stakeholder Value (English)

Quellenangabe und Literatur

Freeman, R. E. u. a. Managing for Stakeholders. Survival, Reputation, and Success. New Haven, Conn. u.a. 2000).

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