Strafzölle und Handelskrieg

Die Gefährlichkeit unbedachter Eingriffe in das labile Gleichgewicht des neoliberalen Wirtschaftssystems

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Trumps Ahnungslosigkeit
  3. Entwicklung und Ausblick
  4. Fakten und Hintergründe
  5. Die globalen Verflechtungen
  6. Maßnahmen und Risiken
  7. Gibt es eine Lösung?

1. Überblick

aluminiumfolie-china-usaMit seiner Ankündigung im Februar 2018, Strafzölle auf Stahl und Aluminium von 25 bzw. 10% zum angeblichen Schutz der nationalen Sicherheit zu erheben, hat US-Präsident Trump der Welt den Handelskrieg erklärt. Die Stimmung ist seither gefährlich emotional aufgeladen, weil Trump den Handelspartnern »betrügerische« Praktiken unterstellt, die für das hohe Defizit der USA verantwortlich seien. Der Handelkrieg, der sich täglich weiter zuspitzt, könnte sich auf lange Sicht aber auch als heilsam erweisen, denn Trump hat es mit seiner Aggressivität, Rücksichtslosigkeit und Unberechenbarkeit geschafft, die Handelspartner aufzuschrecken und die eingefahrenen Spielregeln des Freihandels infrage zu stellen.

Nach den Erfahrungen mit der Finanzmarktkrise 2008 rückt die gegenwärtige Entwicklung die Anfälligkeit des neoliberalen Systems für chaotisches Verhalten und blitzartigen wirtschaftlichen Niedergang erneut ins Bewusstsein. Ebenso die Tatsache, dass es im systembedingten Verdrängungswettbewerb dauerhaft mehr Verlierer als Gewinner gibt und die Hoffnung auf allseitige Wohlfahrt eine Illusion ist.

Trump stellt mit seinem Vorstoß auch die institutionalisierte Vervollkommnung und ständige Rechtfertigung des Freihandels durch die Welthandelsorganisation (WTO) infrage. Diese verfolgt seit ihrer Gründung 1994 das vereinbarte Ziel, mittels multilateraler Vereinbarungen und der Prinzipien gegenseitiger »Nichtdiskriminierung« und »Meistbegünstigung« alle sogenannten Handelshemmnisse wie Importzölle, Handelskontingente, Exportsubventionen und gesetzliche Hürden vollständig abzubauen. Sie ist ihrem Ziel teilweise schon nähergekommen, denn bis 2017 ist das durchschnittliche Zollniveau ihrer heute 164 Mitgliedsländer von 13 auf 7,5 Prozent gefallen.

Mit sinkenden Zöllen und entsprechend zunehmender Marktöffnung erweisen sich die Interessen und Zwänge der WTO-Mitgliedsländer jedoch als so unvereinbar miteinander, dass die letzten Konferenzen und Schlichtungsverfahren im Streit und ohne Ergebnisse endeten. Entsprechend undurchschaubar sind die verbliebenen WTO-Regeln – einschließlich der vielen Ausnahmen. Die USA haben das Chaos noch verstärkt, seit sie ihre finanz- und personalpolitische Macht einsetzen, die Schlichtungsstelle der WTO lahmzulegen, wohl in der Absicht, nach Belieben einseitige Handelsvorteile durchsetzen zu können. Seither ist der Freihandel noch ein Stück anarchischer geworden. Trump, der seine Vorgänger für wirtschaftspolitische Versager hält, geht nun ins Extrem, erklärt die WTO und den Multilateralismus für tot und versucht, die Handelspartner gemäß seines Wahlslogans »America first« in bilaterale Verträge zu zwingen. Ob sein Kalkül aufgeht, für die USA eine ausgewogene Leistungsbilanz zu erzielen, ist wegen der vernachlässigten Vielfalt der US-Güterproduktion und der entsprechend hohen Verschuldung im Außenhandel auf kurze Sicht sehr unwahrscheinlich.

Versuche, im neoliberalen Freihandel unter Missachtung der gerade geltenden WTO-Regeln Importzölle zu erheben oder Handelskontingente einzuführen, sind nicht ungewöhnlich. Länder kommen immer dann in Versuchung, ihre Wirtschaft vor Billigimporten zu schützen, wenn sie ihre Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt und entsprechend hohe Defizite in ihrer Leistungsbilanz angesammelt haben. Was sie selbst als gerechtfertigte Schutzmaßnahme, also als sinnvolle Protektion verstehen, führt seitens der Handelspartner regelmäßig zum Vorwurf des Protektionismus. Ein Vorwurf, der Trump inzwischen in den Ohren klingeln muss.

Der unter neoliberalen Bedingungen sich auflösende Unterschied der eigentlichen Bedeutungen der Begriffe wird in folgendem Artikel unter die Lupe genommen und zurechtgerückt: Protektion und Protektionismus.

2. Trumps Ahnungslosigkeit

Trump hat zwar einen Handelskrieg angezettelt, aber es fehlt ihm die konzeptionelle Vorstellungskraft, wie eine zukunftsfähige Weltwirtschaftsordnung aussehen könnte und welche Voraussetzungen die USA dazu erfüllen müssten, besonders ihre Wirtschaftsstruktur und Wettbewerbsfähigkeit betreffend. Weil er nur unbedacht in das labile Gleichgewicht des Freihandels eingreift, werden die USA mit ihren international stark vernetzten Liefer- und Wertschöpfungsketten wohl eher zu den Verlierern seiner Politik gehören. Bei einer lückenlosen Erhebung von Zöllen auf Stahl wären zum Beispiel 5 Millionen Jobs in US-Industrien gefährdet, die Stahl verarbeiten. Die US-Stahlproduzenten wären nicht in der Lage, die Lücke kurzfristig zu schließen, und die Stahlpreise würden zweifellos steigen. Ähnliche Auswirkungen wären bei Zöllen auf andere Rohstoffe und Zulieferungen zu erwarten. Sinnvoll wären allenfalls Zölle auf einzelne Importe, die einen entscheidenden Preisvorteil gegenüber originären US-Produkten aufweisen, aber die Wirkung einer solchen Maßnahme wäre zu gering, um das Handelsdefizit merklich zu verringern.

Auch ist Trump nicht bewusst, dass das Handelsdefizit der USA zu einem großen Teil durch die im internationalen Vergleich hohen Konsumausgaben und entsprechend niedrige Sparquote der US-Bürger bedingt ist. Weil die Bürger bei stagnierenden Löhnen nach billigen Produkten verlangen, wurde der ständige Anstieg der Konsumgüterimporte stets als dem Wohlstand förderlich hingenommen, während die US-Konsumgüterindustrie ihre Wettbewerbsfähigkeit verlor und sich in Nischen zurückzog.

Das Versprechen an seine Wählerbasis, mittels der Strafzölle alle »Knochen«-Jobs in der Montanindustrie wiederzubeleben, wird Trump ebenfalls nicht einlösen können. Denn die Konzentration der Betriebe ist inzwischen weit fortgeschritten, einschließlich der dadurch ermöglichten hochgradigen Automatisierung. Zudem dürfte sich die Ausbildung der Hütten- und Bergarbeiter als wenig geeignet für moderne Dienstleistungen und automatisierte Produktionen erweisen. Trumps Wählerbasis hat also nichts Gutes von seiner Politik zu erwarten.

3. Entwicklung und Ausblick

Stahl und Aluminium aus China werden bereits seit März mit Zöllen belegt, weil Trump in dem Land die größte Bedrohung für die Wirtschaft und die Sicherheit der USA sieht. Er verlangte von China kategorisch, das US-Handelsdefizit von 374 Mrd. Dollar abzubauen und den Diebstahl geistigen Eigentums zu beenden. China legte daraufhin Beschwerde bei der WTO gegen die USA ein. Kurz darauf hatte Trump noch ein Exportverbot für die Kommunikationstechnik der USA gegen China verhängt, das er ebenfalls mit Sicherheitsrisiken begründete. Das chinesische Technologieunternehmen ZTE musste deshalb zunächst einen Teil seiner Produktion einstellen, was Trump zu einer schizophren anmutenden Kehrtwende veranlasste: Er wies seine Wirtschaftsberater an, dem Unternehmen aus der Patsche zu helfen, vermutlich mit dem Hintergedanken, China vor den Verhandlungen über einen neuen Handelsvertrag gewogen zu machen. Die US-Presse lästerte, Trump habe sich mal wieder neu erfunden und wolle nun vorrangig chinesische Arbeitsplätze sichern. Zusätzlich hatte Trump im März mit einer Liste chinesischer Produkte im Umfang von 50 Mrd. Dollar gedroht, die er im Mai tatsächlich mit Zöllen von 25% belegte. China hatte daraufhin sofortige Gegenmaßnahmen im selben Umfang angekündigt. Noch schwerer aber wiegt Chinas Entschlossenheit, die vorläufigen Ergebnisse aller bisherigen Verhandlungen zum bilateralen Verhältnis für null und nichtig zu erklären.

Im Schlagabtausch der beiden größten Volkswirtschaften bemühen sich beide Seiten, der jeweils anderen Seite möglichst spürbare Schäden zuzufügen und zugleich die Auswirkungen auf die eigene Wirtschaft zu begrenzen. China zielt zunächst auf Agrarprodukte aus US-Staaten, in denen Trump bei seiner Wahl zum Präsidenten eine Mehrheit erzielt hatte. Trump hingegen ist davon besessen, den technologischen Fortschritt Chinas und seinen wirtschaftlichen und militärischen Aufstieg zu stoppen. Ahnungslos wie er ist, macht ihn seine Obsession blind für Chinas Strategie, durch Ausbau seiner binnenwirtschaftlichen Vielfalt und den Aufkauf ausländischer Vermögenswerte unangreifbar zu werden – dabei ist der Aufkauf von Rohstofflagerstätten für China von höchster Priorität. Und er sieht nicht, dass China jetzt gezielt den Handel mit Ländern intensiviert, die von ihm verunglimpft wurden, speziell mit den lateinamerikanischen Ländern. Nicht auszuschließen ist auch, dass China bei zunehmender Eskalation des Handelskrieges auf eine alte Praxis zurückgreifen könnte, nämlich einen Teil seiner Exporte über kleinere asiatische Länder umzuleiten, um so die US-Zölle zu umgehen.

Seit 1. Juni erheben die USA nun auch Zölle auf Stahl und Aluminium aus der EU. Die EU-Kommission hatte vorsorglich schon vor Wochen Beschwerde bei der WTO gegen die USA eingereicht, wie zuvor schon China, und eine Liste von US-Produkten im Umfang von 2,8 Mrd. Euro bei der WTO angemeldet, die ebenfalls in US-Staaten produziert werden, in denen Trump erfolgreich war, und die sie nun seit Ende Juni mit Zöllen von 25% belegt hat, wie die Mitgliedsländer zuvor einstimmig beschlossen hatten.

EU-Vertreter hatten ursprünglich versucht, mit den USA eine Allianz gegen China zu schmieden, weil beide Seiten überzeugt waren, Peking betreibe eine Doppelstrategie der Abschottung und des Preisdumpings, zwinge ausländische Unternehmen zum Technologietransfer und schrecke auch vor dem Diebstahl geistigen Eigentums nicht zurück. Trump ist auf dieses Ansinnen der EU nicht eingegangen. Weitere wechselseitige Vergeltungen zwischen der EU und den USA wie auch zwischen China und den USA werden jetzt immer wahrscheinlicher.

Alles in allem sind Trumps Chancen gering, der US-Wirtschaft und den US-Bürgern durch seine Strafzölle Vorteile zu verschaffen. Denn Zölle auf Rohstoffe werden die Wertschöpfung mindern, Zölle auf Endprodukte das Angebot verknappen und die Preise erhöhen, beides zusammen wird Arbeitsplätze kosten. Zudem werden die Handelspartner der USA auf jede neue Provokation des Präsidenten mit Vergeltung reagieren, und schlimmer noch, sie werden untereinander neue dauerhafte Handelsbeziehungen unter Ausschluss der USA eingehen: Die EU und Mexiko haben bereits bekundet, ihren Handel zu intensivieren und die Zölle zu senken.

Aus dem bisher Gesagten lässt sich die Regel ableiten, dass Länder, die sich der neoliberalen Doktrin verschrieben haben, ihre Wettbewerbsposition und ihren Wohlstand mit der Erhebung von Importzöllen nicht verbessern können, insbesondere, weil eigenmächtig erhobene Importzölle gegen WTO-Regeln verstoßen und Handelspartner sich berechtigt fühlen, Vergeltungsmaßnahmen zu ergreifen. Wie im Letzten Abschnitt Gibt es eine Lösung? ausführlicher dargestellt, könnten Importzölle generell nur dann eine positive Wirkung entfalten, wenn Länder die WTO verlassen und bilaterale Verträge über kalkulierte, durchschnittliche Kaufkraftparität herstellende Wechselkurse sowie über jeweils autonom zu kalkulierende Zölle und Kontingente abschließen würden. Aber dieser simple ökonomische Mechanismus ist nicht im Interesse der großen globalen Akteure, die den Verdrängungswettbewerb erfolgreich betreiben, und ist deshalb auch noch nicht im Mainstream der Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik angekommen.

Im Verdrängungswettbewerb mit Dollar- und Euro-Preisen auf der Basis kostenbedingt vernetzter Wertschöpfungsketten und mit der Verpflichtung, keine direkten Eingriffe in Märkte und Wechselkurse vorzunehmen, reduzieren sich die unternehmerischen Strategien darauf, Kosten zu reduzieren, auch mittels Sozial- und Öko-Dumping, um Wettbewerbspositionen zu verbessern. Unternehmen, die es nicht an die Spitze schaffen, verschwinden vom Markt oder müssen mit Steuergeldern über Wasser gehalten werden. So erklärt sich, dass in jeder Branche weltweit die Zahl der Verlierer die der Gewinner übersteigt, und dass Volkswirtschaften, deren Wertschöpfung im Verdrängungswettbewerb dezimiert wird, letzten Endes ihre Selbstbestimmung verlieren, weil sie infolge vermehrter Importe in ein immer tieferes Leistungsbilanzdefizit geraten, bis sie ihre Kreditwürdigkeit verlieren und ihre Importe nur noch durch den Verkauf ihres Sachvermögens (wie Boden, Bodenschätze und produktives Sachkapital) finanzieren können. Der Ausverkauf von Sachvermögen ist im Freihandel typisch für Länder, die ihre Wettbewerbsfähigkeit auf breiter Basis eingebüßt haben.

Wie widersprüchlich und unsinnig die WTO-Regeln bezüglich Dumping und Subventionen sind, wird in dem Artikel Wirtschaftliches Dumping behandelt.

4. Fakten und Hintergründe

Leistungsbilanz-D-Cina-USATatsächlich verzeichnen die USA seit Jahren das weltweit höchste Leistungsbilanzdefizit. Es betrug 2017 568 Mrd. US-Dollar und resultiert aus einem Handelsdefizit bei Gütern von 811 Mrd. und einem Überschuss beim Handel mit Dienstleistungen von 243 Mrd. Dollar. Während das jährliche Defizit bei Gütern in den letzten 10 Jahren immer vergleichbar hoch war, ist der Überschuss bei Dienstleistungen stetig angestiegen – eine Folge der bewussten Förderung vor allem wissensbasierter Leistungen zulasten der industriellen Produktion, speziell der Produktion von Konsumgütern. Diese Entwicklung ist in den USA beginnend mit den 90er Jahren stark übertrieben worden. Inzwischen hat sich jedoch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Güterproduktion und produktionstechnisches Wissen unverzichtbar sind, um ausgewogene Handelsbilanzen zu erzielen und Erpressungen seitens exportierender Länder zu verhindern.

Ahnungslos wie Trump ist, begründet er die Strafzölle allein mit dem US-Defizit bei Gütern, während er die erstaunlich positive Entwicklung bei den Dienstleistungen nicht zur Kenntnis nimmt. Seine offenkundige Wissenslücke hat er kürzlich bei einem Treffen mit dem kanadischen Premier Trudeau erneut unter Beweis gestellt, als er aus dem US-Überschuss in der Dienstleistungsbilanz mit Kanada ein Defizit machte, weil er sich offenbar einen anderen als den materiellen Handel nicht vorstellen kann.

Bei aller Ahnungslosigkeit liegt Trump aber doch mit seiner Einschätzung richtig, dass es einen Zusammenhang zwischen den Jobverlusten und dem Defizit der USA in der Handelsbilanz mit Gütern gibt. Defizite nehmen ihren Lauf im Freihandel immer mit rückläufiger internationaler Wettbewerbsfähigkeit, die einige Firmen in die Insolvenz treibt, andere zwingt, Jobs in Billiglohnländer auszulagern, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. In jedem Fall geht mit den Jobs Expertise unwiederbringlich verloren, weshalb es aus einer Defizitfalle kein schnelles Entrinnen gibt.

5. Die globalen Verflechtungen

Bleibt die zentrale Frage, wie die USA seit Jahren ihr Handelsdefizit finanzieren. Die Erklärung beginnt bei der 1944 in Bretton Woods, USA zwischen den späteren Siegermächten vereinbarten Nachkriegsordnung, die schon vom »America-first-Gebaren« und Expansionsstreben der USA geprägt war (siehe auch Bretton-Woods-System). Durch die damals überragende Wirtschaftskraft der USA fiel dem US-Dollar die Funktion als Leitwährung »ganz natürlich« zu. Die heutigen Defizite der USA in Leistungsbilanz und Haushalt beweisen, dass das Land gerade wegen dieser Leitfunktion in Schieflage geraten ist, auch weil die Handelspartner die Augen vor den Risiken verschließen, um die Handelsströme nicht versiegen zu lassen.

US-TreasuriesDie Handelspartner akzeptieren nach wie vor amerikanische Staatsanleihen (Treasuries) als Zahlungsmittel für ihre Exporte und ermutigen so die USA zu immer hemmungsloserer Emission dieser Papiere. Die Gesamtverschuldung der USA ist 2017 deshalb auf über 25 Billionen US-Dollar angestiegen, auf weit mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung, aufgeteilt in 6,3 Billionen öffentliche und 19 Billionen private Verschuldung. Die Gläubiger gehen damit eine Wette darauf ein, dass die US-Papiere werthaltig bleiben und die USA ihre Schulden im Laufe der Zeit durch eigene Exporte werden tilgen können. Derzeit steigen jedoch nicht die Güterexporte der USA, sondern der Verkauf von Sachvermögen, vorrangig an den größten Gläubiger der USA, nämlich China.

Ob die Weltwirtschaft heute überhaupt noch eine Leitwährung braucht, ist angesichts der extrem unausgewogenen Leistungsbilanzen mehr als fraglich. Einerseits erscheint das vom US-Dollar ausgehende Risiko gering, weil die USA mit einem Bruttoinlandsprodukt von 19,4 Billionen US-Dollar in 2017 immer noch die größte Volkswirtschaft der Welt sind (kaufkraftbereinigt hat China mit 23,1 Billionen die Nase vorn). Andererseits haben die vermeintliche Sicherheit der US-Papiere und die zunehmenden »Marktliberalisierungen« bewirkt, dass die USA und ihre Handelspartner in eine Sackgasse gegenseitiger Abhängigkeit geraten sind und sich systembedingt gezwungen sehen, den Austausch Güter gegen Staatsanleihen weiterzubetreiben.

Bislang bewirkt die gegenseitige Abhängigkeit noch, dass alle Beteiligten stillhalten und der Austausch Güter gegen Staatsanleihen munter weiterbetrieben wird. Zwar sind die US-Papiere handelbar, aber die großen Handelspartner vermeiden größere Verkäufe, um die Bonität der USA nicht in Zweifel zu ziehen und die Handelsströme nicht zu gefährden. Es herrscht fast völliger Stillstand, und die USA können weiterhin auf Pump leben, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.

6. Maßnahmen und Risiken

Im neoliberalen Freihandel gibt es so gut wie keine nachhaltige wirtschaftspolitische Methode, Defizite der Leistungsbilanz abzuwenden oder abzubauen. Die Zentralbanken können zwar ihre Währung indirekt abwerten, indem sie Fremdwährungen kaufen oder die Leitzinsen senken. So könnten die USA versuchen, ihr Defizit mittels eines schwachen Dollars zu reduzieren, weil ihre Importe dann teurer und ihre Exporte preisgünstiger würden. Aber selbst ein bescheidener Erfolg ist nicht garantiert, weil es unerwünschte Nebenwirkungen auf Investitionen, Inflation, Arbeitsmarkt und Kaufkraft geben kann, und vor allem, weil insbesondere China und die Eurozone ihre Währungen als Gegenmaßnahme ebenfalls abwerten könnten. Einen solchen – nutzlosen – Abwertungswettlauf hat es in der Vergangenheit schon gegeben.

Für ausgewogene Leistungsbilanzen wären theoretisch Wechselkurse ideal, die die durchschnittlichen Preisdifferenzen zwischen Währungsräumen neutralisieren, also durchschnittliche Kaufkraftparität herstellen, aber das ist bei flexiblen bzw. chaotischen, durch Valuta-Spekulation beeinflussten Wechselkursen, die sich zudem multilateral gegenseitig beeinflussen, nicht möglich. Eine Lösung des Problems beschreibe ich unten im letzten Abschnitt!

HandelskriegUSA-ChinaWie gesagt, Strafzölle sind im Neoliberalismus keine Lösung. So geht die Weltwirtschaft womöglich unsicheren Zeiten entgegen, seit Trump begonnen hat zu zündeln. Die Vergeltung durch Handelspartner mit einem sich hochschaukelndem Handelskrieg ist noch die harmlosere Zukunftsaussicht. Es könnte aber auch schlimmer kommen. China könnte sich weigern, weiterhin US-Papiere als Zahlungsmittel zu akzeptieren, oder die chinesische Zentralbank könnte mit dem Verkauf ihrer US-Papiere beginnen, dadurch den Dollarkurs drücken und die USA zwingen, die Zinssätze der Papiere anzuheben, sodass sich die Importe der USA verteuern würden. Würde sich die Abwärtsspirale des Dollarkurses fortsetzen, müssten die USA die Zinssätze für die Papiere laufend erhöhen und ihre Importe würden sich entsprechend verteuern. Das hätte dann eine weltweite Rezession unvorstellbaren Ausmaßes zur Folge – und die »neoliberale Party« wäre zu Ende. Dieses Szenario ist jedoch wegen der gegenseitigen Abhängigkeiten eher unwahrscheinlich, denn China würde sich erheblich selbst schaden, wenn die US-Konsumenten keine chinesischen Produkte mehr kaufen könnten.

8. Gibt es eine Lösung?

Die Doktrin des neoliberalen Freihandels hat zwar den materiellen Wohlstand weltweit erhöht, aber um den Preis einer gewaltigen Zerstörung natürlicher Ressourcen und einer extremen Ungleichverteilung des Wohlstands mit einerseits zunehmendem Reichtum und andererseits zunehmender Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung und Armut. Das heißt, das neoliberale Wirtschaftssystem ist nicht zukunftsfähig im Sinne einer nachhaltigen gesellschaftlichen Wohlfahrt.

Eine nachhaltige Lösung der neoliberalen Fehlentwicklung ist jedoch möglich, sogar eine theoretisch sehr einfache. Dabei stehen die Funktionen von Wechselkurs, Zöllen und Handelskontingenten im Mittelpunkt: Der Wechselkurs müsste jeweils zwischen zwei Währungsräumen, also bilateral, so kalkuliert werden, dass er durchschnittliche Kaufkraftparität herstellt, wie oben schon angesprochen. Jedes durchschnittlich teure Produkt hätte dann in jeder Währung denselben Geldwert. Produkte, die bei Anwendung des Wechselkurses in einem Währungsraum preisgünstiger wären, könnten vom anderen Währungsraum gewinnbringend importiert werden.

Um jedoch Verdrängungen durch preisgünstige Importe begrenzen und den Handel in Richtung ausgewogene Leistungsbilanzen steuern zu können, müssten Währungsräume sich ergänzend gegenseitig zugestehen, Importzölle und Importkontingente autonom festlegen zu können.

So entstünde ein internationaler Handel auf der Grundlage eines multi-bilateralen Wechselkurssystems, der weltweit die Voraussetzungen für vielfältige Wirtschaftsstrukturen, gegenseitig gewinnbringenden Außenhandel und nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt schaffen würde.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt, Trumps wirtschaftlicher Nationalismus, Multi-bilaterales Wechselkurssystem, Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

Als warnendes Beispiel siehe auch den Artikel Währungskrieg und Wechselkurs.

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