Transnationale Konzerne

Konzerne, die außerhalb wirtschaftspolitischer Regelung agieren

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium
Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Transnational Corporations

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die Entstehung transnationaler Konzerne
  3. Die Zwänge und Auswirkungen der Transnationalität
    > Kosten- und Innovationsdruck
    > Produktlebenszyklus und Standortwettbewerb
    > Zusammenschlüsse, Übernahmen und Kapitalbeteiligungen
    > Spezialisierung plus Diverzifizierung
    > Überkapazitäten und Wertevernichtung
  4. Wettbewerbsnachteile für den Mittelstand
  5. Das »Kostenmanagement« transnationaler Konzerne
    > Absicherung von Wechselkursrisiken
    > Strategien zur Steuervermeidung
  6. Auswirkungen der Transnationalität auf einen Blick
  7. Wie sollte eine zukunftsfähige Unternehmenslandschaft aussehen?

1. Überblick

Der Beitrag transnationaler Konzerne zur internationalen Arbeitsteilung, zum Technologietransfer und Welthandelsvolumen und besonders zum Wirtschaftswachstum wird von Mainstream-Ökonomen als förderlich für Wohlstand und Wohlfahrt bezeichnet. Wie weit diese Einschätzung von der Realität entfernt ist, lässt sich leicht anhand der sozialen Zustände nachweisen, die als Folge jahrelanger wirtschaftspolitischer Deregulierung eingetreten sind. Den letzten Beweis liefert die von transnationalen Dienstleistern verursachte Finanzmarktkrise, die 2008 ihren Lauf nahm und, systembedingt, in eine andauernde allgemeine Wirtschaftskrise mündete.

2. Die Entstehung transnationaler Konzerne

Transnationale Unternehmen sind in der Mehrzahl aus multinationalen Unternehmen hervorgegangen, die von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die 80er Jahre hinein die wirtschaftliche Globalisierung bestimmten. Sie gründeten sich auf nationale Muttergesellschaften, die Auslandstöchter in überwiegend weniger entwickelten Ländern betrieben, um dort mit langfristigem Engagement als quasi einheimische Unternehmen und Markenzeichen wahrgenommen zu werden. Alle großen deutschen Unternehmen haben im vergangenen Jahrhundert diese Strategie verfolgt.

Mit der Deregulierung nationaler Märkte und dem dadurch bedingten Übergang zu offenen globalen Märkten (der neoliberalen Globalisierung) haben sich die unternehmerischen Strategien, beginnend in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, Schritt für Schritt entscheidend verändert. Die Vorreiter der neoliberalen Globalisierung haben ihre statische Multinationalität und Internationalität aufgegeben und durch Netzwerke global verteilter Produktionsstätten und Niederlassungen ersetzt. Die verbliebenen multinationalen Unternehmen waren gezwungen, dieser Strategie zu folgen, wenn sie nicht riskieren wollten, verdrängt zu werden (siehe auch den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung).

Die vernetzten Konzerne agieren seither bewusst auf der im Zuge der Deregulierung entstandenen transnationalen Ebene – das heißt: so weit wie möglich außerhalb nationalstaatlicher und supranationaler Regelungen –, bedienen sich jedoch zugleich nationalstaatlicher Ressourcen einschließlich spezialisierter Zulieferer, die sie für ihre weltweiten Aktivitäten ebenfalls vernetzen und koordinieren.

Im Verlauf der vergangenen zwei Jahrzehnte ist die Transnationalität zum Standard global agierender Unternehmen geworden. Durch ihre Vernetzung sind die Konzerne in der Lage, sehr flexibel und mobil auf wechselnde regionale Entwicklungen und die damit verbundenen Marktchancen zu reagieren. Die nationale Identität der Konzerne verliert unter den neuartigen globalwirtschaftlichen Bedingungen naturgemäß an Bedeutung, so dass die Konzernzentralen (ehemals die Muttergesellschaften), deren Funktion auf die Steuerung der unternehmerischen Netzwerke reduziert ist, ebenso wie die Produktionsstätten weltweit an geographisch beliebigen, aber betriebswirtschaftlich geeigneten Standorten angesiedelt werden. Die Netzwerke sind damit zwar weltumspannend organisiert und global ausgerichtet, aber dennoch zentral koordiniert und kontrolliert.

3. Die Zwänge und Auswirkungen der Transnationalität

Antriebskraft der transnationalen Aufstellung der Konzerne ist das eigentlich natürliche und wünschenswerte unternehmerische Expansions- und Gewinnstreben, das sich jedoch infolge der Deregulierung nationaler Märkte verselbständigt und von seinen ehemals ortsgebundenen sozialen und ökologischen Verpflichtungen gelöst hat.

So sind die Konzernstrategien gerichtet auf

  1. die Reduzierung der Arbeits-, Rohstoff- und Kapitalkosten (der Produktionsfaktorkosten),
  2. auf geringste Steuerbelastungen,
  3. auf einen ungehinderten Zugang zu Rohstoffen und Technologien, und nicht zuletzt
  4. auf weltweit ungehinderten Marktzugang.

Indem die Konzerne nur noch ihren betriebswirtschaftlichen Zielen folgen und keine Rücksicht auf gewachsene Wirtschaftsstrukturen nehmen, sind sie unmittelbar für die mit der Jahrtausendwende einsetzende Tendenz zur vollständigen territorialen Spezialisierung und die darauf aufbauende vollständige globale Arbeitsteilung verantwortlich. Was aus Sicht der Konzerne als eine betriebswirtschaftlich sinnvolle, effiziente Strategie erscheint, erweist sich volkswirtschaftlich als unsinnig, ineffizient und zerstörerisch.

Das Denken in einheitlichen globalen Märkten führt automatisch zu einheitlichen Massenprodukten und territorial spezialisierter, betriebswirtschaftlich kostenoptimierter Massenproduktion. Konkurrierende Produkte werden sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher, landestypische Traditionen und Produktionen werden verdrängt, und der Spielraum für Differenzierungen, der eine entscheidende Komponente konstruktiven Wettbewerbs und dauerhaften Fortschritts ist, wird stark eingeengt. Die ursprüngliche Vielfalt dezentraler Produktionen weicht der Einheitlichkeit zentralistischer Massenproduktion mit der Folge, dass die geographische Fläche wirtschaftlich verödet.

Mit anderen Worten: Es findet weltweit eine strukturelle De-Industrialisierung statt. Die Länder handeln sich damit rein exportorientierte Strukturen ein und sind gezwungen, exportorientierte Strategien zu verfolgen. Da alle Handelsnationen versuchen, dieselbe Strategie zu verfolgen, zugleich aber auf den deregulierten globalen Märkten die Schutzmechanismen aus kalkulierten Wechselkursen, Zöllen und Handelskontingenten wegfallen, geraten die Länder untereinander in einen zerstörerischen Verdrängungswettbewerb, der mit weltweit vergleichbaren Preisen in Dollar und teils auch in Euro sowie allen denkbaren Formen des Dumpings ausgetragen wird. Gleichzeitig entsteht durch den Wegfall der Schutzmechanismen für alle Beteiligten eine extreme Abhängigkeit von externen (grenzüberschreitenden) Ereignissen und Krisen. Die weltumspannenden Auswirkungen der oben genannten Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise von 2008 sind in dieser Abhängigkeit begründet.

Kosten- und Innovationsdruck

Die technologischen Vorsprünge werden bei fortschreitender globaler Konvergenz der auf Massenproduktion gerichteten technologischen Fähigkeiten immer kurzlebiger. Die Akteure haben deshalb im Wettbewerb auf offenen globalen Märkten keine andere Wahl, als dem unvermeidlichen Technologiestandard zu folgen, besser noch, ihn zu überbieten, und den ausschlaggebenden Wettbewerbsvorteil immer wieder über den Preis in Dollar oder Euro herbeizuführen – das heißt, Preisdumping ist eine ständige systemische Option.

Durch die auf Preis und Technologiestandard eingeschränkten Spielregeln werden die Konzerne einem enormen Kosten- und Innovationsdruck ausgesetzt. Da der im globalen Wettbewerb sich bildende Dollar- bzw. Europreis keinen Bezug zu den tatsächlichen Kosten und Produktivitätsniveaus der unternehmerischen Produktionsstandorte und zu den geltenden Wechselkursen hat, entstehen für die Akteure enorme Zwänge, ihre Kosten und Preise durch Dumping zu drücken. Das tun sie vorrangig, indem sie die Nationalstaaten ihrer Produktionsstandorte zu Zugeständnissen bei sozialen, ökologischen, fiskalischen und sonstigen Standards nötigen. Die Verbraucher in den Industrieländern nehmen diese Zugeständnisse zunächst in Gestalt günstig erscheinender Preise wahr.

Produktlebenszyklus und Standortwettbewerb

Für die Konzerne ist der Erfolg auf globalen Märkten an wenige, aber alles entscheidende Kriterien geknüpft: vor allem an hohe Marktanteile, die eine Vorraussetzung sind, um Güter in hohen Stückzahlen und zu niedrigen Stückkosten sowie Dienstleistungen mit hohen Transaktionsvolumina und zu niedrigen Transaktionskosten zu produzieren. Die durch hohe Marktanteile und entsprechende Massenproduktion erzielten Kosteneinsparungen werden als Skalenerträge bezeichnet. Die unternehmerische Dynamik wird unter diesen Bedingungen vorrangig von den Produktlebenszyklen diktiert: Dabei erfordern neue Produkte hoch entwickeltes Sachkapital und hochqualifiziertes Personal, während bei ausgereiften Produkten das Niveau der Lohnkosten über den Markterfolg entscheidet. Dadurch verlagert sich die unternehmerische Aktivität samt Produktionskapital und zugehöriger Arbeitsplätze im Laufe eines Produktlebenszyklus von den entwickelten zu den weniger entwickelten Ländern.

Verlagerungen finden aber auch regelmäßig zwischen Ländern gleichen Entwicklungsstandes statt. In jedem Fall nutzen die Konzerne ihre Mobilität, um die Nationalstaaten, die um ihre Arbeitsplätze bangen, beim Aushandeln von Konditionen für ihre Niederlassungen gegeneinander auszuspielen. Zwischen den Ländern entsteht dadurch ein ständiger Wettbewerb um die Ansiedlung von Industrien, der sogenannte Standortwettbewerb. Dieser Wettbewerb wird durch die oben erwähnten Nötigungen der Konzerne und Zugeständnisse der Nationalstaaten bestimmt und manifestiert sich in einer Abwärtsspirale der erwähnten Standards. Diese Entwicklung, die den Verbrauchern, wie gesagt, zunächst günstig erscheinende Preise beschert, schlägt umgehend als Lohn- und Sozialdumping auf sie zurück.

Die unternehmerischen Standortwechsel sind auf Dauer für alle Beteiligten mit Verlusten verbunden. Neben dem laufenden Dumping der Standards führen die Standortwechsel in den Herkunftsländern unmittelbar zur Abwanderung von Sach- und Geldkapital, zum Verlust von Arbeitsplätzen und zum Ausfall von Steuereinnahmen – mit der Folge öffentlicher und privater Armut. In den Zielländern werden zwar Investitionen getätigt und spezielle Arbeitsplätze geschaffen, aber die Länder liefern sich zugleich mit Industrien, die nicht in ihre gewachsenen Strukturen eingebunden sind, fremden Interessen aus und vernachlässigen die eigenständige Entwicklung. Zudem müssen sie jederzeit damit rechnen, dass die transnationalen Vagabunden ins nächste Kostenparadies weiterziehen.

Irland, das vor der Finanzmarktkrise 2008 als Steuerparadies für Unternehmen galt, hat dieses Wechselbad im Zuge der realwirtschaftlichen Folgen der Finanzmarktkrise durchlebt und versucht seither, seine alte Attraktivität mit seinen nach wie vor relativ niedrigen Unternehmenssteuern zurückzugewinnen – auch zum Verdruss der anderen Länder der Eurozone.

Zusammenschlüsse, Übernahmen und Kapitalbeteiligungen

Da nur eine Markt- und Kostenführerschaft die Existenz dauerhaft sichert, sind die Konzerne gezwungen, stets in einem wettbewerbsfähigen Tempo zu expandieren (unternehmerisch zu wachsen). Besonders in etablierten, langsam wachsenden und stagnierenden Märkten gelingt die Expansion nur durch Zusammenschlüsse (mergers) mit oder Übernahmen (acquisitions) von Konkurrenten oder im ersten Schritt auch durch Kapitalbeteiligungen (equity investments) an Übernahmekandidaten. Kostenersparnisse ergeben sich bei der Vereinigung vormals eigenständiger Organisationen quasi automatisch, indem alle doppelt vorhandenen Arbeitsabläufe und Produktionsprozesse, einschließlich der Arbeitsplätze, zusammengelegt und rationalisiert werden.

Das systembedingt erzwungene und zugleich individuell zwanghafte Streben nach Expansion erklärt, warum die wirtschaftliche Macht und das weltweit verfügbare Produktionskapital in immer weniger Händen konzentriert werden. Eine gefährliche Entwicklung, die sehr stabile Oligopole und teils Monopole auf der Angebots- wie auf der Beschaffungsseite hervorbringt und unter den herrschenden Verhältnissen nicht zu begrenzen ist, weil bestehende Kartellgesetze transnational nicht greifen. Im Endzustand sind Vielfalt und Wettbewerb am Markt stark eingeschränkt und die Konzerne verlieren ihre Innovationskraft, vernachlässigen die Produktqualität und wenden sich einer auf hohe Gewinne zielenden monopolistischen Preispolitik zu. Der Software-Konzern Microsoft ist dafür das herausragende Beispiel.

Spezialisierung plus Diverzifizierung

Die Tendenz zur vollständigen territorialen Spezialisierung endet nicht bei einzelnen Technologien und Produkten. Sie setzt sich mit der zunehmenden Aufteilung der Produktionen in Einzelprozesse fort, die nach Kostengesichtspunkten auf entsprechende Standorte weltweit verteilt und dann zu durchgängigen Wertschöpfungsketten vernetzt werden. Diese Ultima ratio der Spezialisierung ist dafür verantwortlich, dass rund die Hälfte des weltweiten Transportaufkommens durch konzerninterne Bewegungen von Zwischenprodukten verursacht wird. Da reine Spezialisierungsstrategien riskant sind, gibt es eine parallele Tendenz zur Diversifizierung. Das gleichzeitige Streben nach hochgradiger territorialer Spezialisierung und unternehmerischer Diversifizierung unter einem Dach ist die Erklärung dafür, dass der Anteil der Konglomerate an den transnationalen Konzernen wächst und ihre Größe stärker zunimmt, als es eine reine Spezialisierungstendenz vermuten ließe.

Überkapazitäten und Wertevernichtung

Da der Kosten- und Innovationsdruck an keine sozialen und ökologischen Ziele und Auflagen gebunden ist, verstärkt er sich im ungeregelten Wettbewerb der globalen Märkte laufend selbst. Die Notwendigkeit von Produktivitätssteigerungen bzw. Kostenreduzierungen erfasst alle unternehmerischen Prozesse und hat weltweite industrielle Überkapazitäten zur Folge, die ihrerseits den globalen Wettbewerb weiter anheizen und denen mit verkürzten Lebenszyklen von Produktionseinrichtungen und Produkten begegnet wird. Diese Bemühungen äußern sich in zyklischen, sehr kapitalintensiven Innovations-, Rationalisierungs- und Automatisierungsschüben, die in immer kürzeren Abständen aufeinander folgen. Bei jedem Zyklus werden Arbeitsplätze abgebaut und Sachinvestitionen wie Anlagen, Maschinen und Ausrüstungen kurzfristig abgeschrieben, verschrottet und durch neue ersetzt.

Durch die Verkürzung von Produktions- und Produktlebenszyklen findet eine dreifache Wertevernichtung statt:

  1. durch fortgesetzten Arbeitsplatzabbau,
  2. unsinnig verfrühte Sachkapitalabschreibung und
  3. die entsprechende Vergeudung von Rohstoffen (Naturressourcen), die der weiteren Wertschöpfung entzogen werden.

4. Wettbewerbsnachteile für den Mittelstand

Der Kosten- und Innovationsdruck hat unmittelbare Auswirkungen auch auf lokale und regionale Anbieter, weil eine Abschottung kleinräumiger gegenüber globalen Wirtschaftskreisläufen bei offenen globalen Märkten nicht möglich ist. Jedes Dumping im Angebot transnationaler Konzerne verschlechtert unmittelbar die Wettbewerbspositionen mittelständischer Unternehmen und zwingt sie zum Abbau von Arbeitsplätzen. Die Konsumenten wenden sich daher – bestärkt noch durch ihre sinkenden Realeinkommen – umso unbefangener den globalen Einheitsprodukten zu. In einem Hochlohnland wie Deutschland bedeutet das vor allem, dass sich das Volumen von Billigimporten zulasten des Mittelstandes laufend erhöht. Besonders gnadenlos gerät der Mittelstand darüber hinaus als Zulieferer der Konzerne unter Druck, wenn diese ihre Kostenziele durch Preisdiktat durchzusetzen suchen.

5. Das »Kostenmanagement« transnationaler Konzerne

Das grundlegende Prinzip des Kostenmanagements transnationaler Konzerne lautet: hochentwickeltes Produktionskapital und Know-how aus Industrieländern mit kostengünstigen Ressourcen, niedrigen Löhnen und geringen Standards von Standorten in Entwicklungs- und Schwellenländern zu kombinieren. Damit schaffen die Konzerne die Grundlage für eine »hegemoniale Preisbildung«, die typisch für die neoliberale Globalisierung ist und dazu dient, Mitbewerber möglichst endgültig von den globalen Märkten zu verdrängen und unanfechtbare Weltmarktführerschaft zu erlangen (siehe dazu auch den Artikel Wirtschaftliche Preisbildung).

Das Kostenmanagement setzt sich mit Größenvorteilen und Skalenerträgen fort. Größenvorteile können sich aus der Größe der unternehmerischen Netzwerke ergeben, vor allem nach erfolgten Zusammenschlüssen und Übernahmen, wenn es gelingt, gleichartige Funktionen wie Personalwesen, Verwaltung oder Forschung und Entwicklung für mehrere Produktionsstätten an einem Ort kostengünstig zusammenzufassen (während darüber hinaus üblicherweise erhoffte Synergie-Effekte meist ausbleiben). Skalenerträge ergeben sich aus der territorialen Spezialisierung und Massenproduktion, wenn mit zunehmendem Produktionsausstoß an zentralen Standorten die Stückkosten sinken. Für einen tieferen Einstieg empfehle ich den Artikel Skalenerträge und Produktivität.

Im Zuge der Globalisierung sind die Methoden des transnationalen Kostenmanagements immer subtiler geworden:

Absicherung von Wechselkursrisiken

Die spekulationsbedingt chaotischen Entwicklungen von Wechselkursen im neoliberalen System reihen sich in die lange Liste der Benachteiligungen ein, denen national verankerte Unternehmen gegenüber transnationalen Konzernen im Binnen- wie im Außenwettbewerb ausgesetzt sind. Die Konzerne können sich mehrfach gegen Kursrisiken absichern: Einmal, indem sie ihre Wertschöpfungsketten bewusst über mehrere Währungsräume verteilen, so dass sich ein »natürlicher« Ausgleich währungsbedingter Preisverzerrungen ergibt. Dadurch wird zugleich die Funktion des US-Dollars als herausragende Quasi-Leitwährung des neoliberalen Freihandels gesichert. Ergänzend verfügen die Konzerne über ausreichende finanzielle Mittel, um einzelne große Transaktionen mittels Hedging-Kontrakten am Devisenmarkt abzusichern, indem sie auf bestimmte, für sie nachteilige Kursentwicklungen wetten und, falls die eintreten, durch den Wetterlös entschädigt werden.

Strategien zur Steuervermeidung

In der politikfreien transnationalen Sphäre, in der die Konzerne agieren, gelingt es ihnen, ihre Gewinne und Verluste mittels konzerninterner Im- und Exporte von Kapital, Vorleistungen und Zwischenprodukten weltweit derart zu verteilen, dass ihre Steuerschuld insgesamt auf ein unvermeidliches Minimum reduziert wird. Auch aus diesem Grunde entfällt inzwischen mehr als die Hälfte des Welthandels und seines umweltschädlichen Transportaufkommens auf konzerninterne Güterströme.

Da gibt es zum Beispiel den großen europäischen Möbelhersteller, der seiner deutschen Tochter Jahr für Jahr Lizenzgebühren für die Nutzung seines Firmennamens in Rechnung stellt, die exakt den ansonsten zu versteuernden Gewinn der Tochter aufzehren. Oder der Automobilhersteller mit deutscher Konzernzentrale, der bei einer ausländischen Tochter Kredite aufnimmt, um mit den Zinszahlungen nicht nur Gewinne ins Ausland zu transferieren, sondern sie am Standort der Konzernzentrale überdies noch steuermindernd geltend zu machen. Und da sind all die Unternehmen, die gezielt insolvente Firmen aufkaufen, um deren Verlustvorträge gegen eigene Erträge verrechnen zu können. Von diesen Machenschaften sind neben den mittelständischen Betrieben, die der vollen inländischen Besteuerung unterliegen, auch die öffentlichen Haushalte betroffen, deren Einnahmen so weit zurückgehen, dass die öffentliche Hand die Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge nicht mehr im gebotenen Umfang wahrnehmen kann.

6. Auswirkungen der Transnationalität auf einen Blick

Das natürliche industrielle Expansions- und Gewinnstreben hat sich unter der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin von wirtschaftspolitischer Regelung gelöst und verselbständigt. Exponenten der Doktrin sind Konzerne, die in einer transnationalen Sphäre agieren und weltweit die wirtschaftliche und politische Entwicklung bestimmen:

  1. Territoriale Spezialisierung mit Massenproduktion an zentralen Orten
  2. Industrielle Arbeitsteilung über beliebige Entfernungen hinweg
  3. Hohe Transportaufkommen für End- und Zwischenprodukte
  4. Riskante Ausrichtung nationaler Wertschöpfung auf Exporte
  5. Ungeeignete industrielle Technologietransfers in Entwicklungsländer
  6. Größenvorteile und Skalenerträge ohne soziale und ökologische Einbindung
  7. Fokussierung auf quantitatives Wachstum statt qualitativer Entwicklung
  8. Unternehmerische Scheinproduktivitäten mit volkswirtschaftlichen Folgekosten
  9. Destabilisierende Mobilität von Arbeitskräften und Kapital (Faktormobilität)
  10. Standortwettbewerb um niedrigste Standards und Steuern (öffentliche Armut)
  11. Unternehmerische Kostenverlagerung auf Gesellschaft und Umwelt
  12. Verdrängungswettbewerb mittels Kostenverlagerung und Preisdumping
  13. Tendenz zu globalwirtschaftlichen Oligopolen und Monopolen
  14. Verhinderung sinnvoller, durch Wechselkurse, Zölle und Handelskontingente möglicher Protektion
  15. Verhinderung des globalen Handels mit geistigem Eigentum
  16. Zerstörung regionaler Wirtschaftskreisläufe und ihrer Vielfalt
  17. Flächendeckende wirtschaftliche Verwüstungen (De-Industrialisierung)
  18. Fixierung auf Technologien der zentralen Massenproduktion
  19. Ausbeutung natürlicher Ressourcen und hoher Schadstoffausstoß
  20. Vernachlässigung dezentral erneuerbarer Rohstoffe und Energien
  21. Macht- und Kapitalkonzentrationen und extreme soziale Ungleichverteilung
  22. Entkopplung von Produktivitäts- und Lohnentwicklung (Entmachtung der Gewerkschaften)
  23. Ungleichgewicht von Einkommen/Kaufkraft und industriellem Produktionspotential
  24. Einengung des transnational nachgefragten Spektrums an Berufsqualifikationen
  25. Strukturelle und niveaubedingte Arbeitslosigkeit sowie prekäre Löhne (private Armut)
  26. Zentralisierung wirtschaftspolitischer Entscheidungen bei EU und WTO
  27. Entdemokratisierung der lokalen, regionalen und nationalen Ebene

7. Wie sollte eine zukunftsfähige Unternehmenslandschaft aussehen?

Die Antwort auf diese Frage erschließt sich am leichtesten, wenn man sich im ersten Schritt nur die Prinzipien vor Augen führt, die von transnationalen Aktivitäten verletzt werden. Die Liste ist erschreckend lang, denn offenkundig gibt es kein einziges Prinzip, das nicht verletzt wird. Ich beschränke mich hier auf die wichtigsten:

Subsidiarität, Mitbestimmung, Demokratie, Solidarität, Naturschutz, Wohlfahrt, Recht auf selbstbestimmte Teilnahme und Teilhabe am Wirtschaftsleben (Recht auf Arbeit und Existenzsicherung) sowie: freie Marktwirtschaft.

Ja, auch das Prinzip der freien Marktwirtschaft wird ausgehebelt. Und zwar, indem die transnationalen Akteure sich absolute Freiräume verschaffen und alle anderen Akteure (Zulieferer, regionale Anbieter, Arbeitskräfte und Konsumenten) zwangsweise ihren globalwirtschaftlichen Strategien unterwerfen. Zugleich erachten sie den freien Zugriff auf die natürlichen Ressourcen als ihr »natürliches« Recht.

Bei gedanklich konsequenter Anwendung der genannten Prinzipien entsteht fast wie von selbst das Bild einer Unternehmenslandschaft, das Zukunftsfähigkeit verspricht. Als Grundlage für den Aufbau bietet sich die wirtschaftliche Strukturierung an. Wenn die subsidiär gestaltet wird, erstreckt sich die wirtschaftliche Wertschöpfung auf die gesamte geographische Fläche und wird überall dort erbracht, wo die produktionstechnischen Möglichkeiten gegeben sind oder geschaffen werden können, also abstrakt betrachtet auf der tiefstmöglichen Ebene oder konkret an möglichst vielen verteilten Orten. Damit ist bereits, wie angedeutet, die Grundlage für die Anwendung aller anderen Prinzipien geschaffen:

Dezentrales Wirtschaften schließt dezentrale Entscheidungen (Mitbestimmung, Demokratie), dezentrale Verantwortung (Solidarität, Naturschutz, Wohlfahrt) und dezentrale Vielfalt (allgemeine Teilnahme und Teilhabe) ein. Subsidiarität bedeutet aber auch, dass aufwendigere Wertschöpfung auf höheren Ebenen bzw. an wenigen zentralen Orten erbracht wird. Die Struktur setzt sich also nach oben fort und kann im Einvernehmen mit anderen Wirtschaftsräumen auch über die Grenzen hinaus fortgesetzt werden.

Es ist offenkundig, dass die produktionstechnischen Möglichkeiten, auch wenn sie praktisch vorhanden sind, allein keine Gewähr dafür bieten, dass sich subsidiäre Strukturen bilden. Wie erwähnt, neigt das eigentlich natürliche und wünschenswerte unternehmerische Streben nach Expansion und Gewinn vielmehr zu fortgesetzter Konzentration von Produktionskapital und wirtschaftlicher Macht. Deshalb bedarf es der gezielten, autonomen wirtschaftspolitischen Gegensteuerung, um die zukunftsichernden Prinzipien durchzusetzen.

Kurz gesagt, bedarf es der ständigen »Subsidiarisierung« der unternehmerischen Landschaft. Sie ist die vornehmste Aufgabe autonomer Wirtschaftspolitik. Und sie lässt sich am einfachsten verwirklichen, indem Unternehmen und Betriebsstätten mit zunehmend sozial und ökologisch ungerechtfertigter Größenordnung immer stärker (progressiv) besteuert werden.

Ergänzend sind folgende Artikel zu empfehlen: Autonome Wirtschaftspolitik, Markt und Marktwirtschaft, Wirtschaftliche Subsidiarität, Regionale Wirtschaftskreisläufe, Zukunftsfähiger Außenhandel, Freihandelsabkommen EU – USA sowie Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

__________________________________________________________________________________

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Transnational Corporations

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: