Volkswirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik

Die Rolle der Ökonomik für eine wohlfahrtsorientierte Wirtschaftspolitik

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Eine kurze Geschichte der Wirtschaftswissenschaft
  3. Die fragwürdigen Grundsätze der Wirtschaftswissenschaft
    a) Die Beschäftigungstheorie
    b) Die Produktionstheorie
    c) Formalistisch-mathematische Aussagen
  4. Eine Perspektive für die Volkswirtschaftslehre

1. Überblick

VWLund Politik02Die Volkswirtschaftslehre trägt ihren Teil zu einer Wirtschaftsordnung bei, die uns innerhalb weniger Jahrzehnte in eine historisch beispiellose soziale und ökologische Krise geführt hat, eine Krise, die sich mit dem 2008 einsetzenden Zusammenbruch der Finanzmärkte und den nachfolgenden Auswirkungen auf die Realwirtschaft nochmals verstärkt. Zu fordern ist nach diesen Erfahrungen eine Volkswirtschaftslehre, die sich nicht gemein macht mit industriellen Interessen, sondern ihrem normativen Auftrag entsprechend eine zukunftsfähige Ordnung entwirft und gegenüber der Wirtschaftspolitik selbstbewusst vertritt. Und: Eine Lehre, die ihre Studenten zur Kritik an der herrschenden Ordnung ermutigt und sachbezogene Kritik als wissenschaftliche Bereicherung aufnimmt.

2. Eine kurze Geschichte der Wirtschaftswissenschaft

Die Wirtschaftswissenschaft, auch Nationalökonomik oder kurz Ökonomik genannt, gehört neben der Soziologie und der Politikwissenschaft zu den realwissenschaftlichen Sozialwissenschaften. Ihre Zugehörigkeit weist zugleich auf ihr Erkenntnisobjekt hin: die soziale Wirklichkeit. In diesem Rahmen befasst sie sich mit den wirtschaftlichen Vorgängen.

Die systematische Behandlung wirtschaftlicher Fragen beginnt relativ spät mit der Entstehung der europäischen Nationalstaaten: Im 18. Jahrhundert legt Adam Smith mit der Klassischen Lehre das wissenschaftliche Fundament, auf dem im 19. Jahrhundert die Neoklassische Lehre entsteht, die dann im 20. Jahrhundert in ein umfassendes System mikro- und makroökonomischer Theorien eingebunden wird.

Seither analysiert die mikroökonomische Betriebswirtschaftslehre (BWL) wirtschaftliche Akteure und ihre Interaktionen, hauptsächlich private und öffentliche Unternehmen, mit dem Ziel, die mikroökonomische Ordnung weiterzuentwickeln. Die Analyse dient als Grundlage für konkrete normative Aussagen, zum Beispiel wie Unternehmen organisiert und gemanagt werden sollten und wie sie ihre Strategien für Geschäftsfelder, Märkte, Preisbildung, Wettbewerb und die Zuordnung von Ressourcen entwickeln sollten.

Die makroökonomische Volkswirtschaftslehre (VWL) analisiert dagegen die Wirtschaft als Ganzes mit dem Ziel, die makroökonomische Ordnung weiterzuentwickeln: Vor allem bezüglich der Interaktionen und Abhängigkeiten zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Naturressourcen und der Regulierung ihrer Zuordnung; der Ursachen und möglichen Steuerung konjunktureller Zyklen; der Interaktionen zwischen Außenhandel und Binnenwirtschaft und ihrer Optimierung; sowie übergeordnet bezüglich der verschiedenen interagierenden Variablen der binnen- und außenwirtschaftlichen Prozesse und wie sie ins Gleichgewicht gebracht werden können. Für einen tieferen Einblick empfehle ich den Artikel Allgemeines Gleichgewicht.

Die Klassische Lehre sah im unternehmerischen Angebot die entscheidende Antriebskraft der Wirtschaft, und ging davon aus, dass jedes Angebot, gleich welchen Volumens, automatisch seine Nachfrage findet. Später wanderte der wissenschaftliche Fokus in Richtung Nachfrage, besonders ausgeprägt in der Lehre von Maynard Keynes, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstand. Keynes forderte im wirtschaftlichen Abschwung kreditfinanzierte Investitionen des Staates (deficit spending), um die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren. Nach dem Scheitern der wirtschaftlichen Nachkriegsordnung (des Bretton-Woods-Abkommens) Anfang der 1970er Jahre ist das Pendel jedoch extrem in die andere Richtung ausgeschlagen:

Die angebotsorientierte Sichtweise ist im Zuge der Deregulierung nationaler Märkte und der Entstehung offener globaler Märkte sowie der damit einhergehenden industriellen Macht- und Kapitalkonzentration zu einer alles beherrschenden Doktrin avanciert. Umso unversöhnlicher wird der Disput zwischen der kleinen Schar nachfrageorientierter Ökonomen und ihren dem »neoliberalen Mainstream« verhafteten, angebotsorientierten Kollegen ausgetragen. Die 2008 einsetzende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise sowie die nachfolgende Eurokrise, die fälschlicherweise auch als Staatsschuldenkrise bezeichnet wird, haben ein neues Bewusstsein für die Gefahren grenzenloser Deregulierung erzeugt, dessen wirtschaftspolitische Konsequenzen noch nicht abzusehen sind.

Wer sich näher über die geschichtliche Entwicklung informieren möchte, dem empfehle ich die Artikel Klassische und Neoklassische LehreKeynesianismusBretton-Woods-System und Wirtschaftliche Globalisierung.

3. Die fragwürdigen Grundsätze der Wirtschaftswissenschaft

Die zentralen Fragestellungen der Wirtschaftswissenschaft haben sich von Beginn an sehr stark auf die Knappheit von Produktionskapazitäten und produzierten Gütern und damit auf die Bedingungen zur Erhöhung der Produktionsmenge bezogen, weniger oder gar nicht haben sie sich jedoch auf die Knappheit der natürlichen Ressourcen und auf die strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen gerichtet, die für eine auf Wohlfahrt zielende industrielle Produktion notwendig sind. Der deutsche Nationalökonom Walter Eucken (1891 bis 1950) hat diesen produktionsorientierten Fokus mit den fünf W-Wörtern umschrieben: Was wird wofür, wann, wie und wo produziert? In diesem Selbstverständnis liegt auch der Grund dafür, dass die Wirtschaftswissenschaft bis heute nicht in der sozialen Wirklichkeit angekommen ist und sich schwertut, die wirtschaftlichen Voraussetzungen für gesellschaftliche Wohlfahrt als ihr wissenschaftliches Forschungsgebiet zu begreifen (mehr dazu im Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt). Zu kritisieren sind vor allem die ungenügenden Prämissen

  • der Beschäftigungstheorie und
  • der Produktionstheorie, hier speziell der Allokation (Zuordnung) von Naturressourcen, sowie
  • die seit den siebziger Jahren zu beobachtende Tendenz zu formalistisch-mathematischen Aussagen, von denen die Gefahr ausgeht, eine irreführende Genauigkeit und Beweiskraft zu suggerieren, die wirklichkeitsnahen Lösungen im Wege steht.

Zwar kann die Wirtschaftswissenschaft als Sozialwissenschaft keine exakte Wissenschaft sein. Aber mehr als bei anderen Sozialwissenschaften ist ihr Erkenntnisobjekt (die wirtschaftlichen Vorgänge) für die materielle Existenz der Menschheit unabdingbar und zugleich unabänderlich in die natürlichen Kreisläufe der Biosphäre eingebunden und demzufolge von der Begrenztheit der natürlichen Ressourcen abhängig. Die wissenschaftliche Verantwortung für diese Zusammenhänge wird von der Mehrheit der Ökonomen immer noch mit dem Argument zurückgewiesen, gesellschafts- und umweltrelevante Fragen und Einscheidungen lägen in der Verantwortung »der Politik«. Als Folge dieser ignoranten Abgrenzung bewegt sich die Wirtschaftswissenschaft bis heute in einem über zwei Jahrhunderte gewachsenen System konstruierter Axiome, das die wirtschaftlichen Prozesse von gesellschaftlichen Anforderungen und natürlichen Zwängen abstrahiert (siehe dazu auch die Artikel Wirtschaft und Biosphäre sowie Wirtschaft und Entropie):

a) Die Beschäftigungstheorie

Sie befasst sich isoliert mit Fragen der Kapazitätsauslastung von Produktionsstätten und der erzielten Produktionsmenge. Dieser eingeengte Blickwinkel führt unmittelbar zu einem falschen Verständnis von Produktivität, weil geographisch zentralisierte Produktion produktiver erscheint als dezentrale Produktion. Die durch Massenproduktion erzielten sogenannten Skalenerträge werden verabsolutiert und zur notwendigen Voraussetzung für Produktivität und Wohlstand verklärt. So versäumt es die Wirtschaftswissenschaft, das Wirtschaftsleben im Lichte einer selbstbestimmten Teilnahme und Teilhabe der Wirtschaftssubjekte (der Bürger) und ihrer ortsbezogenen sozialen und ökologischen Verantwortung wahrzunehmen, und sie versäumt es, die gebotene Dezentralität wirtschaftlicher Strukturen und Produktionsbedingungen als eine menschlichen und natürlichen Bedürfnissen dienende Funktion zu verstehen.

Anders ausgedrückt: Sie versäumt es, der gesamtwirtschaftlichen Produktionsstruktur einen höheren Stellenwert einzuräumen als der Produktionsmenge einzelner Produktionsstätten. Die Folgen dieses eingeengten Blickwinkels sind unter den Bedingungen offener globaler Märkte – wie sie im Zuge der neoliberalen Globalisierung entstehen – besonders verheerend: die Konzentration von industrieller Macht und industriellem Kapital nimmt laufend zu und bewirkt eine landesweite und weltweite De-Industrialisierung der geographischen Randgebiete, während die Beschäftigung im Verlaufe dieses Prozesses in gleichem Maße abnimmt. Zugleich schwindet die demokratische Einflussnahme und Legitimität auf allen politischen Ebenen. Für weitere Einzelheiten empfehle ich den Artikel Skalenerträge und Produktivität.

b) Die Produktionstheorie

Wie eingangs erwähnt, befasst sich die Betriebswirtschaftslehre damit, wie Unternehmen ihre Entscheidungen treffen und treffen sollten, insbesondere wie sie damit angesichts knapper Ressourcen zur Preisbildung beitragen. Die Knappheit wird allerdings, wie gesagt, nicht im Zusammenhang mit der natürlich begrenzten Verfügbarkeit von Rohstoffen gesehen, sondern vielmehr auf die begrenzte Verfügbarkeit von Produktionskapazitäten und deren Einfluss auf die Preisbildung bezogen.

Mit anderen Worten: Nach mikro- und makroökonomischer Auffassung sind Knappheit und Teuerung von Gütern ausschließlich auf knappe Produktionskapazitäten zurückzuführen, nicht jedoch auf Rohstoffknappheiten (höchstens, wenn ein Rohstoff offenkundig vor der endgültigen Ausbeutung steht). Die Rohstoffe erscheinen bei diesem Verständnis als unbegrenzt verfügbar, so dass ihr Preis entsprechend niedrig angesetzt wird, und es erscheint ökonomisch sogar vertretbar, wenn er nur die Erschließungskosten enthält, der Preis der nackten Ressourcen also Null beträgt. Folglich versäumen es die nationalen Volkswirtschaften, in den Substanzerhalt von Rohstoffen zu investieren, zum Beispiel mittels Recycling oder Substitution, und sie versäumen es, die wirtschaftlichen Akteure zu zwingen, die tatsächlichen Rohstoffkosten in die Preise einfließen zu lassen.

Die unweigerliche Folge dieser ökonomischen Logik ist die fortgesetzte Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Um das zu verhindern, müsste die Wirtschaftswissenschaft ihren Blickwinkel erweitern und die Wirtschaft als ein in die natürlichen Kreisläufe eingebettetes Subsystem der Biosphäre begreifen, um dann an die Wirtschaftspolitik die begründete Forderung zu richten, die Rohstoffe so hoch zu besteuern, dass für die wirtschaftlichen Akteure Anreize für einen nachhaltig schonenden Einsatz entstehen.

c) Formalistisch-mathematische Aussagen

Der neue Glaube der akademischen Ökonomik an die Rationalität der Marktteilnehmer und die Unfehlbarkeit der Märkte sowie die darauf gründende Tendenz, die soziale Wirklichkeit mit formalistisch-mathematischen Einzelaussagen zu beschreiben, sind wesentlich für die 2008 einsetzende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise verantwortlich. Der US-amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman hat das Versagen seiner Zunft in einer Kolumne in der New York Times unmissverständlich angeprangert:

»Wenige Ökonomen haben die gegenwärtige Krise vorhergesehen, aber dieses Versagen war noch das geringste Problem. Entscheidender war die Blindheit des Berufsstandes, die Wahrscheinlichkeit eines katastrophalen Versagens der Marktwirtschaft überhaupt in Betracht zu ziehen … der ökonomische Berufsstand geriet auf Abwege, weil die Ökonomen, als Gruppe, die Schönheit beeindruckender mathematischer Ausdrücke für die Wahrheit hielten … Ökonomen verliebten sich erneut in die alte, idealisierte Vision einer Ökonomie, in der rationale Individuen auf vollkommenen Märkten interagieren, diesmal mit kunstvollen Gleichungen untermauert … Unglücklicherweise verführte diese romantisierte und aufpolierte Vision von Wirtschaft die meisten Ökonomen dazu, all die Dinge zu ignorieren, die schiefgehen können. Ihre Blindheit bezog sich auf die Begrenztheit der menschlichen Vernunft, die oft zu Blasen und zu deren Platzen führt; auf die Probleme von Institutionen, die Amok laufen; auf die Unvollkommenheit von Märkten – speziell von Finanzmärkten –, die plötzliche, unvorhersehbare Zusammenbrüche verursachen kann; und auf die Gefahren, die heraufbeschworen werden, wenn die Legislative nicht an Regulierung glaubt. … Spätestens wenn es zu dem allzumenschlichen Problem von Rezessionen und Depressionen kommt, müssen Ökonomen die gefällige aber falsche Annahme fallenlassen, Menschen agierten rational und Märkte seien unfehlbar.« (New York Times, 2. September 2009, eigene Übersetzung aus dem Amerikanischen)

Die Ironie des Schicksals will es, dass auch Paul Krugman, seiner unbestrittenen Kritikfähigkeit zum Trotz, der blinden Verliebtheit in die Schönheit mathematischer Ausdrücke erlegen ist. Seine Jahre zurückliegenden theoretischen Arbeiten, mit denen er den Versuch unternahm, den internationalen Handel und die Wirtschaftsgeographie in einem »schönen«, aber die soziale und ökologische Wirklichkeit ausklammernden Modell darzustellen, wurden 2008 von der ebenso blinden Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Es lohnt sich, dieser ökonomischen Torheit in dem Artikel Paul Krugmans blinde Flecken auf den Grund zu gehen.

Es ist nicht verwunderlich, dass die meisten ökonomischen Theorien auf dem dünnen axiomatischen Fundament nur eine geringe Beweiskraft entfalten. Dazu kommt, dass die große Ungewissheit, die allen ökonomischen Hypothesen grundsätzlich anhaftet, nur durch die nachfolgende wirtschaftliche Praxis verifiziert oder falsifiziert werden kann. Da praktische Erfahrungen dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel unterliegen, ist auch deren Aussagekraft zeitlich begrenzt. Jedes Zeitalter steht also erneut vor der Aufgabe, überlieferte empirische Erkenntnisse neu zu bewerten und zeitgemäße ökonomische Hypothesen zu wagen. Obwohl dieses Vorgehen anerkannter wissenschaftlicher Standard ist, lassen sich nicht wenige Ökonomen dazu verleiten, alte Vorstellungen und Theorien eins zu eins in die Gegenwart zu übertragen.

Die Hoffnung auf ein die Zeiten überdauerndes ökonomisches Fundament, so verständlich sie sein mag, ist jedoch unweigerlich mit Enttäuschungen und Gefahren verbunden, besonders dann, wenn überholte Vorstellungen in die Wirtschaftspolitik einfließen. Diese Gefahren sind beim Rückgriff auf marxistische Thesen zweifellos größer als bei einer Anwendung der Lehren von Maynard Keynes oder Walter Eucken und Ludwig Erhard. Aber gefährlich ist eben jede Rückwärtsgewandtheit. Gerade der gegenwärtige Zustand der Welt, der durch das historisch beispiellose Auftreten zweier existentieller Krisen – einer sozialen und einer ökologischen – gekennzeichnet ist, erfordert neue wissenschaftliche Ansätze – auch seitens der Wirtschaftswissenschaft. Dieses Kompendium will dazu beitragen, diese Herausforderung zu meistern.

4. Eine Perspektive für die Volkswirtschaftslehre

In Krisenzeiten ist es umso wichtiger, dass die Wirtschaftswissenschaft ihrer Verantwortung als Sozialwissenschaft gerecht wird und ihre Arbeit an der sozialen und der ökologischen Wirklichkeit ausrichtet. Dazu muss sie sich vor allem unabhängig von industrieller Macht und Finanzkraft machen, aber auch politischem Opportunismus entsagen. In ihrem wissenschaftlichen Anspruch darf sie sich nicht darauf beschränken, die herrschende Wirtschaftsordnung analysierend zu interpretieren, vielmehr muss sie die Analyse zur Grundlage normativer Vorstellungen und Aussagen machen und den erkennbaren Pfad zum Wohlfahrtsoptimum jederzeit selbstbewusst und beharrlich aufzeigen. Speziell muss sie die Effizienz der Faktoren Arbeit, Naturressourcen und Produktionskapital aus deren Zusammenwirken herleiten und die Gesamteffizienz – wie auch die Gesamtproduktivität der Produktionsprozesse – als Maßstab nehmen, um gefährlich einseitiger Kapitaleffizienz und kapitalistischen Auswüchsen den Riegel vorzuschieben (siehe dazu auch den Artikel Exzesse des Kapitalismus).

Somit ist es Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft, die existentielle Bedeutung wirtschaftlicher Vorgänge und Zusammenhänge für die gesellschaftliche Wohlfahrt im Kontext der sozialen und ökologischen Wirklichkeit zu analysieren und modellhaft weiterzuentwickeln, um daraus wirtschaftspolitische Handlungsvorschläge abzuleiten. Und: wenn es Aufgabe der Wirtschaft ist, für ein besseres Leben zu sorgen, dann ist es Aufgabe der Wirtschaftswissenschaft, dem besseren Leben den Weg zu weisen.

Nachhaltige Wohlfahrt setzt soziales und ökologisches Gleichgewicht voraus, gekennzeichnet durch Vollbeschäftigung und geschlossene Stoffkreisläufe, begleitet von qualitativem Wachstum und außenwirtschaftlichem Gleichgewicht. Vollbeschäftigung bedeutet allgemeine Teilnahme aller Bürger am Wirtschaftsleben und gerechte Teilhabe am Wirtschaftsergebnis, Stoffkreisläufe dienen dem Substanzerhalt der natürlichen Ressourcen, qualitatives Wachstum bedeutet Fortschritt im Einklang mit den endlichen Ressourcen, und außenwirtschaftliches Gleichgewicht entsteht im kontrollierten internationalen Austausch auf Gegenseitigkeit, der dauerhaft ausgewogene Handels- und Leistungsbilanzen gewährleistet.

Komplexität, Chaos und Scheingenauigkeit

Im Zuge der unter dem neoliberalen Dogma vorangetriebenen weltweiten wirtschaftspolitischen Deregulierung gerät die Wirtschaftswissenschaft ständig in Versuchung, die von der ungezügelten industriellen Expansion geschaffenen Fakten nachträglich »wissenschaftlich« zu sanktionieren und ihre »Erkenntnisse« der Wirtschaftspolitik anzudienen. So entsteht ein Teufelskreis der positiven Rückkopplung und ständigen Selbstbestätigung fragwürdiger ökonomischer Aussagen.

Als Folge der Deregulierung sind die Komplexität der gesamtwirtschaftlichen Zusammenhänge und das chaotische Verhalten der Weltwirtschaft ins Unermessliche angestiegen und bieten ehrgeizigen Ökonomen unerschöpfliche Gelegenheiten für formalistisch-mathematische Spielereien, die nichts als unsinnige, praktisch bedeutungslose Scheingenauigkeiten der Darstellung und Vorhersagbarkeit neoliberaler wirtschaftlicher Vorgänge produzieren. Dabei wird bewusst eine Analogie zum komplexen und chaotischen Wettergeschehen postuliert, mit dem Hintergedanken, den Weg für Investitionen in komplexe und aufwendige »wissenschaftliche« Simulationen des wirtschaftlichen Geschehens zu ebnen.

So wird vom gegenwärtigen Mainstream der Wirtschaftswissenschaft der Eindruck vermittelt, ökonomische Forschung müsse auf der Grundlage der »natürlichen« Komplexität der Wirtschaft betrieben werden, um die Zusammenhänge durchschaubar zu machen, sie im Sinne des neoliberalen Dogmas laufend anzupassen und die angebliche Fähigkeit des Systems zur Selbstregulierung immer wieder neu zu bestätigen.

Und so bleibt die Erkenntnis auf der Strecke, dass die Komplexität des wirtschaftlichen Geschehens durch Regulierung verringert werden kann und muss, und dass dazu nicht etwa komplexe, sondern einfache Regeln geeignet sind.

Die Regeln müssen so gestaltet sein, dass die wirtschaftlichen Akteure, statt volkswirtschaftliche Schäden anzurichten, möglichst hohe Erträge für die Volkswirtschaft wie auch für sich selbst erwirtschaften. Deshalb sind Anreize zu schaffen bzw. Verbote zu erlassen, die zum Beispiel unsoziale Bereicherung, grenzüberschreitende Verlagerung von Produktionskapital und Arbeitsplätzen sowie Verdrängungswettbewerb ausschließen bzw. eindämmen. Die Analogie zum Wettergeschehen lautet: Statt aufwendiger Simulation reicht ein Regenschirm, um sich vor unvorhersehbarem Regen zu schützen.

Zu fordern ist deshalb vor allem eine unabhängige Wirtschaftswissenschaft, die sich dem wissenschaftlichen Auftrag verschreibt, unter den Bedingungen einer demokratisch zusammenwachsenden Welt binnenwirtschaftliche Produktionsstrukturen zu entwerfen, die Vollbeschäftigung und Umweltschutz in dezentraler Verantwortung sicherstellen und zugleich als stabiles Fundament des internationalen Austausches und der Globalisierung dienen. Erst dann wäre die Wirtschaftswissenschaft in der sozialen und ökologischen Wirklichkeit angekommen.

Das Bewusstsein für die notwendigen Veränderungen ist in den letzten Jahren besonders unter den Studenten der Wirtschaftswissenschaft gewachsen. Sie gilt es zu ermutigen, ihre Kritik ungeachtet aller Widerstände freimütig zu äußern. Beispielhaft trägt Edward Fullbrook dazu bei, Herausgeber des Buches »A Guide to what’s wrong with Economics«[1]. In seiner Einleitung wendet er sich ausdrücklich an die Studenten und schreibt unter anderem (Fullbrook 2004, S.1):

»Dieses Buch bietet Ihnen einigen Schutz vor der Indoktrination, der Sie als Student der Wirtschaftswissenschaft wahrscheinlich ausgesetzt sind. Es gibt etliche Sachverhalte, die Ihre Lehrer Ihnen bezüglich der Sorte von Ökonomik mitteilen sollten, die sie unterrichten – aber in den meisten Fällen nicht tun werden. Dieses Buch möchte Sie auf einige substantielle Versäumnisse und logische Widersprüche der neoklassischen Ökonomik aufmerksam machen, und auch auf ihre versteckten ideologischen Ziele, ihre Missachtung der natürlichen Umwelt und ihre Unfähigkeit, wirtschaftliche Themen im ökologischen Kontext zu behandeln, ihren üblichen Missbrauch von Mathematik und Statistik, ihr Unvermögen, die wesentlichen Fragen der Globalisierung anzusprechen, ihren ethischen Zynismus bezüglich Armut, Rassismus und Sexismus, und ihre Missinterpretation der Wirtschaftsgeschichte.« (eigene Übersetzung aus dem Englischen)

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Economics and Economic Policy.

Quellen und Literatur

1. Fullbrook, Edward (Editor): A Guide to What’s Wrong with Economics. Anthem Press, 2004

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