Währungskrieg und Wechselkurs

Der neoliberale Abwertungswettlauf als Folge doktrinärer Widersprüche

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die jüngste Vorgeschichte
  3. Zum Kern des Problems
  4. Die doktrinären Mechanismen
  5. Die taktischen Spiele der großen Akteure
    > Die USA
    > China
    > Die EU und Deutschland
    > Andere Länder
  6. Die originäre Funktion des Wechselkurses

1. Überblick

WährungskriegIm Verdrängungswettbewerb des neoliberalen Freihandels ist eine neue Runde eingeläutet: Länder mit eigener Währung, die sich auf den Dollar- und Euro-Märkten infolge abnehmender Wettbewerbsfähigkeit vor scheinbar unlösbare soziale und ökologische Probleme gestellt sehen, haben nun, wie zuvor schon China, das Valuta-Dumping für sich entdeckt. Es droht ein weltweiter Abwertungswettlauf, der erneut die Widersprüche der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin offenlegt. Ein guter Anlass also für eine Rückbesinnung auf die originäre Funktion des Wechselkurses und die Chancen, die vereinbarte reale Wechselkurse für Wohlstand und Wohlfahrt eröffnen.

2. Die jüngste Vorgeschichte

Die Jahrestagung von Internationalem Währungsfond (IWF) und Weltbank, zu der Finanzminister und Notenbanker der G7-Staaten im Oktober 2010 nach Washington gereist waren, hat kein greifbares Ergebnis gebracht. Und das, obwohl im Vorfeld der Tagung von zahlreichen Kritikern auf die verheerenden Verzerrungen und Ungleichgewichte des globalen Freihandels hingewiesen worden war. Zugespitzt wurde die Ausgangslage der Tagung vom damaligen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, der China vorwarf, den Kurs des Yuan künstlich niedrig zu halten, um sich Vorteile für seine Exporte zu verschaffen. Das Land sei deshalb mitverantwortlich für Nachahmer wie Japan und Brasilien und könne die Welt in eine Krise stürzen. Offensichtlich verbreite sich die Idee, Währungen als wirtschaftspolitische Waffe einzusetzen, fügte Strauss-Kahn noch hinzu.

Brasiliens Finanzminister Guido Mantega warnte auf der Tagung, die Welt befinde sich bereits in einem »Währungskrieg« und riskiere einen Handelskrieg. Wie andere Länder auch, versucht das Schwellenland Brasilien, die Aufwertung seiner Währung durch eine Erhöhung der Geldmenge, niedrige Leitzinsen und Kontrollen ausländischer Investitionsflüsse zu bremsen – ebenfalls in der Absicht, die Preise seiner Exportgüter auf den Dollar- und Euro-Märkten auf einem möglichst wettbewerbsfähig niedrigen Niveau zu halten.

3. Zum Kern des Problems

Zunächst sei daran erinnert, dass IWF und Weltbank 1945 auf der Grundlage der in Bretton Woods vereinbarten Nachkriegsordnung gegründet wurden (siehe dazu auch den Artikel Bretton-Woods-System) und es von Beginn an Aufgabe des IWF war, das internationale Währungssystem und die Weltwirtschaft zu stabilisieren. Diese Aufgabe wurde in ökonomischer Weitsicht ausdrücklich an ein System fester Wechselkurse gebunden, weil sie, so die Überzeugung der Gründerväter, in einem System manipulierbarer, veränderlicher Kurse unmöglich zu bewältigen wäre. Weder hat diese Überzeugung ihre Bedeutung verloren, noch ist der IWF von seiner ursprünglichen Aufgabe jemals qualifiziert entbunden worden. Die historische Entwicklung hat es allerdings mit sich gebracht, dass die Nachkriegsordnung Anfang der 1970er infolge einer durch den Vietnam-Krieg bedingten Schulden- und Inflationspolitik der USA scheiterte. Die Marktkräfte gewannen daraufhin gegenüber den nationalen Wirtschaftspolitiken die Oberhand und das ungeregelte Kräftespiel wurde schließlich als »Marktliberalisierung« doktrinär verklärt.

Der IWF sucht sich seine Aufgaben seither innerhalb der neuartigen »Ordnung« und ist seit den 1980er Jahren dazu übergegangen, sich den Interessen der global agierenden Finanzwirtschaft anzudienen – einschließlich der vor allem für Entwicklungs- und Schwellenländer gefährlichen spekulativen Tendenzen, die auf den Devisenmärkten ihr größtes Volumen erreichen. Dass ein System spekulativ manipulierbarer Wechselkurse unmöglich zur Stabilität der Weltwirtschaft und zu nachhaltiger Wohlfahrt beitragen kann, dafür ist der »Währungskrieg« und seine Folgen nun neuerlicher Beweis.

4. Die doktrinären Mechanismen

Wenn allein der Außenwert der chinesischen Währung die Ursache allen Übels wäre, hätten die westlichen Industrieländer das Problem mit dem Druck ihres Handelsvolumens längst aus der Welt schaffen können. Der Grund, der den damaligen IWF-Chef Strauss-Kahn dazu bewegte, sich auf die Seite der USA und der EU zu schlagen und China einseitig anzuschwärzen, liegt einzig darin, dass China und die anderen Schwellenländer in den Gremien des IWF bisher keine ihrer Bedeutung gemäße Stimme haben. So war logischerweise auch der ehemalige IWF-Chef, selbst französischer Staatsbürger, von den westlichen Industrieländern auf seinen Posten befördert worden. Auf dem G20-Treffen der Finanzminister, das nach der G7-Jahrestagung von IWF und Weltbank ebenfalls in Südkorea stattfand, wurde allerdings angekündigt, die Quote bei der Finanzierung und den Stimmrechten des IWF zugunsten der Schwellenländer um 6,4 Prozent umzuverteilen – überwiegend zulasten Europas. China rückt damit nach den USA und Japan zum drittgrößten Anteilseigner des IWF auf und verdrängt Deutschland auf Platz vier.

Die treibende Kraft im neoliberalen »Währungskrieg« ist der Wettbewerb der Wirtschaftsräume und ihrer ansässigen Unternehmen um Marktanteile auf den »liberalisierten« Weltmärkten. Bei rückläufigem Einfluss nationaler und supranationaler Wirtschaftspolitiken wird die Marktdynamik überwiegend vom unternehmerischen Expansionsstreben bestimmt, das über die nationalen Grenzen hinaus auf die offenen Exportmärkte drängt und dort einen Verdrängungswettbewerb auf der Grundlage von Preisvorteilen in Dollar und Euro anzettelt. Ein Wettbewerb, der zum Schaden von Mensch und Natur mit allen Formen des Dumpings ausgetragen wird. Die Protagonisten, die das gegenseitige Verdrängen wohl persönlich als sportliche Herausforderung erleben, werden nicht müde zu betonen, dass nur der globale »Freihandel« das Wohl und den Fortschritt der Menschheit garantieren könne.

Wenn jedoch alle Wirtschaftsräume in den Export drängen, verschärft sich der globale Wettbewerb. Es entstehen Überkapazitäten, der Kostendruck erhöht sich, und die Akteure werden (kostenbedingt) zu Sozial-, Öko- und Valuta-Dumping sowie zur Konzentration unternehmerischen Kapitals verleitet. So gerät die Weltwirtschaft in eine Abwärtsspirale der realen Preise und komplementär in eine Aufwärtsspirale der externalisierten, auf Gesellschaft und Umwelt abgewälzten Kosten. Diese Kosten entstehen vor allem durch prekäre Arbeitsverhältnisse, Unterbeschäftigung, Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltbeschädigungen. Der Prozess der Kapitalkonzentration trägt wesentlich zur Kostenspirale bei, indem er die regionalen Strukturen und die binnenwirtschaftlichen Kreisläufe schwächt und so, als systembedingter Teufelskreis, die Exportorientierung zusätzlich stärkt und neoliberal rechtfertigt. Das erstmals weltweit um sich greifende Valuta-Dumping – also das unilaterale Abwerten von Währungen – ist nun dafür verantwortlich, dass der Verdrängungswettbewerb immer chaotischer und die Weltwirtschaft immer instabiler wird – eine Entwicklung, die der brasilianische Finanzminister zu recht als »Währungskrieg« bezeichnet hat.

5. Die taktischen Spiele der großen Akteure

Neben China spielen auch die USA, die EU und Deutschland eine beherrschende Rolle im neoliberalen »Währungskrieg«:

Die USA

Angesichts eines jährlichen bilateralen Handelsdefizits von rund 300 Mrd. US-Dollar haben die USA China wiederholt aufgefordert den Yuan aufzuwerten. So hoffen sie, die Flut chinesischer Importwaren einzudämmen, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Export nach China und damit die eigene Wertschöpfung zu erhöhen, und vor allem – bei einer Arbeitslosenquote von knapp 10 Prozent – eigene Arbeitsplätze zu sichern und neue zu schaffen. Die Spannungen zwischen den beiden Ländern nehmen zu, seit das US-Repräsentantenhaus Strafzölle für chinesische Importe beschlossen und weitere angekündigt hat.

Die USA setzen sich mit ihrer schrillen Polemik allerdings dem Verdacht aus, von eigenen aggressiven Maßnahmen ablenken zu wollen. Denn die US-Notenbank betreibt seit Jahren eine expansive Geldpolitik, auch um Wachstum und Beschäftigung zu generieren und die Binnenkonjunktur zu beleben. Die Binnenwirkung ist jedoch längst verpufft. Zum einen, weil das Zinsniveau seit der Finanzmarktkrise wirkungslos nahe null liegt, zum anderen, weil das Land auf den »liberalisierten« Weltmärkten seine Wettbewerbsfähigkeit vor allem in der produzierenden Industrie weitgehend verloren hat und die Investitionen in Produktionsanlagen stark rückläufig sind.

Die expansive Geldpolitik bewirkt nun nur noch Dollar-Flüsse in Länder mit höheren Zinsen, beschleunigt die Geldentwertung, begünstigt die Entstehung neuer Blasen bei Vermögenswerten und verursacht – im Sinne der Exportförderung – eine schleichende Abwertung des als Leitwährung fungierenden Dollars. Durch die konjunkturellen Risiken werden zudem die Kurse US-amerikanischer Staatsanleihen belastet und erhöhen die Verschuldungskosten des Landes. Die Staatsverschuldung ist denn auch bei hohen sozialen, infrastrukturellen und militärischen Kosten auf inzwischen 94 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angestiegen, was den Dollar zusätzlich unter Druck setzt. Vom Rest der Welt wird die US-Geldpolitik deshalb als aggressive und gefährliche Maßnahme der Exportförderung verstanden. Dazu kommt, dass die Dollar-Abwertung im bilateralen Verhältnis zu China zum Verdruss der USA nur indirekte Wirkung hat, weil China den Kurs seiner Währung seit Jahren an den US-Dollar gebunden hat (siehe unten).

Beim schon erwähnten G20-Treffen der Finanzminister hat der damalige US-Amtsinhaber Timothy Geithner einen neuen taktischen Vorstoß unternommen: Er möchte exportstarke Länder wie China und Deutschland verpflichten, ihre Überschüsse in der Leistungsbilanz (Handel mit Waren und Dienstleistungen) auf vier Prozent des BIP zu begrenzen; zum Ausgleich sollen diese Länder ihre Binnenwirtschaften mittels Steuersenkungen ankurbeln. Der Vorstoß ist im neoliberalen Kontext absurd, weil die exportstarken Länder ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den »liberalisierten« Märkten künstlich drosseln müssten. Umgekehrt, so ließ Geithner verlauten, sollen Defizitländer wie die USA durch die Verpflichtungen der exportstarken Länder in die Lage versetzt werden, mehr zu sparen, ihre Exporte zu stärken und ihre Defizite in der Leistungsbilanz auf vier Prozent des BIP zu begrenzen. Geithners Vorstoß wurde bezeichnenderweise nur von den Defizitländern Kanada und Frankreich begrüßt.

Der damalige Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle warnte hingegen vor einem »Rückfall in die Planwirtschaft« und plädierte für eine Stärkung der marktwirtschaftlichen Prozesse – was im neoliberalen Kontext als Warnung vor jedweder Regelung der Märkte zu verstehen ist. Im selben Kontext wies er darauf hin, dass die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse nicht das Ergebnis staatlicher Eingriffe, sondern der hohen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft seien. Widerstand gegen die amerikanischen Pläne kam auch von China, Japan und einigen Schwellenländern.

China

China hat den Kurs seiner Währung Mitte der 1990er Jahre an den US-Dollar gekoppelt und steuert die Kopplung über Geldmenge und Leitzinsen sowie mit staatlichen Eingriffen in die Devisen- und Kapitalmärkte. Nach westlichen Berechnungen ist der Yuan gegenüber dem US-Dollar und dem Euro heute um bis zu 40 Prozent unterbewertet. Das heißt, wenn keine Zölle erhoben werden, sind chinesische Importe in westlichen Ländern bis zu 40 Prozent billiger als vergleichbare einheimische Produkte. Die langfristig angelegte Exportstrategie der chinesischen Regierung zielt ganz offenkundig darauf, gegenüber dem Westen nicht nur aufzuholen, sondern die Weltmärkte zu dominieren und zur stärksten Wirtschaftsmacht aufzusteigen.

Die chinesische Strategie ist dafür verantwortlich, dass auch Deutschland mit chinesischen Importen überschwemmt wird und die wirtschaftliche Konzentration samt flächendeckender De-Industrialisierung in unserem Lande schon sehr weit fortgeschritten ist. Die Frage, wer hier Täter und wer Opfer ist, stellt sich im neoliberalen Kontext nicht, weil beide Länder übereinstimmend doktrinär festgelegt und in den Widersprüchen des Systems gefangen sind. Aus zukunftsgerechter, post-neoliberaler Sicht ergibt sich auf die Frage eine eindeutige Antwort: Jedes Land muss seine Wirtschaftspolitik in eigener Verantwortung und unbeeindruckt von den Absichten seiner Handelspartner einzig auf die Wohlfahrt seiner Bürger und seiner Umwelt ausrichten. Und noch nebenbei bemerkt: China hat die binnenwirtschaftlichen Folgen seiner neoliberalen Exportstrategie wie die Verödung außerhalb der großen Wirtschaftszentren, die Geldentwertung im Inland, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich, die stagnierende Binnennachfrage sowie das wachsende Protestpotential in der Bevölkerung mit Sicherheit unterschätzt – und versucht jetzt ähnlich aussichtslos wie die westlichen Länder, den neoliberalen Teufelskreis mit ungeeigneten Maßnahmen zu durchbrechen.

Die hohen chinesischen Überschüsse in der Leistungsbilanz mit dem Dollarraum ziehen naturgemäß hohe Kapitalexporte nach sich, so dass die Zentralbank der Volksrepublik inzwischen 20 Prozent aller US-Staatsanleihen und daneben rund 2,5 Billionen US-Dollar als Währungsreserven hält. Dazu kommen laufende Investitionen in US-amerikanische Immobilien und Unternehmen. Alles Maßnahmen, die in den USA als schleichende Unterwanderung der eigenen Wirtschaft wahrgenommen werden.

Fazit: Die USA und China sind in eine für das neoliberale System typische, unauflöslich-teuflische Abhängigkeit geraten. China ist gezwungen, mit seinen im Export erzielten Dollar-Einnahmen US-Staatsanleihen und sonstige US-Vermögenswerte zu kaufen, um die US-Wirtschaft und folglich die Nachfrage nach chinesischen Importen zu stützen, und um zugleich den Dollar-Kurs gegenüber anderen Währungen zu stützen, damit der Wert der in seinem Besitz befindlichen US-Staatsanleihen und sonstigen US-Vermögen erhalten bleibt. Dass sich durch die Stützung des Dollars und des an den Dollar gekoppelten Yuan die chinesischen Exporte außerhalb des Dollar-Raumes verteuern können (was gegenwärtig nicht zutrifft, siehe unten), gehört zu den Unwägbarkeiten des neoliberalen Systems, denen auch China nichts entgegenzusetzen hat.

Inzwischen hat der Druck der USA Wirkung gezeigt, so dass die Chinesen den Yuan in 2010 um rund 4 Prozent gegenüber dem US-Dollar aufgewertet haben. Angesichts des Dollar-Verfalls von rund 10 Prozent gegenüber dem Euro und dem japanischen Yen in den ersten drei Quartalen 2010 sind China die Aufwertungen nicht schwergefallen, denn während die Ausfuhren in die USA nur geringfügig teurer wurden, steigerte das Land seine Wettbewerbsfähigkeit in Europa und Japan in diesem Zeitraum erheblich.

Die EU und Deutschland

Die EU steht wie die USA wegen ihrer Liquiditätsflut in der Kritik, mit der sie die Finanzmarktkrise und jetzt auch die neoliberal-systembedingte Eurokrise bekämpft, für die irrigerweise die Überschuldung der abwertend als PIIGS bezeichneten Staaten Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien verantwortlich gemacht wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) würde die Geldmenge wegen der innereuropäischen Risiken gerne sofort wieder zurückfahren, würde damit aber eine Aufwertung des Euro gegenüber allen anderen Währungen in die Wege leiten und die europäische Wettbewerbsfähigkeit außerhalb des Euro-Raumes schwächen. Vermutlich wird sich die EZB deshalb für eine langsame, schrittweise Reduzierung der Euro-Liquidität entscheiden.

Deutschland, das keine eigene Währung mehr hat, ist an die Entscheidungen des EZB-Rates gebunden; es kann also selbst und im eigenen Interesse keine Abwertungen des Euro vornehmen. Die Lage des Landes ist aus neoliberaler Sicht aber auch ohne autonome Währungspolitik derzeit mehr als komfortabel, denn die deutschen Exportunternehmen verfügen sowohl in der Eurozone als auch im Dollar-Raum über eine extrem hohe Wettbewerbsfähigkei – weshalb Deutschland hohe Überschüsse in seiner Leistungs- und Zahlungsbilanz ansammelt. Die damit verbundenen Ungleichgewichte im Handel werden innerhalb der Eurozone besonders von Frankreich und im Dollar-Raum von den USA scharf kritisiert, weil beide Länder Defizite im Außenhandel verzeichnen. Deutschland schafft mit seinen Exporterfolgen also indirekt Anreize für den weltweiten Abwertungswettlauf. Wie schon angedeutet, ist die Kritik an Deutschland im neoliberalen Kontext unsinnig, weil künstliche Drosselung der Wettbewerbsfähigkeit der von allen Ländern propagierten Doktrin der wirtschaftspolitischen Deregulierung und »Marktliberalisierung« zuwiderläuft.

Die Lage der deutschen Unternehmen wird durch deren hohe Auslandsinvestitionen außerhalb der Eurozone noch zusätzlich gestärkt. Wenn ein deutsches Unternehmen zum Beispiel die Hälfte seiner wertmäßigen Produktion für den Weltmarkt nach China verlegt, dann kompensieren sich die Einflüsse der Kursbewegungen zwischen US-Dollar (bzw. Yuan) und dem Euro rein rechnerisch zu null. Diese Strategie ist nicht auf Endprodukte beschränkt, sie kann auch sehr differenziert für Zwischenprodukte eingesetzt werden. Alle wettbewerbsfähigen Global Player versuchen sich derart abzusichern. An den sozialen und ökologischen Verheerungen des neoliberalen Systems ändert das jedoch in Summe nichts.

Andere Länder

Auch Japan, Brasilien und andere Schwellenländer setzen sich gegen die Geldpolitik der USA, Chinas und der EU zur Wehr, indem sie mit geldpolitischen Mitteln und Kapitalverkehrskontrollen versuchen, den Zufluss von Fremdkapital und die Aufwertung ihrer eigenen Währung zu begrenzen.

Gegen Importschwemmen aufgrund eines relativ hohen Kurses der eigenen Währung bleiben als letztes Mittel nur Zölle und Einfuhrkontingente. Dass sich Länder zur Anwendung dieser Schutzmaßnahmen (der legitimen Protektion) gezwungen sehen und dann verlogen des Protektionismus beschuldigt werden, ist ein weiterer Beweis für die unauflöslichen Widersprüche der neoliberalen Doktrin (siehe dazu auch den Artikel Protektion und Protektionismus).

6. Die originäre Funktion des Wechselkurses

Das in diesem Kompendium vorgestellte Modell einer sozialökologischen Marktwirtschaft weist bezüglich der Gestaltung von Wechselkursen zwei entscheidende Merkmale auf: Die im Modell beschriebenen Wirtschaftsräume zeichnen sich durch eine stark diversifizierte und dezentralisierte (subsidiarisierte) Produktionsstruktur aus, und sie sind bilateral durch einen intensiven Handel sowohl einzigartig-spezieller als auch gleichartiger Produkte und Dienstleistungen miteinander verbunden (Spezialitätenhandel und Intrabranchenhandel). Das heißt, die Vielfalt und geographische Verteilung ihrer Produktionen macht die Wirtschaftsräume gegen plötzliche Veränderungen (Schocks) in einzelnen Branchen wie auch gegen unvorhersehbare Veränderungen der Handelsströme weitgehend unempfindlich. Damit erfüllen sie zugleich die Bedingungen, die an optimale Währungsräume zu stellen sind. Und sie werden in die Lage versetzt, mit ihren Handelspartnern autonom Handelsvereinbarungen mit festen realen Wechselkursen abzuschließen – Wechselkursen, die sie periodisch aus den Durchschnittspreisen bilateral zusammengestellter Warenkörbe ermitteln. Umgekehrt gilt: Flexible Wechselkurse einschließlich der Devisenmärkte, an denen sie durch Angebot und Nachfrage bestimmt werden, verbieten sich, weil sie unter sozialökologischen Bedingungen zur Dämpfung von Schocks nichts beitragen können und weil sie die gewinnbringende Nutzung relativer (komparativer) Preisvorteile im Handel erschweren. Auch eine Leitwährung erübrigt sich unter diesen Bedingungen, weil die Wirtschaftsräume nicht auf die stabilisierende Wirkung eines großen, dominierenden Wirtschaftsraumes und seiner Währungsreserven angewiesen sind.

Unter den genannten Bedingungen können Wechselkurse wieder zum entscheidenden Bindeglied werden, das Preisanpassungen an den Schnittstellen von Handelspartnern herstellt und damit fruchtbare Handelsbeziehungen auch und gerade über die kulturellen und produktiven Grenzen eigenständiger Wirtschafts- und Währungsräume hinaus ermöglicht. Der rechnerische Spielraum, innerhalb dessen Wechselkurse dieser Funktion gerecht werden, ist allerdings begrenzt: Deshalb müssen Wirtschafts- und Währungsräume mit ihren Handelspartnern periodisch bilaterale Wechselkurse vereinbaren, die exakt dem durchschnittlichen Preisunterschied aller Handelsprodukte und damit zugleich dem durchschnittlichen Produktivitätsunterschied entsprechen und so den Unterschied neutralisieren. Ein derart berechneter Wechselkurs, der beim Grenzübertritt Kaufkraftparität herstellt und als realer Wechselkurs bezeichnet wird, bildet zugleich die Grundlage, um die relativen (komparativen) Preisvorteile bzw. Nachteile aller Handelsprodukte zu identifizieren und für einen auf Wohlstandsgewinne und optimale Wohlfahrt gerichteten Außenhandel zu nutzen.

Das heißt konkret: Produkte, deren Preise in einem Land relativ zum Durchschnittspreis aller Handelsprodukte geringer sind als beim Handelspartner, werden dadurch automatisch zu Exportkandidaten. Der Handelspartner kann diese Produkte in autonom festgelegten Mengen importieren und den ganzen Preisvorteil gegenüber den eigenen Produkten als Stimulanz seines Binnenwettbewerbs einsetzen oder den Preisvorteil teilweise durch Zölle abfangen. In beiden Fällen entsteht ein volkswirtschaftlicher Handelsgewinn. Da relative Preisvorteile in bilateralen Handelsbeziehungen auf beiden Seiten stets in großer Zahl und unabhängig von den unterschiedlichen Produktivitätsniveaus zu identifizieren sind, können grundsätzlich alle Handelspartner gegenseitig Handelsgewinne erzielen. Und da jeder Wirtschafts- und Währungsraum mit einer Vielzahl von Partnern Handel treibt, also multi-bilaterale Beziehungen unterhält, können die Handelsgewinne durch Auswahl des größten relativen Preisvorteils für jedes zu importierende Produkt optimiert werden. Dabei wird mit der autonomen Festlegung von Importmengen und Importzöllen sichergestellt, dass inländische Anbieter zwar wettbewerblich gezielt unter Druck gesetzt, nicht aber ganze Branchen unwiderruflich verdrängt werden. Zugleich erhöht sich im derart geregelten Handel die Vielfalt des Warenangebots bei allen Handelspartnern.

Preisneutralisierende Wechselkurse üben darüber hinaus eine abschirmende Wirkung aus, indem sie das für die Funktion von Wirtschaftskreisläufen entscheidende Gleichmaß von Produktivitäts-, Lohn- und Preisentwicklung vor verzerrenden äußeren Einflüssen bewahren. Nur wenn das Verhältnis von Löhnen und Preisen, das die Kaufkraft ausmacht, mit der Entwicklung der Produktivität innerhalb einer Volkswirtschaft Schritt hält, ist sichergestellt, dass die für die inländischen Märkte bestimmten Produkte bei zugleich angemessener Spar- und Investitionsquote von inländischen Abnehmern auch jederzeit nachgefragt und bezahlt werden können und dass die Kreisläufe von Produkten und Zahlungsmitteln an keiner Stelle geschwächt oder unterbrochen werden.

Ganz anders im neoliberalen Freihandel: Dort nehmen Wechselkurse weder ihre Funktion als Bindeglied für den Handel wahr, noch schirmen sie das Gleichgewicht von Produktivität, Löhnen und Preisen vor äußeren Einflüssen ab. Da die Kurse den freien Kräften »liberalisierter« globaler Finanzmärkte ausgeliefert sind und durch Leitwährungen wie den US-Dollar oder den Euro zusätzlich verfälscht werden, lassen sich relative Preisvorteile weder identifizieren noch nutzen; stattdessen werden relative durch absolute Preisvorteile in Leitwährung ersetzt. Alle Wirtschafts- und Währungsräume und ihre ansässigen Unternehmen sind somit gezwungen, ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den globalen Märkten mittels wettbewerbsfähiger Dollar- oder Euro-Preise zu sichern, und zwar unabhängig davon, ob ihr tatsächliches Produktivitätsniveau diese Preise hergibt. Das ist der Grund, weshalb die Dominanz absoluter Preisvorteile kostenbedingt eine Tendenz zur vollständigen internationalen Spezialisierung, zur maximalen Kapitalkonzentration, zur Monopolisierung und zu allen Formen des Dumpings auslöst. Der globale Verdrängungswettbewerb, der dadurch verursacht wird, führt zur Auflösung regionaler Strukturen und schließlich zu Massenarbeitslosigkeit und Armut.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Die sogenannte Euro-Rettung, Komparativer Vorteil – aufgewertet, Zukunftsfähiger Außenhandel, Wirtschaftliches Dumping, Wirtschaftliche Preisbildung, Wirtschaftliche Subsidiarität sowie Freihandelsabkommen EU – USA.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

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