Wertschöpfungskette

Die Verknüpfung produktiver unternehmerischer Aktivitäten

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Wertschöpfung
  3. Wertschöpfungskette
  4. Gewinnbringend geregelte territoriale Spezialisierung
  5. Kostenträchtige, vollständige territoriale Spezialisierung

1. Überblick

WertschöpfungsketteJPG02Die wirtschaftliche Wertschöpfung setzt sich aus Einzelprozessen zusammen, die sich von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis hin zur Entsorgung von Produkten erstrecken. Die Einzelprozesse können national wie auch international auf mehrere Unternehmen verteilt und durchgängig vernetzt sein. Die dadurch gegebenen Vorteile territorialer Spezialisierung können bei internationalen Wertschöpfungsketten und dem dadurch induzierten internationalen Handel mit Zwischenprodukten gewinnbringend genutzt werden, vorausgesetzt, die beteiligten Volkswirtschaften vereinbaren untereinander Wechselkurse, die das Preisgefälle und damit zugleich indirekt die unterschiedlichen wirtschaftlichen Produktivitäten neutralisieren. Deregulierte, offene Märkte, auf denen der Wettbewerb und Handel mit (absoluten) Preisen in einer Leitwährung (zum Beispiel US-Dollar oder Euro) stattfindet, tendieren dagegen zu vollständiger territorialer Spezialisierung mit hoher Kapitalkonzentration in absolut wettbewerbsfähigen Ländern, gefolgt von hoher struktureller Arbeitslosigkeit und hohen ökologischen Kosten in allen beteiligten Ländern.

2. Wertschöpfung

Der moderne Begriff der Wertschöpfung, der die Produktion von Gütern und Dienstleistungen umfasst, gründet sich auf den von den Vereinten Nationen vorgegebenen Rahmen für die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen: das sogenannte System of National Accounts (SNA). Die jüngste Fassung des SNA von 1993 bildet auch die Grundlage für das Europäische System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen.

Vom SNA werden neben gewerblich produzierten Gütern und Dienstleistungen auch Dienstleistungen des Staates sowie privater Organisationen ohne Erwerbszweck erfasst, nicht jedoch private Hausarbeit und ehrenamtliche Tätigkeit.

Die in Deutschland für die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ermittelte Bruttowertschöpfung entspricht dem gesamten Bruttoproduktionswert von Gütern und Dienstleistungen im Inland nach Abzug der importierten Vorleistungen. Berechnet wird sie vom Statistischen Bundesamt für eine Periode in jeweiligen Preisen als nominale und in konstanten Preisen des Jahres 1995 als reale Grundlage für die Entstehungsrechnung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Der Anteil an der Bruttowertschöpfung, der keinem Erwerbszweck dient, ergibt sich aus der Summe der Preise der für die Wertschöpfung aufgewendeten Mittel.

Die Bruttowertschöpfung eines einzelnen Unternehmens oder eines Wirtschaftszweiges entspricht analog zur volkswirtschaftlichen Bruttowertschöpfung der Differenz zwischen den Bruttoproduktionswerten (Umsätzen) und den Bruttovorleistungen (Zukäufen) einer Periode.

3. Wertschöpfungskette

WertschöpfungsketteJPG01Während Wertschöpfung als Gesamtbeitrag eines Unternehmens oder einer Branche zum Volkseinkommen definiert ist, steht der Begriff Wertschöpfungskette zunächst für bestimmte, innerhalb eines Unternehmens miteinander verknüpfte produktive Aktivitäten. Die Wertschöpfungskette eines Unternehmens setzt sich aus den unmittelbar produktions- und produktbezogenen Gliedern der Primäraktivitäten und den kettenübergreifenden Unterstützungsaktivitäten zusammen.

Typische Glieder der Primäraktivitäten einer Wertschöpfungskette, aufgezählt in der zeitlichen Folge des unternehmerischen Prozesses, sind: Logistik, Forschung, Entwicklung, Fertigung, Marketing/Vertrieb, Service/Wartung und zunehmend auch Entsorgung.

Typische kettenübergreifende Unterstützungsaktivitäten sind: Management/Verwaltung, Finanzen, Personal, Beschaffung und Kommunikation.

Hinweis: Die Glieder Forschung und Entwicklung erfüllen in der Regel eine doppelte Funktion: Sie sind einerseits Teil des Produktionsprozesses, andererseits können sie auch unterstützende Funktionen über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg ausüben.

Die Glieder der Primäraktivitäten einer Wertschöpfungskette können ihrer strategischen Bedeutung entsprechend als Einzelprozesse und eigene betriebswirtschaftliche Kostenstellen definiert und gegeneinander abgegrenzt werden, so dass sie unabhängig voneinander gestaltet und weiterentwickelt werden können und ihre Wettbewerbsfähigkeit innerhalb einer Branche unabhängig voneinander bewertet werden kann. Jeder Einzelprozess kann mittels seiner individuellen strategischen Ausrichtung sowohl einen Beitrag zur leistungs- und qualitätsbezogenen Differenzierung gegenüber Wettbewerbern als auch zur relativen Kostenstellung eines Unternehmens gegenüber Wettbewerbern leisten. Dasselbe gilt für jede einzelne Unterstützungsaktivität.

Für die gesamte Wertschöpfungskette eines unternehmerischen Geschäftsfeldes – definiert als eigenständiges Markt/Produktsegment – empfiehlt sich eine eindeutige strategische Positionierung: also entweder

  1. als leistungs- und qualitätsbezogene Differenzierung gegenüber Mitbewerbern oder
  2. als Kostenführerschaft gegenüber Mitbewerbern.

Die eindeutige Positionierung ist für den Erfolg unabdingbar, weil die Abnehmer nur dann ein unverwechselbares Profil wahrnehmen können. Nichts ist für ein Produktsegment schlimmer, als strategisch zwischen den Stühlen zu sitzen und von den Abnehmern nicht klar zugeordnet werden zu können. Allerdings ist zu beachten, dass bei leistungs- und qualitätsbezogener Differenzierung auch die Kosten noch wettbewerbsfähig sein müssen, so wie bei der Kostenführerschaft auch Leistung und Qualität ein wettbewerbsgerechtes Niveau aufweisen müssen. Die jeweiligen Leistungs- und Kostenführer einer Branche haben den Vorteil, die Preise diktieren zu können. Leistungsführer sind in der Regel am oberen Ende der Qualitäts- und Preisskala einer Branche angesiedelt, Kostenführer am unteren Ende.

Ein typischer Leistungsführer in der Automobilbranche ist Daimler. Die gescheiterten Versuche von VW mit dem Phaeton im sogenannten Premiumsegment Fuß zu fassen, zeigen, dass eine Mischstrategie nicht zum Erfolg führt. Ein typischer Kostenführer im Einzelhandel mit Lebensmitteln ist Aldi. Der Wettbewerb zwischen Aldi und Lidl ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass auch eine Kostenführerschaft mit Produktqualität verteidigt werden muss. Dabei kann es durchaus zu einer Aufspaltung eines zuvor homogenen Marktsegments in neue, gegeneinander abgegrenzte Segmente kommen. Aldi wendet sich neuerdings im unteren Preissegment an anspruchsvollere Kunden als Lidl dies tut. Die beiden Anbieter sind also dabei, sich qualitativ und preislich zu differenzieren und gehen so einer andauernden direkten Konfrontation aus dem Wege. Ihre veränderten Strategien werden Bestand haben, bis neue Wettbewerber auftauchen und neue Spielregeln einführen.

Zurück zur Wertschöpfungskette: Die Bedeutung des Begriffs geht über das einzelne Unternehmen hinaus. Denn jedes Produktsegment ist einerseits auf Zulieferer und andererseits auf nachgeordnete Prozesse der Verfeinerung oder Entsorgung angewiesen. Zum Beispiel beginnt die vollständige Wertschöpfungskette einer Waschmaschine bei der Gewinnung aller in ihr verarbeiteten Rohstoffe und endet mit der Demontage der Maschine und der umweltgerechten Entsorgung bzw. Wiederverwendung möglichst aller Materialien. Ähnlich verhält es sich mit Dienstleistungen: Der Abschluss eines Hypothekenvertrages mit einer Bank beginnt (hoffentlich) mit einer unabhängigen Beratung und endet Jahre später nach Tilgung der Hypothek mit der Übertragung des Eigentums auf den Käufer durch einen Eintrag im Grundbuch.

4. Gewinnbringend geregelte territoriale Spezialisierung

Einzelprozesse einer vollständigen Wertschöpfungskette, also einschließlich Vorleistungen, Zulieferungen und nachgeordneter Leistungen, können national oder international auf verschiedene Unternehmen verteilt und die Unternehmen dann zu einer durchgängigen Wertschöpfungskette vernetzt werden. International können auf diese Weise die komparativen relativen Kostenvorteile regionaler Spezialisierung und der daraus hervorgehenden Zwischenprodukte, analog zum internationalen Handel mit Endprodukten, gewinnbringend genutzt werden. Immer vorausgesetzt, es werden zwischen den beteiligten Ländern entsprechende preisneutralisierende Wechselkurse vereinbart sowie Handelskontingente, die eine vollständige territoriale Spezialisierung mit hoher Kapitalkonzentration, struktureller Arbeitslosigkeit und hohen ökologischen Kosten verhindern. Für weitere Einzelheiten des Handels mit komparativen Vorteilen empfehle ich die Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

5. Kostenträchtige, vollständige territoriale Spezialisierung

Wenn die internationale Spezialisierung auf ungeregelten, offenen globalen Märkten erfolgt, wie es gegenwärtig unter der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin der Fall ist, sind komparative, relative Kosten- und Preisvorteile nicht mehr zu identifizieren, weil der Wettbewerb mangels vereinbarter Wechselkurse mit (absoluten) Preisen in US-Dollar oder Euro ausgetragen wird. Und weil darüber hinaus auch die Vereinbarungen von Handelskontingenten und Zöllen aufgegeben werden, entsteht weltweit eine Tendenz zur vollständigen territorialen Spezialisierung – auch für Vorleistungen, Zwischenprodukte und nachgeordnete Leistungen der Wertschöpfungsketten. Diese Entwicklung ultimativer Spezialisierung wird von Transnationalen Konzernen vorangetrieben, die absolute regionale Kostenvorteile nutzen, ohne sich weiter regional zu engagieren, und die ihre Wertschöpfungsketten global organisieren und optimieren. Die Optimierung erzeugt einen globalen Wettbewerb zwischen bestehenden und potentiellen Standorten. Dieser sogenannte Standortwettbewerb hat eine weltweite Abwärtsspirale sozialer und ökologischer Standards zur Folge und geht mit struktureller De-Industrialisierung, Arbeitsplatzverlusten und Umweltschäden einher. Für eine detaillierte Darstellung dieser Entwicklung empfehle ich den Artikel Transnationale Konzerne.

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