Wirtschaftliche Preisbildung

Die »automatische« marktwirtschaftliche Steuerung durch den Preis

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Allgemeine Begriffsklärung
  3. Preisbildung und Marktwirtschaft
  4. Neoliberale Preisbildung
  5. Zukunftsgerechte Preisbildung

1. Überblick

Der Preis erfüllt in der Marktwirtschaft die Funktion der zentralen Steuerung, indem er die Transaktionen der Marktteilnehmer »wie von unsichtbarer Hand« in die wirtschaftspolitisch vorgegebene Richtung lenkt. Damit die Steuerung zukunftsgerecht erfolgt, müssen die Preise die soziale und ökologische Wahrheit widerspiegeln. Voraussetzung dafür sind – im Gegensatz zur gegenwärtigen neoliberalen Deregulierung der Märkte – autonome Wirtschaftspolitiken, die in der Lage sind, auch im Außenhandel zukunftsgerechte Wirtschaftsregime durchzusetzen.

2. Allgemeine Begriffsklärung

PreisbildungJPG01Mit Preisbildung wird das Zustandekommen eines Preises auf einem Markt bezeichnet. Unter der idealen Voraussetzung, dass es viele Anbieter und viele Nachfrager gibt (Anbieter- und Nachfragerpolypol), dass alle Marktteilnehmer über ausreichende Marktinformationen verfügen (Markttransparenz), und dass sich die Preise im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage frei, das heißt, ohne direkte staatliche Eingriffe bilden, kann die Preisbildung von einzelnen Marktteilnehmern nicht beeinflusst werden. Die Marktteilnehmer können auf Preisveränderungen allerdings reagieren, indem sie ihre angebotenen bzw. nachgefragten Mengen anpassen. Wenn sie das massenweise tun, ändern sich die Preise.

Bei zunächst statischer Betrachtung heißt das: Ein plötzlicher Angebotsüberhang, ob infolge verringerter Mengen der Nachfrager oder aus anderen Gründen, veranlasst die Anbieter zu Preisnachlässen und zur Drosselung ihrer Produktion und die Nachfrager infolge sinkender Preise zu höherem Konsum. Diese Reaktionen setzen sich fort, bis Angebots- und Nachfragemenge auf einem niedrigeren als dem ursprünglichen Preisniveau in einen neuen Gleichgewichtszustand übergehen. Ein Nachfrageüberhang veranlasst dagegen die Anbieter die Preise anzuheben und ihre Produktion zu erhöhen, während mehr und mehr Nachfrager infolge der Preiserhöhung ihre Nachfrage zurückstellen, bis beide Mengenreaktionen auf einem höheren Preisniveau wieder ins Gleichgewicht kommen.

Zu beachten ist, dass ein Gleichgewichtszustand jederzeit durch

  1. veränderte Zinslasten und sonstige Produktionskosten,
  2. technologischen Fortschritt und
  3. neue Kapazitätsentscheidungen der Anbieter sowie durch
  4. veränderte Löhne und Haushaltslagen und
  5. neue Präferenzen der Nachfrager

beendet werden kann, um anschließend in einen neuen Gleichgewichtszustand überzugehen.

Wie lange ein Gleichgewichtszustand bestehen bleibt, hängt von der sogenannten Elastizität der Nachfrage ab. Wenn zum Beispiel die Nachfrage schon durch eine kleine Preiserhöhung zurückgeht, handelt es sich um eine elastische Reaktion der Nachfrage. Wenn sich die Nachfrage selbst bei großer Preiserhöhung nicht verändert, reagiert sie unelastisch. Die Elastizität der Nachfrage zeigt an, inwieweit sich Veränderungen der Lebensumstände der Nachfrager auf deren Konsumverhalten auswirken.

3. Preisbildung und Marktwirtschaft

Die Preisbildung ist das Herzstück der freien Marktwirtschaft, weil im jeweiligen Preis – eine auf sozialen Ausgleich und nachhaltige Ressourcennutzung gerichtete wirtschaftspolitische Steuerung vorausgesetzt – alle Informationen über

  1. die Kosten und technologischen Möglichkeiten der Anbieter,
  2. die Haushaltslage und Präferenzen der Nachfrager und
  3. die Knappheiten der volkswirtschaftlichen Ressourcen enthalten sind.

Unter diesen Bedingungen ergeben sich – durch die lenkende Funktion des Preises – aus der Summe der Transaktionen der Wirtschaftssubjekte automatisch optimale Güter- und Ressourcenströme. Das heißt, Güter und Ressourcen werden den Marktteilnehmern und Wirtschaftsprozessen optimal zugeordnet (allokiert).

Damit erfüllt der Preis in der Marktwirtschaft die Funktion einer »automatischen« zentralen Steuerung des wirtschaftlichen Geschehens und bewirkt sowohl individuelle als auch gesamtwirtschaftliche Gewinn- und Nutzenmaximierung.

Allerdings müssen, wie angedeutet, für eine derart freie und zugleich nachhaltig nützliche Preisbildung einige wesentliche Voraussetzungen erfüllt sein:

  1. Der Markt, auf dem die Preisbildung stattfindet, muss Teil eines autonomen Wirtschafts- und Währungsraumes sein, der die Marktteilnehmer einer einheitlichen und allseits verbindlichen Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung unterwirft.
  2. Die Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung muss Rahmenbedingungen, Regeln und Standards setzen, die gewährleisten, dass Angebots- und Nachfragekartelle unterbunden werden und für Anbieter Anreize oder Verpflichtungen bestehen, alle von ihnen direkt verursachten wie auch indirekt in Gesellschaft und Umwelt verursachten Kosten in ihre Preiskalkulation einzubeziehen, also alle unternehmerische Kosten zu internalisieren, statt sie auf die Allgemeinheit abzuwälzen.
  3. Speziell muss mittels strukturbildender Maßnahmen sichergestellt werden, dass flächendeckende Vielfalt mit entsprechenden Polypolen bei Anbietern und Nachfragern (vielen Anbietern und Nachfragern) entsteht, vorzugsweise durch subsidiäre Wirtschaftsstrukturen, um strukturauflösende Kapitalkonzentrationen und strukturelle Arbeitslosigkeit zu verhindern.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

Für einen Rückblick auf die historische Preisbildung in Klassischer Lehre und Marxismus empfehle ich den Artikel Arbeitswertlehre.

4. Neoliberale Preisbildung

Für die Kritik am neoliberalen Wirtschaftssystem ist die ökonomische Erfahrung entscheidend, dass eine marktwirtschaftlich freie Preisbildung weder grenzüberschreitend zwischen verschiedenen Wirtschaftsräumen noch im neoliberalen Freihandel auf offenen globalen Märkten möglich ist, sondern nur innerhalb homogener, wirtschaftspolitisch autonomer Wirtschaftsräume. Denn es ergibt offenkundig über die Grenzen von Wirtschaftsräumen hinaus keinen Sinn, mit einem für den Exporterfolg verfälschten Preis ehrliche Informationen zwischen Anbietern und Nachfragern bezüglich deren Möglichkeiten und Präferenzen zu übermitteln oder von einem derartigen Preis eine wohlfahrtsorientierte Steuerung der Güterströme und der nachhaltig optimalen Zuordnung natürlicher Ressourcen zu erwarten.

Im Zuge der neoliberalen »Marktliberalisierung« werden die unabdingbaren Grenzen zwischen Binnen- und Außenwirtschaft aufgehoben und unterschiedlich produktive Wirtschaftsräume zwangsintegriert. Welche Folgen das haben kann, zeigt die extrem krisenhafte Entwicklung der Eurozone, deren südliche Länder dem doppelten Wettbewerbsdruck in Europreisen und extern in Dollarpreisen kaum gewachsen sind. Auch unter diesen Bedingungen bilden die Preise sich zwar im Spannungsfeld von Angebot und Nachfrage scheinbar marktwirtschaftlich, sind aber mangels wirtschaftspolitischer Steuerung und einheitlicher Rahmenbedingungen, Regeln und Standards beliebiger Manipulation ausgesetzt, vermitteln den Akteuren daher falsche Signale und verursachen Fehlallokationen der wirtschaftlichen Ressourcen, und schlimmer noch: erzeugen einen gnadenlosen Verdrängungswettbewerb, der ganze Volkswirtschaften in den Ruin treiben kann.

Global agierende Unternehmen werden unter neoliberalen Verhältnissen in die Lage versetzt, den chaotischen und anarchischen Wettbewerb im Verein mit Nationalstaaten für ihre hegemonialen Ziele zu nutzen, indem sie die Preise mittels Wechselkursbeeinflussung und Dumping so weit drücken, dass sie Mitbewerber gezielt verdrängen und nach Möglichkeit endgültig ausgeschalten können.

Das neoliberale System und seine Doktrin ist in folgenden Artikel eingehend beschrieben: Neoliberale Wirtschaftsdoktrin, Neoliberaler Teufelskreis und Neoliberale Scheinargumente.

5. Zukunftsgerechte Preisbildung

Der Preis kann im Außenhandel nicht die marktwirtschaftliche Funktion erfüllen, die er im Binnenhandel innehat. Daraus folgt, dass Markt und Wettbewerb im internationalen Handel anders geartet sind. Denn ein einheitlicher globaler Wirtschaftsraum ist angesichts der extremen nationalen Unterschiede bei Traditionen, Ressourcen und Produktivitäten undenkbar, und so bedarf es klar definierter Schnittstellen, auf die sich nationale oder supranationale Wirtschaftsräume bilateral einigen müssen, bevor sie einen Handel miteinander beginnen können, der gegenseitige Wohlstandsgewinne verspricht.

Der globale Markt ist somit der Ort, an dem sich anbietende und nachfragende Wirtschaftsräume treffen, um über einen gewinnbringenden Austausch von Gütern, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitskräften zu verhandeln und sich vertraglich auf Zeit festzulegen. Entsprechend kann der Wettbewerb und Handel nicht unabhängig zwischen Unternehmen, sondern nur zwischen Wirtschaftsräumen stattfinden. Unternehmen sind deshalb bei Teilnahme am Außenhandel an wirtschaftspolitische Vorgaben gebunden, die Bestandteil der nationalen Wohlfahrtsstrategien und der darauf aufbauenden Handelsvereinbarungen sind. Nur im Rahmen dieser Vorgaben können sie frei über ihre außenwirtschaftlichen Transaktionen und ihren Zugriff auf Ressourcen entscheiden. Es gilt also auch hier, wie bei allen Interaktionen, dass Freiheit Regeln voraussetzt, um nicht in Anarchie umzuschlagen.

Wie ein nachhaltig auf Wohlstand und Wohlfahrt gerichteter Außenwettbewerb und Außenhandel zu gestalten ist, damit befassen sich die nachfolgend aufgeführten Artikel:

Zukunftsfähiger Außenhandel, Komparativer Vorteil – aufgewertet, Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt, Wirtschaftlicher Wettbewerb und Markt und Marktwirtschaft.

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