Wirtschaftlicher Wettbewerb

Konstruktiver wirtschaftlicher Wettbewerb auf Binnenmärkten und im Außenhandel

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Begriffsklärung und ökonomische Bedeutung
  3. Wettbewerbsstrategien / Wettbewerbsvorteile
  4. Wettbewerb auf Binnenmärkten
  5. Wettbewerb im Außenhandel
  6. Wettbewerb und Zusammenarbeit
  7. Das zentrale Instrument der Wettbewerbsordnung
  8. Wettbewerb unter der neoliberalen Doktrin

1. Überblick

WettbewerbIm Zuge der neoliberalen Globalisierung lösen sich die nationalen wie auch die supranationalen Wettbewerbsordnungen auf. Die Konzentration unternehmerischen Kapitals nimmt zu, monopolartige Strukturen breiten sich aus. »Liberalisierte« globale Märkte entwickeln sich zu Schlachtfeldern, auf denen verdrängt, erobert und zerstört wird. Die eigentlich konstruktive, dem Fortschritt und der Wohlfahrt dienliche Funktion des Wettbewerbs gerät aus dem Blickfeld.

2. Begriffsklärung und ökonomische Bedeutung

Konstruktiver wirtschaftlicher Wettbewerb findet auf Märkten statt, auf denen mindestens zwei Anbieter und zwei Nachfrager ihr Angebot bzw. ihre Nachfrage widerstreitend und zulasten ihrer Mitbewerber durchzusetzen suchen. Wenn auf einem Markt nur ein Anbieter oder Nachfrager aktiv ist, spricht man von einem monopolistischen Markt, auf dem kein Wettbewerb stattfindet, weil der alleinige Akteur (der Monopolist), sei es ein Anbieter oder ein Nachfrager, die Preise und sonstige Konditionen zulasten der anderen Akteure diktieren kann. Daraus folgt, dass der einzelne Akteur umso weniger Einfluss auf die Preisfindung hat, Preise somit umso fairer und volkswirtschaftlich nutzbringender kalkuliert werden und der Wettbewerb umso konstruktiver ist, je mehr Anbieter und Nachfrager auf einem Markt aktiv sind.

Um volkswirtschaftlich konstruktive Wettbewerbsanreize zu schaffen, muss das widerstreitende (antagonistische) Element des Wettbewerbs in marktwirtschaftlichen Systemen in eine für alle Marktteilnehmer verbindliche Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung eingebettet sein, die auf gesellschaftliche Wohlfahrt zielende Rahmenbedingungen, Regeln und Standards setzt. Das heißt, die Freiheit der Marktteilnehmer darf keine absolute, gesetzlose Freiheit sein, sondern eine Freiheit, die garantiert, dass die Gewinne aus privatwirtschaftlichen Transaktionen in Summe zugleich volkswirtschaftliche Gewinne ergeben. Unter diesen Bedingungen muss die Wettbewerbsordnung einerseits monopolistische und oligopolistische Strukturen (Kartelle) unterbinden, damit der Wettbewerb sich frei entfalten kann, andererseits muss sie den Wettbewerb auf Märkten beschränken, auf denen knappe Güter gehandelt werden, zum Beispiel auf dem Mietmarkt für Wohnungen, oder sie muss sogar staatliche Monopole einrichten, zum Beispiel bei Gütern der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge wie etwa der Versorgung mit sauberem Wasser.

Wie schon angedeutet, entscheidet nicht nur der Preis über den Erfolg im Wettbewerb, sondern auch die Produktqualität, die Zahlungs- und Lieferbedingungen, die Gewährleistung und die Dienstleistungen, die während des gesamten Lebenszyklus von Produkten angeboten werden. Entscheidend für den Erfolg in einer gegebenen Wettbewerbssituation ist somit die kreative Gestaltung von Wettbewerbsvorteilen durch die Marktteilnehmer.

Die Regelung marktwirtschaftlichen Wettbewerbs ist notwendig, weil die Markteilnehmer in ihrem natürlichen Expansions- und Gewinnstreben dazu neigen, sich dem Risiko des Wettbewerbs durch Zusammenschlüsse, Absprachen und Diskriminierungen zu entziehen. Das hatte schon der schottische Nationalökonom Adam Smith im achtzehnten Jahrhundert erkannt.

Wirksame Regelung zielt auf größtmögliche Verteilung wirtschaftlicher Macht und wirtschaftlichen Kapitals, auf Effizienz und Produktivität, auf Fortschritt und Vollbeschäftigung, auf ein vielfältiges Produktangebot, auf Verteilungsspielräume und Daseinsvorsorge und insgesamt auf gesellschaftliche Wohlfahrt. Der zur Freiburger Schule zählende Jurist Franz Böhm hat den Wettbewerb deshalb als »das großartigste und genialste Entmachtungsinstrument der Geschichte« bezeichnet.

Die Voraussetzungen für eine marktwirtschaftliche Wettbewerbsordnung sind allerdings nur innerhalb einer freiheitlich demokratischen, rechtsstaatlichen Verfassung herzustellen. Zu diesen Voraussetzungen gehören einerseits die Freiheiten der Information, der Niederlassung, des Eigentums, des Gewerbes, der Organisationsform, der Vertragsgestaltung und des Marktzugangs, und andererseits die durch (steuerliche) Anreize und Sanktionen durchzusetzende Verpflichtung, Beschädigungen an sozialen und ökologischen Ressourcen zu vermeiden und für alle selbst verschuldeten Schäden zu haften. Die genannten Freiheiten sind nicht absolutistisch zu verstehen, wie es unter der neoliberalen Doktrin zum Teil der Fall ist, sondern als Freiheiten im Rahmen einer herrschenden marktwirtschaftlichen Ordnung, insbesondere bezüglich der Abgrenzung zwischen öffentlichen und privaten Interessen und Gütern und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aktivitäten.

Zukunftsfähig ist eine marktwirtschaftliche Ordnung nur dann, wenn sie das wirtschaftliche Geschehen so steuert und regelt, dass soziale und ökologische Kosten den verursachenden Marktteilnehmern zugewiesen werden, so dass diese motiviert sind, derartige Kosten zu vermeiden. Bei strikter sozialökologischer Regelung können auf Dauer nachhaltige volkswirtschaftliche Erträge statt Kosten erwirtschaftet werden, die aus höherer Qualität von Produktionsprozessen und Produkten sowie dem Substanzerhalt der natürlichen Umwelt resultieren und mit höherer Lebensqualität gleichzusetzen sind.

Um allen Marktteilnehmern die dazu erforderliche individuelle Verantwortung zuzuweisen, sind – im Gegensatz zum zentralistisch strukturierten neoliberalen System – dezentrale, oder genauer: subsidiäre wirtschaftliche Strukturen unabdingbar. Für weitere Einzelheiten empfehle ich den Artikel Wirtschaftliche Subsidiarität.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

Nur auf der Grundlage subsidiärer Strukturen sorgt eine Wettbewerbsordnung

  1. für eine wahrheitsgemäße, sozial- und umweltverträgliche Lohn-, Preis- und Zinsbildung bei den entsprechenden Produktionsfaktoren Arbeit, Naturressourcen und Kapital,
  2. für eine effiziente und effektive Nutzung der menschlichen Arbeit durch flächendeckenden Ausgleich zwischen Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot (Vollbeschäftigung), existenzsichernde Löhne und leistungsgerechte Gleichverteilung von Einkommen, Vermögen und Produktionskapital,
  3. für eine effiziente Nutzung erneuerbarer und nicht-erneuerbarer Naturressourcen durch deren dauerhaften Substanzerhalt,
  4. für eine effiziente Nutzung des produktiven Kapitals durch dessen flächendeckend gleichverteilte Verfügbarkeit und gleichverteilte Verfügungsrechte,
  5. für fairen Wettbewerb zwischen arbeitsintensiven Produktionen auf den unteren und kapitalintensiven auf den oberen Ebenen der subsidiären Struktur, sowie
  6. insgesamt für ein bedarfsgerechtes Angebot an Gütern und Dienstleistungen zu sozialökologisch optimalen Preisen sowie für zukunftweisenden Fortschritt bei Produktionen und Produkten

Und nur unter derart geregelten Verhältnissen motiviert der Wettbewerb die wirtschaftlichen Akteure sowohl zu Kreativität als auch zu Disziplin. Und nur unter derart geregelten Verhältnissen lässt sich wirtschaftlicher Wettbewerb vorbehaltlos ethisch rechtfertigen.

Verbindliche Wirtschafts- und Wettbewerbsordnungen lassen sich nur innerhalb wirtschaftspolitisch autonomer, mit eigener Währung ausgestatteter Wirtschaftsräume durchsetzen. Wirtschaftspolitische Autonomie ist die unbedingte Voraussetzung, um auf Binnenmärkten einheitliche Bedingungen herzustellen und zugleich die außenwirtschaftlichen Transaktionen diesen Bedingungen zu unterwerfen. Da einheitliche Bedingungen grenzüberschreitend nicht herzustellen sind, muss der internationale Handel durch bilaterale oder multilaterale Handelsvereinbarungen geregelt werden, die zwischen autonomen Wirtschaftsräumen ausgehandelt und vereinbart werden. In den Verhandlungen kann jeder Wirtschaftsraum eigene Bedingungen stellen, die zu Handelsaktivitäten führen, soweit sie von Handelspartnern akzeptiert werden, und die den Handel auf Gebieten ausschließen, über die keine Einigung erzielt wird. Die unternehmerischen Akteure, die sich dem internationalen Wettbewerb stellen, haben im Rahmen ihrer politischen Mitwirkung zwar indirekten Einfluss auf die Handelsbedingungen, können diese aber keinesfalls eigenmächtig bestimmen.

Da es hier im marktwirtschaftlichen Sinn um freie Märkte geht, ist zu betonen, dass diese wegen der erforderlichen autonomen Regelung nur binnenwirtschaftlich zu realisieren sind. Und: das Adjektiv »frei« bezieht sich lediglich darauf, dass die wirtschaftlichen Akteure ihre Produktionsfaktoren (siehe oben) im Rahmen der wirtschaftspolitischen Steuerung und Regelung frei zuordnen können. Das anzustrebende Ideal einer freien sozialökologischen Marktwirtschaft wird erreicht, wenn Steuerung und Regelung auf nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt gerichtet sind – was die Wohlfahrt der natürlichen Umwelt unbedingt einschließt. Die Freiheit der Marktteilnehmer in einer sozialökologischen Marktwirtschaft darf jedoch nicht mit dem falschen Freiheitsverständnis der neoliberalen Wirtschaftsdoktrin verwechselt werden, die den Akteuren mittels Deregulierung der wirtschaftlichen Prozesse absolute Freiheiten verschafft und folglich das wirtschaftliche Geschehen in einen kriegsähnlichen Zustand wirtschaftlicher Anarchie befördert.

Nur in einer geregelten, freien sozialökologischen Marktwirtschaft kann der Wettbewerb seinem Auftrag als konstruktives, zukunftsicherndes Moment gerecht werden. Dieser Auftrag steht für ständige Erneuerung und Fortschritt, für zunehmende Effizienz des Arbeitseinsatzes sowie der Ressourcen- und Kapitalnutzung, für steigende Produktivität der Produktionsprozesse, für bessere und nützlichere Produkte, und alles in allem für qualitatives Wachstum und nachhaltige Wohlfahrt.

3. Wettbewerbsstrategien / Wettbewerbsvorteile

Um im Wettbewerb bestehen zu können, müssen sich Marktteilnehmer zunächst strategisch eindeutig positionieren. Die Wahl besteht für Anbieter grundsätzlich zwischen einer Strategie der qualitativen Differenzierung und der Strategie der Kostenführerschaft. Die beiden Strategien schließen sich gegenseitig aus, das heißt, Marktteilnehmer, die sich zwischen die Stühle setzen, werden in der Regel scheitern.

Die Strategie der qualitativen Differenzierung: Diese Strategie zielt auf eine außergewöhnlich hohe Qualität bei möglichst umfassender Erfüllung von Marktanforderungen und Kundenwünschen, kombiniert mit einer gleichzeitigen Kostenoptimierung auf allen Wertschöpfungsstufen der Produktion (Forschung, Entwicklung, Fertigung, Marketing, Vertrieb und Wartung). Einerseits sind die mit dieser Strategie zu erzielenden Marktanteile im Schnitt kleiner als die mit der Strategie der Kostenführerschaft zu erzielenden, andererseits sind die zu erzielenden Preisbonusse wesentlich höher.

Die Strategie der Kostenführerschaft: Diese Strategie zielt auf hohe Umsätze und hohe Marktanteile auf Massenmärkten durch Größenvorteile und Skalenerträge, also möglichst niedrige Stückkosten durch möglichst hohe Stückzahlen. Die minimierten Produktionskosten müssen allerdings mit einer vom Markt akzeptierten minimalen Erfüllung der Anforderungen und Kundenwünsche kombiniert werden. Die mit dieser Strategie zu erzielenden Preisbonusse sind kleiner als bei der Strategie der Differenzierung.

Innerhalb der beiden beschriebenen Strategien können Unternehmen als Pionier oder als Nachahmer auftreten. Ein Pionier hat zunächst auf allen Wertschöpfungsstufen höhere Kosten, vor allem bei Forschung und Entwicklung, kann aber neue Märkte bei geringstem Wettbewerbsdruck erobern und sich dort, meist nur übergangsweise, als Marktführer etablieren. Ein Nachahmer kann die etablierten Bedingungen und Anforderungen sowie die Erfahrungen des jeweiligen Marktes übernehmen, spart sich also die Pionierkosten und kann diesen Vorteil nutzen, um gegen einen Pionier Marktanteile zu gewinnen.

Unabhängig von den Strategien der Anbieterseite gilt, worauf ich anfangs hingewiesen habe: Je größer die Zahl sowohl der Anbieter als auch der Nachfrager auf einem Markt ist, desto konstruktiver gestaltet sich der Wettbewerb bezüglich optimaler Preise, Konditionen, Produktfunktionen und Produktqualitäten. Subsidiäre Strukturen sorgen dafür, dass Anbieter- wie auch Nachfrager-Kartelle weitgehend verhindert werden und Anti-Kartellgesetze nur selten zur Anwendung kommen.

Festzuhalten ist, dass insbesondere die Strategie der Kostenführerschaft mit ihrer Nutzung von Größenvorteilen und Skalenerträgen im Sinne nachhaltiger Wohlfahrt nur im Rahmen subsidiärer wirtschaftlicher Strukturen und einer entsprechenden Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung zu realisieren ist.

4. Wettbewerb auf Binnenmärkten

Im Binnenwettbewerb eines einheitlichen Wirtschafts- und Währungsraumes sind bei gleicher Qualität der Produkte die absoluten Preisvorteile und somit indirekt die absoluten Produktivitätsvorteile für den Erfolg eines Anbieters entscheidend. Der mit dem Wettbewerb verbundene Auslese- und Lernprozess, in dessen Verlauf nicht-erfolgreiche Unternehmen Marktanteile verlieren oder vollständig vom Markt verdrängt werden, ist auf Binnenmärkten in doppelter Hinsicht förderlich: Einmal, weil er die Produktionsprozesse und Produktangebote laufend verbessert und auch, weil er unterlegenen Marktteilnehmern zu Lernfortschritten und neuen Chancen verhilft – möglicherweise auch auf anderen Märkten oder in anderer Funktion –, ohne dass einzelne Personen jemals endgültig vom wirtschaftlichen Geschehen ausgeschlossen werden.

Freie Märkte sind, wie gesagt, nur binnenwirtschaftlich zu realisieren, weil die Freiheit, die den Akteuren bei der Nutzung der Produktionsfaktoren gewährt wird, nur im Rahmen einer autonom gestalteten Wirtschafts- und Wettbewerbsordnung auf nachhaltige Wohlfahrt gerichtet werden kann! Siehe auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.

5. Wettbewerb im Außenhandel

Im Wettbewerb des Außenhandels treffen dagegen nicht nur einzelne Anbieter und Nachfrager aufeinander, sondern immer auch die unterschiedlichen Traditionen und Eigenarten der im Wettbewerb stehenden Wirtschaftsräume, denen unterschiedliche Ressourcen zur Verfügung stehen, die technologisch unterschiedlich entwickelt sind, und deren Wirtschaftsleben kulturell bedingt unterschiedlichen Regeln und Standards folgt. Es ist offenkundig, dass der internationale Wettbewerb bei gegebener und wünschenswerter Vielfalt in der Welt nicht durch absolute Preis- und Produktivitätsvorteile entschieden werden darf. Deshalb ist es für die weltweite Wohlfahrt unerlässlich, dass Preisunterschiede (als Folge unterschiedlicher Produktivitätsniveaus), die naturgemäß zwischen Wirtschaftsräumen bestehen, durch genau kalkulierte Wechselkurse im Schnitt neutralisiert und im Einzelfall ergänzend durch autonom festgelegte Zölle und Handelskontingente den jeweiligen binnenwirtschaftlichen Wettbewerbsverhältnissen angepasst werden. Auf diese Weise werden indirekt die Produktivitätsunterschiede neutralisiert und der internationale Wettbewerb wird durch relative Preisvorteile bestimmt. Zudem lässt sich die fruchtbare regionale Vielfalt und Vitalität selbstbestimmt weiterentwickeln und als Fundament des internationalen Wettbewerbs erhalten und nutzen. Das Prinzip der relativen Preisvorteile wird im Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet behandelt.

International und global kann es – im Sinne nachhaltiger Handelsgewinne und nachhaltiger Wohlfahrt – weder absolut freie Märkte noch eine freie Nutzung von Produktionsfaktoren geben. Vielmehr müssen Außenhandel und Außenwettbewerb durch Handelsvereinbarungen geregelt sein!

6. Wettbewerb und Zusammenarbeit

Diese beiden Prinzipien wirtschaftlichen Erfolgs werden oft als unvereinbar dargestellt, in jüngster Zeit auch unter dem Schlagwort »Kooperation statt Konkurrenz« gegeneinander ausgespielt – vermutlich unter dem Eindruck der vom neoliberalen Wettbewerb verursachten Verheerungen. Diese Vorstellungen führen in die Irre, weil die wirtschaftliche Sphäre von beiden Prinzipien, von Wettbewerb und von Zusammenarbeit, lebt – allerdings mit anderen Schwerpunkten als in der privaten und gesellschaftlichen Sphäre, was für zusätzliche Verwirrung sorgt.

In einer freien sozialökologischen Marktwirtschaft ist es Aufgabe der wirtschaftspolitischen Steuerung und Regelung, die unternehmerischen Akteure mittels der Wettbewerbsordnung zu motivieren, ihre materielle und immaterielle Wertschöpfung im Hinblick auf maximale soziale und ökologische Effizienz und entsprechende maximale Kosten- und Preisvorteile am Markt zu gestalten. Diese Aufgabe wird am wirkungsvollsten indirekt erfüllt, indem der »natürlichen« Tendenz zu Kapitalkonzentration und Kartellen entgegengewirkt wird, so dass in jeder Branche zu jeder Zeit eine optimal große Anzahl von Anbietern miteinander im Wettbewerb steht. So wird sichergestellt, dass der Wettbewerb größtmöglichen Fortschritt induziert. Ergänzend zum Wettbewerb kommt die Zusammenarbeit unter Wettbewerbern immer dann zum Tragen, wenn sie weiteren Fortschritt induziert, ohne den Wettbewerb zu behindern. Zum Beispiel, wenn im Vorfeld des Wettbewerbs Technologien und auch Prototypen von Produkten gemeinsam entwickelt werden, die von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung sind und deren Entwicklungsaufwand die Möglichkeiten einzelner Akteure übersteigt.

7. Das zentrale Instrument der Wettbewerbsordnung

Die Wettbewerbspolitik steht im Zentrum der Wirtschaftsordnung. Sie muss deshalb mit einer eigenen Exekutive ausgestattet werden, deren Vollmachten weit über die des heutigen Bundeskartellamtes und der Landeskartellbehörden hinausgehen. Aufgabe dieser Exekutive ist die nach Branchen differenzierte Durchsetzung der marktwirtschaftlichen Spielregeln in der Binnenwirtschaft sowie die Durchsetzung der normativen Vorgaben für die Vereinbarungen im Außenhandel – beides wie oben dargestellt.

Ich beschränke mich nachfolgend auf die Darstellung der binnenwirtschaftlichen Steuerung und Regelung der Wirtschaftsstruktur, die darauf zielt, in jeder Branche eine möglichst große Anzahl (Polypol) von Anbietern und Nachfragern sicherzustellen, um den Wettbewerb zu intensivieren und den Fortschritt zu fördern. Ein große Anzahl von Wettbewerbern ist gleichzusetzen mit einer optimal dezentralen Branchenstruktur, das heißt: mit optimaler Gleichverteilung von Kapital und Eigentum, mit Wettbewerb vor Ort, mit sozialer und ökologischer Verantwortung vor Ort sowie mit hoher örtlicher Übereinstimmung von Arbeitsnachfrage und Arbeitsangebot, also mit Vollbeschäftigung. Bezüglich der Spielregeln für den Außenhandel verweise ich auf den Artikel Zukunftsfähiger Außenhandel.

ReindustrialisierungPNG02Abbildung 1: Das beste Instrument, um die Wertschöpfung im Sinne optimalen Wettbewerbs dynamisch und dauerhaft zu dezentralisieren, ist eine progressive Besteuerung derjenigen unternehmerischen Parameter, die sich negativ auf den Wettbewerb und darüber hinaus negativ auf Gesellschaft und Umwelt auswirken können. Dazu sind pro Branche und Technologie zunächst die produktionstechnisch kleinstmöglichen Unternehmen anhand unternehmerischer Parameter als fiskalische Referenzunternehmen zu definieren. Referenzunternehmen bedeutet, dass ein Unternehmen in der jeweiligen minimalen Größe tatsächlich existieren könnte. Ob ein solches Unternehmen in der jeweiligen Branche tatsächlich existiert, ist hingegen unerheblich.

Wie die Abbildung zeigt, genügen dazu zwei komplexe ökologische und zwei einfache soziale Parameter. Zu den sozialen Parametern ist anzumerken, dass bei Überschreitung der Referenz-Mitarbeiterzahl, die sich aus den jeweiligen produktionstechnischen Anforderungen einer Branche ergibt, die steuerliche Belastung progressiv ansteigt, um im Sinne der Dezentralisierung bzw. Subsidiarisierung Anreize für Aufteilungen (Zellteilungen) von Betrieben zu geben. Ebenso steigt bei Überschreitung der Referenz-Wochenarbeitszeit, die aus der jeweiligen Branchenproduktivität berechnet wird, die steuerliche Belastung an, um eine gerechte Verteilung des Arbeitsvolumens und damit Vollbeschäftigung sicherzustellen.

Ergänzend zur dynamischen Dezentralisierung der wirtschaftlichen Strukturen sind die natürlichen Ressourcen so hoch zu besteuern, dass sie in ihrer Substanz nicht gefährdet werden.

SubsidiaritätSchum08
Abbildung 2: In der Praxis werden Unternehmen progressiv umso höher besteuert, je weiter sie die vorgegebenen Referenzparameter überschreiten. Die Besteuerung zwingt sie früher oder später – in Abhängigkeit von ihrer eigenen Effizienz und Produktivität –, die Überschreitung von Parametern zurückzufahren oder das Unternehmen in unabhängige Einheiten aufzuspalten und zu veräußern. Veräußerungsgewinne werden vorrangig in qualitatives Wachstum investiert, nicht jedoch in private Einkommen geleitet, weil die ebenfalls progressiver Besteuerung unterliegen. Mit der systembedingten Aufspaltung von Unternehmen entstehen für Existenzgründer jedesmal einzigartige Chancen, funktionsfähige Einheiten zu übernehmen und ins Marktgeschehen einzugreifen. So erfolgt einzig durch die progressive Besteuerung eine ständige dynamische Dezentralisierung der wirtschaftlichen Strukturen sowie eine ständige Erneuerung der wirtschaftlichen Wertschöpfung.

Genauer gesagt, erzeugt die Dezentralisierung sogar subsidiäre Strukturen, weil die gesamte Wertschöpfung, differenziert nach Technologien, auf der jeweils produktionstechnisch tiefstmöglichen Ebene erbracht wird. Die technologische Differenzierung wird zudem für eine weitere progressive Besteuerung genutzt, indem kapitalintensive Produktionen höher besteuert werden als arbeitsintensive Produktionen. Dadurch können Produktionen unterschiedlicher Kapitalintensität einschließlich ihrer Produkte sowohl koexistieren als auch im vertikalen Wettbewerb (über verschiedene Ebenen hinweg) miteinander stehen. Auf der obigen Abbildung sind die vertikale und horizontale Steuerprogression sowie der vertikale und horizontale Wettbewerb dargestellt.

8. Wettbewerb unter der neoliberalen Doktrin

Für das neoliberale System ist bezeichnend, dass unter seiner Doktrin der »Marktliberalisierung« die Grenze zwischen Binnen- und Außenwettbewerb aufgehoben und ein weltweiter Wettbewerb um Preisvorteile in der Quasi-Leitwährung US-Dollar angezettelt wird. Denn bei offenen Finanzmärkten und offenen Handelsgrenzen sind bilaterale Wechselkurssysteme nicht aufrecht zu erhalten und bilaterale Handelsvereinbarungen nicht zu verwirklichen. Es bilden sich zwangsläufig inhomogene supranationale und globale Märkte, auf denen unterschiedlich produktive Volkswirtschaften ungeschützt aufeinandertreffen.

Der Wettbewerb um Preisvorteile in Leitwährung ist de facto ein Wettbewerb um absolute Vorteile, weil die Wechselkurse zwischen nationalen Währungen und Leitwährung bei deregulierten Finanzmärkten chaotischer Spekulation ausgesetzt und somit bilaterale Vereinbarungen über genau kalkulierte Wechselkurse unmöglich sind. Die entstehende Unsicherheit fördert bei Anbietern zusätzlich die Tendenz zum Preisdumping, um auch bei ungünstiger Kursentwicklung noch halbwegs wettbewerbsfähig zu sein. Deshalb ist für den Erfolg im neoliberalen Außenwettbewerb letztlich immer der Preis in US-Dollar ausschlaggebend und ein konstruktiver Wettbewerb um relative Vorteile, wie oben dargestellt, ausgeschlossen.

Absolute Vorteile sind grenzüberschreitend nur auf zweierlei Art zu gewinnen (gleiche Ausstattung mit Ressourcen und Technologien einmal vorausgesetzt): Zum einen durch Größenvorteile, Skalenerträge und territoriale Spezialisierung, also durch Massenproduktion standardisierter Produkte in großen Produktionseinheiten, die mit einer Verödung der geographischen Fläche einhergeht und Arbeitslosigkeit verursacht, weil der erzielte Produktivitätszuwachs wettbewerbsbedingt keine Arbeitszeitverkürzungen und Lohnerhöhungen zulässt. Zum anderen durch gezieltes Absenken von Arbeitskosten und sozialen wie ökologischen Standards, sogenannten Standortvorteilen, mit der Folge prekärer Entlohnung, Ungleichverteilung, Armut und Umweltbelastung.

Ergänzend empfehle ich den Artikel Skalenerträge und Produktivität.

Das Ergebnis der doktrinären »Marktliberalisierung« ist ein weltweiter Wettbewerb um extreme Macht- und Kapitalkonzentration mittels Zusammenschlüssen und Aufkäufen von Unternehmen, verbunden mit einem Wettbewerb um das skrupelloseste nationale Dumping. Und weil der Kostendruck in diesem Wettbewerb ständig zunimmt, sind einmal verdrängte Unternehmen und ihre Arbeitsplätze in der Regel für immer verloren.

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