Wirtschaftsethik

Die Anwendung moralischer Normen in der Wirtschaft

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Philosophie und Wirtschaft
  3. Die Universalität der wirtschaftlichen Moral
  4. Die praktische Umsetzung moralischer Normen
  5. Die Abhängigkeit der Unternehmensethik
  6. Die Rahmenordnung als Hort der Moral
  7. Die sozialökologische Rahmenordnung
  8. Die immanente Unmoral des neoliberalen Systems

1. Überblick

WirtschaftsethikJPG03Die theoretische Einigung auf moralische Normen ist innerhalb eines Kulturkreises noch relativ einfach zu erzielen. Die praktische Durchsetzung in der Wirtschaft scheitert jedoch oft am Eigeninteresse mächtiger und kapitalreicher Gruppen. Um ein Ausweichen auf wirkungslose moralische Appelle und Selbstverpflichtungen zu vermeiden, müssen die vorhandenen moralischen Einsichten im demokratischen Prozess gezielt in einer wirtschaftspolitischen Rahmenordnung als Regeln verankert werden. Moralische Defizite müssen dann nicht mehr einzelnen Akteuren angelastet werden, sondern sind durch Weiterentwicklung der Regeln zu überwinden. So wird individuelles moralisches Handeln ermöglicht.

2. Philosophie und Wirtschaft

WirtschaftsethikJPG02Ethik ist eine philosophische Disziplin, die sich mit der kritischen Überprüfung der herrschenden Normen (der Moral) und der Suche nach neuen Normen menschlichen Handelns befasst. Seit der griechischen Antike sind die Ethiker von der Idee getrieben, das zeitlos geltende Gute im menschlichen Zusammenleben zu ergründen und ihm zum Durchbruch zu verhelfen. Die Wirtschaftsethik, die interdisziplinär zwischen Philosophie und Ökonomik angesiedelt ist, befasst sich mit der Frage, wie die jeweils anerkannten Normen, insbesondere die der Menschenrechte, auf die wirtschaftlichen Prozesse und das Handeln der Wirtschaftssubjekte anzuwenden sind und wie das wirtschaftliche Geschehen dadurch zu legitimieren ist. Da jeder Bürger zumindest als Konsument, möglichst aber auch als Produzent (als Unternehmer oder Beschäftigter) an den wirtschaftlichen Prozessen und am Wirtschaftsergebnis beteiligt sein sollte, kommt der Wirtschaftsethik gesamtgesellschaftliche Bedeutung zu – ganz besonders unter den Verhältnissen der (neoliberalen) wirtschaftlichen Globalisierung. Für weitere Einzelheiten empfehle ich den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung.

Als konkretes wirtschaftspolitisches Ziel rückt damit die nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt in den Mittelpunkt. Sie kann als anzustrebendes Wohlfahrtsoptimum durch vier Kriterien definiert werden: (1) einen hohen Grad der Teilnahme der Bürger am Wirtschaftsleben (Vollbeschäftigung), (2) einen hohen Grad der existenzsichernden Teilhabe am Wirtschaftsergebnis, (3) einen hohen Grad der Gleichverteilung von Einkommen, Vermögen, Eigentum und Produktionskapital, sowie (4) einen hohen Grad des dauerhaften Substanzerhalts der natürlichen Ressourcen (Umweltschutz). Siehe dazu auch den Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt.

3. Die Universalität der wirtschaftlichen Moral

Die in einer Gesellschaft jeweils herrschenden bzw. anerkannten moralischen Normen sind nicht teilbar und nicht relativierbar. Die geltende Wirtschaftsmoral muss deshalb mit den allgemeinen moralischen Vorstellungen im Einklang sein, wenn sie dem gesellschaftlichen Wohl dienen und nicht Gefahr laufen soll, über ihren Bereich hinaus einen zersetzenden Einfluss auszuüben. Der Wirtschaftswissenschaft, die eine Sozialwissenschaft ist, erwächst daraus die Verantwortung, diesen Einklang zu fördern und theoretisch zu untermauern. Allerdings sind die Versuchungen für unmoralisches Verhalten nirgends so groß wie bei wirtschaftlichen Transaktionen – einfach deshalb, weil die Verlockungen von Macht und Geld in diesem Bereich eine einzigartig unselige Allianz eingehen können. Umso größer müssen die politischen Anstrengungen sein, die Regeln wirtschaftlichen Handelns immer wieder aufs Neue ethisch zu rechtfertigen und (demokratisch) zu legitimieren. Das gilt besonders auch für außenwirtschaftliche Aktionen, bei denen unterschiedliche Wertvorstellungen und Normen aufeinandertreffen und die Versuchung groß ist, Gewinn vor Moral walten zu lassen.

4. Die praktische Umsetzung moralischer Normen

Abbildung 1: Die ständige Suche nach den besten Normen menschlichen Handelns macht nur Sinn, wenn sie mit dem unbedingten Willen verbunden ist, einmal erlangte Erkenntnisse und Vorstellungen zeitnah in die Praxis umzusetzen, also in verbindlichen Regelungen festzuschreiben. Diese Forderung mag trivial und selbstverständlich erscheinen, die historische Entwicklung zeigt jedoch, dass die Umsetzung regelmäßig durch eine von zwei anscheinend unausrottbaren Fehleinschätzungen behindert wird:

(1) Auf der linken Seite des politischen Spektrums herrscht eine latente Skepsis gegenüber der Einsicht und Bereitschaft der Menschen, ihr eigennütziges Handeln ethisch begründeten Normen unterzuordnen. Auf diesem Boden gedeihen sowohl Wunschträume von autoritärer Überregulierung als auch Phantasien von einem besseren Menschen, der zunächst heranzubilden sei, wie es etwa dem Marxismus vorschwebte, bevor schließlich ideale Verhältnisse einkehren können.

(2) Die rechte Seite des politischen Spektrums neigt hingegen dazu, das wirtschaftliche Geschehen durch laxe moralische Selbstverpflichtungen und Appelle steuern zu wollen und läuft dabei Gefahr, sich eigennützigen Interessen einzelner Gruppen auszuliefern. Selbstverpflichtungen und Appelle müssen jedoch wirkungslos bleiben, weil jeder Akteur, der leichtsinnig genug wäre, unverbindliche moralische Restriktionen einzuhalten, im Wettbewerb umgehend von denen verdrängt würde, die dazu nicht bereit sind. Im Wettbewerb entsteht somit der Widerspruch, dass die Akteure durch Selbstverpflichtungen und Appelle unsinnigerweise moralisch in die Pflicht genommen werden, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln. Eine Wirtschaftspolitik, die auf Unverbindlichkeit aufbaut, bedient sich einer falsch verstandenen Liberalität und leistet der Unmoral und ihren Folgen Vorschub. Die Ursachen und Folgen der Finanzmarktkrise 2008 sind dafür der beste Beweis.

Die Einsicht in moralisches Verhalten ist zwar eine unabdingbare Voraussetzung für Veränderung, aber alleine nicht hinreichend. Einsicht und Bereitschaft müssen einerseits gefördert werden, andererseits aber auch genutzt werden, um verbindliche und durchsetzungsfähige Vereinbarungen zu treffen. Demokratisch verfasste Staatswesen haben den einzigartigen Vorteil, diesen Prozess unablässig vorantreiben und regelmäßig Vereinbarungen auf Zeit beschließen zu können. Denn die individuellen und Gruppeninteressen, die den Einsichten entgegenstehen, können nur in einem meist mühsamen demokratischen Interessensausgleich überwunden werden, um das jeweilige Ergebnis schließlich in Gesetzen festzuschreiben. Weil der demokratische Prozess eine geregelte Ordnung schafft und Anreize bietet, die Gesetze einzuhalten, wird diese Art der Suche nach zukunftsgerechten Normen als Ordnungsethik und auch als Anreiz- oder Regelethik bezeichnet. Regeln, die aus diesem Prozess hervorgehen, ermöglichen individuelles moralisches Handeln, das dem eigenen Wohl und zugleich dem Gemeinwohl dient. Auf derart demokratisch gewonnene Regeln bezogen gewinnt Adam Smith’s Metapher von der »unsichtbaren Hand« eine neue, eine zeitgemäße Berechtigung.

Das heißt: Wirtschaftspolitik darf sich nicht in moralischen Appellen erschöpfen. Moralische Einsichten müssen vielmehr als Ausgangspunkt genutzt werden, um darauf aufbauend moralisch gerechtfertigte Normen und Regeln zu entwickeln und durchzusetzen. Normen und Regeln für das gesellschaftliche Miteinander aufzustellen ist eine der großen kulturellen Errungenschaften des Menschen. Die englische Soziologie bringt es auf den Punkt: Man is a rulemaker.

5. Die Abhängigkeit der Unternehmensethik

Die Qualität der ethischen Normen, denen Unternehmen in der Marktwirtschaft verpflichtet sind, hängt ganz überwiegend von der Qualität und Verbindlichkeit gesamtwirtschaftlicher Normen ab. Unzureichende gesamtwirtschaftliche Normen führen unweigerlich zu unmoralischem Verhalten im privaten Wirtschaftssektor und lassen alle nachrangigen Bemühungen um eine zeitgemäße Unternehmensethik ins Leere laufen. So ist der Prozess der Deregulierung im gegenwärtigen Neoliberalismus, aus dem eine gesetzesfreie transnationale Sphäre hervorgeht, für den weltweiten Niedergang unternehmerischer Moral verantwortlich, und zwar sowohl bezüglich des innerbetrieblichen Verhaltens als auch im Verhältnis zu Mitbewerbern, Lieferanten, Kunden, Gewerkschaften und zur Öffentlichkei, also zu den Anspruchsgruppen oder Stakeholdern eines Unternehmens (siehe dazu auch den Artikel Stakeholder Value). Das Vakuum, das durch die unzureichende Verbindlichkeit und Sanktionsbewehrtheit der gesamtwirtschaftlichen Normen entsteht, kann weder durch Appelle an Unternehmensführungen noch durch deren mögliche Selbstverpflichtungen ausgefüllt werden.

6. Die Rahmenordnung als Hort der Moral

Die wirtschaftliche Rahmenordnung (Wirtschaftsordnung) ist ein System von Regeln, das dazu dient, die wirtschaftlichen Transaktionen innerhalb eines Wirtschaftsraumes in die wirtschaftspolitisch gewünschten Bahnen zu lenken. Voraussetzung für die Verbindlichkeit und Durchsetzbarkeit von Regeln sind uneingeschränkte staatliche Vollmachten. So muss die Legislative in der Lage sein, das Regelsystem zeitgemäß – und demokratisch legitimiert – weiterzuentwickeln, die Judikative (Justiz, Kartellamt, Wettbewerbsbehörde) muss bei Verstößen wirksame Sanktionen verhängen und die Exekutive die Sanktionen durchsetzen können. Da derartige Vollmachten auf internationaler und globaler Ebene wegen der unterschiedlichen Interessen und Traditionen weder erwirkt noch »von oben« sinnvoll subsidiär angewendet werden können, ist eine globale Rahmenordnung als Ersatz für erodierende nationale und supranationale Ordnungen nicht denkbar, und erübrigt sich auch wegen des wünschenswerten Erhalts der Vielfalt der Entwicklungen in der Welt.

Daraus folgt zweierlei:

Erstens sind Wirtschaftsräume gut beraten, ihre Wirtschaftsbeziehungen durch bilaterale Vereinbarungen zu gestalten, um damit sicherzustellen, dass Außenhandel und Außenwettbewerb auf der Grundlage fester Wechselkurse stattfinden, so dass die natürlichen Preis- und Produktivitätsunterschiede neutralisiert werden und die relativen Preis- und Wettbewerbsvorteile den Ausschlag geben. Dadurch werden feindliche (unmoralische) Übergriffe und Markteroberungen ausgeschlossen, die immer eine Folge freier Wechselkurse, unkontrollierbarer Leitwährungen und der dadurch ermöglichten Hinwendung zu absoluten Preis- und Wettbewerbsvorteilen sind.

Zweitens sollten Wirtschaftsräume ihrer moralischen Pflicht nachkommen, auf globaler Ebene an der Entwicklung weltweit gültiger Normen für den internationalen Handel, die internationale Zusammenarbeit und die Entwicklungshilfe mitzuwirken. Das außenwirtschaftliche Werte- und Normensystem, das dabei im globalen Konsens entsteht, ist zwar nicht bindend, wirkt aber auf Dauer disziplinierend, und es ergänzt die nationalen Regelsysteme, ohne dass die Gefahr eines unerwünschten hierarchischen Durchgreifens von der globalen Ebene auf die nationalen und subnationalen Ebenen besteht – wie es durch das unmoralische Regime der Welthandelsorganisation (WTO) gegenwärtig praktiziert wird, und: wie es ebenso von den Apologeten der gegenwärtigen, auf Zentralismus angelegten europäischen Integration praktiziert wird (siehe dazu die Artikel Welthandelsorganisation (WTO), EU: Bundesstaat oder Staatenbund?, Demokratie und europäische Integration, Politische versus wirtschaftliche Integration sowie Undemokratische EU-Organe).

Hervorzuheben ist, dass es nur unter marktwirtschaftlichen Bedingungen möglich ist, mittels einer auf moralische Werte und Normen gegründeten Rahmenordnung gesellschaftliche Wohlfahrt und wirtschaftliche Effizienz auf ideale und zukunftsgerechte Weise zu verbinden und damit das Wohlfahrtsoptimum zu erreichen. Die Marktwirtschaft ist der einzige bekannte ökonomische Mechanismus, der den Akteuren die Freiheit gibt, die wirtschaftlichen Ressourcen (die Produktionsfaktoren) nach eigenem Ermessen zuzuordnen und einzusetzen (zu allokieren), und der dabei zugleich die Möglichkeit bietet, über eine Rahmenordnung den durchgängig effizienten Einsatz der Ressourcen sicherzustellen. Das heißt konkret: Es ist Aufgabe der Rahmenordnung (des Regelsystems) die Preise für die Produktionsfaktoren Arbeit, Naturressourcen und Produktionskapital direkt über fiskalische Besteuerung und indirekt über strukturbildende Maßnahmen so zu beeinflussen, dass der Markmechanismus das komplexe, undurchsichtige wirtschaftliche Geschehen wie von »unsichtbarer Hand« allein über die Preise in eine sozial und ökologisch produktive Richtung lenken kann. Der Begriff »freie Marktwirtschaft« bezieht sich demgemäß auf die (geregelte) Freiheit der Akteure, die ihnen unter einer zukunftsgerechten Rahmenordnung zu ihrem eigenen und zum Gesamtwohl gewährt wird. »Freie Marktwirtschaft« impliziert keinesfalls eine absolute, in Anarchie umschlagende Freiheit, wie sie die Protagonisten der gegenwärtig herrschenden neoliberalen Doktrin eigennützig durchzusetzen suchen.

7. Die sozialökologische Rahmenordnung

Der Sinn und Zweck einer jeden wirtschaftlichen Rahmenordnung besteht darin, innerhalb eines Wirtschaftsraumes die optimale Wohlfahrt dauerhaft sicherzustellen. Dazu bedarf es zunächst unverrückbarer Prinzipien, auf die sich eine Ordnung gründen muss, sowie daraus abgeleiteter Zielsetzungen und Steuerungsparameter, die geeignet sind, ein auf Wohlfahrt gerichtetes wirtschaftliches Gleichgewicht herzustellen.

Nach heutigem Erkenntnisstand bieten sich für eine Rahmenordnung vier Prinzipien an: das Person-, Solidaritäts-, Subsidiaritäts- und Nachhaltigkeitsprinzip – die ersten drei übrigens in Anlehnung an die im 19. Jahrhundert entwickelte katholische Soziallehre, aber ohne deren religiösen Bezug:

  1. Das Personprinzip
    stellt den Menschen in den Mittelpunkt und weist den wirtschaftlichen Handlungen eine einzig am menschlichen und gesellschaftlichen Wohl orientierte Funktion zu.
  2. Das Solidaritätsprinzip
    geht von einer gegenseitigen Verpflichtung zwischen dem Einzelnen und der Gemeinschaft aus: Der Einzelne unterstützt die Gemeinschaft nach Kräften und wird, sollten seine Kräfte versagen, von der Gemeinschaft unterstützt.
  3. Das Subsidiaritätsprinzip
    fordert eine individuelle Selbstverantwortung von den Akteuren. Die wirtschaftliche Anwendung des Prinzips bedeutet, dass wirtschaftliche Wertschöpfung jeweils auf der produktionstechnisch tiefstmöglichen Ebene und somit so dezentral und selbstverantwortlich wie möglich erbracht wird. Dabei bilden die gesellschaftliche, politische, wirtschaftspolitische und wirtschaftliche Subsidiarität auf der demokratischen Entscheidungsebene eine untrennbare Einheit.
  4. Das Nachhaltigkeitsprinzip
    basiert auf dem Sachverhalt, dass die menschliche Wirtschaft ein Subsystem der natürlichen Umwelt ist und menschliches Wirtschaften auf Gedeih und Verderb von der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen und der Funktionsfähigkeit der natürlichen Kreisläufe abhängig ist. Daraus ergibt sich der ökologische Imperativ, die natürlichen Ressourcen substantiell dauerhaft zu erhalten.

Siehe ergänzend die Artikel Maximen der Wirtschaftsordnung, Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung, Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung sowie auch Wirtschaft und Biosphäre und Wirtschaft und Entropie.

Die primären Zielsetzungen sind:

  1. Selbstbestimmte Teilnahme aller Bürger an den wirtschaftlichen Prozessen (Vollbeschäftigung),
  2. existenzsichernde Teilhabe aller Bürger am Wirtschaftsergebnis,
  3. leistungsgerechte Gleichverteilung von Einkommen, Vermögen, Eigentum und Produktionskapital,
  4. Wiederverwendung nicht-erneuerbarer Ressourcen und Nutzung erneuerbarer Ressourcen nicht über ihre Regenerationsfähigkeit hinaus (Voraussetzung für qualitatives Wachstum).

Das wirtschaftliche Gleichgewicht ergibt sich schließlich durch die wirtschaftspolitische Steuerung, die an vier Parametern ansetzt:

  1. Die ständige Dezentralisierung (besser: Subsidiarisierung) der wirtschaftlichen Strukturen zur Sicherstellung der Selbstbestimmung, der Gleichverteilung, der Vielfalt und des konstruktiven Wettbewerbs – ergänzt durch solidarische Sozialversicherungen,
  2. das qualitative Wachstum (der qualitative Fortschritt) auf der Grundlage nachhaltiger Ressourcennutzung,
  3. die internationale Wettbewerbsfähigkeit auf der Grundlage bilateral vereinbarter fester Wechselkurse und relativer Wettbewerbsvorteile,
  4. und das außenwirtschaftliche Gleichgewicht auf der Grundlage vereinbarter Handelsströme.

Insgesamt ergibt sich unter einer sozialökologischen Rahmenordnung infolge subsidiärer Strukturen ein konstruktiver horizontaler und vertikaler Binnenwettbewerb – das heißt, ein Wettbewerb sowohl innerhalb einzelner Ebenen als auch zwischen arbeits- und kapitalintensiven Ebenen –, der sich im Außenwettbewerb mittels relativer Vorteile fortsetzt. Dabei erwachsen die unternehmerischen Gewinne automatisch aus sozialer und ökologischer Produktivität, also aus qualitativem Wachstum, und können anschließend wieder in diese Produktivität und dieses Wachstum investiert werden. Siehe ergänzend auch die Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet und Zukunftsfähiger Außenhandel.

8. Die immanente Unmoral des neoliberalen Systems

Der Wettbewerb im neoliberalen Freihandel auf offenen globalen Märkten, der sich in einem Teufelskreis aus steigendem Kostendruck und entsprechend zwangsläufigen Größen- und Skalenvorteilen mit der Folge zunehmender Macht- und Kapitalkonzentrationen befindet, ist eine ungeeignete Plattform, um moralische Werte zu diskutieren oder gar moralische Normen durchzusetzen. Wie die gegenwärtige Entwicklung zeigt, konzentrieren sich nationalstaatliche Wirtschaftspolitiken unter dem steigenden Druck darauf, die nur durch absolute Preisvorteile zu erzielende globale Wettbewerbsfähigkeit ihrer ansässigen Unternehmen durch immer neue Methoden der Kostenentlastung zu verbessern. Dabei wird das skrupelloseste Sozial-, Öko- und Valuta-Dumping mit dem größten Wettbewerbsvorteil belohnt. Da der Kostendruck bei offenen Märkten auch alle binnenwirtschaftlichen Akteure erfasst, wird früher oder später jeder verdrängt, der dem grenzenlos ausgeübten Kostendiktat nicht standhalten kann.

Die Unmoral im neoliberalen Wirtschaftssystem ist systembedingt. Die bereits erwähnte Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, die 2008 einsetzte, wie auch die sogenannte Überschuldungskrise, die 2011 ihren Lauf nahm, einschließlich der auch fälschlicherweise als Überschuldungskrise bezeichneten Eurokrise, haben das deutlich vor Augen geführt. Die griechische Dauerkrise ist das herausragende Beispiel für die Unmoral der leichtfertig auf EU-Institutionen übertragenen nationalen Vollmachten und die daraus erwachsende supranationale Hegemonie dieser Institutionen.

Zu hoffen ist, dass Länder die Krisen endlich nutzen, ihr Finanz- und Wirtschaftssystem kraft eigener Vollmacht zukunftsfähig zu gestalten – auch gegen äußere Widerstände. Auf globalen oder europäischen Konsens ist angesichts der unterschiedlichen nationalen Interessen und des skrupellosen internationalen und innereuropäischen Wettbewerbs jedenfalls kein Verlass.

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