Zukunftsfähiger Außenhandel

Handelsvereinbarungen als Grundlage gewinnbringenden internationalen Handels

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Einführung
  3. Ausgangslage
  4. Die Bedeutung bilateraler Vereinbarungen
  5. Die Anarchie der neoliberalen Wirtschaft
  6. Die neoliberale Indoktrination
  7. Die Folgen nationaler Deregulierung
  8. Der neoliberale Handel auf der Basis absoluter Preisvorteile
  9. Die originäre Funktion des Wechselkurses
  10. Voraussetzungen für bilaterale Handelsvereinbarungen
  11. Bilaterale Handelsvereinbarungen
    > Berechnung bilateraler Wechselkurse mittels Warenkorb
    > Berechnung: relative Preise, Importpreise und Handelsgewinne
    > Festlegung von Handelsströmen, Handelsmengen und Zöllen
    > Berechnung der Handelsströme von Warenkorb-Produkten
    > Berechnung der Handelsströme nicht erfasster Produkte
  12. Die Vorteile des dargestellten Außenhandels

1. Überblick

Wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit sowie Wohlstand und gesellschaftliche Wohlfahrt sind nur zu erwarten, wenn Wirtschaftsräume bzw. Nationalstaaten ihren internationalen Handel mittels bilateraler und multilateraler Vereinbarungen regeln. Insbesondere müssen sie an den Schnittstellen zu ihren Handelspartnern Preis- und Mengenanpassungen vornehmen. Deren Kern bilden bilaterale Wechselkurse, die so kalkuliert sind, dass sie die natürlichen Unterschiede bei Produktivitäten und Preisen neutralisieren. Auf diese Weise werden Außenhandel und Außenwettbewerb durch relative Preisvorteile bestimmt, die Voraussetzung für gegenseitige Wohlstandsgewinne und regionale Entwicklungen sind. Soweit die Währungsräume produktiv weitgehend homogen sind, bilden sie zugleich das Fundament für eine zukunftsfähige Globalisierung.

Die Eurozone steht aktuell als Beispiel dafür, in welche Schieflage Länder geraten können, wenn sie sich einem heterogenen, supranationalen Währungsraum anschließen und damit ihre autonome Geld- und Währungspolitik aufgeben. Einzelheiten dazu sind in dem Artikel EU: Bundesstaat oder Staatenbund? zusammengefasst.

2. Einführung

In diesem Artikel des Kompendiums stelle ich die Prinzipien eines zukunftsfähigen internationalen Handels dar, wie sie sich aus den Anforderungen einer nachhaltig sozial und ökologisch ausgerichteten Marktwirtschaft ergeben. Dabei bilden die autonom gestalteten regionalen Wirtschaftsordnungen die Voraussetzung und das Fundament für eine globale Wirtschaftsordnung, ergänzt durch normative Vorgaben und Regelungen, die im Konsens auf globaler Ebene erzielt werden.

Die wirtschaftliche Globalisierung ist zum Scheitern verurteilt, wenn die Regionen ihre wirtschaftspolitischen Vollmachten supranationalen Institutionen überantworten und damit einen von industriellen Interessen dominierten Zentralismus begünstigen, der im Zuge seines eigennützig-ungeregelten internationalen Handels und Wettbewerbs sein eigenes regionales und nationales Fundament zerstört – so wie es unter der gegenwärtigen neoliberalen Wirtschaftsdoktrin der Fall ist.

Der hier dargestellte post-neoliberale Außenhandel und Außenwettbewerb, der beteiligten Volkswirtschaften erlaubt, gegenseitig Handelsgewinne zu erzielen, baut auf dem Theorem des »komparativen Vorteils« auf, das der englische Ökonom David Ricardo Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelt hat (siehe dazu auch den Artikel Komparativer Vorteil – aufgewertet).

Ich habe das Theorem den zeitgemäßen Anforderungen internationalen Handels angepasst: Denn entscheidend für die Zukunftsfähigkeit der Außenwirtschaft sind bilaterale Handelsvereinbarungen über feste Wechselkurse sowie gegenseitig zugesicherte Autonomie bezüglich der Festlegung von Handelskontingenten und Zöllen. Nur so lassen sich Preis- und Produktivitätsunterschiede zwischen Handelspartnern neutralisieren und der Außenhandel und der Außenwettbewerb auf der Grundlage relativer Preise abwickeln. Und nur so lassen sich territoriale Spezialisierungen und Kapitalkonzentrationen sozial- und umweltgerecht begrenzen und Verdrängungswettbewerb und feindliche Markteroberungen verhindern. Das angepasste Theorem ist schließlich geeignet, komplexe multi-bilaterale Handelsbeziehungen aufzubauen und Handelsgewinne im ausgeprägten multi-bilateralen Preiswettbewerb durch Preisvergleiche und entsprechend angepasste Handelsströme zu optimieren.

3. Ausgangslage

Zukunftsfähiger Außenhandel geht von der Überzeugung aus, dass die Menschheit, unter Wahrung ihrer kulturellen Vielfalt, in engem Austausch miteinander stehen sollte. Die Überzeugung schließt ein, dass der Erfolg internationalen Austausches wesentlich davon abhängt, inwieweit es gelingt, nachhaltige Regeln für einen gedeihlichen wirtschaftlichen Handel miteinander zu vereinbaren. Gegenwärtige Realität ist, dass die wirtschaftliche Globalisierung eigennützigen Interessen dient, dass sie die Menschheit in wenige Gewinner und viele Verlierer teilt, und dass die damit einhergehenden sozialen Ungleichheiten und wirtschaftlichen Ungleichgewichte für die sich weltweit ausbreitende Krise verantwortlich sind.

Außenhandel, der Wohlstand mehren und Wohlfahrt sichern soll, muss auf einem Fundament intakter Binnenwirtschaften aufbauen. Dazu müssen politische und wirtschaftliche Entscheidungen zunächst innerhalb souveräner politischer Einheiten (heute überwiegend Nationalstaaten) subsidiär und demokratisch von unten nach oben getroffen werden. Das heißt, untere Ebenen müssen in der Lage sein zu entscheiden, was auf obere Ebenen zu delegieren ist, und nicht umgekehrt, wie es heute üblich ist. So entsteht vor Ort soziale und ökologische Verantwortung und zugleich mit Landwirtschaft, Handel, Handwerk, Gewerbe und industrieller Produktion flächendeckend die größte wirtschaftliche Vielfalt – beides auch als Voraussetzung für Vollbeschäftigung und Umweltschutz. Dabei sind die vielfältigen Wirtschaftskreisläufe der lokalen Ebene mit den Kreisläufen der übergeordneten Ebenen vernetzt und die produktionstechnischen Anforderungen nehmen von unten nach oben zu.

4. Die Bedeutung bilateraler Vereinbarungen

Grundsätzlich muss bei zukunftsfähiger Gestaltung klar unterschieden werden zwischen der Regulierung binnenwirtschaftlicher Aktivität und außenwirtschaftlichen Vereinbarungen. Der Erfolg heimischer Aktivität hängt von der Qualität der Regeln ab, die eine autonome Wirtschaftspolitik vorgibt. Im Außenhandel treffen dagegen autonome Volkswirtschaften unterschiedlicher kultureller und politischer Prägung aufeinander, deren nachhaltige gegenseitige Handelsgewinne allein durch die Qualität ihrer bilateralen Handelsvereinbarungen bestimmt werden. Förderlicher internationaler Austausch erfordert somit sorgfältig gestaltete bilaterale Schnittstellen. Bilaterale Vereinbarungen können und sollten jedoch durch multilaterale ergänzt werden, so wie auch nationale Wertschöpfungsketten unter Wahrung der Subsidiarität grenzüberschreitend erweitert werden können. In jedem Fall sollten Vereinbarungen kurze Kündigungsfristen enthalten, so dass keine Anreize entstehen, handelspolitische Abhängigkeiten herzustellen und Erpressungen vorzunehmen. Der zentralistische Multilateralismus der Welthandelsorganisation, der Volkswirtschaften mit unauflösbaren Vereinbarungen in endlose Abhängigkeiten und erpresserische Beziehungen zwingt, ist das aktuelle Negativbeispiel (weitere Einzelheiten dazu unter: Welthandelsorganisation (WTO)).

5. Die Anarchie der neoliberalen Wirtschaft

Vor dem Einstieg in die Grundsätze eines post-neoliberalen Außenhandels ist es hilfreich, sich die neoliberale Wirklichkeit vor Augen zu führen: Ausgangspunkt ist die neoliberale Freihandelsdoktrin, die ihren Ursprung in dem eigentlich natürlichen unternehmerischen Streben nach Expansion und Wachstum hat. Als das Bretton-Woods-Abkommen Anfang der 1970er Jahre gescheitert ist, haben globalwirtschaftliche Akteure die Gelegenheit genutzt, sich in ihrem Streben aller politischen Zügel zu entledigen. Seither wird wirtschaftliche Freiheit erstmals in der Wirtschaftsgeschichte so aufgefasst, als könne jeder Akteur frei von politischen Vorgaben nach eigenem Ermessen weltweit beliebig in fremde soziale und ökologische Sphären eindringen und nach Belieben fremde Ressourcen nutzen, ohne für Schäden haftbar gemacht zu werden.

Indem die politische Rahmenordnung über die Jahrzehnte aufgelöst worden ist, hat sich die freie Marktwirtschaft in eine anarchische verwandelt (die Entwicklung ist in dem Artikel Bretton-Woods-System) beschrieben.

6. Die neoliberale Indoktrination

Abbildung 1: Der Neoliberalismus verbreitet seine doktrinäre Botschaft mit falsch besetzten Begriffen: Einerseits mit den beschönigenden Begriffen »Liberalisierung« und »Freihandel«, andererseits, indem eigentlich sinnvolle Preis- und Mengenanpassungen mit den Begriffen »Protektionismus« und »Abschottung« verunglimpft werden. Die Indoktrination wird von der Welthandelsorganisation gefördert, und zwar ungeachtet der Tatsache, dass sich der Begriff »Protektionismus« ursprünglich auf wirtschaftlich unsinnige Abschottungen bezieht, zum Beispiel aus kulturellen oder ethnischen Beweggründen wie im Japan des 19. Jahrhunderts, oder aus ideologischen Gründen wie im Ostblock des 20. Jahrhunderts. Dagegen bezieht sich der Begriff »Protektion« auf sinnvolle Maßnahmen wie kalkulierte, feste Wechselkurse, Handelskontingente und Importzölle, mit denen Länder ihren Außenhandel und Außenwettbewerb einvernehmlich regeln und binnenwirtschaftlich förderlich einbinden. Die Widersprüchlichkeit des Neoliberalismus zeigt sich, wenn Länder Maßnahmen der Protektion ergreifen, um Verheerungen zu entgehen, und sich gleichzeitig gegenseitig des Protektionismus beschuldigen.

7. Die Folgen nationaler Deregulierung

Ungeregelte Finanzmärkte begünstigen Kapitalflucht, spekulative Transaktionen mit Beeinflussung der Realwirtschaft, Shareholder-Value-Strategien, Valuta-Dumping, verzerrende Quasi-Leitwährungen (Dollar und neuerdings Euro), unkontrollierte ausländische Direktinvestitionen und Niederlassungsfreiheiten, globalen Standortwettbewerb und Kapitalkonzentration.

Ungeregelte Gütermärkte begünstigen hegemoniale Preisbildung, Kostendruck, Verdrängungswettbewerb und Markteroberungen im Export, unausgewogene Handelsbilanzen, verkürzte Abschreibung von Produktionskapital, steigendes Transportaufkommen und Kostenverlagerungen, alles in allem: Sozial- und Öko-Dumping.

Ungeregelte Dienstleistungsmärkte begünstigen darüber hinaus Privatisierungen von Aufgaben der öffentlichen Daseinsvorsorge.

Ungeregelte Arbeitsmärkte begünstigen in Hochlohnländern uneingeschränkte Zuwanderung mit der Folge von Lohn- und Sozial-Dumping, während sie in Niedriglohnländern die Abwanderung junger und gut ausgebildeter Menschen bewirken.

Deregulierung verursacht insgesamt: Zerstörung binnenwirtschaftlicher Kreisläufe, regionale De-Industrialisierung, Entkopplung der Produktivitäts- von der Lohn-/Kaufkraftentwicklung, Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltzerstörung!

8. Der neoliberale Handel auf der Basis absoluter Preisvorteile

Abbildung 2: Wenn Märkte »liberalisiert« werden und auf Handelsvereinbarungen verzichtet wird, entsteht zwischen den beteiligten Volkswirtschaften ein unkontrollierter direkter Wettbewerb. Dieser neoliberale Wettbewerb wird im weltweiten Dollar-Raum jeweils durch den absoluten Preisvorteil in der Leitwährung US-Dollar und in der Eurozone durch den niedrigsten Preis in Euro entschieden. Die im Dollar-Raum noch bestehenden Wechselkurse zwischen Dollar und nationalen Währungen verlieren ihre Bedeutung, weil die Kurse sich infolge Valuta-Spekulation und Valuta-Manipulation (Valuta-Dumping) unkontrolliert verändern, und weil der weltweite Wettbewerb unmittelbare Preisvergleiche erfordert, die nur mittels Leitwährung möglich sind. In der Eurozone entfällt dagegen von vornherein die Möglichkeit, Preisanpassungen mittels kalkulierter Wechselkurse vorzunehmen. Insofern ist die Eurozone ein zwar nach wie vor sehr heterogener, aber zugleich vollständig deregulierter (neoliberaler) Wirtschaftsraum.

Im Anfangsstadium offener Märkte haben die hochproduktiven Länder (auf der Abbildung: England) gewöhnlich einen absoluten Preisvorteil, so dass sich die Handelsströme anfangs von hoch- zu niedrigproduktiven Ländern bewegen (angedeutet durch die roten Pfeile). Gleichzeitig entsteht mangels vereinbarter Handelskontingente und Zölle eine Tendenz zur Verdrängung von Wettbewerbern, zur Kapitalkonzentration und zur vollständigen territorialen Spezialisierung.

Abbildung 3: Da auf offenen Märkten hochentwickeltes Produktionskapital zur Steigerung der Produktivität mit niedrigen Löhnen kombiniert werden kann, wandert Kapital von hoch- in niedrigproduktive Länder bzw. von Hoch- in Niedriglohnländer ab (anfangs geht hohe Produktivität noch mit hohen Löhnen einher). Gleichzeitig entstehen für Länder mit niedriger Produktivität Anreize (auf der Abbildung: Bulgarien), ihre sozialen und ökologischen Standards zu senken (Sozial- und Öko-Dumping) und ihre Währung gegenüber der Leitwährung abzuwerten (Valuta-Dumping), um im Wettbewerb absolute Preisvorteile zu erzielen. Wegen der Abwälzung von Kosten auf Gesellschaft und Umwelt sind die Vorteile jedoch mit einer zerstörerischen Scheinproduktivität verbunden. Indem Produktionsverlagerungen und Dumping um sich greifen, verändern sich Preisvorteile und Handelsströme fortlaufend und verschärfen den globalen Wettbewerb. Auf diese Weise wird skrupelloses Verhalten belohnt und führt die Wirtschaft in einen fatalen Teufelskreis (Einzelheiten dazu im Artikel Neoliberaler Teufelskreis).

9. Die originäre Funktion des Wechselkurses

Abbildung 4: Der Wechselkurs hat eine einzige originäre Funktion: nämlich natürliche, produktivitätsbedingte Preisunterschiede zwischen zwei Ländern zu neutralisieren. Länder können unabhängig von ihren Entwicklungsständen und Produktivitätsniveaus gegenseitig nachhaltige Handelsgewinne erzielen, wenn sie bilateral preisneutralisierende Wechselkurse vereinbaren und einführen. Wenn im einfachsten Fall zwischen zwei Ländern, wie in der Abbildung zwischen England und Polen dargestellt, ein einziges Produkt gehandelt wird, ergibt sich der Wechselkurs unmittelbar aus den beiden Inlandspreisen des Produkts. Im abgebildeten Beispiel entsprechen die für englischen Hopfen zu zahlenden 6 Pfund den 8 Zloty für polnischen Hopfen. Das heißt, 6 Pfund können in 8 Zloty getauscht werden, und vice versa, oder 1 Pfund in 1,33 Zloty, und 1 Zloty in 0,75 Pfund.

Ein derartiger, preisneutralisierender Wechselkurs stellt sicher,

  1. dass Volkswirtschaften ihre technologische Entwicklung im Einklang mit ihren natürlichen Ressourcen eigenständig und folgerichtig gestalten können, ohne feindliche Eingriffe und Preisverzerrungen befürchten zu müssen,
  2. dass sie das Gleichgewicht zwischen Produktivitäts- und Lohn-/Kaufkraftniveau autonom regeln können, und
  3. dass sie gleichwohl am internationalen Qualitäts- und Produktivitätswettbewerb konstruktiv teilnehmen können.

Abbildung 5: Wenn zwei Handelspartner mehrere Produkte miteinander handeln, ergibt sich der Wechselkurs aus den beiden Durchschnittspreisen in Landeswährung eines gemeinsam zusammengestellten, einheitlichen Warenkorbes. Der Warenkorb sollte anfangs nur zu handelnde und voraussichtlich zu handelnde Produkte (Güter wie auch Dienstleistungen) enthalten, und nur solche, die in beiden Ländern hergestellt werden, unabhängig davon, ob die Produkte in nur einer oder in beiden Richtungen gehandelt werden sollen. Der so berechnete Wechselkurs gilt dann auch für verbreitete Produkte, die nur in einem Land produziert und dementsprechend nur in einer Richtung gehandelt werden. Falls seltene Spezialitäten gehandelt werden sollen, müssen deren Preise in die Berechnung des Durchschnittspreises des exportierenden Landes eingehen und im Gegenzug Schätzpreise bei der Berechnung des Durchschnittspreises des importierenden Landes eingesetzt werden.

Schätzpreise müssen relativ hoch angesetzt werden, wenn Länder die Technologien und Produktionen für diese Produkte (noch) nicht beherrschen. Das bewirkt eine Abwertung der Währung der betroffenen Länder, wodurch einerseits andere Importe relativ teurer werden und geringere Zölle zur Anpassung an den Binnenwettbewerb benötigen oder, falls unverzichtbar, sogar subventioniert werden müssen, andererseits Exporte relativ billiger und wettbewerbsfähiger werden. Die verteuerten Importe schaffen Anreize, in nicht beherrschte Technologien zu investieren und sind Antrieb für ständigen Fortschritt im Handel und Wettbewerb mit relativen Preisen.

Bezogen auf importierte Dienstleistungen, zum Beispiel touristische Leistungen, bedeuten Volumenbegrenzung und Anpassung mittels Zöllen: Länder können die Auslandsreisen ihrer Bürger mengenmäßig begrenzen und/oder die dazu erforderlichen Geldsorten mit Kursaufschlägen verteuern, um die eigene Tourismusindustrie vor Verdrängungen zu schützen. Handelspartner können umgekehrt genauso verfahren, so dass sich automatisch ausgewogene bzw. verträgliche Touristenströme ergeben.

So bewahrt und fördert der Außenhandel mit relativen Preisen die Vielfalt von Produktionen und Produkten, so dass im Idealfall ein intensiver Intra-Branchenhandel wie auch ein intensiver Handel mit regional und national typischen Spezialitäten mit allseits ausgewogenen Leistungsbilanzen entsteht.

Durchschnittspreise und bilaterale Wechselkurse sind jeweils neu zu berechnen, wenn Preisänderungen einzelner Güter oder Dienstleistungen den Durchschnittspreis eines Landes, bezogen auf den gemeinsamen Warenkorb, stark beeinflussen. Preisänderungen, die sich gegenseitig aufheben, erfordern logischerweise keine Neuberechnung. Preisänderungen ergeben sich üblicherweise, weil die Produktivitätsfortschritte innerhalb eines jeden Landes von Branche zu Branche erheblich voneinander abweichen.

10. Voraussetzungen für bilaterale Handelsvereinbarungen

Handelspartner müssen bereit sein,

  1. die außenwirtschaftliche Regelung ihrer Finanz-, Güter-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkte bilateral zu vereinbaren,
  2. bilateral feste Wechselkurse zu vereinbaren und regelmäßig der Entwicklung der Produktivität anzupassen,
  3. den Außenhandel mit Binnenpreisen zu betreiben und private Dreiecksgeschäfte zu unterbinden, die einzig dazu dienen, aus mehrfachem Devisentausch Gewinne zu erzielen,
  4. sich gegenseitig Autonomie bei Importkontingenten und Importzöllen zuzugestehen, um Importprodukte konstruktiv in den Binnenwettbewerb einzubinden (sinnvolle Protektion),
  5. ihre sozialen, ökologischen und technischen Standards qualitativ weiterzuentwickeln und sich gegenseitig auf zeitgemäße Standards zu verpflichten,
  6. den Personenverkehr und den Austausch von Fachkräften, Studenten und Schülern zum gegenseitigen Vorteil zu regeln.

11. Bilaterale Handelsvereinbarungen

Berechnung bilateraler Wechselkurse mittels Warenkorb

Abbildung 6: Sie zeigt multi-bilaterale Beziehungen zwischen drei Ländern. Im ersten Schritt werden die bilateralen Warenkörbe gegenseitig handelbarer Produkte zusammengestellt und aus den Durchschnittspreisen die Wechselkurse bestimmt.

England – Polen: Der gemeinsame Warenkorb der beiden Länder enthält 4 Produkte. Der englische Durchschnittspreis beträgt 8 Pfund, der polnische 13 Zloty. Aus den beiden Durchschnittspreisen ergibt sich unmittelbar der Wechselkurs zwischen England und Polen von 8 Pfund = 13 Zloty.

England – Bulgarien: Der gemeinsame Warenkorb enthält nur 3 Produkte, weil Stahl und Baumwolle einseitig handelbare Produkte sind. Aus den beiden Durchschnittspreisen ergibt sich unmittelbar der Wechselkurs zwischen England und Bulgarien von 5 Pfund = 12 Lew.

Polen – Bulgarien: Der gemeinsame Warenkorb enthält nur 3 Produkte. Aus den beiden Durchschnittspreisen ergibt sich unmittelbar der Wechselkurs zwischen Polen und Bulgarien von 9 Zloty = 12 Lew.

Berechnung: relative Preise, Importpreise und Handelsgewinne

Abbildung 7: Im zweiten Schritt werden die relativen Preise aller Produkte für jede einzelne bilaterale Beziehungen bestimmt. Das Adjektiv »relativ« bezieht sich auf den Produktpreis im Verhältnis zum Durchschnittspreis. Ein Produkt wird zum Exportkandidaten, wenn sein relativer Preis in Landeswährung niedriger ist als der relative Preis desselben, vom Handelspartner angebotenen Produkts, ebenfalls in Landeswährung. Handelstransaktionen und Handelsströme werden also durch Vergleiche relativer Preise bestimmt – ganz im Gegensatz zur gegenwärtigen neoliberalen Praxis.

Um die Berechnung von Preisen und Handelsgewinnen zu veranschaulichen, genügt ein Blick auf den Kartoffelhandel in der Dreiecksbeziehung zwischen England, Polen und Bulgarien.

England – Polen: Der relative Preis für englische Kartoffeln beträgt 0,5 (Kartoffelpreis von 4 Pfund geteilt durch den Durchschnittspreis von 8 Pfund). Der relative polnische Preis beträgt dagegen 0,53 (Kartoffelpreis von 7 Zloty geteilt durch den Durchschnittspreis von 13 Zloty). Englische Kartoffeln haben also einen relativen Preisvorteil, weil ihr relativer Preis niedriger ist als der relative Preis polnischer Kartoffeln.

Wenn Polen englische Kartoffeln importiert, ergibt sich durch deren relativen Preisvorteil bei Anwendung des Wechselkurses ein Importpreis von 6,52 Zloty (1 Pfund = 1,63 Zloty, 4 Pfund = 6,52 Zloty). Da der polnische Inlandspreis 7 Zloty beträgt, erzielt Polen einen Handelsgewinn von 0,48 Zloty für jede Einheit importierter englischer Kartoffeln.

England – Bulgarien: Weil der Warenkorb nur 3 Produkte enthält (Stahl und Baumwolle sind in nur einer Richtung handelbar), beträgt der relative Preis englischer Kartoffeln jetzt 0,8. Der relative Preis für bulgarische Kartoffeln beträgt 0,92. England hat also bei Kartoffeln wiederum einen relativen Preisvorteil.

Wenn Bulgarien englische Kartoffeln importiert, ergibt sich durch deren relativen Preisvorteil bei Anwendung des Wechselkurses ein Importpreis von 9,6 Lew (1 Pfund = 2,4 Lew, 4 Pfund = 9,6 Lew). Da der bulgarische Inlandspreis für Kartoffeln 11 Lew beträgt, erzielt Bulgarien einen Handelsgewinn von 1,4 Lew für jede Einheit importierter englischer Kartoffeln.

Polen – Bulgarien: Weil der Warenkorb ebenfalls nur 3 Produkte enthält (Stahl und Baumwolle sind wiederum nur in einer Richtung handelbar), beträgt der relative Preis polnischer Kartoffeln jetzt 0,78. Der relative Preis bulgarischer Kartoffeln beträgt wie im Verhältnis zu England 0,92. Polen hat also bei Kartoffeln einen relativen Preisvorteil.

Wenn Bulgarien polnische Kartoffeln importiert, ergibt sich durch deren relativen Preisvorteil bei Anwendung des Wechselkurses ein Importpreis von 9,31 Lew (1 Zloty = 1,33 Lew, 7 Zloty = 9,31 Lew). Da der bulgarische Inlandspreis für Kartoffeln 11 Lew beträgt, erzielt Bulgarien einen Handelsgewinn von 1,69 Lew für jede Einheit importierter polnischer Kartoffeln.

Festlegung von Handelsströmen, Handelsmengen und Zöllen

Die aus den relativen Preisvorteilen hergeleiteten Handelsströme sind zunächst nur Optionen. Ob und in welchen Mengen gehandelt wird, liegt in der autonomen Entscheidung des importierenden Landes. Eigenmächtige Exporte sind somit ausgeschlossen. Im obigen Beispiel hat England übrigens keine Option für Importe, jedenfalls nicht, wenn nur monetäre Handelsgewinne berücksichtigt werden.

Polen muss im Kartoffel-Beispiel entscheiden, ob und in welcher Menge es Kartoffeln aus England importieren und ob und in welcher Höhe es die englischen Kartoffeln mit Zöllen belegen will. Polen wird seine Entscheidung über die Menge davon abhängig machen, ob es auf den heimischen Märkten Bedarf für zusätzliche Kartoffelmengen gibt, und falls ja, ob die Importe aus England das Angebot auf den heimischen Märkten qualitativ bereichern. Falls Polen sich für Importe entscheidet, wird es die Importzölle genau so kalkulieren, dass die polnischen Kartoffelbauern durch die Importe bewegt werden, ihre Qualität und ihre Produktivität im außen- wie im binnenwirtschaftlichen Vergleich zu erhöhen.

Bulgarien muss im Gegensatz zu Polen entscheiden, ob und welche Mengen es an Kartoffeln von England und Polen importieren will. Wiederum wird der Bedarf der heimischen Märkte die Gesamtmenge der Importe bestimmen. Falls Bulgarien sich für Importe entscheidet, muss es seine Entscheidung über das Mengenverhältnis englischer und polnischer Kartoffeln von einem Qualitätsvergleich der Sorten abhängig machen, denn rein monetär garantieren die polnischen Importe die größeren Handelsgewinne. Für die Kalkulation der Zölle gelten für Bulgarien dieselben Grundsätze wie oben für Polen dargestellt.

Die wirtschaftspolitische Entscheidung über Importe, Importmengen und Importzölle ist das geeignete Instrument, um den Außenhandel und den Außenwettbewerb gewinnbringend in die Binnenwirtschaft und den Binnenwettbewerb einzubinden!

Im Gegensatz zum neoliberalen Außenhandel können Unternehmen unter den hier dargestellten Bedingungen ihre Qualität und ihre Produktivität nachhaltig erhöhen und internationale Wettbewerbsvorteile erzielen, ohne jedesmal ihre Existenz in einem unsinnigen Verdrängungswettbewerb aufs Spiel zu setzen!

Berechnung der Handelsströme von Warenkorb-Produkten

Abbildung 8: Zur Vertiefung des Verständnisses des zukunftsfähigen, gewinnbringenden Außenhandels auf der Grundlage relativer Preisvorteile zeigt die Abbildung alle realisierbaren Handelsströme für die in den drei Warenkörben enthaltenen Produkte. Die Berechnung von relativen Preisen, Importpreisen und Handelsgewinnen kann leicht nachvollzogen werden, wenn das in den obigen Absätzen dargestellte Schema angewendet wird.

Nachzutragen ist, dass in Ausnahmefällen auch Produkte importiert werden können, die keinen relativen Preisvorteil, sondern einen relativen Preisnachteil aufweisen. Und zwar dann, wenn entweder die inländische Nachfrage mengenmäßig nicht anders zu befriedigen ist, oder wenn die Importprodukte über einzigartige Eigenschaften verfügen. Denkbar wäre im dargestellten Beispiel, dass England und Polen gegenseitig Stahl voneinander importieren, weil beide Länder einzigartige Sorten herstellen.

Berechnung der Handelsströme nicht erfasster Produkte

Abbildung 9: Die Abbildung zeigt alle realisierbaren Handelsströme der allgemeinen (verbreiteten) Produkte, die in mindestens einem der drei bilateralen Warenkörbe nicht enthalten sind. Ein allgemeines Produkt wird in einem Warenkorb nicht erfasst, wenn nur einer der Handelspartner es herstellt und anbietet. Offenkundig kann ein solches Produkt nur in einer Richtung (einseitig) gehandelt werden. Wie oben schon erklärt, sind die mittels Warenkorb berechneten bilateralen Wechselkurse gleichwohl für diese allgemeinen, nicht erfassten Produkte gültig, weil diese Produkte definitionsgemäß mit jeweils durchschnittlicher Produktivität hergestellt werden und deshalb kaum Einfluss auf die Wechselkurse haben. Produkte, die eine landespezifische Spezialität sind, sollten mit ihrem Preis immer im Warenkorb erfasst und als Gegenstück mit einem Schätzpreis des Handelspartner im Warenkorb kompensiert werden. Wie oben erwähnt, sollten Schätzpreise im Einzelfall niedriger angesetzt werden, als es der technologische Entwicklungsstand eigentlich gebieten würde, um den Abwertungseffekt abzumildern. Oder die entsprechenden Importe sollten subventioniert werden.

Da die Handelsströme allgemeiner, nicht im Warenkorb erfasster Produkte nur eine Richtung einnehmen können, erübrigt sich die Ermittlung der relativen Preise wie auch der monetären Handelsgewinne. Im Einzelfall kann es jedoch angebracht sein, die Importpreise dieser Produkte (anhand des dargestellten Schemas) zu berechnen, etwa wenn ein importierendes Land mehrere Exportangebote vergleichen will (im Beispiel kann Bulgarien zwischen den Stahlangeboten Englands und Polens wählen).

Die Handelsgewinne allgemeiner, einseitig handelbarer Produkte ergeben sich nur indirekt (nicht-monetär) durch ihren Einfluss auf die Handelsbilanzen und ihren sonstigen Nutzen in den importierenden Ländern.

12. Die Vorteile des dargestellten Außenhandels

  1. Der internationale Handel wird getragen von autonomen, demokratisch verfassten und subsidiär strukturierten Wirtschaftsräumen,
  2. subsidiäre Strukturen sind einzigartig bezüglich dezentraler Verantwortung, internalisierter Kosten und dauerhafter Vollbeschäftigung,
  3. lokale und regionale Entwicklungen können selbstbestimmt und unabhängig erfolgen und mit nationalen und supranationalen Entwicklungen vernetzt werden,
  4. territoriale Spezialisierungen und Kapitalkonzentrationen können zum Wohle von Gesellschaft und Umwelt wirtschaftspolitisch begrenzt, internationale Abhängigkeiten, Ausbeutungen und Erpressungen verhindert werden,
  5. betriebswirtschaftliche und volkswirtschaftliche Handelsgewinne können unabhängig vom Produktivitätsniveau der Handelspartner erzielt werden,
  6. der Qualitäts- und Produktivitätswettbewerb der Unternehmen basiert auf nachhaltigen sozialen und ökologischen Standards,
  7. der Außenwettbewerb kann gewinnbringend in den Binnenwettbewerb eingebunden und damit feindliche Verdrängungen und Markteroberungen verhindert werden,
  8. das gesamtwirtschaftliche, und speziell das Gleichgewicht von Produktivitäts- und Lohn-/Kaufkraftniveau, ist immanent sichergestellt,
  9. die Handelsgewinne und die inländische Angebotsvielfalt können im multi-bilateralen Handel optimiert, die Handelsbilanzen austariert werden,
  10. die internationale Zusammenarbeit, die Entwicklungshilfe und der Handel mit geistigem Eigentum können unabhängig von den Zwängen des materiellen Außenhandels gestaltet werden.

Der praktische Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung als Einstieg in eine post-neoliberale Wirtschaftsordnung wird in dem Artikel Aufbau subsidiärer Wirtschaftsstrukturen behandelt.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Wirtschaftliche Regionalisierung, Re-Industrialisierung statt De-Industrialisierung, Wirtschaftlicher Wettbewerb sowie Prinzipien globaler Wirtschaftsordnung und Prinzipien regionaler Wirtschaftsordnung.

Für ein besseres Verständnis des Gesamtzusammenhangs empfehle ich die Artikel Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt und Zehn Gebote der Zukunftssicherung.

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