Bretton-Woods-System (deutsch)

Internationales Handels- und Währungssystem, Wegbereiter der neoliberalen Globalisierung

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Einleitung
  3. Historische Einordnung
  4. Das Bretton-Woods-Abkommen
  5. Der Aufschwung der Nachkriegszeit
  6. Das Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens
  7. Die Entstehung des Neoliberalismus
  8. Die systembedingte Krise des Neoliberalismus
  9. Ökonomische Bewertung
  10. Fazit

1. Überblick

Ein Rückblick auf die Nachkriegszeit kann dazu verleiten, das Bretton-Woods-System im Lichte der vom gegenwärtigen neoliberalen System verursachten Verheerungen als ein immer noch zukunftsfähiges Modell zu bewerten. Bei genauer Betrachtung der historischen Ereignisse erweist sich diese Bewertung jedoch als fragwürdig. Empfehlenswert ist deshalb eine Analyse sowohl des Scheiterns des Bretton-Woods-Systems als auch der gegenwärtigen neoliberal bedingten Verheerungen, um darauf aufbauend die Eckpfeiler einer nach aller Erfahrung nachhaltig zukunftsfähigen Ordnung zu entwerfen.

2. Einleitung

Das Bretton-Woods-System ist ein internationales Handels- und Währungssystem, das auf ein 1944 im Luftkurort Bretton Woods, New Hampshire, USA, unterzeichnetes Abkommen zurückgeht und die Neuordnung der Weltwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg begründete (im Bild das Tagungshotel). Das System war, bei festen Wechselkursen und dem US-Dollar als Leitwährung, der wirtschaftspolitischen Autonomie der Nationalstaaten verpflichtet. Es wurde durch die 1948 unterzeichnete Havanna-Charta erweitert, mit der erstmals eine multilaterale »Handelsliberalisierung« angestrebt wurde, aus der das »Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen« (GATT) und später die Welthandelsorganisation (WTO) hervorgingen.

Das System scheiterte nach knapp 30 Jahren, als die USA Anfang der siebziger Jahre ihr während des Vietnam-Kriegs angehäuftes doppeltes Defizit in Haushalt und Zahlungsbilanz mittels Inflationspolitik und Aufkündigung der Goldkonvertibilität des Dollars auf ihre Bürger und Handelspartner abwälzten. Daraufhin bildeten sich freie Wechselkurse, gefolgt von offenen globalen Finanzmärkten, die zu Beginn der achtziger Jahre einen Prozess der Deregulierung nationaler Güter- und Dienstleistungsmärkte nach sich zogen, aus dem schließlich die neoliberale Doktrin radikaler »Marktliberalisierung« mit all ihren heute wahrnehmbaren Auswüchsen hervorging.

3. Historische Einordnung

Motivation für die Verhandlungen in Bretton Woods waren zum einen die weltweiten Erfahrungen mit dem handelspolitischen Chaos nach der Weltwirtschaftskrise und dem Zweiten Weltkrieg, zum anderen die speziellen Frustrationen der USA infolge des Protektionismus der zwanziger und dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. So waren die Vorbereitungen und auch die eigentlichen Verhandlungen zum Abkommen – ganz besonders zur Verwunderung der europäischen Teilnehmer – von vornherein sehr stark vom Expansionsstreben und dem geschickten Lobbyismus US-amerikanischer Industrieller und Investoren geprägt. Mit Macht vertraten sie den Anspruch auf weltweite Exportmärkte und verlangten nach unbegrenzten Rohstoffimporten, um nach Ende des Krieges – so ihre Vorstellung – von den USA ausgehend und im Austausch mit einem wieder erstarkten Europa einen weltumspannenden wirtschaftlichen Aufschwung einzuleiten. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnen konnte, wie die kommenden weltpolitischen Ereignisse den Interessen der westlichen Industrieländer in die Hände spielen würden, wurde mit dem Abkommen die Grundlage für die dreißig Jahre später entfesselte neoliberale Globalisierung geschaffen (siehe dazu den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung).

4. Das Bretton-Woods-Abkommen

Das Bretton-Woods-Abkommen wurde im Juli 1944 von 44 Ländern unterzeichnet und trat 1946 in Kraft. Vereinbarungsgemäß wurden in der Zwischenzeit der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank (IBRD) als Sonderorganisationen der Vereinten Nationen gegründet. Aufgabe des IWF war es zunächst, ein internationales Zahlungssystem aufzubauen und die vorgesehene Konvertibilität der Währungen sicherzustellen; später verlagerte sich sein Schwerpunkt auf die Vergabe kurzfristiger Kredite zur Überwindung von Wirtschaftskrisen. Die Weltbank war in den ersten Jahren damit beschäftigt, den Wiederaufbau Europas zu finanzieren und widmete sich anschließend der langfristigen Finanzhilfe für Entwicklungsländer. Die Bundesrepublik Deutschland trat dem Abkommen schließlich im August 1952 bei.

Geldpolitisch wurde mit dem Abkommen der sogenannte Gold-Devisen-Standard mit dem US-Dollar als Leitwährung eingeführt (siehe dazu auch die Artikel Geld und Geldpolitik sowie Geldschöpfung und Geldvernichtung). Das heißt im einzelnen,

  • die Wechselkurse der übrigen Währungen zum US-Dollar wurden periodisch festgelegt,
  • die Zentralbanken der übrigen Währungen mussten sich verpflichten, die jeweiligen Kurse innerhalb einer Bandbreite von einem Prozent zum US-Dollar zu stabilisieren, und
  • die USA mussten sich verpflichten, US-Dollars aus den Reserven fremder Zentralbanken jederzeit auf Verlangen zu einer festen Parität in Gold zu tauschen.

1948 wurde das Bretton-Woods-Abkommen durch die Havanna-Charta ergänzt, mit der erstmals in der Wirtschaftsgeschichte eine multilaterale »Handelsliberalisierung« ausdrücklich als erstrebenswertes Ziel vereinbart wurde. Im selben Jahr trat dann, ergänzend zu IWF und Weltbank und auf Initiative der USA, das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) als konkrete Ausgestaltung der Havanna-Charta in Kraft. Damit wurde – wiederum zunächst im Interesse US-amerikanischer Akteure – der entscheidende erste Schritt in Richtung »Handelsliberalisierung« unternommen. Die Tatsache, dass die USA dem GATT nicht beitraten, deutet auf ihre Absicht hin, vorerst im Hintergrund zu bleiben und die restliche Welt in möglichst unauflösliche multilaterale Verpflichtungen über Zollsenkungen und den Abbau sonstiger Hürden für den angestrebten Freihandel einzubinden. Folgerichtig wurden die Zuständigkeiten des GATT dann 1995 nach weitgehend erfolgter »Liberalisierung« des Güterhandels unverändert und nun unter Beteiligung der USA auf die neu gegründete Welthandelsorganisation (WTO)) übertragen (siehe dazu auch den Artikel Welthandelsorganisation (WTO)). Gleichzeitig wurden – wiederum auf Drängen der USA – Verhandlungen zur »Liberalisierung« des Handels mit Dienstleistungen eingeleitet, aus denen das Abkommen über den Dienstleistungshandel (GATS)) hervorging.

5. Der Aufschwung der Nachkriegszeit

BrettonWoodsJPG03Bereits in den fünfziger Jahren wurden die in Bretton Woods avisierten Ziele wie Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und Wohlstand tatsächlich erreicht – jedenfalls in den westlichen Industrieländern. Die erlebten in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten einen beispiellosen Aufschwung, der sich in der Bundesrepublik Deutschland, später auch in Japan, zu einem »Wirtschaftswunder« entwickelte und zugleich stabilisierende Wirkung auf den sozialen Frieden und die jungen demokratischen Institutionen der beiden Länder ausübte. In der Bundesrepublik ergaben sich die hohen Wachstumsraten aus dem Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Strukturen des öffentlichen, wirtschaftlichen und privaten Lebens und erfolgten auf der Grundlage (1) eines Potentials gut ausgebildeter und motivierter Arbeitskräfte, (2) einer noch als intakt wahrgenommenen Umwelt und (3) der Vorstellung, die natürlichen Ressourcen seien unbegrenzt verfügbar.

An den meisten Entwicklungsländern und ehemaligen Kolonien ging der westliche Aufschwung jedoch vorbei. Vor allem Länder mit beschädigtem Primärsektor (Landwirtschaft, Handwerk, Kleingewerbe und Handel) konnten die Schwelle zur Industrialisierung trotz internationaler Finanzhilfe nicht überwinden. Ihre Hoffnung auf breit angelegten Wohlstand blieb unerfüllt. Entgegen der erklärten Zielen von Bretton Woods vergrößerten sich die Gegensätze zwischen Industrie- und Entwicklungsländern sogar – eine Entwicklung, die durch die nachfolgenden Ereignisse noch verstärkt wurde und bis heute anhält.

6. Das Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens

Ende der sechziger Jahre gab es infolge der hohen Kosten des Vietnam-Krieges und des dadurch ansteigenden Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizits der USA einen unvermuteten Rückschlag für die neue wirtschaftliche Ordnung. Durch die außenwirtschaftliche Schieflage erhöhten sich die Dollarreserven der Zentralbanken der anderen Unterzeichnerstaaten des Abkommens dermaßen, dass die USA ihren Verpflichtungen zum Tausch von Dollars in Gold nicht mehr nachkommen konnten. Anfang der siebziger Jahre sah sich Präsident Nixon gezwungen, die Verpflichtung zur Goldkonvertibilität des US-Dollars aufzukündigen und zugleich die hohen Defizite der USA durch eine expansive Geldpolitik abzubauen (Inflation der Geldmenge mit nachfolgender Geldentwertung). Dem Niedergang der Kaufkraft des Dollars im Innern folgte eine überproportionale Abwertung im Außenverhältnis, weil die Zentralbanken der anderen Länder ihre nicht mehr durch Gold gedeckten Dollarreserven verkauften. Nach einigen Rettungsversuchen scheiterte das Bretton-Woods-System endgültig im Jahre 1973. Damit scheiterte auch der Gold-Devisen-Standard, und mehr noch: das Gold verlor ein für allemal seine herausragende Stellung als Reservewährung und Zahlungsmittel. Erst mit der 2008 einsetzenden Finanzmarkt- und der nachfolgenden allgemeinen Wirtschaftskrise verringerten die Zentralbanken ihre bis dahin laufend getätigten Goldverkäufe, so dass das Gold seither wieder eine gewisse, aber untergeordnete Rolle als letzte Reserve spielt.

7. Die Entstehung des Neoliberalismus

Eine neue Ära begann. Die festen Regeln des Bretton-Woods-Systems konnten unter dem Druck des beginnenden freien Spiels der Marktkräfte nicht wiederhergestellt werden. Nach der im Bretton-Woods-Abkommen angestrebten einvernehmlichen »Handelsliberalisierung« autonomer Nationalstaaten wurde ein zweiter entscheidender Schritt in Richtung neoliberale Globalisierung unternommen – diesmal eher unfreiwillig: Die Wechselkurse wurden freigegeben. Daneben entwickelten sich sogenannte Euromärkte, die es Dollar-Besitzern ermöglichten, ihr Geld zu günstigen Konditionen in Europa anzulegen. Die steigende Liquidität dieser Märkte wurde zunehmend auch von Regierungen, Banken und Unternehmen genutzt und bildete schließlich die Ausgangsbasis für die »liberalisierten« Finanzmärkte heutiger Prägung:

Die Zunahme grenzüberschreitender Freiheiten für Unternehmer und Investoren ging zwangsläufig mit einem schwindenden Einfluss nationalstaatlicher Regulierung und Lenkung einher. Die wirtschaftspolitischen Autonomien der Nationalstaaten – immerhin eine der in Bretton Woods formulierten Bedingungen für einen geordneten Welthandel – begannen zu bröckeln. Damit setzte die heiße Phase der neoliberalen Globalisierung ein:

Die Kapitalverkehrsbeschränkungen wurden im Zuge dieser Entwicklung sukzessive von allen OECD-Ländern bis Anfang der neunziger Jahre abgebaut. Die im freien Kapitalverkehr möglichen Direktinvestitionen über Landesgrenzen hinweg entwickelten sich unter dem Druck unternehmerischen Expansionsstrebens immer mehr zu einer faktischen Niederlassungsfreiheit und bescherten den Regionen und Nationalstaaten eine neue Spielart des Wettbewerbs: den sogenannten Standortwettbewerb. In den achtziger Jahren reihten sich auch die Entwicklungs- und Schwellenländer in den Prozess der »Liberalisierung« ein, gefolgt von den postkommunistischen Staaten in den neunziger Jahren.

8. Die systembedingte Krise des Neoliberalismus

Die beginnende Akzeptanz der sogenannten Liberalisierung des Welthandels in den neunziger Jahren markiert ironischerweise zugleich den Anfang vom Ende der in die neuartige Globalisierung gesetzten Hoffnungen. Nach über vierzig Jahren ununterbrochenen Wachstums gehen die großen Märkte der westlichen Industrieländer in den Zustand der Sättigung über. Die Stagnation des Handels, vorübergehend noch durch Exportwachstum im Handel mit weniger entwickelten Ländern und durch technologische Neuerungen überkompensiert, wird spätestens zur Jahrtausendwende zur unumstößlichen Gewissheit. Die Protagonisten der neuartigen Freiheiten bemühen sich daraufhin, einen ideologischen Ausweg aus der Krise zu finden, denn eine Welt ohne Wirtschaftswachstum erscheint ihnen unvorstellbar. Und so erweitern sie die entstandene Freihandelsdoktrin um ein Wachstumsparadigma, und vollziehen damit den dritten Schritt in Richtung neoliberale Globalisierung – vermutlich den folgenreichsten. Auch der Zeitpunkt ist symbolträchtig, weil das neue Jahrtausend nun zugleich eine wirtschaftliche Zeitenwende markiert: Seither wird nachlassendes Wachstum grundsätzlich als ein Symptom ungenügender »Liberalisierung« gedeutet, dem mit verstärkter »Liberalisierung« zu begegnen ist.

Das rückläufige Wirtschaftswachstum unterschreitet in den westlichen Industrieländern schließlich eine Schwelle, die erstmals deutlich werden lässt, dass das neoliberale System bei Stagnation seinen sozialen und ökologischen Verpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Der Logik des Systems entsprechend werden die Liberalisierungsbemühungen forciert und treiben die Weltwirtschaft immer tiefer in einen depressiven Zustand mit weltweiter Massenarbeitslosigkeit, Armut und Umweltbelastung.

BrettonWoodsPNG01

Für einen tieferen Einblick in die neoliberale Wirtschaftsdoktrin empfehle ich die Artikel Neoliberaler Teufelskreis, Neoliberale Scheinargumente, Neoliberale Wirtschaftsdoktrin, Neoliberalismus alt und neu, Exzesse des Kapitalismus sowie Welthandelsorganisation (WTO).

9. Ökonomische Bewertung

Die zentrale Idee des Bretton-Woods-Systems, nämlich die Hürden für den internationalen Handel zu senken, um Wohlstand und Wohlfahrt über die Welt zu verbreiten, erscheint aus Sicht der damaligen Ausgangslage durchaus logisch. Selbst die US-amerikanischen Egoismen müssen diese Sicht nicht verändern, wenn man sie als notwendige Antriebskraft zur Überwindung der Schockstarre nach dem Zweiten Weltkrieg einstuft. Hinzu kommt die von den USA betriebene Demokratisierung jener Länder, die autoritären Traditionen verhaftet waren, allen voran die Kriegsverlierer Deutschland und Japan – und nicht zu vergessen: die materielle Hilfe des Marshall-Plans für das zerstörte Europa.

Wie eingangs erwähnt, besteht in dem ausdrücklichen Bekenntnis des Bretton-Woods-Systems zur wirtschaftspolitischen Autonomie der Nationalstaaten der wesentliche Unterschied zur heutigen neoliberalen Wirtschaftsdoktrin. Das heißt, die allgemeine politische und die wirtschaftspolitische Selbstbestimmung der Nationalstaaten wurden damals noch als untrennbare Einheit aufgefasst. Wie dargestellt, erwies sich jedoch der Gold-Devisen-Standard und die dadurch hervorgehobene Funktion eines Landes als Hüter der Leitwährung, in diesem Fall der USA, trotz allem als Geburtsfehler des Systems.

Die oft geäußerte Meinung, mit einem Zurück zum Bretton-Woods-System seien die neoliberalen Irrungen aus der Welt zu schaffen, lässt sich offenkundig mit den historischen Tatsachen nicht in Einklang bringen. Allerdings fällt auch heute dem US-Dollar die Funktion einer (Quasi-) Leitwährung zu, nicht weil das international vereinbart wäre, sondern weil mit der »Liberalisierung« der nationalen Märkte offene Weltmärkte entstanden sind, auf denen die Wettbewerbspositionen der Marktteilnehmer und ihrer Produkte nur durch einen einheitlichen monetären Maßstab zu ermitteln und zur Grundlage wirtschaftlicher Transaktionen zu machen sind. Da mehr Transaktionen in Dollar – der Währung der größten Binnenwirtschaft – abgerechnet werden als in irgendeiner anderen Währung, fällt dem Dollar die Rolle der Quasi-Leitwährung ganz natürlich zu.

Kurz gesagt, der neoliberale Wettbewerb findet auf der Basis absoluter Preisvorteile in Dollar statt, und zwar mehr oder weniger unabhängig von den gerade geltenden Wechselkursen zwischen den nationalen oder supranationalen Währungen (wie etwa dem Euro) und dem Dollar. Für einzelne Unternehmen können die Wechselkurse noch eine Rolle spielen, und zwar abhängig davon, in welchem Verhältnis ihre Importe aus dem Dollarraum zu ihren Exporten in den Dollarraum stehen. Bei einem unausgewogenen Verhältnis sind Unternehmen angesichts der chaotischen Kursentwicklungen, die keine Planungssicherheit bieten, gezwungen, ihre Währungsrisiken durch Devisentermingeschäfte an den Finanzmärkten abzusichern.

Zurück zum neoliberalen Wettbewerb: Bei gleicher Qualität des Angebots gewinnt grundsätzlich derjenige Anbieter den Wettbewerb, der weltweit zum niedrigsten Dollarpreis anbietet. Die Preise werden aber nicht nur relativ unabhängig von den Wechselkursen gebildet – und sie können demzufolge auch nicht mehr durch bilaterale Wechselkurse neutralisiert werden –, sie spiegeln auch die extrem unterschiedlichen produktiven Bedingungen nur ungenügend wider, unter denen konkurrierende Produkte hergestellt werden. Diese Preisbildung, die jeder ökonomischen Grundlage entbehrt, bietet starke Anreize zum Preis-Dumping, erzeugt einen anarchischen globalen Wettbewerb und hat verheerende Folgen, wie im nächsten Abschnitt dargestellt.

10. Fazit

Bei einem Zurück zum Bretton-Woods-System würde sich die Weltwirtschaft wiederum in die Abhängigkeit der US-amerikanischen Politik begeben und die Geschichte des Scheiterns würde sich wiederholen. Bei einem Verbleib im neoliberalen System besteht neben den Gefahren US-amerikanischer Haushalts- und Zahlungsbilanzdefizite, die zu risikobehafteten Forderungen nationaler Zentralbanken gegenüber den USA führen, zusätzlich die Gefahr des andauernden weltweiten Preisdumpings und Verdrängungswettbewerbs. Preisdumping wird überwiegend durch Absenkung sozialer und ökologischer Standards betrieben. Der Verdrängungswettbewerb mit Dumping von Standards zwingt die Unternehmen darüberhinaus, ihre Stückkosten mittels sogenannter Größen- und Skalenvorteile weiter zu senken (siehe dazu Skalenerträge und Produktivität). Das erreichen sie vor allem durch Zusammenschlüsse untereinander und Aufkäufe von Mitbewerbern und beschleunigen dabei den neoliberalen Prozess der Konzentration von unternehmerischem Sach- und Geldkapital, der schließlich weltweit zur flächendeckenden Verödung gewachsener wirtschaftlicher Strukturen führt.

Die weltweiten Folgen sind nicht zu übersehen: Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltzerstörung bei ausgedünnten Wirtschaftsstrukturen und unterbrochenen regionalen Wirtschaftskreisläufen. Die globalisierte Wirtschaft zieht sich mehr und mehr in eine abstrakte transnationale Sphäre zurück, die keine Verbindung mehr zur sozialen und ökologischen Wirklichkeit hat (siehe auch den Artikel Transnationale Konzerne). Der unverzichtbare Primat der Politik über die Wirtschaft verkehrt sich ins Gegenteil. Wenigen Gewinnern stehen Massen von entmündigten Verlierern gegenüber. Und da auch die zunehmend globalisierten Wirtschaftskreisläufe bei weltweit rückläufiger Kaufkraft erodieren, befindet sich das neoliberale System in einem systembedingten Prozess der Selbstzerstörung.

Es gilt also, die Lehren aus der Geschichte von Wirtschaft und Wirtschaftspolitik zu ziehen. Unter den Maximen von Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie und mit dem Ziel allgemeinen Wohlstands und nachhaltiger Wohlfahrt kristallisiert sich eine nach menschlichem Ermessen zukunftsträchtige Wirtschaftsordnung heraus:

Die wirtschaftliche Freiheit muss durch eine Marktwirtschaft garantiert sein, die den Zugriff auf die Produktionsfaktoren (Arbeit, Naturressourcen und Kapital) in sozial und ökologisch ertragreiche Bahnen lenkt.

Die wirtschaftliche Selbstbestimmung muss durch nationale wirtschaftspolitische Autonomie garantiert sein, um alle Wirtschaftssubjekte mittels steuerlicher Anreize motivieren zu können, subsidiäre (dezentralisierte), flächendeckende, horizontal und vertikal vernetzte Strukturen und Wirtschaftskreisläufe zu bilden, auch über nationale Grenzen hinaus, statt ihr Produktionskapital zentralistisch zu konzentrieren.

Die subsidiären wirtschaftlichen Strukturen müssen mit den subsidiären politischen Strukturen, wie sie in den europäischen Verträgen beschworen werden, deckungsgleich sein, so dass die Bürger auf allen Ebenen demokratisch legitimierte, schlüssige Entscheidungen treffen können.

Schließlich müssen die natürlichen Produktivitätsunterschiede in der Welt durch bilateral vereinbarte feste Wechselkurse preislich neutralisiert werden, so dass der Außenhandel und Außenwettbewerb statt mit absoluten Preisvorteilen auf der Grundlage relativer Preisvorteile ausgetragen wird und statt Dumping und Verdrängungen weltweiten Fortschritt und gegenseitige Wohlstandsgewinne hervorbringt. Mehr dazu in den Artikeln Nachhaltige gesellschaftliche Wohlfahrt, Zukunftsfähiger Außenhandel und Komparativer Vorteil – aufgewertet.

Ergänzend empfehle ich die Artikel Produktionsfaktoren, Faktorpreisausgleich, Wirtschaftliche Subsidiarität, Wirtschaftliches Dumping und Wirtschaftlicher Wettbewerb.

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Bretton Woods System (English)

1 Comment

Comments RSS
  1. Theo

    Geehrter Herr Zeitler

    Mal kurz allgemein: Herzlichen Dank für die glasklaren Texte. Ein Genuss ist es, diese zu lesen und dann anschliessend das Gefühl zu haben, man verstehe nun gewisse Sachen endlich mal.

    Beste Grüsse
    Th. Hof -Luzern

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