Geldschöpfung und Geldvernichtung

Die Versorgung der Wirtschaft mit Krediten als Voraussetzung wirtschaftlicher Dynamik

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

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Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Die Gelddefinition
  3. Die Geldmenge
  4. Die Geldpolitik der Zentralbank
  5. Aktiva und Passiva der Zentralbank
  6. Die geldpolitischen Zuständigkeiten der Zentralbank
  7. Die Europäische Zentralbank (EZB)
  8. Geldschöpfung und Geldvernichtung der Zentralbank
  9. Geldschöpfung und Geldvernichtung der Geschäftsbanken
  10. »Philosophische« Betrachtungen zum Geld
  11. Kritische Anmerkungen zum Neoliberalismus

1. Überblick

Geld-regenIm Lichte der Verheerungen, die von der anhaltenden Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise ausgehen, mag das ökonomische Instrument der Geldschöpfung wie der zentrale Sündenfall erscheinen. Gerade deshalb aber ist es lohnend, die originäre Funktion dieses Instruments nüchtern ins Auge zu fassen. Denn Geldschöpfung, auf qualitatives Wachstum gerichtet, ist eine wesentliche Voraussetzung für wirtschaftliche Dynamik und gesellschaftliche Wohlfahrt. Somit spielt sie eine entscheidende Rolle beim Übergang von der gegenwärtigen neoliberalen zu einer sozialökologischen Wirtschaftsordnung.

Der vorliegende Artikel, der die moderne Geldwirtschaft und Geldpolitik zum Thema hat, ist als Fortsetzung des übergeordneten Artikels Geld und Geldpolitik zu verstehen, der die Entstehung und Entwicklung des Geldes und die vormoderne Geldwirtschaft behandelt.

2. Die Gelddefinition

Als Geld werden in der modernen Geldwirtschaft im weitesten Sinne alle Forderungen bezeichnet, die natürliche und juristische Personen gegenüber einer Volkswirtschaft innerhalb eines Währungsraumes haben. Ob eine Forderung auch über die Grenzen eines Währungsraumes hinaus denselben Wert oder überhaupt Bestand hat, hängt allerdings von den Währungsparitäten bzw. den Modalitäten des grenzüberschreitenden Geldverkehrs ab. Innerhalb einer Volkswirtschaft gilt beispielsweise: Wenn ein wirtschaftlicher Akteur über 100 Euro Bargeld oder ein Guthaben von 100 Euro auf einem Girokonto verfügt, dann ist er damit im Besitz einer Forderung dieses Gegenwertes, die er jederzeit gegenüber jedermann geltend machen kann, der Güter oder Dienstleistungen anbietet. Wenn er dagegen über 100 Euro auf einem Sparkonto verfügt, kann er diese Forderung – wegen der Kündigungsfrist – nur zeitverzögert geltend machen.

Der moderne Geldbegriff beinhaltet also sowohl sofort geltend zu machende als auch zeitverzögert geltend zu machende Forderungen.

Daneben gibt es gegenseitige Forderungen zwischen Zentralbank und Geschäftsbanken, die im Rahmen der geldpolitischen Steuerung der Zentralbank entstehen und nicht zu den als Geld bezeichneten Forderungen einer Volkswirtschaft zählen.

3. Die Geldmenge

Für die Verwaltung der genannten Forderungen, also des Geldes in all seinen Ausprägungen, sind die Geschäftsbanken zuständig. Zum Zwecke der geldpolitischen Steuerung durch die Zentralbank wird das Geld in vier verschiedene Geldmengen unterteilt:

  • Die Geldmenge M0
    umfasst das sogenannte Zentralbankgeld, das die Sichtguthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank und das gesamte Bargeld umfasst, also das in Umlauf befindliche sowie das in den Kassenbeständen der Geschäftsbanken befindliche. Die Geldmenge M0 wird von der Zentralbank gesteuert, die den Geschäftsbanken damit die sogenannte Geldbasis für deren Giralgeldschöpfung (Giralgeld ist Buchgeld) und deren Bargeldausgabe bereitstellt und so indirekt die Geldmenge M3 steuert.
  • Die Geldmenge M1
    umfasst das in Umlauf befindliche Bargeld ohne die Kassenbestände der Geschäftsbanken sowie die täglich fälligen Sichteinlagen auf den Girokonten der sogenannten Nichtbanken.
  • Die Geldmenge M2
    umfasst M1 plus Einlagen mit einer Laufzeit von zwei Jahren sowie Spareinlagen mit einer Kündigungsfrist von bis zu drei Monaten. M2 enthält damit zusätzlich Forderungen, die nur zeitverzögert geltend gemacht werden können.
  • Die Geldmenge M3
    umfasst M2 plus Geldmarktpapiere (verbriefte Einlagen von Banken für den Interbankenhandel sowie verbriefte Vermögensrechte von Nichtbanken) sowie Schuldverschreibungen (zum Beispiel Bundesobligationen) mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren. M3 enthält damit weitere Forderungen, die nur zeitverzögert bzw. speziell nur zwischen Geschäftsbanken geltend gemacht werden können. Somit umfasst das Aggregat M3 alle Forderungen innerhalb einer Volkswirtschaft, die als Geld bezeichnet werden.

4. Die Geldpolitik der Zentralbank

Mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens (siehe dazu auch den Artikel Bretton-Woods-System) und dem Ende der Goldstandards setzt eine zwiespältige Entwicklung ein: Einerseits erodieren die wirtschaftspolitischen Vollmachten der Nationalstaaten infolge der Verselbständigung globalwirtschaftlicher Aktivitäten, die von mächtigen privaten Akteuren betrieben werden, andererseits verfeinern die im neunzehnten Jahrhundert entstandenen nationalen Zentralbanken ihre Instrumente zur Steuerung der Geldwirtschaft. Dieses Instrumentarium ist auf einem erstaunlich hohen Niveau angekommen, auch wenn es unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung (siehe auch den Artikel Wirtschaftliche Globalisierung) nicht mehr wirkungsvoll im Sinne einer auf gesellschaftliche Wohlfahrt und ökologische Nachhaltigkeit gerichteten Wirtschaftspolitik angewendet werden kann (mehr dazu im unteren Abschnitt Kritische Anmerkungen).

Die Geldpolitik liegt in demokratisch verfassten Ländern idealerweise in der alleinigen Zuständigkeit der jeweiligen Zentralbank, das heißt, die Zentralbank ist per Gesetz unabhängig von politischen Weisungen anderer Organe. Unter diesen Bedingungen kann sie ihre geldpolitische Zielsetzung allein auf das optimale Wachstum der Geldmenge M3 richten, um vorrangig das Preisniveau zu stabilisieren und die Wirtschaft unter Berücksichtigung der konjunkturellen Lage angemessen mit Krediten zu versorgen. Entscheidend für das weitere Verständnis ist, dass die Zentralbank das Wachstum der Geldmenge nur indirekt mittels der Konditionen steuern kann, zu denen sie den Geschäftsbanken Zentralbankgeld anbietet. Dabei bedient sie sich zweier gegenläufiger Strategien:

Im Abschwung (Rezession) bietet sie größere Mengen an Zentralbankgeld zu niedrigen Leitzinssätzen an und versetzt dadurch die Geschäftsbanken ihrerseits in die Lage, der Wirtschaft mittels Giralgeldschöpfung (siehe unten) günstige Kredite für Investitionen und Konsum anzubieten. Dadurch wird die in Umlauf befindliche Geldmenge erhöht und es entsteht zugleich Druck auf das allgemeine Zinsniveau. Steigendes Kreditvolumen und sinkende Zinssätze üben zusammen eine belebende Wirkung auf die Realwirtschaft aus – allerdings auch mit der Gefahr eines steigenden Preisniveaus, dem die Zentralbank begegnen muss, sobald der Abschwung in einen Aufschwung übergeht.

Im Aufschwung (Expansion), spätestens aber in der Hochkonjunktur (im Boom), wendet die Zentralbank die gegenläufige Strategie an: Sie bietet den Geschäftsbanken geringere Mengen an Zentralbankgeld zu höheren Leitzinssätzen an und schränkt dadurch indirekt deren Giralgeldschöpfung ein. Die in Umlauf befindliche Geldmenge wächst folglich langsamer oder schrumpft sogar (was selten vorkommt). Sinkendes Kreditvolumen und steigende Zinssätze verhindern eine Überhitzung der Konjunktur, vor allem die Gefahr von Überkapazitäten, und dämpfen den Anstieg des Preisniveaus.

Um von der konjunkturellen Entwicklung nicht überrascht zu werden, passt die Zentralbank die Geldmenge in der Regel schon im vorhinein der voraussichtlichen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) an. Wenn zukünftig mit einer höheren Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu rechnen ist, schafft sie mit dem Zentralbankgeld vorsorglich die Voraussetzungen für eine Erhöhung der Geldmenge, so dass die Wirtschaft von den Geschäftsbanken rechtzeitig mit frischem Geld (mit Liquidität) versorgt werden kann und für die steigende Anzahl wirtschaftlicher Transaktionen ausreichend Geld in Umlauf ist. Bei voraussichtlich rückläufiger Produktion wird sie umgekehrt rechtzeitig die Voraussetzungen für ein geringeres Wachstum der Geldmenge oder für eine schrumpfende Geldmenge schaffen.

Zur Bestimmung der Geldmenge M3 (des Geldmengenziels) für eine zukünftige Periode, muss die Zentralbank das Wirtschaftswachstum, den Preisanstieg sowie die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes – das sind die in einer Periode zu leistenden Zahlungen – abschätzen. Dabei gilt, dass die Geldmenge mit dem Wirtschaftswachstum und dem Preisanstieg wachsen muss, während es sich bei der Umlaufgeschwindigkeit umgekehrt verhält: Wenn mehr Zahlungen erwartet werden und die Wirtschaftssubjekte dadurch im Schnitt weniger Geld in ihren Kassen halten, die Umlaufgeschwindigkeit also steigt, kann das Geldmengenziel um die erwartete Rate gesenkt werden. Wenn weniger Zahlungen erwartet werden und die Wirtschaftssubjekte ständig mehr Geld in ihren Kassen halten, die Umlaufgeschwindigkeit also abnimmt, muss das Geldmengenziel um die erwartete Rate erhöht werden.

Üblicherweise gibt die Zentralbank ihr geplantes Geldmengenziel zu Beginn einer Periode bekannt, so dass die Wirtschaftssubjekte einerseits sicher sein können, für ihre geplanten Investitionen ausreichend Kredite zu angemessenen Zinsen und Konditionen zu erhalten, ihnen andererseits aber auch die Grenze des volkswirtschaftlichen Investitionsvolumens aufgezeigt wird, über die hinaus die Zinsen wegen der dann einsetzenden Verknappung des Geldes (Deflation der Geldmenge) steigen würden und der Geldwert erhöht bzw. die Geldentwertung gebremst würde. Steigende Zinsen und deflationäre Tendenz würden dann die Investitionstätigkeit im Sinne der Geldpolitik automatisch begrenzen und das wirtschaftliche Gleichgewicht sichern. Falls die Zentralbank sich verschätzt und die Geldmenge zu stark erhöht (Inflation der Geldmenge), würden umgekehrt die Zinsen und der Geldwert sinken.

5. Aktiva und Passiva der Zentralbank

Im Zuge ihrer geldpolitischen Steuerung entstehen bei der Zentralbank einerseits Forderungen an Dritte (Aktiva) und andererseits Forderungen von Dritten (Passiva).

Zu den Aktiva zählen

  1. Währungsreserven in Gold und fremder Währung (Devisen),
  2. Forderungen an Geschäftsbanken aus Refinanzierungsgeschäften (siehe unten), und
  3. je nach Gesetzeslage auch Forderungen an öffentliche Haushalte.

Zu den Passiva zählen

  1. der Bargeldumlauf in eigener Währung innerhalb und außerhalb der Volkswirtschaft,
  2. Einlagen der Geschäftsbanken wie Mindestreserve und Einlagenfazilität (siehe unten), und
  3. Einlagen des Staates und ausländischer Institute.

6. Die geldpolitischen Zuständigkeiten der Zentralbank

Die gesamten geldpolitischen Zuständigkeiten der Zentralbank lassen sich abschließend in sieben Punkten zusammenfassen:

  1. das Monopol zur Herstellung von Münzen und Banknoten und die Versorgung der Wirtschaft mit Bargeld über die Geschäftsbanken,
  2. die Festlegung und Durchsetzung der Geldpolitik im Zusammenspiel mit den Geschäftsbanken, vor allem die Steuerung der Geldmenge,
  3. die Verwahrung und Anpassung der noch vorhandenen Goldreserven,
  4. die Führung von Zentralbankkonten für den Zahlungsverkehr der Geschäftsbanken,
  5. die Aufsicht über die Finanzmärkte einschließlich deren Institute und Produkte,
  6. die Verwaltung ausländischer Zahlungsmittel (Devisen), und
  7. die Zusammenarbeit mit staatlichen Stellen und ausländischen Instituten.

Alles in allem führt die Funktion der Zentralbank in der modernen Geldwirtschaft dazu, dass die letzte Sicherheit für den Werterhalt des Geldes (der letzte Schuldner) nun nicht mehr primär das Gold ist, sondern die Volkswirtschaft als Ganzes, garantiert durch die Qualität der Geldpolitik, speziell durch den Grad der Unabhängigkeit der Zentralbank. Dadurch entsteht erstmals in der Wirtschaftsgeschichte ein allgemeines Bewusstsein für die Bedeutung, die eine nationale Geldpolitik für die wirtschaftliche Stabilität und das Wohlergehen aller Bürger hat.

Seit der letzten Finanzmarktkrise, die 2008 ihren Lauf nahm, wird Gold allerdings von den Nationalbanken weltweit wieder vermehrt als letzte Sicherheit gehortet. Die Ursache für die Krise und die erneute Bedeutung von Goldreserven liegt in der Deregulierung der Finanzmärkte und der dadurch bedingten Gefahr, dass fahrlässige und kriminelle Transaktionen an den Kapitalmärkten weltweit unkontrollierbare Folgen haben können.

7. Die Europäische Zentralbank (EZB)

Download (1)Eine Besonderheit stellt das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) dar, das aus der 1998 mit Einführung des Euro gegründeten Europäischen Zentralbank und den nationalen Zentralbanken der EWU-Mitgliedsstaaten besteht, die etliche ihrer Vollmachten an die EZB abgetreten haben. Innerhalb des ESZB gibt es das sogenannte Eurosystem, dem nur die Zentralbanken der Euroländer angehören.

Das vorrangige geldpolitische Ziel des ESZB ist die im EG-Vertrag festgelegte Stabilisierung des Preisniveaus innerhalb der Eurozone, gemessen am Verbraucherpreisindex, dessen Anstieg dauerhaft unter zwei Prozent per anno gehalten werden soll. Auch bedingt durch die Heterogenität der Eurozone ist dieses Ziel bisher schon mehrmals verfehlt worden. Alle anderen Ziele, wie die Beiträge des ESZB zur konjunkturellen Entwicklung, insbesondere zum Wirtschaftswachstum und zum Beschäftigungsniveau, sind der Preisniveaustabilität laut EG-Vertrag untergeordnet. Wie sich allerdings seit Jahren zeigt, sind die untergeordneten Ziele unter den neoliberalen Bedingungen offener globaler Märkte mit geldpolitischen Maßnahmen nur strohfeuerartig oder gar nicht zu beeinflussen.

Positiv zu vermerken ist, dass es dem ESZB laut EG-Vertrag untersagt ist, öffentlichen Haushalten Kredite zu gewähren. Eine Finanzierung von Haushaltsdefiziten »über die Notenpresse« mit der Gefahr einer Hyperinflation sollte damit eigentlich ausgeschlossen sein. Die staatlichen Überschuldungen innerhalb der Eurozone, besonders die jüngsten Versuche, Griechenland um jeden Preis in der Eurozone zu halten, haben leider gezeigt, dass die Vertragstexte nicht das Papier wert sind, auf dem sie geschrieben stehen: Die EZB scheut sich offenkundig unter politischem Druck nicht, Staatsanleihen überschuldeter Staaten gegen drittklassige Sicherheiten aufzukaufen. Ergänzend empfehle ich die Artikel EU: Bundesstaat oder Staatenbund? und Demokratie und europäische Integration.

8. Geldschöpfung und Geldvernichtung der Zentralbank

moneyAls Geldschöpfung wird der Prozess bezeichnet, bei dem im Zusammenwirken von Zentralbank und Geschäftsbanken neues Geld in Umlauf gebracht und dadurch die Geldmenge erhöht wird. Geldvernichtung ist der umgekehrte Prozess, bei dem Geld aus dem Wirtschaftskreislauf abgezogen wird. Die Funktion der Zentralbank ist bei diesen Prozessen von der Funktion der Geschäftsbanken zu unterscheiden.

Um Verwechslungen vorzubeugen: Der Begriff Geldvernichtung bezieht sich im hier gegebenen Zusammenhang nicht auf die routinemäßige Vernichtung beschädigter Münzen und Geldscheine, die ja umgehend durch neue Münzen und neue Geldscheine ersetzt werden.

Die Zentralbank bestimmt zunächst mit der eigenmächtigen Schöpfung bzw. Vernichtung von Zentralbankgeld über die Zentralbankgeldmenge, die auch als Geldbasis der Volkswirtschaft bezeichnet wird, genauer gesagt, als verbindliche geldpolitische Basis zur Steuerung der Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken und letztlich der Geldmenge M3. Zur Geldbasis zählt das gesamte Bargeld sowie die in Währungseinheiten geführten Sichtguthaben der Geschäftsbanken auf Konten der Zentralbank. Über diese Konten erfolgt der Handel zwischen Geschäftsbanken und Zentralbank einschließlich des Erwerbs von Bargeld durch die Geschäftsbanken, das diese gemäß der Nachfrage der Nichtbanken in Umlauf bringen. Überdies dienen die Konten dem Interbankenhandel mit Zentralbankgeld, mit dem die Geschäftsbanken kurzfristige Überschüsse und Defizite gegenseitig ausgleichen.

Die Zentralbank setzt für ihre geldpolitische Steuerung hauptsächlich zwei Instrumente ein: die Mindestreserve und die Refinanzierungsgeschäfte.

Mit der Mindestreserve verpflichtet die Zentralbank die Geschäftsbanken, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Kundeneinlagen (Verbindlichkeiten), dessen absolute Beträge monatlich pro Bank neu berechnet und festgelegt werden, auf einem Konto bei der Zentralbank zu halten. Die Mindestreserven sind Teil der Geldbasis und erhöhen diese laufend, wenn sie von der Zentralbank verzinst werden. Zum Beispiel verlangt die EZB derzeit einen Mindestreservesatz von 2 Prozent, zudem verzinst sie die Mindestreserve, um die Geschäftsbanken nicht zu belasten. Über die restliche Liquidität ihrer Kundeneinlagen – im Falle der EZB also 98 Prozent – können die Geschäftsbanken frei verfügen und sie beispielsweise als Kredite an Kunden vergeben oder auch vorübergehend bei der Zentralbank verzinst anlegen. Je niedriger die Zentralbank den Mindestreservesatz ansetzt, desto mehr freie Liquidität verbleibt den Geschäftsbanken und desto stärker kann die Geldmenge M3 durch die Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken wachsen. Zugleich erhöht sich bei einer niedrigen Reserve aber auch das Geschäftsrisiko der Geschäftsbanken. Bei einem höher angesetzten Mindestreservesatz entsteht die entgegengesetzte Wirkung. Kurz gesagt, kann die Zentralbank mit dem Mindestreservesatz indirekt die Geldmenge M3 sowie einen Teil der volkswirtschaftlichen Risiken der Geldgeschäfte steuern. Die hinterlegten Mindestreserven sind unantastbar und bleiben vom Handel mit Zentralbankgeld ausgeschlossen.

Über die Refinanzierungsgeschäfte der Zentralbank können sich die Geschäftsbanken unabhängig von ihren Kundeneinlagen zusätzliches Zentralbankgeld gegen notenbankfähige Sicherheiten (Aktiva wie Schuldverschreibungen, Devisen und Edelmetalle) beschaffen. Durch die Mindestreserve, die einen Teil ihrer Kundeneinlagen und Liquidität bindet, sind die Geschäftsbanken gezwungen, die Refinanzierungsgeschäfte umso ausgiebiger zu nutzen, so dass sich deren steuernde Wirkung im Sinne der Geldpolitik der Zentralbank erhöht. Guthaben aus Refinanzierungsgeschäften werden als Überschussreserve bezeichnet, die selbst nicht der Mindestreservepflicht unterliegen, so dass die Geschäftsbanken damit eins zu eins ihre Liquidität erhöhen und für weitere Kredite an Kunden nutzen können. Anders ausgedrückt, können sie mit dem zusätzlichen Zentralbankgeld zusätzliche Kundenkredite refinanzieren. Umgekehrt können sie aber auch überschüssige Liquidität bei der Zentralbank als Zentralbankgeld verzinst anlegen.

Bei den mittel- und langfristigen Refinanzierungsgeschäften (den sogenannten Offenmarktgeschäften), die eine Laufzeit von einer Woche bis zu drei Monaten haben, wird den Geschäftsbanken von der Zentralbank jeweils explizit angeboten, entweder Aktiva eines bestimmten Volumens gegen eine Gutschrift von Zentralbankgeld befristet zu verpfänden und dafür einen bestimmten Leitzinssatz zu zahlen – in diesem Fall verschulden sich die Geschäftsbanken bei der Zentralbank – oder umgekehrt überschüssiges Zentralbankgeld befristet gegen Aktiva der Zentralbank zu verpfänden und dafür mit einem Leitzinssatz entschädigt zu werden – in diesem Fall verschuldet sich die Zentralbank bei den Geschäftsbanken.

Die kurzfristigen Refinanzierungsgeschäfte (sogenannte Ständige Fazilitäten), die denselben Ablauf, aber nur eine Laufzeit von einem Tag und eigene, meist niedrigere Leitzinssätze haben, können von den Geschäftsbanken jederzeit in eigener Initiative und mit beliebigem Volumen in Anspruch genommen werden. Die Gutschrift von Zentralbankgeld wird in diesem Fall als Spitzenrefinanzierungsfazilität und die Anlage von überschüssigem Zentralbankgeld als Einlagenfazilität bezeichnet. Die Leitzinssätze der beiden Fazilitäten bilden zugleich die Ober- bzw. Untergrenze der Zinssätze am Geldmarkt, also zum Beispiel für das Tagesgeld.

Kurz gesagt, kann die Zentralbank das Wachstum der Geldmenge M3 indirekt anheizen (expansive Geldpolitik), indem sie den Geschäftsbanken anbietet, Zentralbankgeld gegen die Verpfändung von Aktiva und gegen Zahlung eines relativ niedrigen Leitzinssatzes befristet gutgeschrieben zu bekommen, oder sie kann das Wachstum der Geldmenge indirekt bremsen (restriktive Geldpolitik), indem sie den Geschäftsbanken anbietet, Zentralbankgeld gegen Aktiva der Zentralbank und zu einem relativ hohen Leitzinssatz befristet anzulegen, also vorübergehend stillzulegen. Die Leitzinssätze, die für lang- und kurzfristige Refinanzierungsgeschäfte unterschiedlich sind, beeinflussen zugleich indirekt die entsprechenden Zinsniveaus innerhalb der Volkswirtschaft.

9. Geldschöpfung und Geldvernichtung der Geschäftsbanken

Die Geschäftsbanken können Geld auf zweierlei Art schöpfen:

  1. Indem sie von Nichtbanken Aktiva wie Wertpapiere, Immobilien, Edelmetalle oder Devisen ankaufen und den Verkäufern dafür Bargeld auszahlen oder Sichtguthaben auf einem Girokonto einräumen. Falls die Aktiva notenbankfähig sind, können sie von den Geschäftsbanken im Rahmen der Refinanzierungsgeschäfte gegen Zentralbankgeld verpfändet werden und so deren Liquidität erhöhen.
  2. Indem sie im Rahmen ihrer freien Liquidität Kredite an Kunden in bar oder als Sichtguthaben auf Girokonten gegen die Verpfändung von Sicherheiten und gegen Zinszahlung vergeben (auch Kreditschöpfung genannt). Die freie Liquidität der Geschäftsbanken setzt sich zusammen aus ihren Kundeneinlagen (abzüglich der Mindestreserve), ihren Kassenbeständen an Bargeld sowie ihren Sichtguthaben an Zentralbankgeld, das sie durch Refinanzierungsgeschäfte erworben haben.

Jeder Ankauf von Aktiva und jeder Kundenkredit einer Geschäftsbank, ob bar ausgezahlt oder als Sichtguthaben gutgeschrieben, erhöht unmittelbar die Geldmenge M1 und damit auch das Aggregat M3. Wenn ein Kunde seinen Kredit tilgt und der Schuldtitel aufgelöst wird, verringert sich die Geldmenge sofort wieder um das entsprechende Volumen – das geschöpfte Geld wird sozusagen wieder vernichtet, daher der missverständliche Begriff Geldvernichtung. Durch die Tilgung erhöht sich jedoch gleichzeitig die Liquidität der kreditgebenden Geschäftsbank, so dass sie in gleicher Höhe sofort neue Kredite vergeben, also erneut Geld schöpfen kann.

Eine Besonderheit bei der Geldschöpfung der Geschäftsbanken ist die sogenannte multiple Geldschöpfung, deren Wirkung oft als schwarze Magie oder sündhafte Geldvermehrung missverstanden wird. Der Mechanismus ist nach dem bisher Gesagten einfach zu verstehen:

Ich beginne mit der missverständlich-vereinfachten Vorstellung, jeder beliebige Kreditwunsch würde unbedingt erfüllt und die Geldmenge unkontrolliert in die Höhe treiben: Wenn eine Geschäftsbank A einem Kunden einen Kredit von 1.000 Euro gewährt, dieser Kunde anschließend einen Kauf tätigt und mit dem Kredit bezahlt, kann der Verkäufer die 1.000 Euro bei seiner Bank B anlegen, deren Kundeneinlagen sich dadurch um diesen Betrag erhöhen. Die Bank B ist durch ihren Liquiditätszuwachs anschließend in der Lage, einem ihrer Kunden ebenfalls einen Kredit von 1.000 Euro einzuräumen, den dieser wiederum für einen Kauf nutzen kann, dessen Verkäufer das Geld bei seiner Bank C anlegt, und so weiter und so fort. Irgendwann würde das Geld wieder bei der ursprünglichen Bank A landen, die Geldschöpfung würde sich unendlich fortsetzen und hätte eine unendlich hohe Gesamtkreditsumme und Geldmenge zur Folge.

In der Praxis gibt es jedoch keine unendliche Geldvermehrung, weil die multiple Geldschöpfung durch drei Faktoren begrenzt wird:

  1. die Mindestreservepflicht,
  2. die Barreserve, die Banken ständig in ihren Kassen halten müssen, weil die Kunden sich ihre Einlagen zum Teil in bar auszahlen lassen, sowie
  3. die Begrenzung der Kreditnachfrage durch fehlende Sicherheiten und die Knappheit von Wachstumsressourcen.

Auf die Praxis bezogen, würde sich im obigen Beispiel die Liquidität der Bank B nach der Kundeneinlage von 1.000 Euro bei einem Mindestreservesatz von 2 Prozent (EZB-Satz) und einem realistischen Barreservesatz von 20 Prozent sofort um 22 Prozent auf 780 Euro verringern. Bei Bank C betrüge der Liquiditätszuwachs nur noch 780 Euro minus 22 Prozent, also 608,40 Euro. Wenn man alle Beträge der unendlichen Reihe addiert, ergibt sich statt einer unendlichen nur eine Gesamtkreditsumme von 4545,45 Euro. Entsprechend verringert sich der sogenannte Geldschöpfungsmultiplikator von unendlich auf rund 4,54. Dazu kommt, wie gesagt, dass die Kreditnachfrage der Nichtbanken durch deren verfügbare Sicherheiten und die verfügbaren volkswirtschaftlichen Ressourcen zur sinnvollen wirtschaftlichen Nutzung von Krediten begrenzt wird.

Generell gilt, dass jede Geschäftsbank nur solange Kredite vergeben und mittels Krediten Geld schöpfen kann, bis ihre freie Liquidität erschöpft ist. Die Gesamtheit der Banken kann die Kreditschöpfung zwar, wie dargestellt, mittels der multiplen Geldschöpfung in die Höhe treiben – aber immer nur in den Grenzen, die die Zentralbank mit den Instrumenten ihrer Geldpolitik setzt. Praktisch erhöht sich die Geldmenge in der Volkswirtschaft immer nur um die Differenz zwischen der gesamten Kreditaufnahme und der gesamten Kredittilgung. Durch die Kreditschöpfung entsteht auch kein volkswirtschaftliches Risiko, solange die Geschäftsbanken ihre Kredite so hoch absichern, dass eine Tilgung auch bei Zahlungsunfähigkeit ihrer Kunden und selbst bei einem krisenhaften Werteverfall der Sicherheiten noch möglich ist. Zu unterstreichen ist schließlich, dass eine von der Zentralbank angemessen kontrollierte Kreditschöpfung die Voraussetzung für eine dynamische Wirtschaftsentwicklung ist und – solange das dadurch induzierte Wirtschaftswachstum qualitativen Kriterien genügt – auch die Voraussetzung für nachhaltige Wohlfahrt ist.

Die Finanzmarktkrise, die 2008 ihren Lauf nahm, hat eindrucksvoll demonstriert, welche verheerenden Folgen schlecht abgesicherte Kredite – in diesem Fall die US-Hypothekendarlehen – haben können. Und die Krise hat auch offengelegt, dass es Aufgabe der US-Notenbank (Federal Reserve System) gewesen wäre, den Werteverfall der Sicherheiten – in diesem Fall der US-Immobilien – vorbeugend durch eine angepasste Zinspolitik zu verhindern. Der vor der Krise noch hochverehrte damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan muss seither damit leben, als Vater der Finanzmarktkrise in die Geschichte einzugehen. Aber auch die EZB hat dem Treiben tatenlos zugesehen, statt den Handel mit hochriskanten US-Papieren, insbesondere den mortgage backed securities, zu unterbinden.

Weitere Einzelheiten dazu sind in dem Artikel Finanzmarktkrise 2008 nachzulesen.

10. »Philosophische« Betrachtungen zum Geld

Geld ist in all seinen Ausprägungen Schuldverschreibung einer Volkswirtschaft mit risikobehafteter Wertbeständigkeit und Einlösbarkeit. Wer Geld entgegennimmt, geht eine Wette darauf ein, es jederzeit und wertbeständig gegen Waren und Leistungen einlösen zu können. Einlösbarkeit und Wertbeständigkeit von Geld ist unlösbar mit dem Schicksal der schuldnerischen Volkswirtschaft verknüpft.

Geldschöpfung ist ein Balanceakt auf dem schmalen Grat der fortschrittsdienlichen Inflation. Frisches Geld entwertet die gesamte Geldmenge bei zugleich zinsgünstigeren Krediten, Fortschritt verheißenden Investitionen, beschleunigten Wirtschaftskreisläufen und steigender Arbeitsnachfrage. Wer bei Inflation nur konsumiert und nicht investiert, findet sich auf der Verliererseite wieder. Ein Zuviel an frischem Geld, an Inflation, eilt jedoch der Lohnentwicklung voraus, erzeugt panisches Konsumverhalten, verringert die Planungssicherheit von Investitionen und bremst schließlich die Wirtschaftskreisläufe und die Arbeitsnachfrage. Eine statische oder schrumpfende Geldmenge (deflationierende Geldpolitik) durch Verzicht auf frisches Geld sichert bzw. erhöht den Wert des Geldes bei zugleich steigenden Zinsen, rückläufiger Kreditnachfrage und Investitionstätigkeit sowie rückläufigem Konsum und bremst schließlich ebenfalls die Wirtschaftskreisläufe und die Arbeitsnachfrage. Die Kunst der Geldschöpfung besteht demnach darin, die Geldmenge fortlaufend in einem Maße zu erhöhen, das alle Einflussgrößen der Wirtschaftskreisläufe stets im Gleichgewicht hält.

Kredite sind das Zuckerbrot der wirtschaftlichen Entwicklung. Sie eröffnen mittellosen, ideenreichen Kapitalnehmern die Chance, ihr geistiges Kapital in reales umzuwandeln; solventen Kapitalgebern geben sie Gelegenheit, ihr überschüssiges Geld verzinst zum eigenen und bestenfalls auch zum allgemeinen Wohl anzulegen. Geldbesitzer sind also gut beraten, möglichst geringe Kassenbestände zu halten, auch unter dem Kopfkissen, wenn sie der sicheren Geldentwertung entgehen wollen. Als Kreditgeber sollten sie auf wertbeständiger und garantierter Absicherung durch reale Werte oder Bürgschaften Dritter bestehen, auch um Kreditnehmer in die Pflicht zu nehmen, sich bei ihren Projekten anzustrengen und Zins und Tilgung pünktlich zu entrichten. Was die Zinseinkünfte von Kapitalgebern betrifft, sollten sie auf dem Boden der Tatsachen bleiben und langfristig nicht viel mehr als einen Inflationsausgleich für ihre Investitionen erwarten.

11. Kritische Anmerkungen zum Neoliberalismus

Hervorzuheben ist zunächst, dass die über mehrere Jahrtausende erfolgte evolutionäre Entwicklung des Geldwesens eine einzigartige kulturelle Leistung darstellt. Die Bedeutung dieser Entwicklung wird noch durch die gegenseitige Befruchtung geldwirtschaftlicher und marktwirtschaftlicher Prinzipien erhöht. Die Erfahrungen, auf die wir dank dieses Zusammenwirkens zurückgreifen können, müssten uns eigentlich in die Lage versetzen, unsere wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft mit großer Zuversicht zu gestalten. Offenkundig mangelt es aber daran, das Zerstörungspotential der enormen finanzwirtschaftlichen und ökonomischen Verzerrungen richtig einzuschätzen, das der neoliberalen Freihandelsdoktrin innewohnt.

Die Exzesse beginnen mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts und der daraufhin einsetzenden »Liberalisierung« der Geld- und Kapitalmärkte:

Die Geldpolitik verliert seither zusehends ihre Wirkung, weil bei freiem Geld- und Kapitalverkehr ein internationaler Wettbewerb um die günstigsten Kreditbedingungen entsteht. Der lässt einerseits den Zentralbanken im nationalen bzw. supranationalen Interesse keine andere Wahl, als den Geschäftsbanken international »wettbewerbsfähige« Bedingungen bei der Bereitstellung von Zentralbankgeld und sonstiger Liquidität einzuräumen. Andererseits nötigt er Geschäftsbanken und Kreditnehmer, ihre Aktivitäten in Länder mit günstigeren Konditionen zu verlagern.

Noch gefährlicher ist der Eigenhandel unter Geschäftsbanken, der keinerlei Mehrwert schafft, aber großen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten kann, besonders wenn er mit undurchsichtigen Finanzprodukten betrieben wird. Die Finanzmarktkrise 2008 hat diese Gefahr der ganzen Welt überdeutlich vor Augen geführt. Statt Eigenhandel zu betreiben, müssen die Geschäftsbanken von Finanzaufsicht und Zentralbank wieder zum eigentlichen Bankgeschäft angehalten werden: nämlich Spareinlagen von regionalen Kunden zu gewinnen und das Geld an andere regionale Kunden als Kredite zu vergeben.

Im Zuge der »Liberalisierung« der Geld- und Kapitalmärkte mussten zudem die festen Wechselkurse aufgegeben werden, weil die Kurse nun vor allem durch Angebot und Nachfrage am »liberalisierten« Devisenmarkt bestimmt wurden. Damit stiegen zugleich die Anreize für weltumspannende Devisenspekulationen und machten die Wechselkurse zum Spielball kapitalkräftiger Spekulanten. Deshalb ist gegenwärtig der Einfluss der Zentralbanken auf die Wechselkurse darauf beschränkt, die schlimmsten Übertreibungen der Kursentwicklungen mit gegenläufigen Devisentransaktionen zu dämpfen.

Schließlich wurden nach den Geld- und Kapitalmärkten auch die Güter- und Dienstleistungsmärkte Zug um Zug »liberalisiert«. Seither wird der Wettbewerb im internationalen Handel wegen der chaotischen Währungsparitäten auf Basis des US-Dollars als »natürlicher« Leitwährung ausgetragen. Das heißt zugleich, dass die natürlichen Produktivitätsunterschiede zwischen den Volkswirtschaften nicht mehr durch vereinbarte Wechselkurse neutralisiert werden. Wer zum niedrigsten Dollarpreis anbietet, gewinnt jeweils den Wettbewerb. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sehen sich die Volkswirtschaften gezwungen, ihre sozialen und ökologischen Standards zu drücken und setzen damit eine weltweite Abwärtsspirale mit entsprechenden Verheerungen in Gang. Ehrliche Preiskalkulation wird durch fortgesetztes Dumping ersetzt.

Die Eurozone betreffend ist festzuhalten, dass die internen »Marktliberalisierungen« ähnliche Verzerrungen und Verheerungen zur Folge haben wie die entsprechenden Öffnungen auf globaler Ebene. Die Eurozone und die EU sind insofern eine neoliberale Musterzone, in der Länder unterschiedlichster Produktivität und Tradition zu offenen und folglich heterogenen Märkten zusammengefasst sind. Mit jedem neuen Beitrittsland nimmt die Heterogenität weiter zu. Der zunehmende Kostendruck im Wettbewerb auf offenen Märkten beschleunigt den Prozess der Konzentration von wirtschaftlichem Kapital und wirtschaftlicher Macht, der eine der Ursachen für die hohe Arbeitslosigkeit in der EU und weltweit ist. Die sukzessive Öffnung der Arbeitsmärkte verstärkt die Schieflage noch: Nun kann nicht nur das Kapital zur »billigen« Arbeit wandern, um höchste Kapitalrenditen zu erzielen, sondern auch die »billige« Arbeit in Hochlohnländer zuwandern und dort das gewachsene Gleichgewicht von Produktivität, Löhnen und Kaufkraft untergraben. Damit ist nichts gegen den Austausch von Arbeitskräften oder gegen kontrollierte Wanderbewegungen gesagt. An den Pranger zu stellen ist einzig die herrschende neoliberale Wirtschaftsdoktrin, die der Entwicklung produktiver regionaler Wirtschaftskreisläufe im Wege steht. Nur eine Vielzahl wirtschaftlich eigenständiger Regionen kann das Fundament bilden, auf das sich überregionale Entwicklungen und überregionaler Handel gründen.

Die prinzipielle Antwort auf die Frage »Was ist zu tun?« erscheint bei nüchterner Analyse einfach: Zu fordern und zu fördern ist regionale wirtschaftspolitische Autonomie, demokratisch legitimiert, als Fundament überregionaler Zusammenarbeit jeglicher Art – gemäß dem immer noch in allen EU-Verträgen hochgehaltenen Prinzip der Subsidiarität! Anders ausgedrückt: Regionale Autonomie ist unabdingbar, um eine Rückbesinnung auf regionale Ressourcen zu ermöglichen, deren Nutzung Voraussetzung ist für Vielfalt, Robustheit und Fortschritt in der Welt, also letztlich für soziale und ökologische Nachhaltigkeit, sprich: Vollbeschäftigung und Umweltschutz. Denn gleichberechtigte, autonome Regionen setzen alles daran, ihre Beziehungen so zu gestalten, dass Verheerungen vermieden und stattdessen soziale und ökologische Erträge erzielt werden.

Bezogen auf die oben erwähnten Wechselkurse bedeutet das: Diese müssen zwischen Handelspartnern regelmäßig so kalkuliert und vereinbart werden, dass das natürliche Preisgefälle (und damit indirekt das natürliche Produktivitätsgefälle) im Schnitt rechnerisch neutralisiert wird, so dass der Wettbewerb auf der Grundlage relativer Preisvorteile stattfindet und statt neoliberaler Verdrängungen Lernfortschritte und Wohlstandsgewinne induziert.

Bezogen auf die Geld- und Kapitalmärkte bedeutet das: Unter der Aufsicht der Zentralbank muss sich der Geld- und Kapitalverkehr – vor allem der grenzüberschreitende – darauf beschränken, der Realwirtschaft und deren Außenhandel zu dienen.

Zur Vertiefung empfehle ich die Artikel Neoliberale Wirtschaftsdoktrin, Neoliberaler Teufelskreis, Wirtschaftliche Regionalisierung, Wirtschaftlicher Wettbewerb sowie Zukunftsfähiger Außenhandel.

Hier geht’s zur englischsprachigen Version: Money Creation and Destruction

1 Comment

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  1. Andreas Willener

    Bevor ich diesen Artikel las, hätte ich nicht gedacht, dass es möglich wäre, unseren aktuellen Tanz auf dem Vulkan dermassen kurz und klar darzustellen. Der Artikel deckt sich mit meiner seit langem gewachsenen Meinung. Ich wäre aber nicht in der Lage gewesen, die Fakten mit so wenigen Worten so klar auszudrücken. Herr Zeitler, herzlichen Dank dafür.

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