Geld und Geldpolitik

Die Entstehung der modernen Geldwirtschaft und ihre neoliberalen Irrungen

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Entstehung und Entwicklung des Geldes
  3. Der Ursprung: Die Naturalwirtschaft
    > Schritt 1: Arbeitsteilung und Naturaltauschgeschäfte
    > Schritt 2: Naturalleihgeschäfte und Naturalzins
  4. Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft
    > Schritt 3: Naturalwirtschaft mit Schuldanerkenntnissen
    > Schritt 4: Naturalwirtschaft mit übertragbaren Schuldanerkenntnissen
  5. Die vormoderne Geldwirtschaft
    > Schritt 5: Genormtes Geld und zentrale Kontrolle
    > Schritt 6: Darlehensgeschäfte mit Geldzins
    > Schritt 7: Staatliche Kontrolle der Geldwirtschaft
    > Schritt 8: Nationaler und internationaler Goldstandard

In Fortsetzung dieses Artikels wird die moderne Geldwirtschaft und Geldpolitik in dem Artikel Geldschöpfung und Geldvernichtung behandelt.

1. Überblick

Geld-regenDas Geld ist wegen seiner Un-Dinglichkeit und Flüchtigkeit von Mythen umrankt wie kein anderes wirtschaftliches Instrument. Nüchtern einordnen und entzaubern lässt es sich nur, wenn man sich die Logik seiner Entstehungsgeschichte vor Augen führt. Allerdings wird die einzigartige, ja geniale wirtschaftliche Funktion des Geldes durch die Irrungen der neoliberalen Globalisierung und nun aktuell durch die Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise erneut in Verruf gebracht. Eine Ehrenrettung des Geldes ist angesagt.

2. Entstehung und Entwicklung des Geldes

Geld gehört zweifellos zu den wenigen elementaren Erfindungen und Entdeckungen, die den Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit nachhaltig geprägt haben. Zu seiner Ehrenrettung ist festzuhalten, dass es auf einer Stufe mit der Nutzbarmachung des Feuers und der Erfindung des Rades steht.

Keine Erfindung hat den Austausch von Gütern und Dienstleistungen und das arbeitsteilige Wirtschaften stärker beflügelt als die des Geldes. Aber es gibt auch kein wirtschaftliches Instrument, um das sich so viele Mythen ranken und das so mysteriös erscheint wie das Geld. Der Volksmund weiß, dass Geld beruhigt, aber nicht glücklich macht, dass es sogar den Charakter verdirbt. Der Ruf des Geldes war und ist schillernd: Einerseits verleitet es zu Träumen von Reichtum, Macht und absoluter Freiheit, andererseits erzeugt es Angst vor der ihm eigenen Un-Dinglichkeit und Flüchtigkeit.

Die ambivalente Haltung gegenüber dem Geld hat sich seit Beginn der heißen Phase der wirtschaftlichen Globalisierung in den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts noch verstärkt und jetzt, im Verlauf der 2008 einsetzenden Finanzmarktkrise, einen neuen Höhepunkt erreicht. Was liegt da näher, als die Funktion des Geldes nüchtern unter die Lupe zu nehmen?! Bei aller Komplexität sind die Prinzipien der modernen Geldwirtschaft doch leicht zu durchschauen, wenn man sich die Entstehung und Entwicklung des Geldes im historischen Ablauf prinzipiell vor Augen führt. Der betrachtete Zeitraum erstreckt sich von der Altsteinzeit (Paläolithikum) bis in die Gegenwart:

3. Der Ursprung: Die Naturalwirtschaft

Schritt 1: Arbeitsteilung und Naturaltauschgeschäfte

Der Güterhandel unter den Menschen beginnt lange vor der Sesshaftigkeit und der Erfindung der Landwirtschaft und steigert sich mit zunehmender Arbeitsteilung. Im Vordergrund steht der an Ort und Zeit gebundene direkte Gütertausch zwischen Handelspartnern. Als Nachteil erweist sich, dass die Tauschgeschäfte schwer einzufädeln sind, weil jedes Geschäft eine doppelte Übereinstimmung des Bedarfs voraussetzt. Denn es müssen sich jedesmal Tauschpartner zusammenfinden, die gerade Bedarf für das Gut des jeweils anderen haben. Zudem müssen sich Tauschpartner im vorhinein jedesmal über die Tauschrelation einigen, also in welchem Mengenverhältnis das eine gegen das andere Gut zu tauschen ist. Mit zunehmender Anzahl von tauschbaren Gütern werden die Tauschrelationen naturgemäß immer unübersichtlicher und für die Akteure schwerer einzuschätzen, weil praktisch jedes Gut gegen jedes andere getauscht werden kann. Die Unübersichtlichkeit erfordert hohe Such- und somit letztlich auch hohe Transaktionskosten, erzeugt zudem Unsicherheit und erschwert die Anbahnung und die zügige Abwicklung von Handelsgeschäften.

Ökonomische Bewertung: Die Naturaltauschwirtschaft erzeugt eine geringe wirtschaftliche Dynamik mit geringem technologischen Fortschritt. Zum einen wegen der genannten doppelten Übereinstimmung und der Unübersichtlichkeit der Tauschrelationen, zum anderen, weil die Anreize aus den Spannungsverhältnissen zwischen Schuldnern und Gläubigern fehlen, wie sie bei den späteren Naturalleihgeschäften und mehr noch bei den Darlehensgeschäften der Geldwirtschaft erzeugt werden.

Schritt 2: Naturalleihgeschäfte und Naturalzins

Neben den Tauschgeschäften werden in der Naturalwirtschaft auch Leihgeschäfte durchgeführt – wegen des dafür notwendigen Vertrauens unter den Handeltreibenden jedoch nur im engeren gemeinschaftlichen Umfeld. Zum Beispiel kann der geschickte Hersteller von Pfeil und Bogen (als Verleiher) dem geschickten Jäger (als Entleiher) seine Waffen für eine bestimmte Zeit überlassen, so dass der Jäger mehr Tiere zur Strecke bringen und den Waffenhersteller dafür mit einem Teil seiner Jagdbeute (einem Naturalzins) entschädigen kann. Mit Beginn der Landwirtschaft eröffnen sich weitere Möglichkeiten: Beispielsweise können Landwirte Saatgut von besonders ertragreichem Getreide untereinander quasi verleihen, und der Entleiher kann dem Verleiher nach der Ernte die geliehene Getreidemenge (als Tilgung) zurückzahlen und ihn mit einer zusätzlichen Menge Getreide (als Naturalzins) entschädigen.

Der Naturalzins liefert bereits die heute noch zutreffende wirtschaftliche Begründung für den Zins: Der Zins ist der Preis für den Vorteil, fremdes Sach- oder Geldkapital ohne Zeitverzug sofort nutzen zu können, statt es aus eigener Kraft zu erwirtschaften und erst zu einem späteren Zeitpunkt nutzen zu können. Während der Kapitalgeber für den vereinbarten Zeitraum auf die Nutzung des Kapitals verzichtet, seine Nutzung also bewusst in die Zukunft verschiebt, erwirtschaftet der Kapitalnehmer während des Zeitraums der Überlassung einen außerordentlichen Ertrag. Mit dem Zins wird der Kapitalgeber am Ertrag des Kapitalnehmers beteiligt und so für seinen Verzicht entschädigt. Wenn angemessene Zinsen vereinbart werden, gewinnen bei Leihgeschäften grundsätzlich beide Seiten: Im neumodisch-betriebswirtschaftlichen Jargon würde man von einer Win-win-Situation sprechen.

Ökonomische Bewertung: Die Naturalleihgeschäfte schaffen ein Spannungsverhältnis zwischen Verleihern und Entleihern, das eine bis dahin nicht gekannte wirtschaftliche Dynamik entfaltet: Die Verleiher sind bestrebt, die Rückgabe der Leihgüter und die »Zahlung« der Zinsen durchzusetzen, während die Entleiher bemüht sind, die Leihgüter optimal zu nutzen, um nach Abzug der Zinsen möglichst hohe Nettoerträge einzustreichen. Dazu kommt, dass das Verleihen von Gütern in der Regel deren durchgängig effiziente Nutzung steigert und dadurch seitens der Entleiher weitere ertragreiche Geschäfte angestoßen und die Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden. Dasselbe gilt seitens der Verleiher für deren Zinseinnahmen, die ebenfalls neue wirtschaftliche Transaktionen nach sich ziehen.

Dazu noch eine interessante Anmerkung: Der prinzipielle historische Ablauf lässt vermuten, dass die Erfindung des Zinses früher zu datieren ist als die des Geldes. Allerdings gibt es keine prähistorischen Funde, mit denen das zu beweisen wäre.

4. Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft

Schritt 3: Naturalwirtschaft mit Schuldanerkenntnissen

Im Zuge der regionalen Ausdehnung werden Leihgeschäfte und Tauschgeschäfte durch persönliche Schuldanerkenntnisse (heute: Schuldscheine) der Entleiher bzw. Käufer gegenüber den Verleihern bzw. Verkäufern abgesichert. Voraussetzung dafür ist, dass sich die Partner auf verbindliche und fälschungssichere Objekte oder Methoden der »Buchführung« zur Anerkennung der Schuld einigen.

Bei Tauschgeschäften können nun erstmals einzelne Handelsgüter ohne zeitgleichen Gütertausch, nur gegen ein persönliches Schuldanerkenntnis, den Besitzer wechseln. Jeder Akteur kann nun isoliert ein Kauf- oder ein Verkaufsgeschäft tätigen, ohne gleichzeitig ein Gegengeschäft durchführen zu müssen. Die dokumentierte Schuld berechtigt den Gläubiger, zu einem späteren Zeitpunkt vom Schuldner andere Handelsgüter gleichen Wertes gegen Rückgabe bzw. Löschung des Schuldanerkenntnisses einzufordern.

Ökonomische Bewertung: Bei den Leihgeschäften erzeugen die persönlichen Schuldanerkenntnisse eine größere Sicherheit und ermöglichen Transaktionen auch zwischen Personen, die sich nicht nahestehen. Die Tauschgeschäfte gewinnen ebenso an Sicherheit und können zudem zeitlich entkoppelt abgewickelt werden: Der einleitende Tausch erfolgt gegen ein Schuldanerkenntnis in die eine Richtung, der Gegentausch in die andere Richtung kann zu einer späteren Zeit und an einem anderen Ort erfolgen. Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, dass die Geschäfte mit persönlichen Schuldanerkenntnissen der erste Zwischenschritt zur Erfindung des (un-persönlichen) Geldes sind.

Schritt 4: Naturalwirtschaft mit übertragbaren Schuldanerkenntnissen

Der zweite Zwischenschritt zur Erfindung des Geldes besteht im Tausch persönlicher Schuldanerkenntnisse gegen Güter eines dritten Akteurs. Dabei wird das Schuldanerkenntnis vom ursprünglichen an einen neuen Gläubiger weitergereicht bzw. auf ihn übertragen. Voraussetzung für den Transfer ist, dass der neue Gläubiger dasselbe Vertrauen in den Schuldner setzt wie der ursprüngliche Gläubiger. Wo immer dieses Vertrauen hergestellt werden kann, erhalten die persönlichen Schuldanerkenntnisse den Status un-persönlicher werthaltiger Dokumente und können beliebig gehandelt werden.

Ökonomische Bewertung: Die übertragbaren Schuldanerkenntnisse beleben den Handel, indem sie die zuvor strikt bilateralen Transaktionen der Dokumente aufbrechen und beliebig multilaterale Transaktionen ermöglichen. Das heißt, jeder kann mit jedem Güter gegen eigene oder fremde Schuldanerkenntnisse tauschen. Die große Gefahr übertragbarer Dokumente besteht allerdings darin, dass die Übersicht und Kontrolle verlorengeht, indem Marktteilnehmer Dokumente in unbegrenzter Zahl und mit unbegrenztem Wert ausstellen, damit eine Inflation der Zwischentauschmittel verursachen und zugleich persönliche Schulden anhäufen, die sie nie mehr tilgen können. In diesem Fall geht das Vertrauen in alle übertragbaren Schuldanerkenntnisse verloren, die Handelsordnung bricht zusammen und die Rückkehr zur Naturaltauschwirtschaft ist unabwendbar. Heute würde man eine derartige Entwicklung als Hyperinflation mit anschließender Depression bezeichnen. In prähistorischer Zeit wurde diese Gefahr mit der Androhung drakonischer Strafen abgewendet.

5. Die vormoderne Geldwirtschaft

Schritt 5: Genormtes Geld und zentrale Kontrolle

Der abschließende Schritt zur vormodernen Geldwirtschaft wird durch zwei Maßnahmen vollzogen:

  1. Die übertragbaren Schuldanerkenntnisse werden durch einheitliche, unverwechselbare, zählbare, beständige, leicht transportierbare und fälschungssichere Objekte ersetzt.
  2. Die Herstellung und Verteilung der Objekte wird gemeinschaftlich und zentral organisiert und kontrolliert.

Damit ist ein un-persönliches, allgemein anerkanntes Zwischentauschmittel, nämlich das Geld, erfunden – übrigens in vielen Kulturen gleichzeitig und unabhängig voneinander. Die überlieferten Ausprägungen des Geldes sind zahlreich: wertvoller Schmuck, Sammlerobjekte wie seltene Muscheln sowie werthaltige Metallbarren, vor allem aus Gold und Silber, aber auch bearbeitete Steine, die neben ihrer Funktion als Geld keinen Material- oder Sammlerwert besitzen. Einige isolierte Kulturen setzen auch werthaltige Naturalien, sogenanntes Naturalgeld, wie Felle, lebende Tiere und Getreide ein.

Die Einführung der Geldwirtschaft innerhalb einer Gemeinschaft oder eines Wirtschaftsraumes erfolgt, indem das zentral hergestellte Geld anfangs entweder zu gleichen Teilen an alle Handelsakteure verteilt wird, so dass jeder Akteur über denselben begrenzten Vorschuss an Kaufkraft ohne eigene Gegenleistung verfügt, oder indem das Geld an die Akteure gemäß ihrer Wirtschaftskraft verteilt wird. Wer über die eingangs verteilte Geldmenge hinaus kaufen will, ist gezwungen, zunächst eigene Güter oder Leistungen gegen Geld anzubieten. Der Wert der anfangs zentral verteilten Geldmenge muss mindestens dem Wert des höchsten zu einem Zeitpunkt denkbaren Handelsvolumens entsprechen. Wenn Geldengpässe auftreten, kann die Geldmenge erhöht werden, indem neues Geld hergestellt und wiederum an alle Akteure verteilt wird.

Ökonomische Bewertung: Die Vorteile des Geldes liegen auf der Hand: Gegenüber den Naturaltauschgeschäften wird die Suche nach passenden Tauschprodukten und tauschwilligen Partnern sowie die notwendige Gleichzeitigkeit der Übergabe gegeneinander zu tauschender Güter oder Leistungen mit dem Geld überwunden. Gegenüber den Tauschgeschäften mit übertragbaren Schuldanerkenntnissen wird die Zählbarkeit des Zwischentauschmittels verbessert und die Sicherheit weiter erhöht, vor allem, weil Geldart und Geldmenge zentral festgelegt werden und es nicht mehr im Ermessen einzelner Akteure liegt, beliebig viele Zwischentauschmittel in Umlauf zu bringen, sich damit hoch zu verschulden und zur Inflation beizutragen. Es können nun Güter und Leistungen zwischen Anbietern und Abnehmern in einer Richtung gegen ein sicheres, zählbares Zwischentauschmittel den Besitzer wechseln. Der Handel wird effizienter, weil er geringere Such- und Transaktionskosten verursacht, und er wird effektiver, weil Güter und Leistungen ohne Rücksicht auf sofortige materielle Gegenleistung sowie ohne Rücksicht auf einen krummen, möglicherweise halbherzig akzeptierten Gegenwert des Tauschmittels gehandelt werden können. Diese Vorteile beflügeln die überregionalen Handelsbeziehungen.

Das Geld erfüllt mit seiner Erfindung sofort drei einzigartige wirtschaftliche Funktionen:

  1. Es ist allgemein anerkanntes Zwischentauschmittel, das bei seinem Gebrauch sehr geringe Transaktionskosten verursacht.
  2. Es dient als Rechenmittel, das die unzähligen Tauschrelationen zwischen der Vielzahl von Produkten durch einen einzigen, vergleichbaren Geldpreis für jedes Produkt ersetzt (der aber verhandelbar bleibt).
  3. Und es eignet sich zur Wertaufbewahrung, weil seine Kaufkraft erhalten bleibt, solange keine Inflation erfolgt, und ungeachtet dessen zeitverzögert genutzt werden kann; allerdings immer mit dem Nachteil, dass aufbewahrtes Geld keinen Zins abwirft.

Schritt 6: Darlehensgeschäfte mit Geldzins

Nach Einführung der Geldwirtschaft erfahren auch die Leihgeschäfte eine Belebung. Zinsen für entliehenes Sachkapital wie Waffen (siehe oben) können nun auch in Geld statt in realen Gütern wie Jagdbeute oder persönlichen Schuldanerkenntnissen gezahlt werden. Dasselbe trifft für die Verleihung von Immobilien, Fahrzeugen, Maschinen und Werkzeugen zu, die gegen einen Mietzins überlassen werden können. Auch kann statt Sachkapital nun Geldkapital verliehen werden, das heißt: als Darlehen gewährt werden. Die Begründung und Rechtfertigung für den Geldzins ist, wie oben dargestellt, dieselbe, die bereits für den Naturalzins gilt. Allerdings erfordern Darlehensgeschäfte, ganz besonders unter den anonymen Verhältnissen einer überregionalen Geldwirtschaft, eindeutige und verbindliche Vereinbarungen zwischen den Partnern bezüglich Laufzeit, Zins und Tilgung. Die Höhe des Zinses ergibt sich unter fairen Bedingungen aus der Summe dreier Schätzwerte: der Höhe der vermutlichen Geldentwertung (Inflation), der Höhe des vermuteten Ausfallrisikos des Darlehensnehmers und der Höhe des Gewinnverzichts des Darlehensgebers.

Ökonomische Bewertung: Die Immaterialität von Darlehensgeschäften mit Geldkapital und Geldzins erlaubt überregionale Beziehungen und steigert insgesamt das Geschäftsvolumen – allerdings auch mit der Gefahr von Erpressungen bezüglich der Zinshöhe gegenüber Darlehensnehmern, die sich in einer Notlage befinden. So geraten die Darlehensgeschäfte durch Wucherzinsen zeitweise in Verruf und provozieren zentrale Regelungen zur Begrenzung wie auch zum vollständigen Verbot von Zinsforderungen. Einige Religionen verdammen deshalb den Zins als unmoralisch oder sündhaft, was bis in die Gegenwart nachwirkt. Da wirksame Zinsverbote jedoch die Darlehensgeschäfte zum Erliegen bringen würden, weil naturgemäß niemand bereit ist, seinen mühsam erwirtschafteten Liquiditätsvorteil ohne Gegenleistung an fremde Menschen abzutreten, werden Verbote in der Praxis mit verdeckten Zinszahlungen unterlaufen.

Schritt 7: Staatliche Kontrolle der Geldwirtschaft

Die Erfahrungen in der Antike und im Mittelalter führen ab dem siebzehnten Jahrhundert zu der Überzeugung, dass die Unsicherheiten und Übervorteilungen, denen Handeltreibende bei steigendem Handelsvolumen und geographischer Ausdehnung des Handels ausgesetzt sind, eine zentrale Regelung und Steuerung der Geldwirtschaft auf nationaler Ebene und darüber hinaus erfordern. Vor allem die Geldentwertung infolge unkontrolliert erhöhter Geldmengen und die erpresserischen Wucherzinsen, die in rechtsfreien Räumen um sich greifen, gilt es in den Griff zu bekommen.

Zunächst entstehen im späten Mittelalter aus privaten Handelshäusern erste Privatbanken, die Darlehensgeschäfte im großen Stil, auch international, betreiben und versuchen, die Geschäfte durch Papiergeld sowie durch Buchgeld (Giralgeld), das auf Bankkonten gehalten wird, effizienter zu gestalten. Um der verbreiteten Angst vor einer Erhöhung der Geldmenge und der damit einhergehenden Geldentwertung zu begegnen, garantieren die Privatbanken den jederzeitigen Tausch von Papier- und Buchgeld in wertbeständige Edelmetallmünzen.

Bis zum neunzehnten Jahrhundert haben sich in Europa Papier- und Buchgeld durchgesetzt, und die Garantien zum Tausch von Geld in wertbeständige Edelmetallmünzen werden nun erstmals von staatlichen Banken wahrgenommen – den Vorläufern der Noten- oder Zentralbanken.

Ökonomische Bewertung: Der Expansionsdrang und die Macht der privaten Handelshäuser und Banken leiten eine fruchtbare Phase der »spätmittelalterlichen Globalisierung« des Handels ein. Die Erfahrungen, die in dieser Zeit mit einer kontrollierten Geldwirtschaft gemacht werden, bilden das Fundament für die staatlich kontrollierten Geldwirtschaften des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert.

Schritt 8: Nationaler und internationaler Goldstandard

goldstandardIm neunzehnten Jahrhundert werden in vielen Ländern von staatlichen Banken sogenannte nationale Goldstandards entwickelt. Zwei Möglichkeiten werden genutzt: Entweder wird das Geld gleich selbst als werthaltige Gold- oder Silbermünzen in Umlauf gebracht, oder die staatlichen Banken verpflichten sich, Geldscheine (Papiergeld) sowie Münzen, die keinen oder nur geringen Materialwert haben, jederzeit auf Verlangen in eine dem Geldwert entsprechende Menge an Gold oder Silber zu tauschen.

Darauf aufbauend wird eine auf Golddeckung basierende internationale Währungsordnung entwickelt: der internationale Goldstandard: Dabei legt jedes Land seinen Goldpreis fest, und die nationalen Banken verpflichten sich, Gold jederzeit international zu den festgesetzten Preisen zu kaufen und zu verkaufen. Dadurch ergibt sich für die Wechselkurse automatisch eine feste Goldparität. Zugleich kann der An- und Verkauf von Gold gegen Devisen, der zwischen Akteuren und nationalen Banken stattfindet, zum Ausgleich der Zahlungsbilanzen genutzt werden.

Der sogenannte Gold-Devisen-Standard ist die dritte Variante: Ein großes Land stellt die Leitwährung und führt den Goldstandard ein, während für die Währungen der Partnerländer feste Wechselkurse zur Leitwährung vereinbart werden. Anschließend erhalten die Partnerländer das Recht, ihre Leitwährungsreserven jederzeit auf Verlangen in Gold zu tauschen. Im Jahre 1944 wird diese Variante im Bretton-Woods-Abkommen mit dem US-Dollar als Leitwährung vereinbart und bis Anfang der 1970er Jahre auch praktiziert. Siehe dazu auch den Artikel Bretton-Woods-System (deutsch).

Ökonomische Bewertung: Der nationale Goldstandard bietet den Vorteil, dass die Gefahr der Geldentwertung infolge fahrlässiger Geldmengenerhöhung (Inflation) gering ist, weil sie eine kostspielige Erhöhung der Goldreserven voraussetzt. Der Vorteil birgt aber zugleich den wesentlichen Nachteil in sich: Das Wirtschaftswachstum wird durch eine nicht angepasste, relativ schrumpfende Geldmenge (Deflation) und die dadurch verursachte Geldaufwertung gebremst. Das heißt konkret, es steht zum einen zu wenig neues Geld für Investitionen zur Verfügung, zum anderen spekulieren die Wirtschaftssubjekte auf weiter steigenden Geldwert und halten ihr Geld in der Kasse, statt es auszugeben und somit in die Wirtschaftskreisläufe zurückzuführen.

Der dargestellte Vor- und Nachteil gilt auch für den internationalen Goldstandard, der daneben jedoch zwei andere Vorteile bietet: Einmal die genannte Möglichkeit, die Zahlungsbilanzen des internationalen Handels bei geschickter Steuerung durch Goldbewegungen laufend auszugleichen (sogenannter Goldautomatismus) und generell, wegen der systembedingt geringfügigen Aufblähung der Geldmenge, Überschüsse und Defizite im Außenhandel in engen Grenzen zu halten. Dazu besteht die Möglichkeit, die Wechselkurse von vornherein so festzulegen, dass sie die Produktivitäts- und Preisunterschiede bilateral neutralisieren, so dass statt eines Verdrängungswettbewerbs mit absoluten (Dumping-) Preisen, wie er im heutigen neoliberalen System praktiziert wird, ein konstruktiver Wettbewerb mit relativen Preisvorteilen entsteht, also auf der Grundlage von Preisen, die sich aus dem Verhältnis zum Durchschnittspreis aller Handelsgüter ergeben und den Wettbewerb gewinnen, wenn sie bei Anwendung des Wechselkurses günstiger (niedriger) sind als beim jeweiligen Handelspartner.

Der erwähnte Gold-Devisen-Standard des Bretton-Woods-Abkommens scheitert Anfang der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, weil die USA zur Finanzierung des Vietnam-Krieges die Dollar-Menge aufblähen, als Folge ein unverantwortliches Handelsdefizit in Kauf nehmen und schließlich die im Ausland angehäuften Dollar-Reserven nicht mehr in Gold tauschen können. Mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Abkommens ist die Ära der Goldstandards in der Wirtschaftsgeschichte ein für allemal beendet. Allerdings hat die 2008 einsetzende Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise eine Rückbesinnung auf das Gold als wertbeständige Anlage bewirkt, und zwar sowohl bei den Zentralbanken weltweit als auch bei Privatpersonen. Vor allem die chinesische und die indische Zentralbank kaufen derzeit wieder Gold, um ihre riskanten Dollar-Reserven abzubauen, während die westlichen Zentralbanken ihre sukzessiven Goldverkäufe eingeschränkt haben, um einen Restbestand an Gold als letzte Sicherheit zu halten. Indem sich der Goldstandard als Hindernis für eine dynamische ökonomische Entwicklung erwiesen hat, ist dem Gold nun seine vermutlich natürliche Rolle eines Hilfsmittels für die Überbrückung wirtschaftlicher Krisen zugefallen.

Zur Fortsetzung mit den Kapiteln zur modernen Geldwirtschaft und Geldpolitik bitte den Artikel Geldschöpfung und Geldvernichtung aufrufen.

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