Wirtschaftliches Dumping

Preisdrückerei: Das bevorzugte Schmiermittel im Wettbewerb auf “liberalisierten” Märkten

Ein Artikel im Kompendium der marktwirtschaftlich-sozialökologischen Ökonomik

Zentrale Fragen angesichts der neoliberalen Krise:
Wie sind Beschäftigung und faire Einkommen zu sichern?
Wie kann die Umwelt effektiv geschützt werden?
Wie ist die wirtschaftliche Globalisierung zu gestalten?
Welchen Beitrag kann die Wirtschaftswissenschaft leisten?
Welche Aufgaben muss die Wirtschaftspolitik wahrnehmen?
Wie ist die Wirtschaftspolitik demokratisch zu legitimieren?

Hier geht’s zur Liste aller Artikel: Kompendium

Inhaltsverzeichnis

  1. Überblick
  2. Begriffsklärung
    > Dumping im weitesten Sinne
    > Dumping im engeren Sinne
  3. Die Vielfalt der neoliberalen Dumping-Methoden
    > Sozial-Dumping
    > Öko-Dumping
    > Struktur-Dumping
    > Wirtschaftspolitisches Dumping
  4. Das Dumping-Verständnis der WTO
  5. Wie ist eine zukunftsfähige Anti-Dumping-Strategie zu gestalten?

1. Überblick

DumpingJPG01Nichts charakterisiert das herrschende neoliberale Wirtschaftssystem so sehr wie die durch Dumping weltweit in eine Abwärtsspirale getriebenen Preise. Gegen niedrige Preise wäre nichts einzuwenden, wenn sie nicht mit verheerenden Kosten für Mensch und Natur verbunden wären. Die Vielfalt der Dumping-Methoden ist erstaunlich und vermittelt einen Eindruck von der Rücksichtslosigkeit und Verwerflichkeit unseres Wirtschaftens. Wenn Einsicht der erste Schritt zur Zukunftsfähigkeit ist, dann lohnt sich ein Einblick in die Abgründe des neoliberalen Systems.

2. Begriffsklärung

Dumping im weitesten Sinne

Mit dem Begriff Dumping wird im ökonomischen Zusammenhang im weitesten Sinne die bewusste Preisdrückerei bis unterhalb der Herstellungskosten eines Produktes bezeichnet. Dabei sind wirtschaftspolitische und unternehmerische Dumping-Methoden zu unterscheiden:

Die wirtschaftspolitischen Methoden, die auf bewusster Regelung oder auch politischer Fahrlässigkeit beruhen, können auf alle Wirtschaftssektoren einer Volkswirtschaft, auf einzelne Branchen oder auf einzelne Produkte gerichtet sein. Das heißt, die Preise der betroffenen Produkte werden bewusst oder fahrlässig unter die tatsächlichen Herstellungskosten gedrückt, während die Kosten externalisiert, also den Preisen nicht zugeschlagen, sondern der Gesellschaft als Ganzes und zukünftigen Generationen aufgebürdet werden. Charakteristisch für wirtschaftspolitisches Dumping ist, dass die externalisierten Kosten volkswirtschaftlich nicht oder nur unzureichend erfasst und die Auswirkungen deshalb unterschätzt werden, so dass es zu unvorhergesehenen sozialen und ökologischen Verheerungen wie beispielsweise Massenarmut und Bodenerosion kommen kann.

Ergänzend betreiben Unternehmen eigenständiges Dumping, indem sie ihre Preise in eigener Verantwortung und zusätzlich zu möglichem wirtschaftspolitischen Dumping unter ihre kalkulatorischen Herstellungskosten drücken. Sie tun das, um im gegebenen Umfeld entweder neue, preissensible Märkte möglichst schnell zu durchdringen oder um Wettbewerber gezielt aus etablierten Märkten zu verdrängen. Da unternehmerisches Dumping unmittelbar die Einnahmen verringert und Gewinne schmälert oder ausschließt, haben Unternehmen ein Interesse daran, die Preise schnellstmöglich anzuheben, sobald sie ihr Dumping-Ziel erreicht haben. Wenn Wettbewerber mittels Dumping erfolgreich verdrängt worden sind, ergeben sich Anreize, die Preisspirale nach oben zu richten und außerordentliche Gewinne abzuschöpfen. Im Falle einer marktbeherrschenden Stellung oder eines Marktmonopols (Beispiel: microsoft) entstehen schließlich Anreize für Wucherpreise.

Dumping im engeren Sinne

Im engeren Sinne des gegenwärtigen neoliberalen Freihandels wird der Begriff Dumping ausschließlich auf Exportpreise bezogen, die durch wirtschaftspolitische oder unternehmerische Maßnahmen unter das Niveau der Binnenpreise oder der Herstellungskosten derselben Produkte gedrückt wurden. Auf diese eingeschränkte Definition hat sich die Welthandelsorganisation (WTO) festgelegt, die damit zwei Ziele verfolgt:

Erstens kann sie die Tatsache vernebeln, dass die Binnenpreise unter neoliberalen Verhältnissen (auf offenen Märkten) zwangsläufig der Abwärtsspirale von Export- und Importpreisen folgen müssen, soweit dies für Binnenanbieter möglich ist, bevor sie durch Importe endgültig verdrängt werden.

Zweitens kann sie die Vielfalt der unter ihrem Regime praktizierten Dumping-Methoden und deren verheerende Folgen vernebeln, um ihre multilateralen Vereinbarungen zum globalen Freihandel und speziell den Abbau von Zöllen und Handelskontingenten nicht zu gefährden.

Mit ihrer Definition und ihren entsprechend harmlosen Anti-Dumping-Vereinbarungen macht sich die WTO zum Förderer aller Spielarten des Dumpings, ja, sie versteht das Dumping stillschweigend als einen wesentlichen Antrieb zur »Liberalisierung« der Märkte. So ist die Preisdrückerei unter ihrem Regime zum Schmiermittel des neoliberalen Freihandels geworden.

3. Die Vielfalt der neoliberalen Dumping-Methoden

Unter den Regeln der in Bretton Woods ausgehandelten wirtschaftlichen Nachkriegsordnung (siehe dazu auch den Artikel Bretton-Woods-System) war Dumping weitgehend auf eigenständige unternehmerische Maßnahmen beschränkt, mit denen Wettbewerbsvorteile auf Binnenmärkten angestrebt wurden und, bei festen und periodisch angepassten Wechselkursen, nur mäßige Vorteile auf internationalen Märkten zu erzielen waren. Kartellgesetze sorgten dafür, dass die Verzerrungen des Wettbewerbs nicht überhand nahmen. Mit dem Scheitern des Bretton-Woods-Systems Anfang der 1970er Jahre und der Entstehung offener globaler Märkte (beschönigend als »Marktliberalisierung« bezeichnet) ergaben sich wirtschaftspolitische sowie unternehmerische Anreize und Zwänge, im neu entstandenen Dollar-Raum der globalen Märkte unmittelbare Vorteile durch Preisdrückerei jeglicher Art zu erzielen. Nationale Wirtschaftspolitiken und ansässige Unternehmen spielten sich gegenseitig die Dumping-Bälle zu. Der resultierende Kostendruck auf globalen und nachfolgend auf nationalen Märkten mündete in die erwähnten Abwärtsspiralen bei Preisen sowie bei allen für die Wohlfahrt unabdingbaren Standards. Dieses »race to the bottom«, in dem sich seither Nationalstaaten und Unternehmen gemeinsam engagieren, verursacht endgültige Verdrängungen, zunehmende Konzentration von wirtschaftlicher Macht und wirtschaftlichem Kapital, strukturelle Verödungen bis zur flächendeckenden De-Industrialisierung und letztlich weltweit Arbeitslosigkeit, Armut und Umweltschäden.

Sozial-Dumping

Sozial-Dumping ist eine Methode, die unter den herrschenden neoliberalen Verhältnissen verheerende Ausmaße angenommen hat. Mit keiner anderen Methode lässt sich dem Kostendruck im globalen Wettbewerb unverzüglicher begegnen als mit einer Senkung des größten unternehmerischen Postens: den Arbeitskosten. Da die Gewerkschaften zu einer ursächlichen Kritik am neoliberalen System nicht fähig sind, gehen ihnen in den Tarifverhandlungen die Argumente aus, und so machen sie sich zum Spielball industrieller Interessen. Ohne gesellschaftliche Gegenmacht aber wird das neoliberale Sozial-Dumping von den Profiteuren Zug um Zug auf alle sozialen Leistungen ausgedehnt. Seit den 1980er Jahren beobachten wir:

  • stagnierende, sinkende und prekäre Löhne,
  • neuerdings Forderungen nach verlängerten Wochenarbeitszeiten,
  • unbezahlte Überstunden und Arbeitsverdichtung,
  • verlängerte Lebensarbeitszeit (Rente mit 67),
  • prekäre Leiharbeit und prekäre befristete Arbeitsverhältnisse,
  • schrittweise Aufkündigung der Arbeitgeberbeiträge zur Kranken- und Sozialversicherung,
  • Abbau und Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer,
  • und folglich: Kinderarbeit und unmenschliche Arbeitsbedingungen,
  • und schließlich: die Öffnung der Arbeitsmärkte in Hochlohnländern für Erwerbspersonen aus Niedriglohnländern zwecks Anheizung des Wettbewerbs (der Abwärtsspirale) bei Löhnen und Sozialleistungen.

Und: Seit Jahren bewegen sich die Lohnzuwächse unterhalb des Produktivitätszuwachses, so dass die binnenwirtschaftlichen Kreisläufe infolge sinkender Kaufkraft und Nachfrage geschwächt werden und sich die strukturelle wirtschaftliche Verödung beschleunigt (Macht- und Kapitalkonzentration samt De-Industrialisierung der geographischen Fläche). Die Steuereinnahmen sinken, so dass die prekären Löhne immer ungenügender durch Transferleistungen aufgestockt werden können und unter das Existenzminimum rutschen. Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen sowie private und öffentliche Armut nehmen zu.

Öko-Dumping

Mit dem Öko-Dumping können neben dem Sozial-Dumping die größten Kostenersparnisse erzielt werden. Es erzeugt aber auch entsprechend hohe externe Kosten, zudem erschöpft sich sein Nutzen schnell und es verursacht sehr langfristige und teils irreversible Folgeschäden an der Biosphäre. Da die Umwelt keine starke Lobby hat, geht vom Öko-Dumping die größte existentielle Gefahr aus. Im ökologischen Kontext wird das englische Wort Dumping ironischerweise seiner landläufigen Bedeutung als »Müllabladen« gerecht.

Zu den weltweit verbreiteten Arten des Öko-Dumping zählen:

  • Überdüngung und Monokulturen in der Landwirtschaft: Unfruchtbarkeit der Böden,
  • Einbringung landwirtschaftlicher Pestizide: Boden- und Gesundheitsschäden sowie Artensterben,
  • Industrielle und landwirtschaftliche Belastung und Übernutzung von Grund- und Oberflächenwasser: Trinkwassermangel und schwindende Fischbestände,
  • Abfallbeseitigung ins Grund- und Oberflächenwasser: Trinkwassermangel und schwindende Fischbestände,
  • Abfallbeseitigung ins Meerwasser: Artensterben und schwindende Fischbestände,
  • Bauliche Versiegelung der Böden: Klimawandel, Artensterben, und Hungersnöte,
  • Abgas-Emissionen in die Atmosphäre: Klimawandel und Gesundheitsschäden,
  • Mangelhaftes Recycling nicht-erneuerbarer Rohstoffen bzw. ungenügender Ersatz nicht-erneuerbarer durch erneuerbare Rohstoffe: Rohstoffmangel, Boden- und Gesundheitsschäden,
  • Chemische Belastung von Produkten aller Art: Boden-, Wasser- und Gesundheitsschäden.

Struktur-Dumping

Diese Methode wird gewöhnlich nicht als Dumping wahrgenommen, vielmehr gilt sie als bevorzugtes Mittel der Produktivitätssteigerung im neoliberalen Verdrängungswettbewerb. Abzulesen am beständigen Prozess unternehmerischer Übernahmen und Zusammenschlüsse zu immer größeren Einheiten bis hin zu Monopolen. Die betriebswirtschaftliche Begründung für diese Entwicklung lautet: Skalenerträge und Größenvorteile.

Struktur-Dumping ist gegeben, wenn Unternehmen Skalenerträge und Größenvorteile realisieren, die über das sozial und ökologisch verträgliche Maß hinausgehen. Skalenerträge werden erzielt, indem die Stückkosten durch unbegrenzt zentralisierte Massenproduktion immer weiter abgesenkt werden. Größenvorteile werden erzielt, indem Übernahmen und Zusammenschlüsse gezielt im Hinblick auf Synergieeffekte gestaltet werden und sich betriebliche Abläufe gegenseitig befruchten oder Kosten durch die Zusammenlegung von Abteilungen wie Einkauf, Verwaltung und Personal eingespart werden.

Der Pferdefuß an übertriebenen Skalenerträgen und Größenvorteilen ist, dass die betriebswirtschaftliche Kostenrechnung isoliert betrachtet zwar nicht zu beanstanden ist, die externalisierten volkswirtschaftlichen Kosten aber mangels wirtschaftspolitischer Vorgaben und Kontrolle aus dem Ruder laufen. Eine detaillierte Darstellung der scheinproduktiven neoliberalen Nutzung von Skalenerträgen und Größenvorteilen ist im Artikel Skalenerträge und Produktivität nachzulesen.

Struktur-Dumping verursacht sowohl externe soziale als auch externe ökologische Kosten. Die sozialen Kosten entstehen im Zuge der Zentralisierung durch die Vernichtung dezentraler Betriebe und Arbeitsplätze, begleitet von rückläufiger dezentraler Verantwortung und rückläufiger demokratischer Entscheidung vor Ort. Die ökologischen Kosten entstehen aus der Ignoranz zentraler Machtausübung und aus langen Transportwegen. Da der Zentralismus stets mit Exportorientierung einhergeht, werden auch Märkte und Strukturen in den importierenden Ländern in Mitleidenschaft gezogen.

Verbreitete Beispiele für Struktur-Dumping sind:

  • Zentralisierte Massentierhaltung in der Landwirtschaft: mangelhafter Tierschutz, schlechte Produktqualität, Vernichtung von Arbeitsplätzen, unmenschliche Arbeitsbedingungen, lange Transportwege und schädliche Importe von Futtermitteln,
  • zentralisierte Massenproduktion von Gebrauchs- und Verbrauchsgütern: Vernichtung von Arbeitsplätzen, Arbeitsverdichtung, Verlust regionaler Spezialitäten und regionalen Wissens, Begünstigung von Ballungszentren, geographische Zersplitterung von Wertschöpfungsketten, unsinnige Transportbewegungen von Halbfertigprodukten und lange Transportwege,
  • Zentralisierung des Einzelhandels: Vernichtung von Arbeitsplätzen, schlechte Arbeitsbedingungen, lange Transportwege,
  • Zentralisierung staatlicher Verwaltungen: fehlende Bürgernähe, schlechte Produktqualität, unbefriedigende Arbeitsbedingungen, Neigung zu Datenmissbrauch.

Wirtschaftspolitisches Dumping

Nationales und supranationales (EU) wirtschaftspolitisches Dumping ist unter neoliberalen Verhältnissen zu einer wirksamen Methode avanciert, um den eigenen Wirtschaftsstandort für unternehmerische Investitionen attraktiv zu gestalten und zugleich ansässigen Unternehmen Vorteile im Wettbewerb um Exportmärkte zu verschaffen.

Verbreitete Arten wirtschaftspolitischen Dumpings sind:

  • Valuta-Dumping: Dabei wird die eigene Währung mittels geldpolitischer Maßnahmen der Zentralbank und mittels Kapitalverkehrskontrollen gegenüber der Leitwährung (US-Dollar) und anderen Währungen gezielt abgewertet, um Preisvorteile auf Exportmärkten zu erzielen. China setzt dieses Mittel ein, gefolgt neuerdings von anderen Schwellenländern. Weitere Einzelheiten dazu im Artikel Währungskrieg und Wechselkurs.
  • Steuer- und Abgaben-Dumping: Dabei werden vor allem unternehmensbezogene Steuern und Abgaben gesenkt, um inländische Unternehmen im Lande zu halten und Investitionen ausländischer Unternehmen ins Land zu locken. Irland hat damit als vermeintlicher »keltischer Tiger« seinen langjährigen Aufschwung auf Kosten der anderen EU-Länder bewerkstelligt (die irischen Steuern und Abgaben liegen noch heute halb so hoch wie die deutschen). Das Land ist dann jedoch im Zuge der Finanzmarktkrise 2008 wegen der extremen Finanzspekulationen seiner Banken umso tiefer abgestürzt und muss sich jetzt unter den Rettungsschirm von EU und IWF begeben, weigert sich aber (noch), seine Steuern und Abgaben wieder EU-Niveau anzuheben. Weitere Einzelheiten in den Artikeln Finanzmarktkrise 2008, Eurokrise oder EU-Krise?, EU: Bundesstaat oder Staatenbund? sowie Heterogener Euro-Binnenmarkt.
  • Export-Subventionierung: Dabei werden bestimmte Industrien oder Produkte durch direkte oder versteckte Finanzmittel gefördert, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf Exportmärkten zu erhöhen oder um bestimmte Exportmärkte aus nationalem Interesse gezielt zu erobern. Derartige Subventionen werden meist mit dem Argument verteidigt, die Industrien oder Produkte seien auf den offenen globalen Märkten aus eigener Kraft noch nicht wettbewerbsfähig. Die Subventionen der EU für die Landwirtschaft, die derzeit ein jährliches Volumen von 56 Mrd. Euro haben, sind ein Beispiel für die Begünstigung industrialisierter Großbetriebe und ihrer scheinproduktiven Größenvorteile und Skalenerträge zur gezielten Eroberung fremder Märkte mittels Dumping-Preisen. So zerstört die EU sowohl die kleinräumigen landwirtschaftlichen Strukturen in Entwicklungsländern als auch die landwirtschaftlichen Strukturen innerhalb der EU und: macht sich mitschuldig an der weltweiten Ausbreitung von Hunger und Armut.
  • Standards-Dumping: Dabei werden meist sicherheits- und gesundheitsrelevante Standards herabgesetzt, um Industrien oder einzelnen Produkten Preisvorteile auf Exportmärkten zu verschaffen. Diese Spielart wird besonders von Schwellenländern angewendet, die sich politisch leicht tun, wenn sie einfach ihre wenig entwickelten inländischen Standards zum Maßstab machen. Aber auch in westlichen Industrieländern werden Standards missachtet, speziell bei der Privatisierung von Staatsbetrieben, wenn es den neuen Eigentümern um schnelle Gewinne geht. Die Häufung von Unfällen nach der Privatisierung der britischen Staatsbahnen seit den 1990er Jahren ist ein typischer Fall, bei dem die Privateigentümer die Investitionen in Schienennetz und Signaltechnik sträflich vernachlässigt haben.

4. Das Dumping-Verständnis der WTO

DumpingJPG02Die Welthandelsorganisation verzichtet bewusst auf Definitionen und Wertungen der unterschiedlichen Dumping-Methoden, weil das ihre multilateralistischen Verhandlungen und Vereinbarungen zum Freihandel über Gebühr durchkreuzen würde. Oberstes Prinzip ihres Freihandels ist die sogenannte Meistbegünstigung, die Länder verpflichtet, einmal gewährte Vergünstigungen bei Zöllen, Kontingenten und Auflagen sofort allen anderen und zukünftigen Handelspartnern ohne Ausnahme ebenso zu gewähren. Wenn ein Land seine Märkte also erst einmal uneingeschränkt geöffnet hat, darf jedes WTO-Mitglied ohne Einschränkung in diese Märkte exportieren. Keine Frage, dass Länder dabei ihren Einfluss auf die eigene Handelspolitik für alle Zeiten aufgeben und verlieren.

Um das Streben nach dem neoliberalen Idealzustand nicht zu gefährden, spricht die WTO nur dann von Dumping, wenn der Preis eines Exportproduktes unterhalb des Preises desselben Produkts auf dem Heimatmarkt des Exporteurs liegt. Diese Definition ist im Kontext der von der WTO vertretenen Doktrin der »Marktliberalisierung« unsinnig, weil, wie oben schon angedeutet, im Wettbewerb auf offenen globalen Märkten die Binnenpreise ständig dem Druck von Importpreisen ausgesetzt sind. Die Binnenanbieter müssen ihre Preise also laufend nach unten an die Export- und Weltmarktpreise anpassen, wenn sie nicht vom Markt verdrängt werden wollen. In der Regel gelingt ihnen diese Anpassung und ihr Überleben nur, solange sie, im Verein mit der nationalen Wirtschaftspolitik, ihre Arbeits- und Umweltkosten entsprechend senken können.

Das heißt, die WTO fördert mit ihrer Doktrin das Dumping von Export- und Binnenpreisen gleichermaßen und im ständigen Gleichtakt. Ihre Dumping-Definition ist also reine Augenwischerei zur ungehinderten Durchsetzung ihrer doktrinären Ziele. Deshalb greift sie auch unerbittlich ein, wenn benachteiligte Länder sich mit Schutzzöllen und sonstigen Handelsbeschränkungen gegen verbilligte Importe zur Wehr setzen. Und sie scheut sich nicht, den fundamentalen Unterschied zwischen sinnvoller Protektion und unsinnigem Protektionismus zu verwischen, mit der Folge, dass die gegenseitigen Protektionismus-Vorwürfe unter den WTO-Mitgliedern ein inflationäres Ausmaß angenommen haben (siehe dazu auch den Artikel Protektion und Protektionismus).

Überdies hat die WTO noch einige Hürden aufgebaut, um Streitereien zwischen Handelspartnern möglichst im Keim zu ersticken: Sie selbst nimmt zunächst eine neutrale Position ein und erklärt das Dumping zu einem Problem der rein bilateralen Preisgestaltung. Von Ländern, die sich übervorteilt glauben, verlangt sie »objektive Untersuchungen« und »positive Nachweise«, dass Menge und Preis von Importen eine schädliche Auswirkung auf Heimatmärkte und Hersteller haben. Da das der Normalfall im Verdrängungswettbewerb und Ursache der Abwärtsspiralen aller Preise ist, verlaufen die bürokratisierten Verfahren zur Schlichtung meist im Sande und die harmlosen Anti-Dumping-Maßnahmen der WTO kommen erst gar nicht zur Anwendung.

Festzuhalten ist, dass sich die Widersprüche der neoliberalen Doktrin ihrer Natur nach mit trickreichen Verfahren nicht aus der Welt schaffen lassen. Die Verhandlungen unter den WTO-Mitgliedern verzeichnen denn auch eine zunehmende Zahl von Einsprüchen gegen die Anti-Dumping-Praxis der WTO. Vor allem Entwicklungsländer verlangen einen besseren Schutz ihrer (noch) nicht wettbewerbsfähigen Industrien gegenüber den mächtigen Exportinitiativen der Industrieländer. Von 1995 bis 2007 haben die WTO-Mitglieder deshalb 3097 Dumping-Investigationen unter sich durchgeführt, davon war allein Indien an 474 Verfahren beteiligt. Es verwundert nicht, dass dann auch die Doha-Verhandlungsrunde 2006 ohne Einigung zwischen alten Industrieländern und Entwicklungsländern zu Ende gegangen ist. Siehe auch den Artikel Welthandelsorganisation (WTO)!

5. Wie ist eine zukunftsfähige Anti-Dumping-Strategie zu gestalten?

Zukunftsfähigkeit setzt voraus, dass die zerstörerischen Mechanismen des neoliberalen Wirtschaftssystems überwunden werden. Es bedarf umgestalteter nationaler Wirtschaftsordnungen, die sich zu einer neuen globalen Wirtschaftsordnung ergänzen. Da die höchsten sozialen und ökologischen Kosten vom neoliberalen Freihandel verursacht werden, ist die außenwirtschaftliche Neugestaltung am dringendsten.

Dazu muss der Wechselkurs wieder seine originäre Funktion als verbindendes Element des internationalen Handels und als Garant gegenseitiger Handelsgewinne erhalten. Er muss die natürlichen Unterschiede in der produktiven Entwicklung ausgleichen und im Wettbewerb zugleich Impulse für Produktivitätszuwachs und Fortschritt erzeugen. Konkret heißt das, der Wechselkurs zweier Wirtschafts- und Währungsräume ist direkt aus den beiden Durchschnittspreisen aller Handelsprodukte in nationaler Währung zu berechnen, so dass vergleichbare Produkte in jeder Währung beim Umtausch im Schnitt dasselbe kosten – die unterschiedlichen Preise (und ihre zugehörigen Produktivitäten) werden also durch den Wechselkurs im Schnitt neutralisiert. Damit ist die originäre Funktion des Wechselkurses (wieder) hergestellt und der Wettbewerb verlagert sich von absoluten Preisvorteilen in Leitwährung (US-Dollar oder Euro) auf relative Preisvorteile im Kursverhältnis zweier Landeswährungen.

Da der Wechselkurs nur die Durchschnittspreise neutralisiert, entsteht ein Wettbewerb um relative Preise: Ein Produkt, dessen Preis in einem Land im Vergleich zum Durchschnittspreis des Landes günstiger ist als bei einem Handelspartner, und dessen Herstellung folglich mit relativ höherer Produktivität erfolgt, hat einen relativen Preis- und Wettbewerbsvorteil und wird damit zu einem Exportkandidaten des Landes. Für ein solches Produkt zahlt ein Abnehmer im importierenden Land bei Anwendung des Wechselkurses weniger als für das vergleichbare Inlandsprodukt. Das importierende Land erzielt also einen Handelsgewinn, den es ungeschmälert an seine Abnehmer weitergeben oder durch Zölle so weit abschöpfen kann, dass der inländische Wettbewerb zwar optimal angeregt, aber nicht existentiell gefährdet wird. Darüber hinaus kann das importierende Land Importkontingente festlegen, um Verdrängungen zu verhindern und eine optimale Angebotsvielfalt zu erzielen.

So kann die unabdingbare Unterscheidung zwischen sinnvoller Anpassung von Preisen und Mengen an den außenwirtschaftlichen Schnittstellen, also sinnvoller Protektion durch Wechselkurse, Zölle und Handelskontingente einerseits und unsinnigem Protektionismus aus nationalistischen oder imperialistischen Beweggründen andererseits wieder Einzug ins ökonomische Denken halten. Und: Bei den unter diesen Bedingungen herrschenden multi-bilateralen Handelsbeziehungen können Handelsgewinne maximiert werden, indem Produkte vom jeweils (relativ) preisgünstigsten Handelspartner importiert werden. Für einen tieferen Einblick empfehle ich die Artikel Zukunftsfähiger Außenhandel sowie Komparativer Vorteil – aufgewertet.

Auch bei komparativen relativen Preisvorteilen können Länder selbstverständlich bestimmte Branchen oder Produkte durch Dumping preislich begünstigen und ihnen so Wettbewerbsvorteile im Außenhandel wie auch zugleich im Binnenhandel verschaffen. Da die wirtschaftspolitische Autonomie aber – die Voraussetzung für die Vereinbarung bilateraler Wechselkurse ist – ebenso für die Festlegung von Zöllen und Handelskontingenten gilt, sind Markteroberungen und Verdrängungen im internationalen Wettbewerb ausgeschlossen und damit die Anreize für außenwirtschaftliches Dumping gering. Die nationalen Handelsstrategien gewinnen ihre Freiheit zurück, sich statt auf Markteroberungen auf förderlichen Wettbewerb, auf die Angebotsvielfalt im eigenen Lande und auf ausgewogene Leistungs- und Handelsbilanzen zu konzentrieren.

Für die Binnenwirtschaft gilt unter den genannten Bedingungen: Das wirtschaftspolitische Dumping einschließlich der Subventionierung kann sich auf Industrien beschränken, die im nationalen Interesse der Zukunftssicherung dienen. Während es Aufgabe einer nationalen Kartell- oder Wettbewerbsbehörde ist, das unternehmerische Dumping, vor allem das Struktur-Dumping, in produktionstechnisch sinnvollen und sozial wie ökologisch verträglichen Grenzen zu halten.

Ergänzend empfehle ich den Artikel Freihandelsabkommen EU – USA.

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